Freitag, 25. September 2026

Poetree pflanzen in Bukarest

Mein zweites Mal in dieser Stadt. Ich bin Fan. Diese Mischung aus alter Bausubstanz, neuem Leben und Urban Art, die das ganze aufmischt, ist sehr erfrischend. Ich bin in der Nähe des Nordbahnhofs untergebracht. Der ist schon mal riesig und erfreut mich mit analogen Anzeigetafeln. Das es so etwas noch gibt und wie schön das ist. Ich bin entzückt. 

Postkasten finde ich dort allerdings keinen. Wie auch sonst nirgends. Werde die geschriebenen Ansichtskarten schließlich an der Hotelrezeption abgeben, in der Hoffnung, dass sie sie aufgeben. Ist halt eine verschwindende Kulturtechnik: Karten schreiben. Blogs schreiben wird wohl als nächstes dran sein. Derweil betreib ich aber noch frohgemut dies und das und hab meinen Spaß daran. 

Beim nächsten Bukarestbesuch kann ich mich dann im Garten des Dichters Tudor Argehzi (1880-1967) davon überzeugen, dass ich erfolgreich einen Poetree in die Erde gesetzt habe und irgendwann wird er dann Poesiepfirsiche tragen. Ich freu mich schon. 

Es wurde dem Setzling auch ein Vers von mir umgehängt, auf dass er allen Widrigkeiten trotze und gedeihe. Dass mein Name dabei etwas verstümmelt wurde, tut nichts zur Sache. 

Ich marschiere zwei Tage lang kreuz und quer ohne Plan durch die Stadt und mache immer wieder Entdeckungen. Das Touri-Programm habe ich ja beim letzten Besuch absolviert. Jetzt kann ich mich ruhig treiben lassen und mache das auch mit Wonne. 

Vom Baumpflanzen abgesehen hatte ich nur noch einen weiteren Termin in Bukarest und zwar beim Internationalen Poesiefestival. Da war ich einer von 11 Auftretenden. Das Ganze firmierte unter Performance Night und es gab viele Beiträge aus Rumänien aber auch aus Frankreich und eben Österreich. Dass viele junge Poetinnen und Poeten aus Rumänien dabei waren war erstenst interessant und zweitens gut für den Publikumszuspruch. Es wurde zwar alles übersetzt (englisch und rumänisch), aber gekommen dürften die Leute schon sein, weil sie wen kannten. Und das ist gut so! Es war ein sehr abwechslungreicher Abend. Es gab alles, von der klassischen Lesung bist zum Thereminspiel, von der Theaterperformance mit Tanz bis zum Hardcore-Beat-Gerumpel. In Summe viel Schauspiel, viel schwarze Kleidung und Dosenbier. Ja, hat Spaß gemacht und die Lesung aus dem "Arbeiterkind" hat bestens funktioniert. Ich bin sehr zufrieden. 


Montag, 21. September 2026

Tschu-tschu-tschu die Eisenbahn

Der Supermarkt in der Nähe vom Bahnhof war mein Ziel für Proviant. An sich eine gute Idee. Aber da war es dann halt nichts mehr mit Touri-Zone. Da stand ich wieder in der Schlange und sie stank. Ich bin auch den ganzen Tag herum gelaufen. Es war heiß, schweißgezeichnet waren alle. Aber dieser Geruch war länger aufgebaut. Beim Pfandautomaten geht's rund. Klar gehen die 3-Liter-Bomben auch rein! 2 Pet-Flaschen bringen 1 Lei (quasi 50 Bani hier - 25 Cent bei uns, kauf mir später eine Semmel dafür). Ich find mir hier jedenfalls keinen Proviant und am Bahnhof, auf der Anzeigetafel, steht mein zug nicht. Er steht aber schon auf Gleis 3. Also rein mit mir und weiter nach Bukarest. 

Wir schnecken raus aus der Stadt. Abgestellte Güterwaggons werden freundlich von der Natur aufgenommen. Auf einem steht groß Uran. Wer weiß, was sich da alles angereichert hat. Das Tempo ist atemberaubend langsam. Es fühlt sich so an, als hätte die Lok die Handbremse angezogen. Es schleift, wir schleifen voran, da gleitet nichts. Sind es die Gleise, die nicht mehr hergeben? Ist es das ganze Bahn-Set-up? Die Geschwindigkeit anzuzigen getrauen sie sich nicht. Wir gruzgen beschaulich dahin. Noch hat uns kein Pferdefuhrwerk überholt, das kann aber noch werden.

Die Zeit vergeht schneller, als wir fahren. Das ist beruhigend. PODU OLT. Das Land ist hügelig und grün. Linkerhand wird es flacher. Schafe, Hunde, Pferde. Pfeiler für einen Highway - eine Stelzenstraße? Verbrannte Wiesen, staubende Steinbrüche, weits Land. Wi rhaben Fahrt aufgenommen, sind in Schwung gekommen und bremsen auch schon wieder, halten. AVRIG. Der Bahnhofsvorstand freut sich. Eine STRABAG-Containersiedlung. Die bauen wohl die Stelzenstraße. Liebherr-Laster wirbeln Staub auf. Im Fluss auf einem Sockel ein Hochspannungsmast. Vogelschwärme. Trockenes Land. Eine ausgesetzte Couch - wohl zum Zugschauen (Trainspotting). Heuballenansammlungen. Noch fünf Stunden. Wir rumpeln gen Süden. BRASOV. Siebenbürgen ist unter anderem für Kirchenburgen bekannt. Das sind wehrhafte Kirchen. Die Burg Bran (dt. Törzburg) wiederum steht hier in der Umgebung von Brasov und gilt als die Heimat des Grafen Dracula. Er war aber nachweislich nie dort!

Die Zugfahrt Sibiu-Bucresti (sechs Stunden 1. Klasse) kostet übrigens 168 Lei (33 Euro). Warum auf dem 1 Lei Schein Enziane sind? Keine Ahnung. Kleine Reiseeindrückeeintrübung: Entdecke gerade, dass ich von Vögeln angeschissen wurde. Schaut aus wie Zahnpastaflecken. Ja, an der Oberschenkelinnenseite. Vielleicht doch die Hose wechseln? Noch drei Stunden.

Lok defekt. Hat sich wohl überanstrengt. Jetzt wird es leider bitter. Zu essen hab ih nichts mehr. Stehen schon eine dreiviertel Stunde. Aber eine neue Lok übernimmt. Die hat es allerdings auch nicht mehr eilig. Das ist mehr ein Verweil- denn ein Eilzug. Für Unterhaltung ist aber gesorgt. Auf Monitoren läuft seit fünfeinhalb Stunden ein circa fünfminütiger Sketch mit zwei biertrinkenden Männern in Endlosschleife. Das Bier im Bord-Bistro ist längst aus. 

Besser sind die zwei jungen Eisenbahnfreaks, die die Fahrt auf dem Tablet verfolgen und kommentieren. Sie arbeiten beide für die DB und sind geduldig, was Verspätungen betrifft. Sie sind sehr gut ausgestattet und erzählen sich Bahnerlebnisgeschichten. Von überfahrenen Wildschweinen bis zu Positionierungen von Kilometertafeln und diversen Signaleinrichtungen. Sie könnten ein Paar sein. Sie nerden sich gegenseitig an, sind aber sehr verständnisvoll und immer einer Meinung. Sie sind definitiv ein (noch junges) Paar und sehr angenehme Mitreisende. Sie reden auch um 23:24 Uhr noch. Wir sollten vor einer Stunde angekommen sein, es wird Mitternacht werden. Sie schauen sich geduldig historische Triebwägen, Waggons, etc.  an und der vermutlich nicht Lokführer kommentiert wortreich (der scheint mir denn doch etwas zu abgedreht für einen Lokfüher, aber was weiß ich schon). Der Nordbahnhof in Bukares jedenfalls ist riesig und so spooky wie alle Bahnhöfe um Mitternacht. Die Hotelsuche kostet mich ein paar Minuten und Nerven, weil ich mich zu sehr auf den Ausdruck von Google-Maps verlasse. Die lassen alles viel weiter erscheinen, als es wirklich ist, denn da ist ja jeder Scheiß eingezeichnet. Da ist mir eine Basic-Karte lieber. Oder einfach eine simple Beschreibung: Beim Bahnhof raus, geradeaus, dann links. Da war es dann auch das My Contiental.

Rumänienreise die Dritte

Hier heißen Haltestellen Penny und Lidl. Hier fahren Busse nach Hornbach. Italien hat sich mit Küche, Kaffee und Bier festgesetzt. Da und dort noch Julius Meinl Reste. Raiffeisen, Sparkasse und dm aber sind groß da. Kein Wunder, dass das Image der Italiener besser ist. 
Noroc in der 3-Liter-Plastikflasche. Bier in solchen Gebinden gibt es sicher auch anderswo. Mir fällt es halt hier auf. Weil der vor mir in der Warteschlange zwei in seinem Körberl hat. Ich frag mich, ob eine 3-Liter-Flasche überhaupt in den Pfandautomaten reinpasst. Wäre schade drum, ist viel Plastik. Touristengruppe schieben sich durch die Fußgängerzone, aber nichts gegen das Geschiebe beim Frühstücksbuffet. Mit Tablett wie in der Mensa steh ich auch dort in der Schlange. Hier gibt es sie noch, die Julius-Meinl-Rechtshänder*innen-Tassen, die Untertassen aber wurden wegrationalisiert. Die werden wohl zu Souvenirs verarbeitet restpektive upgecyclet. Was gleich bleibt: Die Leute schaufeln Rühreiberge in sich, das mir schaudert.

