Mittwoch, 9. Juni 2021

Yppenplatz und Herkunftsbuch


Am Sonntag, den 6. Juni 2021 gab es vormittags auf ORF2 einen Beitrag über "Zurück in die Herkunft". Das ORF-Team rund um Spohie-Laura Weilandt und ich verbrachten einen Nachmittag am Yppenplatz und ich durfte aus dem Buch rezitieren und Fragen beantworten. 

Ich durfte auch einfach nur Rumflanieren und so tun, als ob ich nicht wüsste, dass die Kamera zuschaut. Das war in Summe eine tolle Erfrahrung und es ist ein sehr scöhner Beitrag geworden. Weil er ja nur mehr ein paar Tage in der TVTheke anschaubar ist, hier ein paar Screenshots von Mieze Medusa. Im Hintergrund drängt sich der Millstättersee ins Bild. Das ist sehr okay.



Dienstag, 13. April 2021

Jenseitspost und Daseinserläuterungen


Schneller, höher und so weiter war schneller. Jetzt ist auch "Zurück in die Herkunft" da. "Ein Nabelschaulauf zu den Textquellen" ist der flotte Untertitel.
Ein anderer Untertitelvorschlag war der Titel dieses Beitrags oder auch "Briefe. Prosa. Slam." oder auch "Backgroundliteratur". Der langjährige Arbeitstitel lautete ja "Poesiereprise".
Jetzt will diese "Buchspurensuche" nur noch präsentiert (hoffentlich am 10. Mai im Café Central, sonst halt gestreamt), gekauft und gelesen werden.
Bestelln kann man "Zurück in die Herkunft" gerne beim Verlag Sonderzahl. Danke an dieser Stelle an Matthias Schmidt für die großartige Buchgestaltung!

Montag, 8. Februar 2021

Schneller, höher und zurück in die Herkunft


Es muss ja doch weiter gehen. Letztes Jahr fanden die Olympischen Sommerspiele in Tokio ja leider nicht statt, ob sie dieses Jahr ausgetragen werden, steht noch in den Sternen. Uns (Peter Clar und mir) ist das jetzt mal egal. Das Buch ist längst geschrieben, es ist im Jahr in der Warteschleife auch überarbeitet worden und es kommt jetzt (nächste Woche) auf alle Fälle raus. Egal, was Corona und Tokio machen. Die Sportarten bleiben ja auch. Wir haben über alle Sportarten, die dabei sind, geschrieben und das alles mit Fakten, Fanwissen und Fiktionen versehen (und wird am Dienstag, den 23. Februar in der Alten Schmiede präsentiert, sprich gestreamt). Das ist lustig, sportlich und weiterbildend. Was will man mehr von einem Buch? Noch ein Buch, richtig.

Gut, dass noch eines rauskommt. Das war schon lange für dieses Frühjahr geplant. Zurück in die Herkunft (ZIDH) ist eine Mischung aus Slam-Texten und Essays, aus Gedichten und Literaturgeschichten, aus Blumen-Vierzeilern und Ribiselschnaps-Prosa-Exzessen. ZIDH ist schwer einordenbar, aber schwer in Ordnung. Davon wird man sich spätestens bei der Präsentation am 10. Mai im Café Central (geimpft, genesen, getestet) überzeugen können.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Best-of-Montags-Depeschen im Luna's Dream



Das hat sich sehr schön angefühlt neulich im Luna's Dream:
https://youtu.be/5lHSgPKXZDo

. Vielen Dank dafür an alle, die live mit dabei waren. Es war Sonntag, der 24. Jänner 2021. Ein Monat nach Weichnachten ein Fest der besten Montags-Depeschen, der Bestandsaufnahmen, die ich seit März 2020 in die Welt schicke.
Hier zu hören: Bierfremdeln (Nr. 5), Punschkrapferlglücklich (Nr. 26) und Gulaschschöpfer und Skigebieter (Nr. 31). Viel Spaß damit!

