Freitag, 25. September 2026

Poetree pflanzen in Bukarest

Mein zweites Mal in dieser Stadt. Ich bin Fan. Diese Mischung aus alter Bausubstanz, neuem Leben und Urban Art, die das ganze aufmischt, ist sehr erfrischend. Ich bin in der Nähe des Nordbahnhofs untergebracht. Der ist schon mal riesig und erfreut mich mit analogen Anzeigetafeln. Das es so etwas noch gibt und wie schön das ist. Ich bin entzückt. 

Postkasten finde ich dort allerdings keinen. Wie auch sonst nirgends. Werde die geschriebenen Ansichtskarten schließlich an der Hotelrezeption abgeben, in der Hoffnung, dass sie sie aufgeben. Ist halt eine verschwindende Kulturtechnik: Karten schreiben. Blogs schreiben wird wohl als nächstes dran sein. Derweil betreib ich aber noch frohgemut dies und das und hab meinen Spaß daran. 

Beim nächsten Bukarestbesuch kann ich mich dann im Garten des Dichters Tudor Argehzi (1880-1967) davon überzeugen, dass ich erfolgreich einen Poetree in die Erde gesetzt habe und irgendwann wird er dann Poesiepfirsiche tragen. Ich freu mich schon. 

Es wurde dem Setzling auch ein Vers von mir umgehängt, auf dass er allen Widrigkeiten trotze und gedeihe. Dass mein Name dabei etwas verstümmelt wurde, tut nichts zur Sache. 

Ich marschiere zwei Tage lang kreuz und quer ohne Plan durch die Stadt und mache immer wieder Entdeckungen. Das Touri-Programm habe ich ja beim letzten Besuch absolviert. Jetzt kann ich mich ruhig treiben lassen und mache das auch mit Wonne. 

Vom Baumpflanzen abgesehen hatte ich nur noch einen weiteren Termin in Bukarest und zwar beim Internationalen Poesiefestival. Da war ich einer von 11 Auftretenden. Das Ganze firmierte unter Performance Night und es gab viele Beiträge aus Rumänien aber auch aus Frankreich und eben Österreich. Dass viele junge Poetinnen und Poeten aus Rumänien dabei waren war erstenst interessant und zweitens gut für den Publikumszuspruch. Es wurde zwar alles übersetzt (englisch und rumänisch), aber gekommen dürften die Leute schon sein, weil sie wen kannten. Und das ist gut so! Es war ein sehr abwechslungreicher Abend. Es gab alles, von der klassischen Lesung bist zum Thereminspiel, von der Theaterperformance mit Tanz bis zum Hardcore-Beat-Gerumpel. In Summe viel Schauspiel, viel schwarze Kleidung und Dosenbier. Ja, hat Spaß gemacht und die Lesung aus dem "Arbeiterkind" hat bestens funktioniert. Ich bin sehr zufrieden. 


Montag, 21. September 2026

Tschu-tschu-tschu die Eisenbahn

Der Supermarkt in der Nähe vom Bahnhof war mein Ziel für Proviant. An sich eine gute Idee. Aber da war es dann halt nichts mehr mit Touri-Zone. Da stand ich wieder in der Schlange und sie stank. Ich bin auch den ganzen Tag herum gelaufen. Es war heiß, schweißgezeichnet waren alle. Aber dieser Geruch war länger aufgebaut. Beim Pfandautomaten geht's rund. Klar gehen die 3-Liter-Bomben auch rein! 2 Pet-Flaschen bringen 1 Lei (quasi 50 Bani hier - 25 Cent bei uns, kauf mir später eine Semmel dafür). Ich find mir hier jedenfalls keinen Proviant und am Bahnhof, auf der Anzeigetafel, steht mein zug nicht. Er steht aber schon auf Gleis 3. Also rein mit mir und weiter nach Bukarest. 

Wir schnecken raus aus der Stadt. Abgestellte Güterwaggons werden freundlich von der Natur aufgenommen. Auf einem steht groß Uran. Wer weiß, was sich da alles angereichert hat. Das Tempo ist atemberaubend langsam. Es fühlt sich so an, als hätte die Lok die Handbremse angezogen. Es schleift, wir schleifen voran, da gleitet nichts. Sind es die Gleise, die nicht mehr hergeben? Ist es das ganze Bahn-Set-up? Die Geschwindigkeit anzuzigen getrauen sie sich nicht. Wir gruzgen beschaulich dahin. Noch hat uns kein Pferdefuhrwerk überholt, das kann aber noch werden.

Die Zeit vergeht schneller, als wir fahren. Das ist beruhigend. PODU OLT. Das Land ist hügelig und grün. Linkerhand wird es flacher. Schafe, Hunde, Pferde. Pfeiler für einen Highway - eine Stelzenstraße? Verbrannte Wiesen, staubende Steinbrüche, weits Land. Wi rhaben Fahrt aufgenommen, sind in Schwung gekommen und bremsen auch schon wieder, halten. AVRIG. Der Bahnhofsvorstand freut sich. Eine STRABAG-Containersiedlung. Die bauen wohl die Stelzenstraße. Liebherr-Laster wirbeln Staub auf. Im Fluss auf einem Sockel ein Hochspannungsmast. Vogelschwärme. Trockenes Land. Eine ausgesetzte Couch - wohl zum Zugschauen (Trainspotting). Heuballenansammlungen. Noch fünf Stunden. Wir rumpeln gen Süden. BRASOV. Siebenbürgen ist unter anderem für Kirchenburgen bekannt. Das sind wehrhafte Kirchen. Die Burg Bran (dt. Törzburg) wiederum steht hier in der Umgebung von Brasov und gilt als die Heimat des Grafen Dracula. Er war aber nachweislich nie dort!

