Montag, 21. September 2026

Tschu-tschu-tschu die Eisenbahn

Der Supermarkt in der Nähe vom Bahnhof war mein Ziel für Proviant. An sich eine gute Idee. Aber da war es dann halt nichts mehr mit Touri-Zone. Da stand ich wieder in der Schlange und sie stank. Ich bin auch den ganzen Tag herum gelaufen. Es war heiß, schweißgezeichnet waren alle. Aber dieser Geruch war länger aufgebaut. Beim Pfandautomaten geht's rund. Klar gehen die 3-Liter-Bomben auch rein! 2 Pet-Flaschen bringen 1 Lei (quasi 50 Bani hier - 25 Cent bei uns, kauf mir später eine Semmel dafür). Ich find mir hier jedenfalls keinen Proviant und am Bahnhof, auf der Anzeigetafel, steht mein zug nicht. Er steht aber schon auf Gleis 3. Also rein mit mir und weiter nach Bukarest. 

Wir schnecken raus aus der Stadt. Abgestellte Güterwaggons werden freundlich von der Natur aufgenommen. Auf einem steht groß Uran. Wer weiß, was sich da alles angereichert hat. Das Tempo ist atemberaubend langsam. Es fühlt sich so an, als hätte die Lok die Handbremse angezogen. Es schleift, wir schleifen voran, da gleitet nichts. Sind es die Gleise, die nicht mehr hergeben? Ist es das ganze Bahn-Set-up? Die Geschwindigkeit anzuzigen getrauen sie sich nicht. Wir gruzgen beschaulich dahin. Noch hat uns kein Pferdefuhrwerk überholt, das kann aber noch werden.

Die Zeit vergeht schneller, als wir fahren. Das ist beruhigend. PODU OLT. Das Land ist hügelig und grün. Linkerhand wird es flacher. Schafe, Hunde, Pferde. Pfeiler für einen Highway - eine Stelzenstraße? Verbrannte Wiesen, staubende Steinbrüche, weits Land. Wi rhaben Fahrt aufgenommen, sind in Schwung gekommen und bremsen auch schon wieder, halten. AVRIG. Der Bahnhofsvorstand freut sich. Eine STRABAG-Containersiedlung. Die bauen wohl die Stelzenstraße. Liebherr-Laster wirbeln Staub auf. Im Fluss auf einem Sockel ein Hochspannungsmast. Vogelschwärme. Trockenes Land. Eine ausgesetzte Couch - wohl zum Zugschauen (Trainspotting). Heuballenansammlungen. Noch fünf Stunden. Wir rumpeln gen Süden. BRASOV. Siebenbürgen ist unter anderem für Kirchenburgen bekannt. Das sind wehrhafte Kirchen. Die Burg Bran (dt. Törzburg) wiederum steht hier in der Umgebung von Brasov und gilt als die Heimat des Grafen Dracula. Er war aber nachweislich nie dort!

Die Zugfahrt Sibiu-Bucresti (sechs Stunden 1. Klasse) kostet übrigens 168 Lei (33 Euro). Warum auf dem 1 Lei Schein Enziane sind? Keine Ahnung. Kleine Reiseeindrückeeintrübung: Entdecke gerade, dass ich von Vögeln angeschissen wurde. Schaut aus wie Zahnpastaflecken. Ja, an der Oberschenkelinnenseite. Vielleicht doch die Hose wechseln? Noch drei Stunden.

Lok defekt. Hat sich wohl überanstrengt. Jetzt wird es leider bitter. Zu essen hab ih nichts mehr. Stehen schon eine dreiviertel Stunde. Aber eine neue Lok übernimmt. Die hat es allerdings auch nicht mehr eilig. Das ist mehr ein Verweil- denn ein Eilzug. Für Unterhaltung ist aber gesorgt. Auf Monitoren läuft seit fünfeinhalb Stunden ein circa fünfminütiger Sketch mit zwei biertrinkenden Männern in Endlosschleife. Das Bier im Bord-Bistro ist längst aus. 