Was mache ich hier? Ich besuche das Brukenthal Gymnasium.


Eine ehrwürdige Schule mitten im Zentrum. Ein beeindruckendes Barockpalais direkt neben der großen evangelischen Kirche. Die Schule knarzt. Es gibt eine Lehrer*innen und eine Schüler*innen-Treppe. Die Lehrerin selbst gendert nicht, gleichwohl fast nur Mädchen in ihrer Klasse sind. Auf den Stufen schönes, altes Holz, in den oberen Gängen altes, durchgenudeltes Parkett überzogen mit Linoleum. Im Parterre Pflastersteine. Im Weltkrieg war das nämlich ein Lazarett, da fuhren die Karren rein. Da gibt es auch noch eine Pferdetränke und daneben ist jetzt die Wasserflaschenzapfstelle für die Schüler*innen. Es sind nicht alle Lehrer*innen deutschsprachig (40/60). Das Regiment ist streng. Es gibt einen selbst gebastelten Handysteckkasten beim Eingang. Tafel und Kreide haben hier noch Stellenwert, strenge Erziehung und Frontalunterricht sowieso. Als Kurzzeit-Workshop-Leiter kommt mir das natürlich zugute.  

Freitag, 28. August 2026

Bizau - nichts für Nachtvögel

Mein erstes Mal Bregenzerwald. Ich nähere mich mit dem Bus, fahre von Dornbirn aus übers Bödele Richtung Bezau und dann weiter nach Bizau. Ja, Mellau und Schoppenau sind auch in der Gegend und die Füße werden mir am Ende auch weh getan haben. 
Zu Mittag war ich nämlich noch auf der Lorea, einem der Hausberge Nassereiths. Zwar bin ich die ganze Woche schon im Wandermodus aber die Wochen vorher war ich ja ein Sand- und Waserwesen und ich hör die Signale des Körpers, die mir sagen: Na, jetzt entscheid dich mal: Wasser, Sand, Stein, Strandliege oder Wanderstöcke? 
Ich mach grad alles, dazwischen einen Fernseh-Dreh, eine Slam-Show und die erste Lesung aus dem Arbeiterkind, das nächste Woche dann schon erscheinen wird. Aber zurück zum Start beziehungsweise nach Bizau. 
Ich steige aus und das Bergmassiv, das mich empfängt, haut mich fast um. Das Ding hat Nationalparkcharakter. Das ist ein Tempel von einem Berg. Wie heißt der? Ja, ich gestehe dem Ort sofort magische Kräfte zu. Der Berg kann was - so viel ist sicher. Am Abend wird der Felsblock dann von den letzten Sonnenstrahlen in ein Licht gesetzt - zum Niederknien! Vom Fußballplatz aus hat man den besten Blick auf dieses Naturwunder. 
Ich begnüge mich mit der Hilkat auf der anderen Seite und wandere durch den schönsten Buchenwald, den ich je gesehen hab. Nicht minder magisch. Dass der Mond fast voll ist, trägt zu meiner Stimmung bei, ich bin kurz davor, ihn anzuheulen, denn um 21:30 Uhr - nach getaner Arbeit, haben sowohl die Taube (da bin ich untergebracht) als auch das Biohotel bereits geschlossen. 
Kein Feierabend-Bier, keine Nachbesprechung, kein Einschlafen. Denn ich bin aufgedreht und höchst erfreut, dass die Arbeiterkind-Lese-Premiere gut über die Bühne gegangen ist. Gerne hätte ich darüber noch mit den Veranstaltern geplaudert. So blieb mir nichts weiter über, als den Mond an zu himmeln und BIZAU-Akrosticha zu fabrizieren. Denn in BIZAU steckt so viel:

B
leibe Immer Zurückhaltend, Arbeite Unauffällig
Bleibe Im Zweifel Auch Umsichtig
Benenne Immer Ziele Auch Unmögliche
Bei Immerwährenden Zerwürfnissen Aufstand Unternehmen
Bisweilen Intensive Zurechtrückung Aller Unangepassten
Bekenntnisse Intellektueller Zunft Allenthalben Unterdrücken
Bei Interessenskonflikten Zählen Auch Untergriffe
Bier Ist Zum Abrauschen Ungeeignet
Brenn Irdische Zwetschken Aus Uberzeugung
Buchen Immer - Zirben Auch Unumgänglich
Bregenz Ist Zentrum Aber Ungemütlich
Bloß Immer Zeitig Aufstehen - Unbedingt

Und wenn um 22:00 Uhr bereits alles dicht gemacht hat, kann niemand so dicht sein, nicht früh am Morgen aufstehen zu können. 
Bin übrigens als junger Dichter aus Tirol angekündigt worden. Das freut mich natürlich. Dieses Label hab ich seit 25 Jahren und ich fürchte mich schon vor dem Tag, an dem ich plötzlich ein alter Tiroler Dichter bin. Denn eine Übergangsphase gibt es hier glaub ich genauso wenig wie bei den Jahreszeiten - gerade noch voll die Hitze und dann Zack - Herbst und kalt. Gerade noch der junge Dichter und dann Zack - alt und bald kalt. Ich glaub, das Arbeiterkind ist gut geeignet, mich noch eine Zeit lang jung zu halten. Danke Bizau!

Freitag, 10. Juli 2026

Unterfalkenretzbachstein liest uns weiter

Wir machen eine Mini-Tour durchs Weinviertel. Wir machen mit "Lies uns weiter" quasi Weinviertel-Stationenlesetheater. Wir sind Mieze Medusa, Wolfgang Kühn und ich. Wir haben Texte von Ilse Tielsch, Norbert Silberbauer und Gerhard Jaschke im Gepäck. Alle haben was mit der Region zu tun. Wir wollen das in Erinnerung rufen und haben das bereits in Unterretzbach und Falkenstein höchst erfolgreich gemacht. Pillersdorf wird die letzte Station sein. Wir freuen uns.

In Unterretzbach enterten wie die Open-Air-Bühne nach einer Big-Band, die Jazz-Standards ebenso spielte, wie vertraute Melodien aus Funk- und Fernsehen. Wie lange habe ich die Autofahrer-unterwegs Kennmelodie nicht mehr gehört... aber sofort erkannt. Die Bühne ist groß, das Publikum weit weg, aber zahlreich vorhanden. Das Wetter ist sommerlich, die Stimmung freundlich, die Aufmerksamkeit voll gegeben. Der ausrichtende Kulturverein hat da ein tolles Festival auf die Beine gestellt. Am Vorabend spielten u. a. Attwenger, nach uns - dann im Vereinslokal REKURA (Retzer Kulturraum) - gibt es noch Trixi Neundlinger zu erleben. Grund genug, ein REKURA-Akrostichon zu verfassen. Es war Teil des Jaschke-Programms und soll hier nachgelesen werden können.

REKURA 
Retzer*innen erleben Kunst und richtige Autor*innen 
Recht eindrücklich komponierte Ur-Sonate rettet Auftakt
Redselige Einheimische kuratieren Umtrunk reichlich ausgewogen 
Roter Essig kann unglaublich resch abgehen 
Rentner*innen erobern Küche und ramponieren alles
Redlicher Erfolg kürt ungewöhnlich radikalen Auftritt 
Rührend, expressiv, kühn und regelrecht ausgelassen 
Richtungsweisende Eindrücke komprimiert und recht aufrichtig 
Reinigend, erfrischend, konzeptionell umfänglich, rechtfertigt Applaus

Der Applaus folgte, der Bücherverkauf florierte und wir kamen problemlos noch nach Wien zurück. Wir werden Unterretzbach - auch aufgrund der legendären Freibord-Sommerfeste - immer in guter Erinnerung behalten.  

Um nach Falkenstein zu kommen, mussten wir bis Staatz mit dem Zug fahren und dann von Fritz abgeholt werden. Weil Staatz quasi an der Staatsgrenze und Tschechien ganz nah liegt. Auf der Staatzer Kalksteinklippe steht ebenso wie in Falkenstein und in Mikulov eine Burgruine. Die sind ganz hübsch anzuschauen und leicht zu erklimmen, also die Hügel, nicht die Burgzinnen. Wir wandern also vor dem Auftritt durchs Gebüsch Richtung Burg und bereuen es nicht. Tolle Aussicht, tolle Bäume, voll das Abenteuerfeeling. Das Wetter spielt auch mit. Erst sonnig, dann ein Regenguss zur Abkühlung und kurz vor Auftrittsbeginn dann wieder heiter. Das lässt das Publikum zu Kunst im Stadel strömen. "Kunst im Stadel" wird von Gabriela Waberer und Fritz Herzog betrieben und hat sich als perfekte Location erwiesen. Wir danken euch dafür! 

