Samstag, 6. Oktober 2018

Ausflug in die Vergangenheit und den gegenwärtigen Sprachgebrauch

Die Vermessung der Angst (gesehen in St. Veit an der Glan)
Heute am Programm: Impulsveranstaltung sprachsensibler Unterricht im Oberland-Saal in Haiming in Tirol.
Die Geschichtsschreibung ist sich nicht einig, was die Herkunft Haimings betrifft. Es gibt zwei Fraktionen. Die einen meinen Haiming bestünde einfach aus dem gängigen Suffix Ing, das natürlich für Ingenieurinnen und Ingenieure unterschiedlichster Art steht. Und Haiming so schlicht die Heimstatt vieler Ingenieurinnen und Ingenieure war. Vielen ist diese Erklärung zu einfach, die graben tiefer und sind der Meinung, dass Haiming zur Zeit der chinesischen Ming-Dynastie entstand, als Beweis dafür dient dieser Ortsnamenerkundungsfraktion eine mit einem Hai verzierte Ming-Vase.
Aber darum soll es heute nicht gehen. Es geht um Auftakt und Nachschlag, um zwei Texte zu Beginn und drei zum Abschluss, zum Thema Sprache. Dazwischen gibt es einen Fachvortrag.
Das sind mir liebe Aufträge. Ich werde den Auftragstext zum Thema erstmals frei vortragen. Er heißt SMAT GUMF: Sprache mit alles to go und mit flow, ist nicht ganz einfach und relativ lang (8 Minuten). Ja, ich bin nervös. Bei Auftritten in Heimatnähe bin ich immer nervöser als normal. Wird schon schief gehen.

Ich werde zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn von meinem großen Bruder am Bahnhof abgeholt. Wir sind früh dran, wir sind in Haiming, dem Ort, an dem wir in den 1980er Jahren beim Stigger Hosen und beim Höperger Fleisch in Großmengen kauften. Der Höperger ist jetzt ein Café, eine Selchkammer ist der Raucherbereich noch immer. Noch zwei Stunden bis Beginn.
Dann Technikprobe. Nein, kein Headset. Am liebsten Stativ und Mikro mit Kabel, weil am wenigsten fehleranfällig. Wir haben nur Funk. Gut, dann halt Funkgurke. Wird schon halten der Akku. Wird schon keine Interferenzen geben (wird es dann doch gegeben haben, egal). Nein, sonst brauch ich nichts. Danke. Noch eineinviertel Stunden bis Beginn. 

Ich habe nichts zu tun, ich kann nichts mehr tun. Textproben geht jetzt nicht mehr, smalltalken fällt mir allerdings auch schwer. Abwarten. Noch eine dreiviertel Stunde bis Beginn.
Die Massen branden an. Verstecken ist auch keine Lösung. Ich kenne viel zu viele, manche viel zu spät. Da kommt eine Ex, da ein Bruder von einer ehemaligen Mitschülerin, da ein Mitschüler meines Bruders. Da die Nachbarin aus dem Heimatdorf, da der Lehrer, bei dem ich schon mal, dort die Direktorin, bei der ich auch schon mal... Noch eine halbe Stunde bis Beginn.
Ich flüchte in die erste Reihe. Hinter mir sitzt eine Leichtathletiktrainingspartnerin aus den 1980er Jahren. Sie hat viel zu fragen. Immerhin weiß ich auf Anhieb ihren Vor- und Hausnamen. Ich entschuldige mich und gehe an die frische Luft. Noch zwanzig Minuten bis Beginn. 

Oh ja, frische Luft tut gut. Es knistert in der Nase, erst knistert's, dann fließt's. Ich habe Nasenbluten. Ich habe nie Nasenbluten! Seit den 1990er Jahren nicht mehr. Da war's eine Nebenwirkung der Aknekur Roacutan. Da war ich nicht ich. Da war ich der, dessen Freundin aus jener Zeit jetzt im Publikum sitzt. Ich sprinte aufs Klo, stille die Blutung. Dann wieder auf den Platz. Es geht los. 