Die Zugfahrt Sibiu-Bucresti (sechs Stunden 1. Klasse) kostet übrigens 168 Lei (33 Euro). Warum auf dem 1 Lei Schein Enziane sind? Keine Ahnung. Kleine Reiseeindrückeeintrübung: Entdecke gerade, dass ich von Vögeln angeschissen wurde. Schaut aus wie Zahnpastaflecken. Ja, an der Oberschenkelinnenseite. Vielleicht doch die Hose wechseln? Noch drei Stunden.

Lok defekt. Hat sich wohl überanstrengt. Jetzt wird es leider bitter. Zu essen hab ih nichts mehr. Stehen schon eine dreiviertel Stunde. Aber eine neue Lok übernimmt. Die hat es allerdings auch nicht mehr eilig. Das ist mehr ein Verweil- denn ein Eilzug. Für Unterhaltung ist aber gesorgt. Auf Monitoren läuft seit fünfeinhalb Stunden ein circa fünfminütiger Sketch mit zwei biertrinkenden Männern in Endlosschleife. Das Bier im Bord-Bistro ist längst aus. 

Besser sind die zwei jungen Eisenbahnfreaks, die die Fahrt auf dem Tablet verfolgen und kommentieren. Sie arbeiten beide für die DB und sind geduldig, was Verspätungen betrifft. Sie sind sehr gut ausgestattet und erzählen sich Bahnerlebnisgeschichten. Von überfahrenen Wildschweinen bis zu Positionierungen von Kilometertafeln und diversen Signaleinrichtungen. Sie könnten ein Paar sein. Sie nerden sich gegenseitig an, sind aber sehr verständnisvoll und immer einer Meinung. Sie sind definitiv ein (noch junges) Paar und sehr angenehme Mitreisende. Sie reden auch um 23:24 Uhr noch. Wir sollten vor einer Stunde angekommen sein, es wird Mitternacht werden. Sie schauen sich geduldig historische Triebwägen, Waggons, etc.  an und der vermutlich nicht Lokführer kommentiert wortreich (der scheint mir denn doch etwas zu abgedreht für einen Lokfüher, aber was weiß ich schon). Der Nordbahnhof in Bukares jedenfalls ist riesig und so spooky wie alle Bahnhöfe um Mitternacht. Die Hotelsuche kostet mich ein paar Minuten und Nerven, weil ich mich zu sehr auf den Ausdruck von Google-Maps verlasse. Die lassen alles viel weiter erscheinen, als es wirklich ist, denn da ist ja jeder Scheiß eingezeichnet. Da ist mir eine Basic-Karte lieber. Oder einfach eine simple Beschreibung: Beim Bahnhof raus, geradeaus, dann links. Da war es dann auch das My Contiental.

Rumänienreise die Dritte

Hier heißen Haltestellen Penny und Lidl. Hier fahren Busse nach Hornbach. Italien hat sich mit Küche, Kaffee und Bier festgesetzt. Da und dort noch Julius Meinl Reste. Raiffeisen, Sparkasse und dm aber sind groß da. Kein Wunder, dass das Image der Italiener besser ist. 
Noroc in der 3-Liter-Plastikflasche. Bier in solchen Gebinden gibt es sicher auch anderswo. Mir fällt es halt hier auf. Weil der vor mir in der Warteschlange zwei in seinem Körberl hat. Ich frag mich, ob eine 3-Liter-Flasche überhaupt in den Pfandautomaten reinpasst. Wäre schade drum, ist viel Plastik. Touristengruppe schieben sich durch die Fußgängerzone, aber nichts gegen das Geschiebe beim Frühstücksbuffet. Mit Tablett wie in der Mensa steh ich auch dort in der Schlange. Hier gibt es sie noch, die Julius-Meinl-Rechtshänder*innen-Tassen, die Untertassen aber wurden wegrationalisiert. Die werden wohl zu Souvenirs verarbeitet restpektive upgecyclet. Was gleich bleibt: Die Leute schaufeln Rühreiberge in sich, das mir schaudert.

Was mache ich hier? Ich besuche das Brukenthal Gymnasium.


Eine ehrwürdige Schule mitten im Zentrum. Ein beeindruckendes Barockpalais direkt neben der großen evangelischen Kirche. Die Schule knarzt. Es gibt eine Lehrer*innen und eine Schüler*innen-Treppe. Die Lehrerin selbst gendert nicht, gleichwohl fast nur Mädchen in ihrer Klasse sind. Auf den Stufen schönes, altes Holz, in den oberen Gängen altes, durchgenudeltes Parkett überzogen mit Linoleum. Im Parterre Pflastersteine. Im Weltkrieg war das nämlich ein Lazarett, da fuhren die Karren rein. Da gibt es auch noch eine Pferdetränke und daneben ist jetzt die Wasserflaschenzapfstelle für die Schüler*innen. Es sind nicht alle Lehrer*innen deutschsprachig (40/60). Das Regiment ist streng. Es gibt einen selbst gebastelten Handysteckkasten beim Eingang. Tafel und Kreide haben hier noch Stellenwert, strenge Erziehung und Frontalunterricht sowieso. Als Kurzzeit-Workshop-Leiter kommt mir das natürlich zugute.