 

Donnerstag, 5. März 2026

Zur Kunst kommen

Früher hat die Kirche schon gewusst, dass es auch auf die Location ankommt - nicht nur auf das Programm. Das Programm läuft - in unterschiedlichen regionalen Varianten - schon seit über 2000 Jahren. Lange wirkten die in den Evangelien beschriebenen Wunder, dann half die Architektur und schließlich die Inneneinrichtung nach (Liturgie, Chöre und Orgelmusik nachtürlich nicht zu vergessen). Die Kunst gab der Kirche also über Jahrhunderte hinweg Nachhilfeunterricht (in Sachen Bezauberung der Massen) und wurde gut dafür bezahlt. 

Dieses Verhältnis lief ganz ausgezeichnet: Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko; Dann war mal gut, die Welt hatte schließlich auch was zu bieten: Industrielle Revolution, da war vorerst mal gut mit Kunst. Dann aber wurde die Kunst-Kirche-Affäre wiederbelebt mit Klassizismus und Neo-Alles-was-schon-mal-da-war. Dann wieder Welt - diesmal Kriege - und eh wurden in den 1950er und 60er Jahren auch ein paar neue Kirchen gebaut, aber an sich war die moderne Kunst dieser Zeit ein rotes Tuch für die Kirche (erst sprichwörtlich und dann - mit Nitsch - konkret). Und nun - Anno 2026 - das!

Es ist Fastenzeit und Innsbrucks Kirchen leisten sich Altarverhüllungen ganz besonderer, moderner Art. Fastentücher dienen dazu, das Vertraute zu verdecken und den Blick auf Neues zu lenken. Sie wurden auch Hungertücher genannt und waren anfangs meinst schlicht, entwichelten sich aber zunehmend zu einer Kunstform. Die Fastentücher, mit denen sieben Kirchen in Innsbruck jetzt aufwarten, sind ein Crashkurs in zeitgenössischer Bildender Kunst und das alles frei zugänglich.  

Zur Kunst und in die Kirche gehen (Teil 1)
"Spuren des Feuers" von Jakob Kirchmayr im St. Jakobs Dom ist eine geraffte, geschliffene, geschundene Wucht mit Gucklöchern. Barocker Glanz trifft auf evidentes Elend, auf künstlich geschaffenes Elend zwar, aber eindrücklich vermittelt - gezielt herbeigeführte Verelendung. Wer da nicht den Bezug zur Gegenwart herstellen kann, dem (ja, bewusst nur männlich gegendert) ist nicht zu helfen. Der Dom sprotzt ohnehin vor Kunst: Illusionsmalerei da und dort, ein Boden, der dich einsaugt und Orgelpfeifen, die dich umblasen. Aber Kirchmayr setzt noch eins drauf, er hängt dem Altar einen Fetzen an, der uns alle nachhaltig berauscht.

Zur Kunst und in die Kirche gehen (Teil 2)
Für Prunk stehen die Jesuiten nicht - für Bildung schon eher. Dass "Blababels" von Ronald Kodritsch das nichtssagende Altarbild der Jesuitenkirche zudecken, ist stimmig. Dem Schwarz-Weiß-Raum tut das Pink gut. Das Bild des "Bad Painters" verträgt sich mit dem Neue-Sachlichkeit-Barock-Gemisch. Die Message liegt auch auf der Hand. Sprechblasen sind - da brauchen sie gar nicht erst gefüllt werden - sprechend genug. Oder, um es mit einem großen Präsidenten und Rhetoriker zu sagen: I have all the words. I have the best words.

Zur Kunst und in die Kirche gehen (Teil 3)
Flieger reich mir den Himmel. 
Piloten ist nichts verboten. 
Spann deine Schwingen - Ikarus-Spinner. 
Breit deine Flügel aus - Armleuchter. 
Geh steil! Flieg o (Flieg ab)! 
Flieger tauch ein ins Blau. 
Flieger sind auch nur Schwimmer im Himmelsmeer. 
Flieg er - ist auch Imperativ Singular, dritte Person. 
Wer einen Flieger hat, ist blau. 
Flieger kreuz das Himmelsblau.
Thomas macht den Feuerstein.
Thomas glaubt nicht alles.
Feuerstein entflammt.



Thomas Feuerstein gelingt es mit "Planetares Blau", die Pfarrkirche St. Nikolaus zu einer Attraktion zu machen. Ein ausrangiertes Segelflugzeug aus den 1960er Jahren kriegt ein aus Kieselalgen produziertes, ultramarinblaues XXL-Stoffhoserl und bäumt sich auf, erhebt sich, färht in den Himmel ein. Die Baselitz-Hängung wäre ein höllischer Sturzflug. Feuerstein macht alles richtig und lockt die Menschen an.

Montag, 2. Februar 2026

Leberpastete mir gut

Schreibzeit in Altaussee. Der elendslange Jänner ist vorbei, nun kann ich in aktuelle Projekte abtauchen und schreiben, schreiben, schreiben. In Arbeit sind grad drei Dinge: Eine Indiengeschichte - nennen wir sie "Ö-Masala im Nebel"; das "Arbeiterkind" - wird im Herbst im Ritter-Verlag erscheinen; ein neuer Roman, der vorerst mal den Arbeitstitel "Tunnelblick" erhält und gewissermaßen eine Fortsetzung von "Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts" ist.

Altaussee begrüßte mich mit Sonnenschein. Schnee ist nicht sehr viel. Die Ablenkungsgefahr - Wintersport zu betreiben - also nicht sehr groß. Die Wohnung mit Seeblick (das Foto oben ist von der Küche, das unten vom Wintergarten aus fotografiert) ist gemütlich und perfekt ausgestattet. Die äußeren Bedingungen sind also ausgezeichnet. Jetzt liegt es nur noch an mir. Heute ist erstmal Lebensmittelbeschaffung (Grimming Erdäpfel, Monschein Leberpastete vom Bio-Freilandschwein) und Groborientierung angesagt und am Abend werd ich wohl ein Wirtshaus aufsuchen. Morgen dann mit frischem Schwung rein ins Schreibvergnügen. Juhui - ich freu mich!


 


 

Dienstag, 9. Dezember 2025

Putin kommt - ich gehe

Putin besucht Kollegen Modi in Delhi, ich trete meine Heimreise an. 22 Stunden, die es in sich hatten, aber angekommen bin ich letztlich pünktlich, mein Koffer auch. Zwischendurch gab es Panik- und Freudenmomente, 22 Stunden Spannung. Jetzt, aus sicherer Entfernung noch ein paar Nachträge.
Ad Touri-Tour in Delhi: Aus der Rikscha seh ich kaum raus. Der Dachvorsprung ist mein Sichtfeld. Ich muss mich sehr bücken. Dann aber sehe ich einen Wachmann, der am Boden vor dem zu bewachenden Bankomat liegt. Sehe Randsteine-Schwarz-Weiß-Bepinsler, sehe am Straßenrand Pinkler, sehe Tuk-Tuks, E-Bike-Rikschas und all den anderen Verkehr an uns vorbei rauschen. Sehe Modi von Bussen und Wänden auf alles schauend. Und ich spüre, was ein Schlagloch für eine Rikscha bedeutet. Und ich sehe das am meisten missachtete Verkehrszeichen ganz Indiens: "No honking zone".

Unser Driver hört Musik. India-Happy-Music. Die Stimme hochgepitcht, dann wieder ergreifendes Gesumme, helle Trommeln, dumpfe auch, dazu Sithar Gezupfe, ein besänftigender Chor und ein catchy Refrain, fröhliche Flötenintermezzi, Streicher - das volle Programm. Ja, nach dem Chorpart ist alles wieder gut und die indische Harfe hat ihr Solo. Nice.

Ad Long Night of Literatures New Delhi: Die Eröffnung. Große Bühne, große Show. Auftakt mit vorproduzierten Videos aller 14 Poet*innen. Licht aus - los geht’s. Wir sehen den Desktop des Technikers auf der Riesenleinwand. Wir sehen, wie er ein Video-File von einem Datenträger auf den Desktop kopiert. Wir ahnen, was passieren wird. Es beginnt mal alles wie geplant. Dann ist erst der Ton weg, dann die Videos. Es erscheint der Festival-Design-Hintergrund und dann sehen wir wieder die App-Vorlieben des Haustechnikers und wie er verzweifelt versucht, neue Dinge zu kopieren und zu starten. Es wird ihm nicht gelingen. Die im Vorfeld an die Autor*innen gestellten Fragen bleiben unbeantwortet. Was lernen wir daraus? Immer den Desktop gut aufräumen oder eben rechtzeitig Dinge vorbereiten und testen.

Ad Dabolim: Sehr kleinlich sind sie im Hotel Argo by Trance. Es gibt eine Liste, was man alles kaputt machen oder mitgehen lassen kann und was das dann kostet. Vom Seifenhalter über die Obstschale, Badetücher, Handtücher, Fernseher (da war kein Fixbetrag angegeben), Kissenbezug, Matratze, Wasserflasche. Alles nicht sehr teuer außer die Matratze. Aber der Wäscheservice wäre billig gewesen. 70 Rupien pro Shirt. 80 für eine Hose. Für 50 hätte ich auch eine Wasserflasche vom Balkon Richtung Brunnen werfen können.

Überraschung - Weihnachten ist hier big!
Ad Goa: Hier hält man noch nichts von Helmen - anders in den Städten.
Die immer wieder kurzen Stromausfälle in den Strandbars sind vor allem Beim Karaoke lustig. Es sind schöne Momente der blitzartig eintretenden Stille, gefolgt von einer Unruhe, Gemurmel, aktivierten Handytaschenlampen und dann wieder den diversen Hochfahrgeräuschen von allen möglichen elektrischen und elektronischen Geräten.