Besser sind die zwei jungen Eisenbahnfreaks, die die Fahrt auf dem Tablet verfolgen und kommentieren. Sie arbeiten beide für die DB und sind geduldig, was Verspätungen betrifft. Sie sind sehr gut ausgestattet und erzählen sich Bahnerlebnisgeschichten. Von überfahrenen Wildschweinen bis zu Positionierungen von Kilometertafeln und diversen Signaleinrichtungen. Sie könnten ein Paar sein. Sie nerden sich gegenseitig an, sind aber sehr verständnisvoll und immer einer Meinung. Sie sind definitiv ein (noch junges) Paar und sehr angenehme Mitreisende. Sie reden auch um 23:24 Uhr noch. Wir sollten vor einer Stunde angekommen sein, es wird Mitternacht werden. Sie schauen sich geduldig historische Triebwägen, Waggons, etc.  an und der vermutlich nicht Lokführer kommentiert wortreich (der scheint mir denn doch etwas zu abgedreht für einen Lokfüher, aber was weiß ich schon). Der Nordbahnhof in Bukares jedenfalls ist riesig und so spooky wie alle Bahnhöfe um Mitternacht. Die Hotelsuche kostet mich ein paar Minuten und Nerven, weil ich mich zu sehr auf den Ausdruck von Google-Maps verlasse. Die lassen alles viel weiter erscheinen, als es wirklich ist, denn da ist ja jeder Scheiß eingezeichnet. Da ist mir eine Basic-Karte lieber. Oder einfach eine simple Beschreibung: Beim Bahnhof raus, geradeaus, dann links. Da war es dann auch das My Contiental.

Rumänienreise die Zweite

Hier heißen Haltestellen Penny und Lidl. Hier fahren Busse nach Hornbach. Italien hat sich mit Küche, Kaffee und Bier festgesetzt. Da und dort noch Julius Meinl Reste. Raiffeisen, Sparkasse und dm aber sind groß da. Kein Wunder, dass das Image der Italiener besser ist. 
Noroc in der 3-Liter-Plastikflasche. Bier in solchen Gebinden gibt es sicher auch anderswo. Mir fällt es halt hier auf. Weil der vor mir in der Warteschlange zwei in seinem Körberl hat. Ich frag mich, ob eine 3-Liter-Flasche überhaupt in den Pfandautomaten reinpasst. Wäre schade drum, ist viel Plastik. Touristengruppe schieben sich durch die Fußgängerzone, aber nichts gegen das Geschiebe beim Frühstücksbuffet. Mit Tablett wie in der Mensa steh ich auch dort in der Schlange. Hier gibt es sie noch, die Julius-Meinl-Rechtshänder*innen-Tassen, die Untertassen aber wurden wegrationalisiert. Die werden wohl zu Souvenirs verarbeitet restpektive upgecyclet. Was gleich bleibt: Die Leute schaufeln Rühreiberge in sich, das mir schaudert.

Was mache ich hier? Ich besuche das Brukenthal Gymnasium.


Eine ehrwürdige Schule mitten im Zentrum. Ein beeindruckendes Barockpalais direkt neben der großen evangelischen Kirche. Die Schule knarzt. Es gibt eine Lehrer*innen und eine Schüler*innen-Treppe. Die Lehrerin selbst gendert nicht, gleichwohl fast nur Mädchen in ihrer Klasse sind. Auf den Stufen schönes, altes Holz, in den oberen Gängen altes, durchgenudeltes Parkett überzogen mit Linoleum. Im Parterre Pflastersteine. Im Weltkrieg war das nämlich ein Lazarett, da fuhren die Karren rein. Da gibt es auch noch eine Pferdetränke und daneben ist jetzt die Wasserflaschenzapfstelle für die Schüler*innen. Es sind nicht alle Lehrer*innen deutschsprachig (40/60). Das Regiment ist streng. Es gibt einen selbst gebastelten Handysteckkasten beim Eingang. Tafel und Kreide haben hier noch Stellenwert, strenge Erziehung und Frontalunterricht sowieso. Als Kurzzeit-Workshop-Leiter kommt mir das natürlich zugute.  