Ich kippe meinen vorsorglich neben dem Stuhlbein abgestellten Wasserbecher um. Rund um mich ein See. Textblätter nass. Ich auch. Hose: blau, hat tiefblaue Flecken an delikaten Stellen. Ach ja, Durchfall hab ich natürlich auch. Nicht jetzt, aber schon den ganzen Tag. Na, was soll schon noch passieren? Klar, ausgetrockneter Mund während des Vortrags. Lahme Zunge eineinhalb Minuten vor Textende und kein Zwischenapplaus mehr in Sicht. Höllenqualen. Da muss ich durch. Wenigstens hab ich den Text im Kopf. Ich würge ihn mit am Gaumen klebender Zunge zu Ende.
Applaus. Wa-sser. Wa-sser. Läuft. Jetzt kann's nur noch aufwärts gehen. Ich genieße das Bad in der Menge, im Text, bin endlich im Flow. Schön war's.

Montag, 24. September 2018

Vom Suchen von Buchen und Kuchen

Endlich da, der meterologische Herbst.
Endlich da, der Bücherherbst.
Endlich nicht mehr ganz so schön.
Endlich schön genug, um auf der Couch zu bleiben und zu lesen.
Alle schwärmen noch mal panisch aus ins Gelände, in den Wald, um Schwammerl für den Winter einzubunkern, alle kommen mit kiloweise Steinpilze aus dem Waldviertel zurück.

Ich geh in den Lainzer Tiergarten und umarme Bäume.
Ich suche und finde Buchen, fette, große, umarmungs- und verehrungswürdige Buchen.
Ich vergebe gerne Buchen-Hugs und ich verzehre und verziere gerne Kuchen.

Die Sachertorten-Klappmaul-Puppe (oben) hat zuerst ihr Unterkiefer verloren, dann ging's ihr scheibchenweise an die Stirn bis zur Sachertorenfontanelle. Ein Genuss, eine Freude. Herbst ist Buchzeit, ist Zeit für Kuchen. Ich lese los, ich beiße zu und schlucke.

Mittwoch, 29. August 2018

Sommerfrische mit Schiller und Chillern

"Kapitulation vor der Sonne" heißt eines der letzten Gedichte von Charles Bukowski aus dem Jahre 1993 und Bukowski ist ja der Friedrich Schiller der 1970er Jahre. Dass Schiller in St. Veit wohnte, ist nicht belegt, dass er es gerne bunt hatte, auch nicht. Fürs Foto aber machte sich das alles prächtig. 
Nach Griechenland kapitulierten wir vor der Sonne in Wien und flüchteten nach Kärnten. Wir machten Sommerfrische am Weissensee.
„Trinken? Oder denken? Lieber trinken.", entscheidet Buk und fügt hinzu: "Wir wurden zu Philosophen aus Stein auf der Suche nach Besserem. Wir haben viel Schaden angerichtet und sehen jetzt, was übrigbleibt: wir, ihr, sie und die Maschinerie.“ 
Kapitulation ist auch das Thema der Lesungen beim diesjährigen Volksstimmefest am Samstag, den 1. September (und auch am 2.) im Prater.
Der Sommer war lang un heiß, möge ein metaphorisch heißer Herbst folgen. Ansonsten gilt das Credo der Kids des Nachbartisches beim Frühstück neulich am Weissensee. "Du, chill mal mehr, du."

Dienstag, 15. Mai 2018

Meine Bank

Deine Bank sorgt für dich. Deine Bank stellt dich ins richtige Licht. Deine Bank rückt dich zurecht. Deine Bank lässt dich nicht im Sand versinken. Deine Bank weiß, was dir gut tut. Deine Bank ist dein Schuhlöffel in die Budapester Leben. Deine Bank spricht deine Sprache. Deine Bank kann überall sein - auch in Salzburg. Deine Bank mag etwas schräg sein, aber das passt zu dir. Deine Bank deckt dich zu mit Zinsen. Deine Bank will auch nur geliebt werden. Deine Bank kann dir viel sein. Deine Bank will nicht wie eine Xbeliebige behandelt werden. Deine Bank möchte dich besitzen. Ja, deine Bank ist paradox.

Donnerstag, 29. März 2018

Der Vollmond rückt an. Vollmondphasen sind meine Hauptschreibphasen. Da heule ich den großen Himmelkäse an und schreibe wie wild. Die letzte dieser Phasen hatte ich in Stainach zu überstehen. Da drängte sich mir dieses Bild auf.

Ich muss dazu sagen, dass ich mit einer derartigen Blumengießkanne groß geworden bin. Ja, meine Mutter hatte eine solche und so schleuderte mich der Anblick sofort in die Kindheit zurück.

Umfrage: Wer hatte zuhause auch eine derartige Gießkanne? Ich bin gespannt.