Generell: Wie hier noch mit Pickel und nicht Schaufel sondern Schaffel, also Schüssel gearbeitet wird, macht mich fertig. So wie wir vor circa 40 Jahren die Verbindung zum Kanal am Ende unseres Grundstückes gegraben haben - nur wir mit Pickel, Gartenhaue und Schaufel. Das war dann das Ende des Surelers, des Bauern, der immer mit seinem Surbansen zu uns kam, um das angesammelte Abwasser und mehr aus der Sickergrube abzusaugen. Ach, es war so schön, die alte Scheiße nochmal zu sehen und ihr dann eine gute Reise zu wünschen. Mit dem Kanal ging alles den Bach runter und blieb nicht mehr in der Grube unter uns.

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Indien-Resümee mit diversen Fokussen

Nicht ein Hund ist mir blöd, knurrend oder kläffend gekommen. Bin weder in Hunde- noch Kuhscheiße getreten. Die Affenbanden haben mich verschont. Habe nicht eine Kakerlake gesehen, dafür letztlich doch sehr viele Kühe (Sie halten sich nicht an den Linksverkehr!), viele Streifenhörnchen, kaum Katzen, unzählige Muscheln, Krabben in den Größen Supermini (mit Erdlöchern und Mustern im Sand), Mini (mit Kampfeinsatz), Klein und Mittel (im Curry), Vögel auch richtig große, Schmetterlinge auch, keine ernst zu nehmenden Spinnen, Ratten vermutlich schon (in Kolkata) aber auch nicht der Rede wert. 
Hab mir weder Kopf noch zehen blutig gestoßen, keine Blasen eingehandelt und hab auch tadellos alles verdaut. Freilich stand der Hintern gelegentlich in Flamme, auch spuckte ich bisweilen Feuer, aber auch da muss ich sagen, wäre dem nicht so gewesen, es hätte was gefehlt. Die Reiseapotheke bringe ich unangetastet zurück. Nicht mal den Obstler hab ich ausgesoffen.  
 

Die Promenade ist auch Yogalehrpfad
Das Roof-Top-Bar-Konzept in Colva hat mir sehr gefallen. Da habe ich recht viel geschrieben.  Auf die Straße runter schauen, das Geschehen im Blick haben und schreiben. Diese Roof-Top-Bar erinnert an Vietnam-Kriegs-Filme, es ist so ein typischer Kamerablick von diesen Sitzplätzen - mit dem Rücken zur Bar aber dem Geschehen zugewandt. In den Filmen ging es in den Bars dann immer um Glücksspiel, Saufen und Drogen. Hier ist es Saufen und Sportübertragungen. Sie zeigen Premier-League-Spiele. Es schüttet. Alle am Spielfeld tragen Handschuhe und langes Zeug und laufen dem Ball hinterher, damit ihnen warm wird. Die im Publikum und auf der Bank sind in dicke Mäntel mit Kapuze gehüllt und schauen finster auf das Geschehen. Ist das noch ein Spiel oder schon erster Dezember? Wann lassen sich die Fußballer eigentlich all diese Tattoos stechen? Tut das nicht weh, stört das nicht beim Training? Ich verstehe Fußball offenbar nicht. Bleibt nur noch das Trinken über. 
Die Locals sind ULTRAS, trinken Starkbier. Die alten Engländer natürlich Premium. Das ist nicht Light Beer - so ist Bier! So ist mir. 

Glücksspielkreuzritter auf dem Mandovi

Ein starker Rücken kann viel 
Huckepack nehmen
Zum Abschluss nochmal die volle Ladung von allem. Panaji ist das Las Vegas von Goa. Von den 36 Regionen Indiens ist Goa die libaralste. Hier ist Glücksspiel erlaubt. Es wird an den Straßen auch fast ausschließlich dafür geworben. Dazwischen ein paar Einzelunternehmer mit Weisheiten wie: Poor people sav money. Middle class people invest money. Rich people trade money. Was Glücksspiel ist? Investment? Ich glaube nicht. It's just gambling. Aber vielleicht haben Kartenspiele wie Sportwetten da und dort Geschicklichkeits- und nicht Glücksspielstatus - dann schaut die Sache schon wieder ganz anders aus. Über das Glücksspielrecht in Indien mag ich mich nicht weiter informieren, das lässt sich alles googeln. Auffälig hier ist aber, dass die Casions auf geparkten Kreuzfahrtschiffen eingerichtet sind, die in Panaji unweit der großen Schrägseilbrücke (Atal Setu) fix im Mandovi verankert sind und nächtens eine irre Lichtshow abliefern und die Umgebung weitum lichtverstrahlen mit Lasern und allem drum und dran. Ist mir bei der Ankunft in Goa vor circa 10 Tagen schon aufgefallen. Mag ich nicht, brauch ich nicht, pfui.

Es gibt eine lange Promenade vom Stadtzentrum dem Flussauslauf entlang Richtung Meer. Da lässt sich wunderbar flanieren, nur nichts konsumieren: Alkoholverbot! Auch wenn man nur ein Limesoda möchte, muss man ab von der Promenade und sich was suchen. Das ist mir dann doch ein bisschen zu konsumfeindlich. 

Big Daddy wirbt mit "Dream Big" und zeigt einen 
Schachbauern, der König werden will
Auch in der Stadt lässt sich kaum ein Platz finden, wo man gemüchtlich das Feierabendbierchen trinken könnte. Alle stehen vor den zahlreichen Schnapsläden rum und lassen sich Hochprozentiges einpacken, das sie dann weiß was ich wo, in Kellern oder Hinterzimmern schlucken. Aber öffentlich schön brav heuchlerisch. Die Laster werden konzentriert auf ausgemusterten Kreuzfahrtschiffen. Mit kleinen Booten werden die Glücksspielkreuzritter hin und her transportiert. Sie ziehen erwartungsvoll los und kommen mit leeren Taschen und voller Hucke wieder zurück.  Ja, wenn dich das Glück verlässt, muss dich der Alkohol Huckepack nehmen.

Fast wie daheim:
Kreuz, Kirche, Mariamuttergottes!
Habe mir endlich Bata-Schuhe gekauft: Sandalen für den nächsten Griechenland-Aufenthalt. Dass Bata und Indien eine besondere Geschichte verbinden muss, ahnte ich, als ich da und dort auf das mir aus Tschechien bekannte Logo stieß. Dass die Inder Bata für indisch halten, ist interessant. Dabei ist Bata so indisch wie KTM. Nur dass Bata halt schon seit 1931 in Indien produziert. Glaube nicht, das Bata sonst noch wo auf der Welt Schuhspuren hinterlassen hat, die so nachhaltig sind wie hier in Indien. Damit wäre gut die Kurve zu KTM gekratzt und ich könnte den Blog hier quasi abbremsen. Es wird aber noch ein Resümee geben müssen. Bin ja viele, viele Stunden unterwegs: Panaji - Mopa Airport, Mopa - Neu Delhi, Neu Delhi - Dubai, Dubai - Wien;

 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Recte Bananis est

Fotokontrastprogramm zur Erzählung
Und dann wird eine Banane zum Problem. Da habe ich wochenlang alle Schwierigkeiten gut umschifft, hab stets geschaut, dass ich Wasservorräte und eine Notfallbanane dabei hab und dann wird die Notfallbanane zum Notfall. Naja, Fällchen, Problemchen halt. Denn die hatte sich so schön eingepasst in die Rucksackaußentasche, dass ich sie nie mehr gesehen, vergessen und eben nie gegessen hab und so hat sich die Banane im Verbund mit diversen Schimmelpilzen und Tierchen ganz gut eingerichtet in meinem Rucksack und wenn ich mich jetzt nicht sechs Nächte am gleichen Ort aufgehalten hätte, wäre mir das ja auch schon viel früher aufgefallen. So aber lag der Rucksack im Kasten und der war zu. Zwar lag lange eine zarte Bananennote in meinem Zimmer, da sie aber zart war, störte sie nicht. Die vielen kleinen Schmeißfliegen hätten mir zu denken geben sollen, aber da ist mein erster Gedanke halt auch nicht Verwesung. 
Ob das jetzt eine Banane aus Kolkata, Delhi oder Dabolim war, lässt sich nicht mehr feststellen. Den Rucksack aber kann ich vergessen. Ich hatte ihn schon fast fertiggepackt, da umschwirrten mich auffallend viele Fliegen und es stach mir dann doch mal ärger in die Nase. Das Übel war schnell gefunden und ich dachte anfangs noch an Schadensbegrenzung und holte das neue Lebewesen - die Schimmelane, den Banschimmel - mit Hilfe von Toilettenpapier aus seinem Habitat und da reckte es mich so richtig. Der Magen pumpte, der Schweiß auf der Stirn war sofort zur Stelle, ich eilte zur Klomuschel und kniete kurz davor. Der Magen kam wieder zur Ruhe, ich nahm wahr, dass ich nun der Klomuschel doch näher war, als man das sonst so - mit dem Kopf - ist und erholte mich langsam wieder. 