Freitag, 28. August 2026

Bizau - nichts für Nachtvögel

Mein erstes Mal Bregenzerwald. Ich nähere mich mit dem Bus, fahre von Dornbirn aus übers Bödele Richtung Bezau und dann weiter nach Bizau. Ja, Mellau und Schoppenau sind auch in der Gegend und die Füße werden mir am Ende auch weh getan haben. 
Zu Mittag war ich nämlich noch auf der Lorea, einem der Hausberge Nassereiths. Zwar bin ich die ganze Woche schon im Wandermodus aber die Wochen vorher war ich ja ein Sand- und Waserwesen und ich hör die Signale des Körpers, die mir sagen: Na, jetzt entscheid dich mal: Wasser, Sand, Stein, Strandliege oder Wanderstöcke? 
Ich mach grad alles, dazwischen einen Fernseh-Dreh, eine Slam-Show und die erste Lesung aus dem Arbeiterkind, das nächste Woche dann schon erscheinen wird. Aber zurück zum Start beziehungsweise nach Bizau
Ich steige aus und das Bergmassiv, das mich empfängt, haut mich fast um. Das Ding hat Nationalparkcharakter. Das ist ein Tempel von einem Berg. Wie heißt der? Ja, ich gestehe dem Ort sofort magische Kräfte zu. Der Berg kann was - so viel ist sicher. Am Abend wird der Felsblock dann von den letzten Sonnenstrahlen in ein Licht gesetzt - zum Niederknien! Vom Fußballplatz aus hat man den besten Blick auf dieses Naturwunder. 
Ich begnüge mich mit der Hilkat auf der anderen Seite und wandere durch den schönsten Buchenwald, den ich je gesehen hab. Nicht minder magisch. Dass der Mond fast voll ist, trägt zu meiner Stimmung bei, ich bin kurz davor, ihn anzuheulen, denn um 21:30 Uhr - nach getaner Arbeit, haben sowohl die Taube (da bin ich untergebracht) als auch das Biohotel bereits geschlossen. 
Kein Feierabend-Bier, keine Nachbesprechung, kein Einschlafen. Denn ich bin aufgedreht und höchst erfreut, dass die Arbeiterkind-Lese-Premiere gut über die Bühne gegangen ist. Gerne hätte ich darüber noch mit den Veranstaltern geplaudert. So blieb mir nichts weiter über, als den Mond an zu himmeln und BIZAU-Akrosticha zu fabrizieren. Denn in BIZAU steckt so viel:

B
leibe Immer Zurückhaltend, Arbeite Unauffällig
Bleibe Im Zweifel Auch Umsichtig
Benenne Immer Ziele Auch Unmögliche
Bei Immerwährenden Zerwürfnissen Aufstand Unternehmen
Bisweilen Intensive Zurechtrückung Aller Unangepassten
Bekenntnisse Intellektueller Zunft Allenthalben Unterdrücken
Bei Interessenskonflikten Zählen Auch Untergriffe
Bier Ist Zum Abrauschen Ungeeignet
Brenn Irdische Zwetschken Aus Uberzeugung
Buchen Immer - Zirben Auch Unumgänglich
Bregenz Ist Zentrum Aber Ungemütlich
Bloß Immer Zeitig Aufstehen - Unbedingt

Und wenn um 22:00 Uhr bereits alles dicht gemacht hat, kann niemand so dicht sein, nicht früh am Morgen aufstehen zu können. 
Bin übrigens als junger Dichter aus Tirol angekündigt worden. Das freut mich natürlich. Dieses Label hab ich seit 25 Jahren und ich fürchte mich schon vor dem Tag, an dem ich plötzlich ein alter Tiroler Dichter bin. Denn eine Übergangsphase gibt es hier glaub ich genauso wenig wie bei den Jahreszeiten - gerade noch voll die Hitze und dann Zack - Herbst und kalt. Gerade noch der junge Dichter und dann Zack - alt und bald kalt. Ich glaub, das Arbeiterkind ist gut geeignet, mich noch eine Zeit lang jung zu halten. Danke Bizau!

Freitag, 10. Juli 2026

Unterfalkenretzbachstein liest uns weiter

Wir machen eine Mini-Tour durchs Weinviertel. Wir machen mit "Lies uns weiter" quasi Weinviertel-Stationenlesetheater. Wir sind Mieze Medusa, Wolfgang Kühn und ich. Wir haben Texte von Ilse Tielsch, Norbert Silberbauer und Gerhard Jaschke im Gepäck. Alle haben was mit der Region zu tun. Wir wollen das in Erinnerung rufen und haben das bereits in Unterretzbach und Falkenstein höchst erfolgreich gemacht. Pillersdorf wird die letzte Station sein. Wir freuen uns.