Überschrift zu diesem Zum-Bild-Text:
Das Gießkannenumkehrprinzip

Mann im Rock mit Hut stopft Gieskannenhals
Dem Gießkannenhals fehlt der Kopf
Der Beregnungsfunktionskopf

Dienstag, 27. März 2018

Nebelrollenspiel mit Ohren


Da ist eine derridasche Falte auf deiner Stirn
Da blitzt Butler in deinen Augen
Da liegt ein Wittgenstein auf deiner Zunge
Den Hals voll Bachmann, im Magen nietzscht's
Es will was Krauss
Der Kehlkopf ein schmurgelnder Kofler
Im Nacken ein Ringelnatz
Clar, Peter, du bist mein de Man
Meine fünf Freunde der Theorie wollen nur spielen
Besser zwei linke Handke als ein rechter Jünger

Neulich präsentierten wir die Nebelrolle in Klagenfurt.
Das Musil-Haus nahm uns herzlich auf.
Die Hauptplatz-Hasen hatten nur Ohren für uns.
Am Ostersonntag, den 1. April, geht unser Korrespondenzpoesie-Projekt weiter.
Peter ist in Portugal. Ich halte in Wien die Stellung.


Donnerstag, 15. Februar 2018

StaTTschreiber Porträt auf WT1



Hätte ich nicht die eine oder andere Nacht im Hotel verbracht, ich wüsste nicht, dass es ein Wels TV gibt.
WT1 wusste aber, dass es mich gibt und hat ein supernettes Porträt gestaltet. Das es hier zu sehen gibt: https://www.wt1.at/programm/28-09-2017/episode/portrait-stattschreiber-markus-koehle
Vielen Dank Sophie Hochhauser!

Freitag, 12. Januar 2018

Winterfrische

Es stehen mir drei Wels-intensiv-Tage bevor. Meine StaTTschreiberzeit ist zwar vorbei - schön war's - aber ich habe mir da noch ein spezielles Projekt einfallen lassen, das sich an die Sommerfrische vom Stadtschreiber 2015 Stefan Petermann anlehnt. Die Winterfrische erlaubt es mir, drei Tage (Nächte) im Greif zu verbringen und fleißig Geld in Wels auszugeben. Darüber habe ich dann zu berichten und zwar im MKH. "Winterwortsport" heißt der Abend am Donnerstag, den 25. Jänner 2018 und ihr seid alle herzlich eingeladen, zu lauschen, was mich umgetrieben haben wird in den nächsten drei Tagen.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Jahresrückblick - Lesungen II

Slam, Oida Präsentation im Stifterhaus Linz mit Sevi und Sarah-Anna (Foto: Dominika Meindl)
Die zweite Jahreshälfte war natürlich geprägt von meiner StaTTschreiber Zeit in Wels. Von 1. September bis 10. Dezember (mit Tourunterbrechungen) hielt ich mich in Wels auf und bloggte fleißig (alles hier nachzulesen).

Ich las für den Buchclub, für den Club 41, für den Treffpunkt Mensch & Arbeit, für die BuchZeit im Puchberg, ich las auf einem Geburtstagsfest im Traunzeit, auf einem Weihnachtsmarkt in der Alten Rahmenfabrik und im Kornspeicher für die Menschen, ich lieferte einen Beitrag bei der Eröffnung des YOUKI-Festivals und nahm dreimal am Welser Poetry Slam teil, ich gab Workshops für angehende BibliothekarInnen, für HAK SchülerInnen und für ApothekerInnen in spe in der Berufsschule, ich schrieb Kolumnen für die Oberösterreichischen Nachrichten und ließ mir ein Zusatzprojekt mit dem Titel „Winterwortsport“ einfallen, das am 25. Jänner 2018 im MKH Wels präsentiert wird.

Aber am Allerschönsten waren natürlich Anfang und Schluss. Antrittslesung und Verabschiedung. Leider hab ich gar kein Foto von der StaTTschreiber Antrittslesung in Wels am 10. September im Hotel Hausner (Bitte um Zusendung! Danke.) Die Verabschiedung mit Kaffee, Kekse, Köhle Mieze Medusa und Peter Clar sowie DJ Fasthuber wurde dann am 10. Dezember im großen Schl8hof Backstageraum abgewickelt. Ach, schön war's.