Nichts passiert. Der Rucksack aber bleibt hier. Mit Ehrgeiz und Chemie kann man ihn sicher noch retten. Dazu fehlen mir hier die Mittel. Letzter Tag in Colva. Doch noch ein kleines Abenteuer - wieder aus dem Bereich der Natur und ihrerer Vielfalt - erlebt. Weiter geht's.   

Dienstag, 2. Dezember 2025

Strandschauspiele

Bei Sonnenuntergang schau ich den Fischern zu, wie sie die Boote durch den Sand Richtung mehr schieben und wie lange es dauert, bis sich gewassert sind und wie viele es dazu braucht. Am Morgen schau ich den Fischern zu, wie sie Qullen und anderes Zeugs aussortieren, auf einen Haufen schmeißen und wo die Quallen dann austrocknen, von Vögeln geholt werden, vom Meer? Der Strand ist gespickt mit kleinen Muscheln und Schnecken (hier auffallend viele in Füllhornform) in allen Brauntönen, weiß bis lila. Nachmittags wuseln unsichtbare Tierchen über den Sand, zeichnen Muster in diesen und verschwinden, bevor man sie je sehen könnte, in Löcher, die am nächsten Morgen wieder weg, vom Meer zugedeckt sind. Die Gezeiten sind mächtig, was da alles an Naturkraft im Gang ist, lässt mich staunen und schauen, schauen, schauen. 

Gestern hatte ich eine Art Trickfilm-Erlebnis am Strand. Da, wo das Wasser gerade noch hinreichte, beobachtete ich einen Zentimeter große Krabben beim Balgen, wie ich zuerst meinte. Bis eine der anderen einen ihrer Scherenarme abzwickte und die Verstümmelte dann eilig das Weite suchte. Es gab auch Zuschauerinnen - also ging es sicher um Rang- und Fortpflanzungsordnung. Aber es sah so süß aus, so im Trickfilm-Fast-Forward-Modus. Dann spülte das Meer mir zig Seesterne vor die Füße und ich traute mich sogar, einen aussichtslos gestrandeten ins Meer zurückzuwerfen. Die Unterseite war spürbar eine Art Muskel, der noch intakt war, kurz war ich besorgt, ob Seesterne vielleicht Superkräfte haben, die sie gegen mich verwenden könnten, mir ist aber nichts geschehen und der Seestern dürfte es auch überlebt haben. Ach, was sich da alles tut zwischen Ebbe und Flut. Wie flink sich die Krabben in den Sand eingraben, sie twerken sich da gewissermaßen Hintern voran rein und weg sind sie. Gezwickt, sanft, haben mich auch ein paar. Dann hat ein vorbeifliegender Raubvogel seine Beute verloren und ganz irritiert dem Abgefallenen nachgeschaut. Bin unkonzentriert heute, wird er sich gedacht haben. Muss aufpassen, Fehler kann ich mir nicht leisten. Eine Schlange, die lange und dich genug gewesen wäre, ovr ihr Angst zu haben, schön gemustert war sie aber auch, lag am Strand und ich hätte es nicht gewagt, ihr näher zu treten, hätte ihr nicht sichtlich ein Fressfeind den Kopf abgerissen. 
Ja, viel Überlebenskampf hier am Strand. Fühlte mich wie in eine Universum-Folge "Strandleben am Indischen Ozean" hineinversetzt. Mehr davon bitte! Ebbe und Flut verschieben sich übrigens täglich bis zu mehreren Stunden. Heute war zum Beispiel um 7 Maximalstand und wird der Strand gegen

14 Uhr am weitesten sein. 

Mit nicht weniger Erstaunen schaue ich zum Beispiel aber auch auf den Bus, der im Rückfenster in der Mitte ein Neonröhren-Kreuz mit Dornenkronenhaupt dahinter und links und rechts Neonröhren-Kerzen hat, alles natürlich festlich beleuchtet. Fühlt man sich in diesem Bus wohl? An dein Seitenfenster auch noch ein paar Kreuze und anderes Katholenzeugs. Nein, das ist kein Leichenwagen sondern ein Linienbus in Goa. Eh sind die Busse lebensgefährlich unterwegs, aber die farbenfrohen Hindu-Busse in Kolkata waren mir lieber als die Katholen-Busse in Goa. Auch sind gelb-orange Blumenketten schmucker als Rosenkränze, die die Rosen ja nur im Namen haben, aber aus schnöden Holzperlen bestehen.

Superminikrabbenmuster mit Fahrradspur
Das Skylark hat neue, indische Gäste bekommen. Links und rechts von mir. Sie sitzen im Kleidung am Pool, gehen nicht rein, haben dafür aber Laptopkonferenzen. Die Inder und Inderinnen am Meer gehen auch eher mit Kleidern ins Wasser. Trocknet eh schnell, klar. Auch die Kuhscheiße trocknet quasi im Handumdrehen und ist dann leicht einzusammeln - was definitiv wer macht. Denn gesehen hab ich noch kaum welche. Es riecht je nach Tageszeit entweder verbrannt, nach Fisch oder eben nach nichts Besonderem. Die Stechmücken sind es offenbar nicht gewöhnt, gejagt und erschlagen zu werden. Nachdem ich jetzt ein paar Nächte ihr Opfer war, hab ich heute mal das Handtuch geschwungen, da haben sie blöd geschaut, bevor sie auf der Wand klebten.  

Dass ich alles immer "plain" will, irritiert. Zucker zieh ich mir aus Bier, kann ich schlecht antworten. Hab ich jetzt aber - wo das Angebot da wäre - auch nicht wirklich gemacht. Ein Natur-, Wellness-, Kulinarik- und Schreibaufenthalt also. 

Sonntag, 30. November 2025

Bauchfleisch und Kraulfinger

 

Es gibt keine Postkarten mehr. Ich bin traurig. Hier gibt es Souvernirstände ohne Ende, aber eine Postkarte habe ich noch nirgends gesehen. Warum so eine schöne Sache aufgeben? Ich bin ein alter Mann. Die englischen Männer am Pool sind aber noch älter. Ich schwimme im Pool und schaue schwirrenden Libellen beim Paarungstanz zu. 
Ich schaue englischen Bierbäuchen beim Rotwerden zu.
Ich schaue auf Blumen, die ich nicht zu benennen weiß, sie sind dunkel-pink, so, als ob englisches Bauchfleisch den ganzen Tag ungewendet in der Sonne gebrutzelt hätte. 
Ich schaue auf Palmen, deren Stämme wie aus Beton gegossen ausschauen, aus denen aber dann plötzlich das Grün aus dem Grau explodiert. 
Ich schaue einem neuen, fitten Gast zu, wie er sehr beeindruckend eine Länge krault, eine zweite, dann kracht er in seinem Überschwang mit dem Schädel auf den Beckenrand, weil er nicht sah, dss der Pool eben nicht infinit ist. Das Blut schießt nicht gleich aus seiner Platzwunde, es hat den Anstand zu warten, bis der perplexe Sportsmann mit Hand am Aua den so gottlob nicht besudelten Pool verlässt. Dann aber ist es sofort zur Stelle und saftelt durch die kräftigen Kraulfinger. Anfängerpech. 
Willkommen im Skylark Resort. Übermut ist hier nicht angesagt, Übergewicht schon eher. Das war's wohl für den Kraulmeister mit dem Schwimmen im Pool. Jetzt gehört er wieder der alten, zähen, englischen Lady und mir. Sie schwimmt langsam aber lange. Wir haben das interne Match längst begonnen. Wir verständigen uns über einzelne, wertschätzende Blicke. Wir verstehen uns. Wir mögen uns. Beim heutigen Sonntagsfrühstück haben wir uns sogar begrüßt. Alle andern schwimmen nicht, die tümpeln nur rum und wenden ihr Bauchfleisch.
Ich schaue auf Krähen, die sich was von mir erwarten und mehr röcheln als krähen. Skylark Resort - ich ein Vogel unter vielen.