Mittwoch, 13. Januar 2021

Für immer Winter

 oder Größe im Kleinen – Grüße aus dem Stilschaufenster

Mit „Für die Galerie“ liefert der 1992 geborene Lesebühnen-, Slam- und Reisepoet Yannick Steinkellner sein Debüt ab und legt ein in Wiener-Winter-Grau gehaltens Buch vor. In der Vorrede mit Corona- und Aktualitätsbezug wird das Buch gleichermaßen gerechtfertigt, wie eingeordnet und relativiert. Steinkellner macht sich also – ganz der Tradition der Poetry-Slam-Bühnen-Figur folgend – erst mal ganz klein, um dann ganz groß raus zu kommen, ganz groß raus vorerst aus seiner Mutter. Denn los geht’s mit einem Auftakts-Black und der „Kindheit“- Einblendung. Das hat optisch was von einem Grabstein. Wird hier die Kindheit zu Grabe getragen?, fragt man sich. Nein. Es wird erst mal geboren, krass in die 1990er Jahre und Graz hineingeplatscht. Papa Postler, Mama fetzt und macht in Religion. Dass aus dem Jungen was werden muss, scheint in die 8020-respektive-8010-Wiege gelegt. Und er wird! Er wird zum Blonden mit dem WM-Ball, zum Mannschaftsarbeiter, zum sympathisch-frechen Besserwisser ohne großen Bruder aber mit großen Leidenschaften, der gerne Rolltreppe im Kastner fährt, weil man selbst in einem Konsumtempel (beim Spielkonsolen-Testen) etwas fürs Leben lernen kann: „das der Gewinner bleibt und der Verlierer den Platz räumen muss.“ (S. 27)

Unser Held und Erzähler will natürlich ein Gewinner sein, räumt aber auch ein, schlechte Tag zu haben und besonders schlecht geht’s ihm, wenn es anderen schlecht geht – konkret: seiner Familie. Den Tod seiner Großeltern verarbeitet er in einer Geschichte, die Trauerarbeit sichtbar macht in Form von Satzschleifen, die sich um den Kranz der zu Beerdigenden winden. So kann man literarisch wirkungsvoll mit Trauer umgehen und sie über Satzumwege zum Ausdruck bringen, ohne dabei formelhaft zu werden.

Wir halten zwischenzeitlich fest: Nach dem persönlichen Auftakt in der Vorrede, folgte ein vorwiegend auf Sprachwitz- und Sprachspitzfindigkeiten bauender Text, dann einer, der auf die Emotionen und Erinnerungen abzielte und einer, der die Literarizität syntaktisch bewies. Es folgt eine motivisch gearbeitete Geschichte. Das Küchenradio hält die Familie über mehrere Generationen zusammen. Das ist eine schöne Idee, funktioniert auch wunderbar, man hat die Vorfahren wie nebenbei präsentiert gekriegt und freut sich, nun richtig in deren Geschichten einzutauchen. Aber nein, es platzt der Sport herein.

Selbstbewusst machen sich die Sportgeschichten breit und klar, die knallen und schlagen wieder einen ganz anderen Ton an. Wir sind jetzt bei klassischen Vortragstexten angelangt: Lesebühnen-Prosa-Style mit Wumms und Pow und Peng! Jeder Satz ein Treffer. Warum jetzt Hirscher und Co? Weil's vom persönlichen Bild, das Steinkellner für uns (Für die Galerie) zeichnet, zum allgemeinen Österreich-Bild geht, und das ist nun mal geprägt von Wintersport und Nationalstolz.

Österreich ist Winter, Ski- und Autofahren. Wäre Österreich ein Auto, es wäre ein Puch-Wagerl oder ein Ratrac. Ja, Österreich ist feinfühlig wie ein Ratrac und jahreszeittechnisch ist Österreich ohnehin für immer Winter: mit Schneekanonen, Hüttengaudi, schlechtem Glühwein, Skilehrermentalität und Seilbahnbetreiber-Hybris. Und was macht die Österreicher*innen glücklich? Stockerlplätze (die es in Deutschland nicht mal gibt!). Und was ist die Abfahrt im Sommer? Die Formel 1. Und vor 50 Jahren waren wir da auch noch wer.

Um sein Österreichbild atmosphärisch zu verdichten fährt Steinkellner mit allerlei weiteren Textsorten auf. Da darf es schon auch mal ein Kommentar oder ein Dramolett im Dialekt sein, da hat eine Ballade ebenso Platz, wie Wortspielereien mit Erkenntnisgewinn, da steht Fan-Gesang neben Autobildlyrik.