In Unterretzbach enterten wie die Open-Air-Bühne nach einer Big-Band, die Jazz-Standards ebenso spielte, wie vertraute Melodien aus Funk- und Fernsehen. Wie lange habe ich die Autofahrer-unterwegs Kennmelodie nicht mehr gehört... aber sofort erkannt. Die Bühne ist groß, das Publikum weit weg, aber zahlreich vorhanden. Das Wetter ist sommerlich, die Stimmung freundlich, die Aufmerksamkeit voll gegeben. Der ausrichtende Kulturverein hat da ein tolles Festival auf die Beine gestellt. Am Vorabend spielten u. a. Attwenger, nach uns - dann im Vereinslokal REKURA (Retzer Kulturraum) - gibt es noch Trixi Neundlinger zu erleben. Grund genug, ein REKURA-Akrostichon zu verfassen. Es war Teil des Jaschke-Programms und soll hier nachgelesen werden können.

REKURA 
Retzer*innen erleben Kunst und richtige Autor*innen 
Recht eindrücklich komponierte Ur-Sonate rettet Auftakt
Redselige Einheimische kuratieren Umtrunk reichlich ausgewogen 
Roter Essig kann unglaublich resch abgehen 
Rentner*innen erobern Küche und ramponieren alles
Redlicher Erfolg kürt ungewöhnlich radikalen Auftritt 
Rührend, expressiv, kühn und regelrecht ausgelassen 
Richtungsweisende Eindrücke komprimiert und recht aufrichtig 
Reinigend, erfrischend, konzeptionell umfänglich, rechtfertigt Applaus

Der Applaus folgte, der Bücherverkauf florierte und wir kamen problemlos noch nach Wien zurück. Wir werden Unterretzbach - auch aufgrund der legendären Freibord-Sommerfeste - immer in guter Erinnerung behalten.  

Um nach Falkenstein zu kommen, mussten wir bis Staatz mit dem Zug fahren und dann von Fritz abgeholt werden. Weil Staatz quasi an der Staatsgrenze und Tschechien ganz nah liegt. Auf der Staatzer Kalksteinklippe steht ebenso wie in Falkenstein und in Mikulov eine Burgruine. Die sind ganz hübsch anzuschauen und leicht zu erklimmen, also die Hügel, nicht die Burgzinnen. Wir wandern also vor dem Auftritt durchs Gebüsch Richtung Burg und bereuen es nicht. Tolle Aussicht, tolle Bäume, voll das Abenteuerfeeling. Das Wetter spielt auch mit. Erst sonnig, dann ein Regenguss zur Abkühlung und kurz vor Auftrittsbeginn dann wieder heiter. Das lässt das Publikum zu Kunst im Stadel strömen. "Kunst im Stadel" wird von Gabriela Waberer und Fritz Herzog betrieben und hat sich als perfekte Location erwiesen. Wir danken euch dafür! 

 

Donnerstag, 5. März 2026

Zur Kunst kommen

Früher hat die Kirche schon gewusst, dass es auch auf die Location ankommt - nicht nur auf das Programm. Das Programm läuft - in unterschiedlichen regionalen Varianten - schon seit über 2000 Jahren. Lange wirkten die in den Evangelien beschriebenen Wunder, dann half die Architektur und schließlich die Inneneinrichtung nach (Liturgie, Chöre und Orgelmusik nachtürlich nicht zu vergessen). Die Kunst gab der Kirche also über Jahrhunderte hinweg Nachhilfeunterricht (in Sachen Bezauberung der Massen) und wurde gut dafür bezahlt. 

Dieses Verhältnis lief ganz ausgezeichnet: Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko; Dann war mal gut, die Welt hatte schließlich auch was zu bieten: Industrielle Revolution, da war vorerst mal gut mit Kunst. Dann aber wurde die Kunst-Kirche-Affäre wiederbelebt mit Klassizismus und Neo-Alles-was-schon-mal-da-war. Dann wieder Welt - diesmal Kriege - und eh wurden in den 1950er und 60er Jahren auch ein paar neue Kirchen gebaut, aber an sich war die moderne Kunst dieser Zeit ein rotes Tuch für die Kirche (erst sprichwörtlich und dann - mit Nitsch - konkret). Und nun - Anno 2026 - das!

Es ist Fastenzeit und Innsbrucks Kirchen leisten sich Altarverhüllungen ganz besonderer, moderner Art. Fastentücher dienen dazu, das Vertraute zu verdecken und den Blick auf Neues zu lenken. Sie wurden auch Hungertücher genannt und waren anfangs meinst schlicht, entwichelten sich aber zunehmend zu einer Kunstform. Die Fastentücher, mit denen sieben Kirchen in Innsbruck jetzt aufwarten, sind ein Crashkurs in zeitgenössischer Bildender Kunst und das alles frei zugänglich.  