Freitag, 28. November 2025

Gefegefeuer

Schon schön, gell?
Alte Engländer, Einheimische, Russen und ich - das ist Colva. Die guten Plätze sind die, wo die alten Engländer abhängen. Die trinken abends Bier, was sie untertags schon geübt haben. Sie können es. Am Abend bin ich mit dabei. Juhui! Das Essen freilich kommt nicht zu kurz. Mit den Nelken und Zimtstangen, die hier in einm Seafood-Biryani sind, kochen wir das ganze Jahr Apfelmus. Heute hab ich meinen Seafood-Sizzler aus einer halben Ananas gefuttert. Von der Haupt- direkt zur Nachspeise, ein süßer Hochgenuss. 
Etwas befremdlich sind hingegen die Straßenrandfeuerchen am frühen Morgen. Da wird einfach das Kehrricht verbrannt und wenn etwas Plastik dabei ist, stinkt's und raucht's halt sehr. Das Meer am Morgen (Sonnenaufgangsspanziergang - um kurz vor Sieben geht sie auf, um kurz vor Sechs unter) hat sich ganz schön zurückgearbeitet ans Land. Am Nachmittag ist der Strand dann wieder breiter. Ewig lang ist er sowieso. Bin 35 Mintuen in eine Richtung gegangen - kein Ende oder nicht ganz so schöner Strand in Sicht. Wahnsinn. 
Nur anfangs verstörend sind die Kühe am Strand. Sind auf der Autobahn, im Stadtzentrum, sie sind überall, warum also nicht auch am Strand. Mir scheint, sie genießen es. Aber als ich dachte, da heult jetzt aber eine Kuh ordentlich auf, da war es dann doch ein Motorboot. 
Ein Geräusch, das einem hier immer begleitet: es fegt immer wer. Tag und Nacht wird gefegt und dann halt das Gefegte verbrannt: Gefegefeuer!
Köhle und Kuh
Vor der Bank ist rauchen und spucken verboten, vor einem Tempel in Kolkata stand: "Do not urinate and spit here". Vor die Bank darf man also an sich pieseln. Ich begrüße das. Ich sehe mit Staunen, dass hier in Goa die Kennzeichen GAO lauten. Warum auch immer. Das mit den vieeinhalb Stunden Zeitverschiebung war mir ja auch neu. Dachte immer, das ging nur stundenweise. Alles geht in Idien. Also eigentlich fährt ja alles und die Fahrt von Dabolim nach Colva war ein richtiges Erlebnis. Da sind jetzt auch die Linienbusse unterwegs, die haben Hupen, da springst du vor Schreck freilwillig einem Wasserbüffel an die Hörner. Gut, dass schlafende Polizisten hier sehr häufig eingesetzt werden (Speed breaker). Auf den Landstraßen gilt das Recht des Stärkeren. Fuhr quasi durch den Dschungl, an allen Ecken kleine Kingfisher-Standeln, die Häuser bunt und bunter, die Bäume phantastisch. Luftwurzler, Lianen, Palmen in allen Formen, eine grüne Pracht und dann auch noch die Lotusblumenfelder in stehendem Gewässer. Wild romantisch! Zuerst also die Hölle - Dabolim, jetzt das Paradies - Colva. Eines nicht ohne das Andere zu haben - gleiches Glaubenskonstrukt. Meine Goa-Reise - eine Entwicklungsgeschichte.

 

Donnerstag, 27. November 2025

Indien - das wahre Mulitversum

Jaja, Jesus! Colva Beach
"Truth shall prevail" steht am Wappen - nix mit Gott, sehr erfreulich. Es folgt der Versuch eines wahrhaften Indien-Blog-Beitrags. Nix mit stringent und so. Ein assoziativer Wust, ein Synchron-Supergau. Everything, all at once, everywhere - now!
In Kolkata ist die größte Buchmesse der Welt, der größte Bahnhof Indiens, der zweitgrößte Bazar, der größte Blumenmarkt. Indien ist Superlative.
India is great. Indien ist unglaublich. Inda is an Idea. Indien ist Vielfalt. Indien ist das alles. Indien ist mulit-alles, ist das wahre Multiversum.
Da dreht wer Zuckerrohr durch die Mangel, dort hängt wer Wäsche auf einem Zaun auf, da spielen Jugendliche in einer Seitenstraße Cricket, dort hat einer auf seinem Fahrrad circa 30 ungerupfte, tote Hühner. Die Park Street wird auch Mother Teresia Street genannt. Dass ich da eher an Innsbruck als an Nordmazedonien denke, muss man mir verzeihen. 

Pre-Wedding-Shooting im Lodi-Park
Am Fluss, egal an welchem, spielt es sich ab, da wird gebadet, sich rundum frisch gemacht, da finden auch diverse Dienstleistungen statt: da sitzt wer mit einem Messer und will dir nur insofern an die Gurgel, als er dich rasieren will. Dort hat wer Bälle aus Flussschlamm geformt und bietet sie zum Verkauf an, wohl für Entspannungsmasken daheim. Da die unvermeidliche Waage, dort einer, der die die Ohren putzt. Ganze Schwälle lösen sich da zum Teil. Ich schaue und staune. Was für ein Holz es ist, das als Zahnbürstenersatz verwendet wird, muss ich noch rausfinden. Es enthält aber alles, was die Zähne brauchen (Harz, das reinigt), so das Wasser im Fluss alles enthält, was der Körper braucht. 
Die Essen-Lieferservices heißen hier swiggy und zomato und sind orange und rot und arbeiten wohl auch hier mehr als nur im grauen Bereich. Motorräder aufgebüschelt wie Kühe beim Almabtrieb. Lastwägen behübscht und bunte Stoffbahnen spannen sich vom Balkon bis zum Eingangstor, einfach so. Weil es schön ist in all der harten Gegenwart.
Und die Inder erfinden die "Sackelwirtschaft", die single-use-sessions, die Einzelportionen, die verpackt in Ketten zum Abreisen über alles mögliche gehängt werden können, denn Regalraum wurde ihren Produkten von den westlichen Platzhirschen keiner eingeräumt - daher brauchte es eine neue Geschäftsidee und sie hat sich bewährt. Es braucht nicht viel und schon ist ein Stand eröffnet. Hängende Prodkute die Menge. Einzeln abgepackt zum Abreißen und viel zum Wegschmeißen. 
Narendra Modi (Premiermenister) hat die Vision eines Hindustaates, er wurde 2024 wieder gewählt und Muslime sind unter seiner Führung bedroht.
Finaly found Paradise

Das Podium ist bunt gemischt, alle haben ihre Migrationshintergründe, es muss niemand was sagen, ich erkenne die deutsche Kollegin. Es ist nicht die Kleidung. Es ist was anderes: es gibt einen einen Gesichtsausdruck, eine Kopfhaltung, ein Minenspiel, das einfach typisch deutsch ist. 
Für mich ist das Indische Englisch schwer zu verstehen, für die Inder ist das österreichische Englisch schwer zu verstehen. 14 Autor*innen - eine mit englischer Muttersprache - alle sprechen ihr regional gefärbtes Englisch. What should possible go wrong?
Egal wo. Funkmikros haben immer Aussetzter - immer. Die Verwirrung, die Löcher und folgenden Reaktionen und Irritationen, die sorgen für Unterhaltung. "Can you here me" ist noch das Natürlichste. Anfangs wird darauf reagiert, dann eher nicht mehr. Dann wird es was Einzigartiges: Wörter fehlen, es wird ein Lückentext.
Eigen für Delhi ist das Räuspern und Husten, weil die Stimme von der Luft angegriffen wird. 
In Kolkata sind noch die alten "The Ambassador" Taxis unterwegs, in Delhi Stadt-E-Busse. Den besten Kardamom-Ingwer-Milch-Tee (ohne Zucker) trank ich auch in Kolkata. Kingfisher hab ich bis dato noch viel zu wenig gekriegt und Seafood auch. Aber Achtung: Pamfret heißt Fisch! und Paneer ist nichts Paniertes sondern Käse.
Mantras sind Zauber- und Murmelsprüche: Ram, Ram... und der Klang ist die Saat des Kosmos. Ein Mantra ist das, was dich schützt, wenn du daran denkst. Dabe schlägt Kraft Bedeutung: Aum mani padme hum, Aum mani padme hum... und alles, was dreifach ausgesprochen wird, verwirklicht sich: Schnitzel, Schnitzel, Schnitzel!
Die Swastika an Tempeln schreckt einen dann doch immer

Der Chef neulich zur Sperrstundenzeit, der an einem Tisch neben mir Platz nahm,  hatte mehrere Kulis mit goldener Spange in seiner Hemdbrusttasche stecken. Brusttaschenschweimmen ist auch nur ein anderes Wort für Busenkraulen. Der Chef, hatte Geld in der Hand, das er zählte. Wohl die Tageseinnahmen. Er hatte ein Heft vor sich liegen und trug Zahlen in Spalten ein. Viele Zahlen, viele Spalten. Die Briten hätten die Bürokratie nach Indien gebracht, erzählte der Guide. Die Inder haben sie behalten. 
Was sonst noch. Wohl auch das mit der Milch im Tee. Einen im Tee haben ist aber gar nicht so leicht hier. 

Womit wir wieder bei Kingfisher wären: The King of good Times. Was ist das für ein Vogel auf dem Kingfisher-Etikett? Ein Kingfisher. Ist das ein Eisvogel? Warum assoziere ich den mit Eiskonfekt? Gab es da ein Motiv auf Hofer-Eiskonfekt in den 1980er Jahren? Ist es ein Kolibri? Nein, das war das Motiv auf Memorykarten aus den 1980er Jahren. Es muss ein Eisvogel sein. Beim Reisen wabern die 80er Jahre immer so in mir. Ich werde auf mein früheres Ich zurückgeworfen. Dass sie neuerdings auch in indischen Hipsterbuden auf Retrosound schwören (ich höre und kann nicht weghören: Modern Talkings Brother Loui, Dr. Albans It's my life, By the rivers of Babylon von wem noch mal?), verstärkt das nur noch. In Lokale, die dem Hotel, in dem ich abgestiegen bin, entsprächen, kann ich nicht gehen, da fühl ich mich nicht wohl. Kingfisher, Oaksmith - lustige Namen, so kolonialistisch. Kingfisher britisch, Oaksmith mehr deutsch! Eichenschmied. Der Eichelschnitter wäre ein guter Titel für einen Gay-Revench-Thriller-Porno. Ob es das Genre Schwulen-Racheporno-Thriller schon gibt? Sicher. Kingfisher: The King of good Times.  Der König guter Zeiten. "Kaiser im Reich des Geschmackes" lautet der Slogan von Paradise Pickles & Konserven in "Der Gott der kleinen Dinge" von Arundhati Roy. Der Roman spielt in Kerala. So weit werde ich es eher nicht schaffen. Aber ein paar königlich gute Zeiten sollten sich noch ausgehen. 