Besonders schön war natürlich auch die „Slam, Oida!“ Präsentation in der Wagner'schen (mit Special Guest Christoph Simon und den Innsbrucker Slammer_innen Käthl, Rebecca Heinrich, Stefan Abermann, Martin Fritz und Markus Koschuh) am 30. Oktober als zweiter Termin des von Robert Renk initierten Köhle-Dripple-Features im Herbst in Innsbruck (Teil 1 mit Klaus Zeyringer und Antonio Fian in der Stadtbibliothek, Teil 3 mit Mieze Medusa im Literaturhaus am Inn).

Dieser Paarlauf am 14. Dezember war dann auch der Saisonschluss. Mieze Medusa las aus „Meine Fußpflegerin stellt Fragen an das Universum“ und „Alles außer grau“, ich aus „Kuh, Löwels, Mangoldhamster“, „Wonnebrand“ und „Jammern auf hohem Niveau“ und zum Schluss durfte ich mich dann auch noch in DJ Knut verwandeln. Ein würdiger Abschluss!



Weitere Leseorte 2017 (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

In Wien und Umgebung:
Schule für Dichtung, Café Anno, 7stern, Uni, Alte Schmiede, Brunnenpassage, Spektakel, Café Oben, Wien Museum, Literaturbuffet Lhotzky, Seeseiten Buchandlung, Literaturhaus, Drahtwarenhandlung, Buch im Beisl, BuchWien; 40er Hof Langenlois, Tischlerei Melk;
In Graz und Umgebung:
Kultum Graz, Literaturhaus Graz, Brücke Graz, CCW Stainach, Kunsthaus Muerz;
In Tirol und Vorarlberg:
Bäckerei Innsbruck, Stromboli Hall; poolbar Feldkirch, Stadtbibliothek Bregenz;
In Wels Umgebung:
Salonschiff Fräulein Florentine Linz; Ottensheim;

Und außerhalb Österreichs:
Österreich Bibliothek Tiflis, Herder Zentrum Danzig, Sommerakademie Zakynthos;

Dienstag, 2. Januar 2018

Jahresrückblick - Lesungen


2017 war ein lesetechnisch äußerst erfolg- und abwechslungsreiches Jahr. Die Bücher „Jammern auf hohem Niveau“, „Slam, Oida!“ (mit Mieze Medusa) und „Wonnenbrand“ (mit Peter Clar) und die dreimonatige Zeit als StaTTschreiber in Wels bescherten mir zahlreiche Auftritte mit unterschiedlichem Programm. Einige besondere Abende der ersten Jahreshälfte seien hier noch einmal in Erinnerung gerufen.

„Literatur um 8. Zu zweit durchs Lesen“ mit Gerhard Benigni und musikalischer Begleitung von der Alphornmusi aus'm Katschtal im Parkhotel Villach am 8. Frebruar. Mit 2 Alphörnern auf der Bühne – der Wahnsinn! Und zwei Tage später beim Konzertanz im vierundeinzig in Innsbruck dann gleich mit einem ganzen Steichorchester und Tänzer_innen – noch mehr Wahnsinn!

Das Motto lautete „Der hohen Minne tiefer Fall“. Unter der Leitung von Ya-Wen Yang haben Käthl, Martin Fritz und ich zur Musik von G. P. Telemann: Don Quixote Suite und E. Elgar: Serenade for Strings getextet und Constanze Korthals, Evi Kofler und Tarek Tillian getanzt. Foto oben von Harry Triendl - vielen Dank!

Mit Mieze Medusa gab es im vergangenen Jahr zahlreiche besondere Auftritte. Hervorhebenswert, weil auch mit Kurzurlaub verbunden, war die Performance im Literatur- und Wohlfühlhotel Wasnerin in Bad Aussee am „Tu felix Austria“ Wochenende am 20. Mai (und Armin Thurnher am 21. Mai).

Besonders herzlich war der „DUM im Wiederlesen“ Abend am 15. Juni in Imst. Das DUM-Team rückt vollzählig aus (Wolfgang Kühn, Martin Heidl und Markus Köhle), um einen Jubiläumsabend in der sympathischen Buchhandlung in Imst zu bestreiten. Annemarie Regensburger und Kyn moderierten, Angelika Polak-Pollhammer, ChristiAna Pucher, Ingeborg Schmid-Mummert und der Wortvertreter a. D. lasen und sehr viele DUMs wurden verkauft.

Oberndorf hat sein Dorfjubiläum gefeiert und uns in die VS-Aula geladen (Danke Jochen Burger)