Zur Kunst und in die Kirche gehen (Teil 1)
"Spuren des Feuers" von Jakob Kirchmayr im St. Jakobs Dom ist eine geraffte, geschliffene, geschundene Wucht mit Gucklöchern. Barocker Glanz trifft auf evidentes Elend, auf künstlich geschaffenes Elend zwar, aber eindrücklich vermittelt - gezielt herbeigeführte Verelendung. Wer da nicht den Bezug zur Gegenwart herstellen kann, dem (ja, bewusst nur männlich gegendert) ist nicht zu helfen. Der Dom sprotzt ohnehin vor Kunst: Illusionsmalerei da und dort, ein Boden, der dich einsaugt und Orgelpfeifen, die dich umblasen. Aber Kirchmayr setzt noch eins drauf, er hängt dem Altar einen Fetzen an, der uns alle nachhaltig berauscht.

Zur Kunst und in die Kirche gehen (Teil 2)
Für Prunk stehen die Jesuiten nicht - für Bildung schon eher. Dass "Blababels" von Ronald Kodritsch das nichtssagende Altarbild der Jesuitenkirche zudecken, ist stimmig. Dem Schwarz-Weiß-Raum tut das Pink gut. Das Bild des "Bad Painters" verträgt sich mit dem Neue-Sachlichkeit-Barock-Gemisch. Die Message liegt auch auf der Hand. Sprechblasen sind - da brauchen sie gar nicht erst gefüllt werden - sprechend genug. Oder, um es mit einem großen Präsidenten und Rhetoriker zu sagen: I have all the words. I have the best words.

Zur Kunst und in die Kirche gehen (Teil 3)
Flieger reich mir den Himmel. 
Piloten ist nichts verboten. 
Spann deine Schwingen - Ikarus-Spinner. 
Breit deine Flügel aus - Armleuchter. 
Geh steil! Flieg o (Flieg ab)! 
Flieger tauch ein ins Blau. 
Flieger sind auch nur Schwimmer im Himmelsmeer. 
Flieg er - ist auch Imperativ Singular, dritte Person. 
Wer einen Flieger hat, ist blau. 
Flieger kreuz das Himmelsblau.
Thomas macht den Feuerstein.
Thomas glaubt nicht alles.
Feuerstein entflammt.



Thomas Feuerstein gelingt es mit "Planetares Blau", die Pfarrkirche St. Nikolaus zu einer Attraktion zu machen. Ein ausrangiertes Segelflugzeug aus den 1960er Jahren kriegt ein aus Kieselalgen produziertes, ultramarinblaues XXL-Stoffhoserl und bäumt sich auf, erhebt sich, färht in den Himmel ein. Die Baselitz-Hängung wäre ein höllischer Sturzflug. Feuerstein macht alles richtig und lockt die Menschen an.

Montag, 2. Februar 2026

Leberpastete mir gut

Schreibzeit in Altaussee. Der elendslange Jänner ist vorbei, nun kann ich in aktuelle Projekte abtauchen und schreiben, schreiben, schreiben. In Arbeit sind grad drei Dinge: Eine Indiengeschichte - nennen wir sie "Ö-Masala im Nebel"; das "Arbeiterkind" - wird im Herbst im Ritter-Verlag erscheinen; ein neuer Roman, der vorerst mal den Arbeitstitel "Tunnelblick" erhält und gewissermaßen eine Fortsetzung von "Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts" ist.

Altaussee begrüßte mich mit Sonnenschein. Schnee ist nicht sehr viel. Die Ablenkungsgefahr - Wintersport zu betreiben - also nicht sehr groß. Die Wohnung mit Seeblick (das Foto oben ist von der Küche, das unten vom Wintergarten aus fotografiert) ist gemütlich und perfekt ausgestattet. Die äußeren Bedingungen sind also ausgezeichnet. Jetzt liegt es nur noch an mir. Heute ist erstmal Lebensmittelbeschaffung (Grimming Erdäpfel, Monschein Leberpastete vom Bio-Freilandschwein) und Groborientierung angesagt und am Abend werd ich wohl ein Wirtshaus aufsuchen. Morgen dann mit frischem Schwung rein ins Schreibvergnügen. Juhui - ich freu mich!