Bananenschalen und Kuhscheiße

Mein Taj Mahal Ersatz - war ja auch das Vorbild
"Ich glaube, junge Autoren habe es heute schwerer. Die sind nervös bei der Frage, was zu sagen und schreiben erlaubt ist. ich gebe einen Scheiß drauf.", sagt Salman Rushdie im Interview mit Volker Weidermann. Rushdie ist laut Eigenaussage 78einhalb. Ich bin 50 und vier Monate und habe noch gut eine Woche hier in Indien. Wenn alles gut läuft, sehe ich heute noch das Meer. Habe jetzt zwei Nächte in einem Hotel verbracht, das vorwiegend davon lebt, am Flughafen spät Ankommende aufzunehmen und dann am nächsten Morgen wieder loszuwerden. Denn an sich hat hier niemand länger was zu suchen. Ich suchte. Vergeblich. Mit der Zeit ging sogar das Internet verloren. Alles was nicht .com URL hat, lässt sich nicht öffnen. Mein Mailprogramm stürzt andauernd ab. Fotos hochladen unmöglich. Aber ein fabelhaftes Frühstück. Man kann sich hier stundenlang alles Mögliche bestellen, dazwischen mit frischen Mangos oder Melonen neutralisieren und dann wieder weiter machen mit Dosas aller Art und heute hab ich per Zufall auch Erdäpfelkrapfle kredenzt bekommen, die mich sehr an meine Kindheit erinnerten. Jaja, immer wieder Kindheit, ich weiß. Ob "Heimat, Kindheit, Missbrauchtum" ein guter Titel für ein noch zu schreibendes Buch wäre? Jedenfalls habe ich Schreiblust. 
Nochmal kurz zu Rushdie: "Träume nur auf dem Papier.", sagt er auch. Das gefällt mir. Wobei ich heute sehr spannend träumte: Agententhriller-Style. War so spannend, dass ich glatt zehn Studen durchschlief. Mit einer Unterbrechung, die der Spannung aber keinen Abbruch tat. Denn wie immer in den letzten Tagen brannte mein Hintern und wollte gelöscht werden. Wie über die Verdauung und die Wichtigkeit derselben im "Der Gott der kleinen Dinge" von Arundhati Roy geschrieben wird, hat mir auch sehr imponiert. Das Buch war wirklich die ideale Reisebegleitung und ich werde mir auf jeden Fall was mitnehmen für kommende, eigene Projekte. Z. B.: Die Zwillinge (im Buch) glauben, wären sie im Bus geboren worden, hätten sie lebenslang gratis Busfahren dürfen. Und sie glauben auch: wer auf einem Zebrastreifen überfahren wird, dem wird das Begräbnis bezahlt. Das sind schöne Kleinigkeiten und überdies sehr originell humorvoll. Auf Sätze, die für die Reise wertvoll siind stößt man ohnehin permanent: "Nichts war sehr wirchtig. Nicht viel war wichtig." Oder auch: "Quelle seiner brüchigen Hochstimmung war die relative Geringfügigkeit seines Unglücks." Auf Sätze, die für das Leben insgesamt wertvoll sind stößt man aber auch: "Und wieder wurden nur die kleinen Dinge gesagt. Die großen Dinge lauerten unausgesprochen im Inneren." Und schon wieder bin ich in der Heimat, Kindheit, Habmichgern.
Um aber auch noch auf die Bananenschalen und die Kuhscheiße zu kommen. Nachdem wir neulich den Tempel mit sehr vielen Svastikas überall gefunden hatten, in dem fotografieren leider verboten war. Wagten wir (der ukrainische Kollege und die deutsche Kollegin) uns auf eigene Faust weiter und suchten einen Park, in dem wir gemütlich den Sonnenuntergang über uns gehen lassen konnten. Wir kamen dem Park sogar nahe, doch die Bananenschalendichte am Boden mehrte sich. Immer mehr flanierende Rindvieher schissen drauf und wir wählten unsere Schritte vorsichtig, glaubten aber immer noch, unser Ziel erreichen zu können. Doch dann ein Schrei. Die Luft zerteilte sich, das Bild fror ein, wir hielten inne. Da kam er, der Boss der Affengang. Er schrie noch mal, tänzelte elegant auf der Parkmauer rum, zeigte uns seinen knallroten Hintern und seine Armee, der nicht nur 12 Monkey sondern unzähligen, ihm hörigen Affen. Eine ukrainische und meine Brille verschwanden umgehend in unseren Hosentaschen. Wir waren gewarnt. Die Affen nehmen sich, was sie greifen können und verhandeln dann hart. Wollen mindestens Bananen, lieber aber noch Süßigkeiten und wahrscheinlich nehmen sie auch DRUK Bier, aber das zeigten wir ihnen nicht. Wir respektierten ihr Reich und zogen ohne weitere Verhandlungen ab. Rückzug auf der Straße der Bananenschalen und Kuhscheiße. 

Happy Pestizide

Fröhliches Haus in Dabolim
Rieche nach Kindheit, Hallenbadkindheit. Chlor setzt sich in der Nase fest und nagt an der Haut. War im Hotelpool schwimmen - ganz allein. Jetzt warte ich auf das Essen. Es ist noch kein Jucken, aber ein Spannreiz und dazu der leicht stechende Geruch. jetzt fehlen nur noch Pommes aus der Frittöse. Es wird aber ein Fisch Tikka Masala mittelscharf werden. Das Hotel "Argo by Trance" bezeichnet sich als Boutique Hotel und die Angabe auf Booking.com behauptete: 0,8 km ins Zentrum, 2,5 km zum Strand. 0,8 km ins Zentrum ist relativ, wenn's im Zentrum nichts gibt. Strand ist hier weit und breit keiner, das Meer kann man sich nur mit viel Vorstellungskraft herholen. Der Kellner meint 5 km. 
Im Grunde ist das ja die richtige Annäherung ans Meer. Von der Großstadt erst mal in die Einflugschneise von Goas. Mein Balkon schaut nicht auf die stark befahrene Straße, dass aber gegenüber von der Hoteleinfahrt die streng abgeriegelte "AGRO CHEMICALS LDT" ihr Unwesen treibt, ist fast schon ein bisschen zu viel Urlaubshorrorklischee. Kreischen die Vögel deshalb so schrill, weil sie von chemischen Dämpfen ganz verweht sind? Sind die Hunde etwa nicht bloß friedlich sondern ruhiggestellt? Sogar die Mücken sind eher damisch als lästig. Was hat diese Krähe um den Schnabel für komische Flecken? Wieso sind die Tauben so zutraulich? Hätte ich vielleicht doch nicht im Pool schwimmen sollen? Was sind das für rote Punkte auf meinen Unterarminnenseiten, Oberschenkelunterseiten, Fußrücken, Handflächen - Himmel, ist das mein Gesicht, das da grad vom Tisch platscht? Oder ist etwa nur das Tikka Masala so scharf?
Ich enstpanne mich langsam. Der Schreibknoten löst sich, mir platzt der Phantasikragen und das mit der Düngerfirma gegenüber passt insofern, als es eine Klammer schließt, denn der wirklich sehr, sehr gute Guide, den wir in Kolkata hatten, bekannt, dass er beruflich Gift verkaufe ("I sell poison"), also Kunstdünger im großen Stil vermarktet, aber in seiner Freizeit eben gerne liest und spezielle Führungen macht. So ist das hier. Alles sehr gegensätzlich. 