Das großes Ganze, das hier auf vielen unterschiedlichen Arten gezeichnet wird, ist eine Momentaufnahme des Autors von sich und von Österreich. „Für die Galerie“ ist eine eindrucksvolle Stilrevue. Es ist ein Heimweh-Buch mit ambivalentem Österreich-Bild, denn Österreich verursacht mit seinem Patriotismus und seiner Weltfremdheit, seinem Größenwahn und seiner Gemütlichkeit, aus der Ferne Deutschlands besehen, eben sowohl Bauch- als auch Heimweh.

Yannick Steinkellner zeigt, was er alles drauf hat, lässt die literarischen Muskeln spielen, aber will eben nur spielen oder, um es in seinen Eingangsworten zu sagen: „sich selbst nicht zu wichtig nehmen“. Seine Geschichte wichtiger zu nehmen, das allerdings würde man sich durchaus wünschen und irgendwann dann gerne lesen wollen.

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Fritz-Frizzante Portas

 oder Sektchen oder Proseccole? Egal. Hauptsache Brause in der Wanne und Prickel im Buch.

Es war nicht alles schlecht in diesem Jahr. Es sind auch Dinge passiert, die man sehnlichst erwartete. Es ist zum Beispiel das Buch „Die Vorbereitung der Tiere“ (edition laurin 2020) von his Diskursglitterhighness mit Schlangenfakeledergürtel Martin Fritz erschienen. Ja, Martin-ich-schreibe-momentan-nicht-an-einem-Roman-Fritz hat es endlich getan. Er hat ein Lesebühnen-und-Slam-Poetry-Texte-Buch geboren.

Es lässt sich viel Gutes über dieses Buch sagen, aber die vernunftbedingte Blogbeitragszeichenobergrenze verbietet es fast vollständig. Nur so wenig: Das Buch hat Samtpfoten, ein Wuschelfell und einen mords Potzn Hirn; es kann fliegen, pflügen und Horizonte erweitern. Die Lektüre ist mehr als eine Adventure-Kontroverse, sie ist Pflicht, Kür und Tonya Harding in Bestform. Vom Glatteis gleich in die warme Wanne, denn man kann sich auch einfach von Martin vorlesen lassen.

Zum Beispiel hier: https://www.youtube.com/watch?v=M2WeNWHFC-8

Martin-ich-kann-nicht-reimen-Fritz kokettiert in seinem Buch mit Schwächen und arbeitet „mit der Präzision einer sehr jungen Eistänzerin“ mit Vergleichen aus der Popkultur ebenso wie mit Bildern aus Szenen einer Ehe.Der Autor präsentiert uns stets beide Seiten seiner Medaille: den Meta-Martin und den Witz-Fritz. Die vorgeführten und vorbereiteten Tiere sind im Grunde auch nur Menschen aber immerhin bessere.

Martin krempelt um und die Literaturärmel hoch

Wären diese Tiere Essen, sie wären ein Lifehackbraten. Philologisch betrachtet ist „Die Vorbereitung der Tiere“ (DVDT) ein Konservatorium beglückender Wörter. Literaturhistorisch betrachtet ist DVDT gewissermaßen die Fortführung von Dietmar Daths „Abschaffung der Arten“ oder aber auch die Vorbereitung darauf. Jedenfalls rückt Martin-alles-geht-immer-nie-aber-man-darf-es-wollen-Fritz für uns aus, um uns die Welt zugänglicher zu machen und sie uns mit „kardanischer Aufhängung“ und somit allzeit anschaubar zu präsentieren.

Da müssen die Inhalts- und Handelsregister erst gar nicht gezogen werden, denn diese Texte sind, sie wesen, und wer bereit ist, sich ein bisschen auf die Kraft der Fritzschen Literatur einzulassen, wird mehr bedient werden, als gedacht.

DVDT ist patente, angewandte Lebensweltverkittung sanftes Abdriften ins gepflegte Koatlacklerische inklusive. Was bleibt: Wir wissen nicht, was kommt (doch bald ein Roman oder wieder ein neues Stück?), freuen uns aber auf alles wie die Bilche auf den Winterschlaf.