 


 

Dienstag, 9. Dezember 2025

Putin kommt - ich gehe

Putin besucht Kollegen Modi in Delhi, ich trete meine Heimreise an. 22 Stunden, die es in sich hatten, aber angekommen bin ich letztlich pünktlich, mein Koffer auch. Zwischendurch gab es Panik- und Freudenmomente, 22 Stunden Spannung. Jetzt, aus sicherer Entfernung noch ein paar Nachträge.
Ad Touri-Tour in Delhi: Aus der Rikscha seh ich kaum raus. Der Dachvorsprung ist mein Sichtfeld. Ich muss mich sehr bücken. Dann aber sehe ich einen Wachmann, der am Boden vor dem zu bewachenden Bankomat liegt. Sehe Randsteine-Schwarz-Weiß-Bepinsler, sehe am Straßenrand Pinkler, sehe Tuk-Tuks, E-Bike-Rikschas und all den anderen Verkehr an uns vorbei rauschen. Sehe Modi von Bussen und Wänden auf alles schauend. Und ich spüre, was ein Schlagloch für eine Rikscha bedeutet. Und ich sehe das am meisten missachtete Verkehrszeichen ganz Indiens: "No honking zone".

Unser Driver hört Musik. India-Happy-Music. Die Stimme hochgepitcht, dann wieder ergreifendes Gesumme, helle Trommeln, dumpfe auch, dazu Sithar Gezupfe, ein besänftigender Chor und ein catchy Refrain, fröhliche Flötenintermezzi, Streicher - das volle Programm. Ja, nach dem Chorpart ist alles wieder gut und die indische Harfe hat ihr Solo. Nice.

Ad Long Night of Literatures New Delhi: Die Eröffnung. Große Bühne, große Show. Auftakt mit vorproduzierten Videos aller 14 Poet*innen. Licht aus - los geht’s. Wir sehen den Desktop des Technikers auf der Riesenleinwand. Wir sehen, wie er ein Video-File von einem Datenträger auf den Desktop kopiert. Wir ahnen, was passieren wird. Es beginnt mal alles wie geplant. Dann ist erst der Ton weg, dann die Videos. Es erscheint der Festival-Design-Hintergrund und dann sehen wir wieder die App-Vorlieben des Haustechnikers und wie er verzweifelt versucht, neue Dinge zu kopieren und zu starten. Es wird ihm nicht gelingen. Die im Vorfeld an die Autor*innen gestellten Fragen bleiben unbeantwortet. Was lernen wir daraus? Immer den Desktop gut aufräumen oder eben rechtzeitig Dinge vorbereiten und testen.

Ad Dabolim: Sehr kleinlich sind sie im Hotel Argo by Trance. Es gibt eine Liste, was man alles kaputt machen oder mitgehen lassen kann und was das dann kostet. Vom Seifenhalter über die Obstschale, Badetücher, Handtücher, Fernseher (da war kein Fixbetrag angegeben), Kissenbezug, Matratze, Wasserflasche. Alles nicht sehr teuer außer die Matratze. Aber der Wäscheservice wäre billig gewesen. 70 Rupien pro Shirt. 80 für eine Hose. Für 50 hätte ich auch eine Wasserflasche vom Balkon Richtung Brunnen werfen können.

Überraschung - Weihnachten ist hier big!
Ad Goa: Hier hält man noch nichts von Helmen - anders in den Städten.
Die immer wieder kurzen Stromausfälle in den Strandbars sind vor allem Beim Karaoke lustig. Es sind schöne Momente der blitzartig eintretenden Stille, gefolgt von einer Unruhe, Gemurmel, aktivierten Handytaschenlampen und dann wieder den diversen Hochfahrgeräuschen von allen möglichen elektrischen und elektronischen Geräten.

Generell: Wie hier noch mit Pickel und nicht Schaufel sondern Schaffel, also Schüssel gearbeitet wird, macht mich fertig. So wie wir vor circa 40 Jahren die Verbindung zum Kanal am Ende unseres Grundstückes gegraben haben - nur wir mit Pickel, Gartenhaue und Schaufel. Das war dann das Ende des Surelers, des Bauern, der immer mit seinem Surbansen zu uns kam, um das angesammelte Abwasser und mehr aus der Sickergrube abzusaugen. Ach, es war so schön, die alte Scheiße nochmal zu sehen und ihr dann eine gute Reise zu wünschen. Mit dem Kanal ging alles den Bach runter und blieb nicht mehr in der Grube unter uns.