Mittwoch, 26. November 2025

Einflugschneise

Reiseplanung geht anders, schon klar. Man reserviert nicht einfach am Tag vor der Abreise ein Hotel und bucht den Flug dort hin auch nicht in letzter Sekunde. Aber scher ich mich, wie man das richtig macht? Nein. Höre ich in meinem Zimmerchen in der Tschechischen Botschafts Residenz nach meinem letzten Termin Tocotronic "Pure Vernunft darf niemals siegen" und buche relativ planlos drauflos? Ja. Ginge das besser? Ja. Ist es arg daneben gegangen? Naja. Bin ich am Arsch der Welt gelandet und hab dort nicht mal ein Hotel? Nein. Aber. 
Der Tuk-Tuk-Transport zum Flughafen ist spektakulär. Die Wendigkeit der Fahrzeuge und Frechheit der Piloten beeindruckt. Für den Laien grenzt das ja an Todesmüdigkeit aber was weiß ich schon von indischem Straßenverkehrsverhalten. Eine Maske jedenfalls empfiehlt sich für das luftige Tuk-Tuk-Fahrgefühlerlebnis. Delhis Flughafen ist natürlich riesig und schon vor den Eingängen sollte man wissen, bei welcher Schlange man sich anstellt. Ich probier einfach mal mit Pass und Mailbestätigung mein Glück. Der Soldat ist höflich aber abweisend. Der Selfe-Check-In-Automat ist auch höflich aber abweisend. Er aber schickt mich immerhin zu einem Ticket-Schalter. Am Schalterverhalten der Menschen lässt sich schon viel ablesen. Bei mir geht's ruckzuck. Ein Papier wird abgestempelt und schon wird auch mir Einlass gewährt in den Flughafen. Nächste Schlange: Kofferabgabe. Mein Koffer hat kontinuierlich abgenommen. Es geht ihm da gleich wie mir, denke ich. Zwar esse ich, wann immer es geht, nur ging es bisher nicht sehr oft. Mein Koffer hat in 11 Tagen 12 Bücher verloren. Da kann ich zwar nicht mithalten, ich werde aber daran arbeiten, dass sowohl der Koffer (Hemden, Gewürze, Souvenirs) als auch ich (Seafood, Seafood, Seafood) in Goa ordentlich zunehmen. 
Der Sicherheitscheck ist in Indien immer ein Erlebnis. Man weiß nie, was einem diesmal abgenommen wird. Hätte ich eine Kokosnuss dabei, sie würde mir eingezogen werden. Darf man nicht. Weder im Handgepäck noch im Koffer, E-Zigaretten auch nicht. Das schmerzt schon mehr, hat meine deutsche Kollegin getroffen. Powerbanks kann es auch erwischen. Sogar Streichhölzer werden konfisziert. All das Abgenommene Gut eines Tages muss eine beträchtliche Anhäufung an elektronischem, entzündlichem und essbarem Gut sein. Was passiert damit? Wird es gespendet, versteigert, zwischengelagert? Vor mir schimpft ein Tourist, was sie ihm genommen haben, kann ich nicht sehen. Ich hoffe, es ist nicht die Würde. Im Flieger dann das reinste Schreikonzert. Brüllorgien von gleich mehreren Kleinkindern alle in meiner direkten Umgebung. Wäre ich nicht schon so lange in Indien, ich hätte nebenbei nicht "Den Gott der kleinen Dinge" fertig lesen können. Der Monohar-Flughafen ist erstaunlich neu, freundlich und das Förderband erfreut mich auch recht bald mit meinem Koffer. Nur ist es nicht der Flughafen, an dem ich glaubte anzukommen. Es ist der GOX nicht der GOI. Der Flughafen Mopa in Monohar ist vom alten in Dabolim circa 60 Kilometer entfernt. Das erinnerte mich schlagartig an mein Norwegen-Taxi-Erlebnis. Da musste ich vom "normalen" Oslo-Airport so schnell wie möglich zum "Ryan-Air-Airport Oslo" und das kostete mich 400 Euro (ging aber immerhin gut). Diesmal ist der Schaden geringer. Denn mein Hotel ist zwar in Dabolim, aber die Fahrt kostet mich nur umgerechnet 20 Euro und ich seh schon mal allerhand von Goa by night. 
Als wir dann mal in eine dunkle Seitenstraße abbogen, es kurvig bergauf ging, erstaunlich wenig zu sehen war, außer Bäume und Büsche, das Navi aber behauptete, dass wir in wenigen Minuten am Zielort ankämen, wurde mir kurz etwas mulmig. Dann aber erreichten wir wieder so etwas wie einen Ort, die Straße war eine Buckelpiste, nein, eine einzige Baustelle, so auch der Ort, der vermutlich Dabolim ist, und nichts zu bieten hat, außer den Flughafen. Der freundliche Taxler findet das "Argo by Trance", ich am selben Abend im ganzen Ort allerdings keinen Platz mehr, wo ich einen Absacker hätte trinken können. Im Hotel, das sehr okay ausschaut, wird kein Alkohol serviert. Aber immerhin. Ich habe ein ordentliches Zimmer mit Balkon und Blick auf Palmen, Pool und Brunnen. Meer ist hier natürlich weit und breit keines, aber wer mehr will, als bloß schnell raus aus der Stadt, muss halt auch mehr Zeit investieren, um endlich am Meer anzukommen. Das werde ich. Versprochen.

Toleranzverdikt

 

Essensausgabe im Sikhspeisesaal
Endlich vier Kühe auf der Stadtautobahn gesehen: große, schwarze, prächtige Exemplare. Sie teilten den Verkehr, wie Moses das Meer. Dann eine "Anti-Smog-Gun", eine Art Schneekanone, die Wasser auf die Straßen feuert - ein Tankwagen und dahinter ein Anhänger mit mobiler Anti-Smog-Gun. Eine Maßnahme der Stadtregierung für den Smog. An dem ja nicht der Verkehr und das generelle 30 Millionen-Großstadtleben schuld ist, sondern das Verbrennen der Felder in den Kornkammern rund um Delhi. Das sei vor allem im November so. Deshalb lohnt auch ein Tagesausflug nach Agra nicht: Taj Mahal gestrichen. Wenn ich den Tempel eh nicht gscheit sehen kann, warum dann die Mühen in kauf nehmen? Besser eine Buchhandlung besuchen und zwar die erste, die es in West-Delhi gab und West-Delhi hat immerhin fast so viel Einwohner wie Österreich. "MAYday. LeftWord Books" wurde in den 1980er Jahren gegründet und baut auf lokale Organisation. Man widersetzt sich der Gentrifizierung und veranstaltet Kindertheater, verkaufte neue und gebrauchte Bücher, Kaffee und ist deklariert links. Einer der Mitgründer erzählt von den Anfängen und Anfeindungen und bewirkt, dass wir alle ordentlich einkaufen. Hab jetzt ein Buch von Namdeo Dhasal "A Current of Blood" - das scheint mir, nach dem ersten Reinblättern, so etwas wie Spoken Word Poetry zu sein. 

Ein Sikh in blauem Flecktarnanzug und dazu passendem Turban radelt auf einem neonfarbenen Mountainbike an mir vorbei. Ob er seinen Dolch dabei hat, seinen Kamm? Wo ist blau eigentlich die richtige Tarnfarbe - im Meer? Die Sikhs sind ja spannend. Die machen alles anders. Der Gründer war geborener Hindu, aber mehr vom Islam geprägt, lehnte die Rituale der anderen Religionen ab und machte sein eigenes Ding. Im Sikhismus sind Mann, Frau und Menschen aller Schichten gleichwertig - das ist ja schon mal was. Es wird an einen allwissenden Gott geglaubt (nicht die allwissende Müllhalde). Dass diese Religion vor allem Zuspruch von gesellschaftlich Benachteiligten fand, ist nachvollziehbar. Im Zuge der Delhi-Tour besuchten wir natürlich auch einen Sikh-Tempel (Gurdwara Bangla Sahib). Das war ein ganz bezauberndes aber auch sehr verstörendes Erlebnis. 18 Stunden Live-Musik und Übertragung des Ganzen im Netz, da wird fröhlich einlullend getrommelt, gezupft und gesungen. Wir Touris latschen barfüßig durch die Andächtigen durch und (zumindest ich) kommen uns komisch vor. Fotos zu machen, ist nicht erlaubt, weil - der Grund ist interessant - es respektlos wäre, wenn dann welche der Fotos gelöscht würden. Nach dem Tempelbesuch und dem Blick auf das - ich sag mal salopp - heilige Wasser, wird man eingeladen, durch den Speisesaal und sogar in die Küche und die Vorratsräume zu gehen. Denn in diesem Tempel wird täglich Essen für Hunderte (gar noch mehr) gekocht und gratis ausgegeben. Niemand wird gedrängt, dafür zu spenden, aber die Donation-Boxes sind gut sichtbar aufgestellt. Es ist wirklich beeindruckend, zu sehen, wie hier freiwillige ihren Küchendienst machen. Das Wenden der Fladenbrote auf der heißen Herdplatte hatte etwas spielerisch Leichtes. Ich verließ den Tempel und die Sikh-Großküche mit einem positiven Gefühl. Fürs Essen stellten wir uns nicht an, wir hatten schon gegessen - Streetfood - köstliche Momos.
Wenn wir schon bei Religionen und Tempel sind. Der Lotos- oder auch Lotustempel katapultierte mich gleich mehrfach zurück in die Kindheit. Die Lotus-Abziehbilder waren immer besonders schwierig zu kriegen. Die Abziehbilder des englischen Sportwagensherstellers waren rar in der Panini-Sticker-Sammelalbum-Gemeinde. Und dieser an das Opernhaus in Sydney erinnernde Lotustempel in Delhi war auf der Weltreise-Städtekarte von Sydney. Weltreise spielten wir gerne. Da gab es Kurzstrecken- und Langstreckenflüge von Hauptstadt zu Hauptstadt und jede Stadt präsentierte sich mit einem Wahrzeichen. Neu Delhi mit dem Lotustempel der Bahai, der in den 1980er Jahren gebaut wurde (Architekt: Fariburz Sahba) und dann gleich Wahrzeichenstatus innehatte (zumindest für die Weltreise-Spielmacher). Dass da potente Geldgeber dahinter waren, ist eh klar. Die Religion der Bahai ist ers 1844 im Iran gegründet worden und war an sich eine super Sache: Toleranz allen Religionen gegenüber, alle Bücher der großen Religionen werden studiert und respektiert. Aber Anhänger hat diese Religion nur eine Handvoll. Unser Guide behauptete, dass Geld wäre aus Israel gekommen. Reingehen kann man in den Tempel aktuell nicht - Baustelle. Reingehen konnte ich auch ins Lal Quila (Red Fort) nicht, da gab es unlängst einen Bombenanschlag. Ja, religiös motiviert. Schon interessant, dass sich die toleranten Religionen nicht durchsetzen können. Genug der Tempelkunde. Vorerst.