Dienstag, 15. Dezember 2020

Fließ mir die Donau runter

 Und noch ein Lockdown-Lektüre-Protokoll. Diesmal ein Buch, das man wirklich weitgehend ohne Bedenken verschenken kann. Das ist positiv gemeint, denn Weihnachten steht vor der Tür und bei den Büchern die ich zuletzt gelesen habe ("In einer komplizierten Beziehung mit Österreich" von Martin Peichl und "Dicht" von Stefanie Sargnagel) lässt sich das nicht sagen. Beides tolle Bücher aber eben nicht für alle. Das ist übrigens auch ein Qualitätsmerkmal. Sie merken schon es ist nicht ganz einfach. Es ist nie ganz einfach, Bücher zu verschenken, wenn man sich wirklich Gedanken darüber macht, ob das geschenkte Buch zur beschenkten Person passt. Aber das Hineindenken lohnt sich. 


Das Debüt von Ilona Hartmann "Land in Sicht" nennt sich Roman, ist in zweieinhalb Stunden gelesen, ist ein buntes, sehr schön gestaltetes Blumenbar Buch und ist sogar Vätern, die ihre Familie verlassen haben zu schenken. Denn um die Vatersuche geht es in "Land in Sicht". 

Jana ist Anfang 20 und ihr wäre bisher noch nie der Gedanke gekommen, dass sie ihren Vater, der nie da war, unbedingt suchen und finden müsste. Bis ihr in einer Thekennacht wer flüsterte, dass sich dadurch alles änderte, alles rund und ganz und gar erklärlich wurde. Janas Mutter hat gestruggelt, ist aber nicht verzweifelt. Janas Mutter hat auch festgehalten, wer der Vater war und Jana beschafft sie die Info aus dem Notizbuch der Mutter und beschließt: Sie will ihn kennenlernen den Donaukreuzschifffahrtskapitän Milan auf der MS Mozart. Also Äußeres verändern und Kabine von Passau nach Wien buchen und sich langsam annähern. 

Natürlich ist Jana die Jüngste und fällt von Anfang an auf. Natürlich sind die gebrechlichen Mitreisenden skurril und das Schiff bzw. diese Reiseart an sich aus der Zeit gefallen. Natürlich kommt alles anders als geplant. Aber es kommt natürlich anders. Nicht konstruiert. Das ist alles sehr liebevoll und nicht effekthascherisch. Feine Vergleiche, zartschwarzer Humor, schön bittere Selbstironie - das liest sich weg mit permanentem Schmunzeln. Mit 13 km/h Spitzengeschwindigkeit wird die Donau hinunter gecruist. Und das Kennenlernen des Vaters ist eine Art Stop-and-Go-Verkehr, nein, ein Auffahrunfall mit anschließendem Abschleppen, nein, es ist einfach eine gegenseitige Unbeholfenheit mit realistischem Ende.

Dazwischen wird in Linzer Spelunken abgetaucht, auf der MS-Mozart-Bühne mit dem Bordmusikanten Falco performt, die Donau entlang gejoggt und wieder zurück autogestoppt, gelegentlich in die Vergangenheit geblendet und schließlich - im Lachenden Esel in Wien - das Geheimnis preisgegeben, während Milan Calamari fritti bestellt. Das ist alles so skurril, so unvorhersehbar, so mitunter ungerecht wie das Leben selbst und kommt ganz leicht daher. Leicht und langsam wie die Donau aber mit ungeheurer Kraft. Man gibt sich diesem Erzählstrom gerne hin und lasst sich mitnehmen. Ein Buch für alle außer die gänzlich humorresistenten.

Donnerstag, 26. November 2020

Foltermethoden für den Hausgebrauch

oder don't try this at home

3. Lektüreprotokoll am 10. Lockdowntag

Wer oder was oder wo Demmin ist, muss man gar nicht wissen. Gespenster können überall aufmarschieren, wenn man daran glaubt, über all und nirgends, wenn man nicht daran glaubt. Die Gespenster im Demmin Fall sind allerdings historische Gespenster, die Spuren hinterlassen haben, in Erzählungen und Registern. Aber auch das ist vorerst gar nicht so wichtig. Der schwarze Schwan jedenfalls ist keines dieser Gespenster, der war zwar böse, ist aber dann im See festgefroren und unsere Heldin hätte ihn gerne befreit, hat sich also auf dünnes Eis begeben und... verrat ich nicht. Höchste Zeit, die Heldin vorzustellen. Sie heißt Larissa, möchte Larry genannt werden, ist 15, hat eine beste Freundin (Sarina), hat eine Mutter (Krankenschwester und auf der Suche nach einem Ersatzvater), hat eine Nachbarin (über 90 und spooky), hat schon auch einen richtigen Vater (LKW-Fahrer), einen Job (auf dem Friedhof) und sehr eigenartige Hobbys. Die haben mit ihrem Berufswunsch zu tun: Kriegsreporterin.