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Indien-Resümee mit diversen Fokussen

Nicht ein Hund ist mir blöd, knurrend oder kläffend gekommen. Bin weder in Hunde- noch Kuhscheiße getreten. Die Affenbanden haben mich verschont. Habe nicht eine Kakerlake gesehen, dafür letztlich doch sehr viele Kühe (Sie halten sich nicht an den Linksverkehr!), viele Streifenhörnchen, kaum Katzen, unzählige Muscheln, Krabben in den Größen Supermini (mit Erdlöchern und Mustern im Sand), Mini (mit Kampfeinsatz), Klein und Mittel (im Curry), Vögel auch richtig große, Schmetterlinge auch, keine ernst zu nehmenden Spinnen, Ratten vermutlich schon (in Kolkata) aber auch nicht der Rede wert. 
Hab mir weder Kopf noch zehen blutig gestoßen, keine Blasen eingehandelt und hab auch tadellos alles verdaut. Freilich stand der Hintern gelegentlich in Flamme, auch spuckte ich bisweilen Feuer, aber auch da muss ich sagen, wäre dem nicht so gewesen, es hätte was gefehlt. Die Reiseapotheke bringe ich unangetastet zurück. Nicht mal den Obstler hab ich ausgesoffen.  
 

Die Promenade ist auch Yogalehrpfad
Das Roof-Top-Bar-Konzept in Colva hat mir sehr gefallen. Da habe ich recht viel geschrieben.  Auf die Straße runter schauen, das Geschehen im Blick haben und schreiben. Diese Roof-Top-Bar erinnert an Vietnam-Kriegs-Filme, es ist so ein typischer Kamerablick von diesen Sitzplätzen - mit dem Rücken zur Bar aber dem Geschehen zugewandt. In den Filmen ging es in den Bars dann immer um Glücksspiel, Saufen und Drogen. Hier ist es Saufen und Sportübertragungen. Sie zeigen Premier-League-Spiele. Es schüttet. Alle am Spielfeld tragen Handschuhe und langes Zeug und laufen dem Ball hinterher, damit ihnen warm wird. Die im Publikum und auf der Bank sind in dicke Mäntel mit Kapuze gehüllt und schauen finster auf das Geschehen. Ist das noch ein Spiel oder schon erster Dezember? Wann lassen sich die Fußballer eigentlich all diese Tattoos stechen? Tut das nicht weh, stört das nicht beim Training? Ich verstehe Fußball offenbar nicht. Bleibt nur noch das Trinken über. 
Die Locals sind ULTRAS, trinken Starkbier. Die alten Engländer natürlich Premium. Das ist nicht Light Beer - so ist Bier! So ist mir. 

Glücksspielkreuzritter auf dem Mandovi

Ein starker Rücken kann viel 
Huckepack nehmen
Zum Abschluss nochmal die volle Ladung von allem. Panaji ist das Las Vegas von Goa. Von den 36 Regionen Indiens ist Goa die libaralste. Hier ist Glücksspiel erlaubt. Es wird an den Straßen auch fast ausschließlich dafür geworben. Dazwischen ein paar Einzelunternehmer mit Weisheiten wie: Poor people sav money. Middle class people invest money. Rich people trade money. Was Glücksspiel ist? Investment? Ich glaube nicht. It's just gambling. Aber vielleicht haben Kartenspiele wie Sportwetten da und dort Geschicklichkeits- und nicht Glücksspielstatus - dann schaut die Sache schon wieder ganz anders aus. Über das Glücksspielrecht in Indien mag ich mich nicht weiter informieren, das lässt sich alles googeln. Auffälig hier ist aber, dass die Casions auf geparkten Kreuzfahrtschiffen eingerichtet sind, die in Panaji unweit der großen Schrägseilbrücke (Atal Setu) fix im Mandovi verankert sind und nächtens eine irre Lichtshow abliefern und die Umgebung weitum lichtverstrahlen mit Lasern und allem drum und dran. Ist mir bei der Ankunft in Goa vor circa 10 Tagen schon aufgefallen. Mag ich nicht, brauch ich nicht, pfui.

Es gibt eine lange Promenade vom Stadtzentrum dem Flussauslauf entlang Richtung Meer. Da lässt sich wunderbar flanieren, nur nichts konsumieren: Alkoholverbot! Auch wenn man nur ein Limesoda möchte, muss man ab von der Promenade und sich was suchen. Das ist mir dann doch ein bisschen zu konsumfeindlich. 