Um diesen Job ausüben zu können, muss sie knallhart werden. Sie härtet sich also ab: sperrt sich in eine Streugutbox ein, hängt Kopfüber vom Apfelbaum, probiert mit einem Freund Waterboarding aus, ach ja, dieser Freund. Der heißt Timo (Schule geschmissen, arbeitet jetzt bei Netto) und in den wäre eigentlich Sarina verknallt, aber mit Larry verbindet ihn mehr. Was? Auch das sei hier nicht verraten. Larrys Bruder ist von einem Radfahrer überfahren worden, als er drei und sie noch im Bauch der Mutter war. Das hielt die Beziehung nicht aus. Larry mag ihren Vater, hat aber was gegen die Ersatzväter, die ihre Mutter anschleppt. Vor allem, wenn diese auch noch mit Sack und Pack einziehen, wie das im Fall von Benno (Motorradfahrer, Band-T-Shirt-Träger) passiert.

Ganz schön viel, möchte man meinen, vor allem, wenn man dann auch noch die Geschichte Demmins (Mai 1945), auch die breite ich an dieser Stelle nicht weiter aus, hinzu fügt. Dennoch: Das Debüt von Verena Kessler hat nichts Schweres. Das hat mit der Leichtigkeit, mit der Unbeschwertheit der Erzählerin zu tun. Dieser 15jährigen folgt man gerne. Man zittert mit ihr, wenn sie wieder mal einen Kältetest über sich ergehen lässt. Man fiebert mit ihr, wenn sie das Bett hüten muss, weil sie es mit einem Härtetest zu sehr übertrieben hat. Man hält ihr die Daumen, dass mit Timo was weiter geht. Man hofft, dass ihre Beine Halt genug geben, wenn sie Kopf über vom Brückengeländer hängt. Man hat Einblick in einen Teenager, der es nicht ganz leicht hat, es sich aber nicht sonderlich anmerken lässt. Klar, die Eskapaden sind Folgen von diversen Traumata und (Liebes-)Entzugserscheinungen. Aber als Teenager kommt man damit irgendwie klar. Und dieses Irgendwieklarkommen ist sehr spannend. 

Der pfiffigen Ich-Erzählerin wird als Gegengewicht die Erzählung der alten Nachbarin aus personaler Perspektive gegenüber gestellt. Das ist wohltuend im Lesefluss. Die Kapitel sind angenehm kurz und perfekt quergeschnitten. Man erfährt ein Stück Zeitgeschichte, man taucht ein ins Leben einer 15- und einer 90jährigen, liest und liest und hat schließlich einen Roman einer jungen Autorin gelesen, die nicht davor zurück schreckt, schwierige Stoffe zu behandeln, da sie das nötige sprachliche Feingefühl und Können besitzt, selbst die härteste Geschichte so zu verpacken, dass sie für alle ein Geschenk ist.

Verena Kessler: Die Gespenster von Demmin (Hanser Berlin 2020)

Dienstag, 24. November 2020

Fast super

1. Lockdownwoche - 2. Lockdownlektüreprotokoll

Ein toller Titel, ein mir unbekannter Verlag und Autor, der aber – mit diesem Buch – schon den dritten Roman vorlegt und aus Osttirol kommt. Das scheint mir doch eine perfekte Lockdown-Lektüre zu sein. Fasthuber hat neulich eine ganze Seite darüber im Falter gemacht. Doris hat das Buch schon vorher, als es noch erlaubt war, in Buchhandlungen zu gehen, in der Lerchenfelder Buchhandlung entdeckt, gekauft und angelesen und gemeint, dass das etwas für mich sein könnte, denn es gehe um Herkunft, Provinz und Jugend. Alles richtig.

Der Held heißt Romed, wohnt in einem 400 Höhenmeter von Lienz entfernten Dorf und wir begleiten ihn gut ein Jahr lang. Ein besonderes Jahr. Romed steht die Matura bevor, ihm steht sein erstes Mal Sex bevor, er wird vom Kampfsportler zum Kampftrinker, vom kalkulierenden Gymnasiasten zum willigen Ferialarbeiter, vom Mofafahrer zum Autostopper, vom Kassetten-Verchecker zum Konzertveranstalter, vom peinlich Rumknutscher zum Kamasutrapraktikanten und vom Teenager, dem alles verziehen wird, zum rebellischen Zivildiener. Ein ereignisreiches Jahr. Fast zu viel für ein Jahr in der Provinz. Man hat das Gefühl, da stecken Erlebnisse aus der ganzen Oberstufe in dieser linearen Erzählung. Schnitte hätte dem Roman gut getan. Eine starke Frauenfigur hätte dem Roman auch gut getan. Denn die Helden sind hier eindeutig die Männer, die Burschen, die Bubis. Das mag zwar sehr der Realität der 1990er Jahre in Osttirol entsprechen, aber um historische Authentizität geht es ohnehin nicht.

Um was geht es? Natürlich ums Erwachsenwerden. Um das Eintauchen in die frühen 1990er Jahre. Da leistet der Roman ganze Arbeit. Auch wenn man es selbst anderes erlebte, öffnet der Text Erinnerungsräume und lässt einen diese, mal fröhlich, mal peinlich berührt, betreten. Die Schulzeit – vor allem das Lernen auf die Matura – wird äußerst präsent. Die diversen Nöte sind evident. Der Übermut, die Ungeduld, das Nicht-besser-Wissen und Noch-nicht-Wissen-was-genau-Wollen wird ohne WHAM! Und ABBA transportiert. Natürlich kommen Romed und seine Kumpels ohne Hitparadenmusik aus, sie sind anders. Aber ganz raus aus den Strukturen kommen sie doch nicht. Sie strampeln. Sie tanzen Pogo. Sie grölen Punklieder. Sie arbeiten daran, gute Menschen zu werden, die nur mal eben testen müssen, wie viel Bier sie vertragen, wo, wie und mit wem sie leben wollen und was sie eigentlich machen wollen. Normale Teenagernöte flüssig, ja, süffig aufbereitet.

Es gibt eine Fußnote im gesamten Text, im ersten Kapitel. Darin wird erklärt, dass zum besseren Leseverständnis, alles in Euro angegeben wird, was mit Geld zu tun hat. Das ist ein krasser Illusionsbruch. Das tut einem Leser, der selbst in den 1990er Jahren das Trinken lernte, weh. Das ist eine schmerzliche Fehlentscheidung, die sich leider durch den ganzen Text zieht und immer wieder unangenehm aufstößt. Dabei ist der Text sonst über weite Strecken super zu lesen. Moser-Sollmann erzählt souverän, rasant und man folgt dem Leben des vermeintlichen Taugenichts gern. Vor allem, wenn er nicht über Mädchen schreibt. Denn da geht nicht nur für Romed, sondern auch für den Erzähler viel schief. Die Mädchenfiguren sind austauschbar, in der direkten Rede klingen sie nach Bravo-Dr.-Sommer und eine tragende Rolle hat lange keine. Beim Zivildienst nur männliche Arschlöcher, die besten Freunde Sid und Breiti, der Musik-Magazin-Herausgeber und Harley-King Moritz, als Nachbarn in der Pfadfinder-Bude Burschenschafter und sonst richtet es auch eher der Papa als die Mama. Der Ich-Erzähler ist im Aufdecken von Rassismen bei seinen Arbeitskollegen sehr gewandt, gibt sich generell open-minded, kritisch und ist ein wacher Geist, wenn er nicht gerade diverse Drogenerfahrungen machen muss, das Frauenbild aber ist erschreckend eindimensional. Das ist schade und macht den Roman leider nicht zu einem Bedenkenlos-zu-Weihnachten-an-Freunde-Verschenk-Buch.


Christian Moser-Sollmann

Ohne WHAM! und ABBA

Dachbuch Verlag 2020

Freitag, 20. November 2020

Ganz schön frech am Lesofantenfest

Eine Mitmachlesung für die ganze Familie von mir für euch! Im Rahmen des Lesofantenfestes 2020 ist dieses Video entstanden. Publikum war keines erlaubt. Das Publikum seid ihr! Ich habe aus "Ganz schön frech. 52 Gedichte für die ganze Familie" gelesen. Die Illustrationen stammen von Robert Göschl. Ein Buch, das sich perfekt als Weihnachtsgeschenk eignet.