Big Daddy wirbt mit "Dream Big" und zeigt einen 
Schachbauern, der König werden will
Auch in der Stadt lässt sich kaum ein Platz finden, wo man gemüchtlich das Feierabendbierchen trinken könnte. Alle stehen vor den zahlreichen Schnapsläden rum und lassen sich Hochprozentiges einpacken, das sie dann weiß was ich wo, in Kellern oder Hinterzimmern schlucken. Aber öffentlich schön brav heuchlerisch. Die Laster werden konzentriert auf ausgemusterten Kreuzfahrtschiffen. Mit kleinen Booten werden die Glücksspielkreuzritter hin und her transportiert. Sie ziehen erwartungsvoll los und kommen mit leeren Taschen und voller Hucke wieder zurück.  Ja, wenn dich das Glück verlässt, muss dich der Alkohol Huckepack nehmen.

Fast wie daheim:
Kreuz, Kirche, Mariamuttergottes!
Habe mir endlich Bata-Schuhe gekauft: Sandalen für den nächsten Griechenland-Aufenthalt. Dass Bata und Indien eine besondere Geschichte verbinden muss, ahnte ich, als ich da und dort auf das mir aus Tschechien bekannte Logo stieß. Dass die Inder Bata für indisch halten, ist interessant. Dabei ist Bata so indisch wie KTM. Nur dass Bata halt schon seit 1931 in Indien produziert. Glaube nicht, das Bata sonst noch wo auf der Welt Schuhspuren hinterlassen hat, die so nachhaltig sind wie hier in Indien. Damit wäre gut die Kurve zu KTM gekratzt und ich könnte den Blog hier quasi abbremsen. Es wird aber noch ein Resümee geben müssen. Bin ja viele, viele Stunden unterwegs: Panaji - Mopa Airport, Mopa - Neu Delhi, Neu Delhi - Dubai, Dubai - Wien;

 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Recte Bananis est

Fotokontrastprogramm zur Erzählung
Und dann wird eine Banane zum Problem. Da habe ich wochenlang alle Schwierigkeiten gut umschifft, hab stets geschaut, dass ich Wasservorräte und eine Notfallbanane dabei hab und dann wird die Notfallbanane zum Notfall. Naja, Fällchen, Problemchen halt. Denn die hatte sich so schön eingepasst in die Rucksackaußentasche, dass ich sie nie mehr gesehen, vergessen und eben nie gegessen hab und so hat sich die Banane im Verbund mit diversen Schimmelpilzen und Tierchen ganz gut eingerichtet in meinem Rucksack und wenn ich mich jetzt nicht sechs Nächte am gleichen Ort aufgehalten hätte, wäre mir das ja auch schon viel früher aufgefallen. So aber lag der Rucksack im Kasten und der war zu. Zwar lag lange eine zarte Bananennote in meinem Zimmer, da sie aber zart war, störte sie nicht. Die vielen kleinen Schmeißfliegen hätten mir zu denken geben sollen, aber da ist mein erster Gedanke halt auch nicht Verwesung. 
Ob das jetzt eine Banane aus Kolkata, Delhi oder Dabolim war, lässt sich nicht mehr feststellen. Den Rucksack aber kann ich vergessen. Ich hatte ihn schon fast fertiggepackt, da umschwirrten mich auffallend viele Fliegen und es stach mir dann doch mal ärger in die Nase. Das Übel war schnell gefunden und ich dachte anfangs noch an Schadensbegrenzung und holte das neue Lebewesen - die Schimmelane, den Banschimmel - mit Hilfe von Toilettenpapier aus seinem Habitat und da reckte es mich so richtig. Der Magen pumpte, der Schweiß auf der Stirn war sofort zur Stelle, ich eilte zur Klomuschel und kniete kurz davor. Der Magen kam wieder zur Ruhe, ich nahm wahr, dass ich nun der Klomuschel doch näher war, als man das sonst so - mit dem Kopf - ist und erholte mich langsam wieder. 

Nichts passiert. Der Rucksack aber bleibt hier. Mit Ehrgeiz und Chemie kann man ihn sicher noch retten. Dazu fehlen mir hier die Mittel. Letzter Tag in Colva. Doch noch ein kleines Abenteuer - wieder aus dem Bereich der Natur und ihrerer Vielfalt - erlebt. Weiter geht's.