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Samstag, 4. Dezember 2021

Größte Lesung ever


Am 2. Dezember 2021 saß ich, wie vermutlich viele andere auch, zu Hause und schaute in den Bildschirm. Aber es war Arbeit. Es war Interview und Lesung. Es war die Lesung mit den meisten Zuseher*innen, die ich jemals hatte und wohl gehabt haben werde.

Ich las für die Schüler*innen-Zeitschrift LUX (für die ich seit fünf Jahren monatlich eine Geschichte schreibe) vier meiner aktuellen Lesemäuse-Geschichten, im November LUX wurde dafür geworben, Schulen konnten sich anmelden und es meldeten sich 316 Klassen (!) an, im Chat waren dann 241 aktiv. Hochgerechnet ergibt das ein ganzes Fußballstadion voller Zuseher*innen und Zuhörer*innen. Das ist absoluter und wohl kaum zu brechender Rekord. Volksschulklassen von Südtirol bis zum Neusiedlersee waren mit dabei und um 9Uhr30 war dann auch alles schon wieder vorbei. 


Lara Waldhof
hat mich interviewt. Schon vorab wurden unzählige Fragen geschickt, im Chat ratterten dann die Fragen auch unüberschau- und unbeantwortbar dahin. Ein eindrückliches Erlebnis. Tausende Kinder beglückt und keines davon gesehen. Auch ein stranges Erlebnis. Bleibt zu hoffen, dass die eine oder andere Schule mich - wenn es dann wieder möglich ist - in echt einlädt. Gerne möchte ich mein Klimaticket ordentlich ausnützen und in alle Ecken des Landes fahren, um Kinder auch face to face mit Geschichten und Gedichten glücklich zu machen. Natürlich kann man diese meine Sternstunde auch nachschauen. Hier geht's zur Lesemäuse-Live-Lesung.

Mittwoch, 17. November 2021

Prälockdown Lockerungsübungen

Habe gerade das Mittagsjournal ausgeschaltet. Werde heute auf jeden Fall eine Kulturveranstaltung besuchen und danach oder auch schon gleichzeitig Bier trinken. Bin der Ansicht, dass sich die Ereignisse in den nächsten Tagen überschlagen und sich unsere Befugnisse wieder einschränken werden. Die Wintersaison, das Weihnachtsgeschäft, die deutsche Reisewarnung - das scheinen die Argumente zu sein, die ziehen. Die Intensivbettenlage, die Überbelastung des Pflegepersonals und generelle medinzinische Überlegungen scheren nur die Wenigsten. Muss mir also jetzt schon überlegen, ob ich wieder jeden Montag ran muss, um Montagsdepeschen zu verfassen. Ja, werde das wohl machen, sofern ich auch wieder am Auftreten gehindert werden sollte. Mal sehen, was noch wie lange geht. Einstweilen ein Ratschlag (angelehnt an einen alten Geier Sturzflug Hit): Besuchen Sie Veranstaltungen, so lange es noch geht.

Montag, 8. Februar 2021

Schneller, höher und zurück in die Herkunft


Es muss ja doch weiter gehen. Letztes Jahr fanden die Olympischen Sommerspiele in Tokio ja leider nicht statt, ob sie dieses Jahr ausgetragen werden, steht noch in den Sternen. Uns (Peter Clar und mir) ist das jetzt mal egal. Das Buch ist längst geschrieben, es ist im Jahr in der Warteschleife auch überarbeitet worden und es kommt jetzt (nächste Woche) auf alle Fälle raus. Egal, was Corona und Tokio machen. Die Sportarten bleiben ja auch. Wir haben über alle Sportarten, die dabei sind, geschrieben und das alles mit Fakten, Fanwissen und Fiktionen versehen (und wird am Dienstag, den 23. Februar in der Alten Schmiede präsentiert, sprich gestreamt). Das ist lustig, sportlich und weiterbildend. Was will man mehr von einem Buch? Noch ein Buch, richtig.

Gut, dass noch eines rauskommt. Das war schon lange für dieses Frühjahr geplant. Zurück in die Herkunft (ZIDH) ist eine Mischung aus Slam-Texten und Essays, aus Gedichten und Literaturgeschichten, aus Blumen-Vierzeilern und Ribiselschnaps-Prosa-Exzessen. ZIDH ist schwer einordenbar, aber schwer in Ordnung. Davon wird man sich spätestens bei der Präsentation am 10. Mai im Café Central (geimpft, genesen, getestet) überzeugen können.

Freitag, 30. Dezember 2016

Rekapitulation 2016

Top-5-Orte des Jahres:

* 3 Uhr früh in der Karaokebar Hulibumba am Polarkreis in Rovaniemi,
Finnland (8. Mai)

* Bei Sonnenuntergang in der Grand Hyatt Hotel Pianobar im 53. Stock des Jin Mao Towers in Shanghai, China (11. Juni)

* Auf der Aussichtsplattform des Campanile di San Marco in Venezia,
Italien (29. Feber)

*Auf der Treppe zur olympischen Feuertasse im Schisprungstadion Lilehammer,
Norwegen (13. Mai)

* Im Schneesturm in der Langlaufloipe 1765 Meter über den Meeresspiegel in St. Christoph am Arlberg, Österreich (23. Jänner)


Top-5-Bücher des Jahres:
* Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bim-Bams von Prag
* Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
* Simone Hirth: Lied über die geeignete Stelle einer Notunterkunft
* Kathrin Röggla: Nachtsendung
* Helmut Zenker: Kassbach


Top-5-Auftritte des Jahres:

* Triëdere-Poetologien-Präsentation in der Alten Schmiede – 18. Jänner

* On Page im Kultum Graz: Fußpflegerin und Wolpertinger – 4. Feber
* BibliothekarInnen-Schulungs-Lesung in Strobl – 14. April
* Spoken Word Performance mit Mieze Medusa im Herder-Zentrum in Danzig – 17. Mai
* Mit Mieze Medusa, Marius & Julie im Busolas auf Zakynthos – 11. August



Dienstag, 29. September 2015

Romresümee

Gerade eben die letzte Tazza d'Oro geschlürft und mich über die neuen Tassen und das Logo geärgert.
Die aus einem Tuch Kaffeebohnen übers Land säende Frau schaut auf den Tassen mit nach unten geneigtem Henkel in ihrer Goldvereinfachung aus wie eine Frau, die mit ihrem überdimensionierten Gemächt die Landschaft beregnet. Überhaupt die Tassen: eine Stilverfehlung!

Aber der Kaffee nach wie vor großartig und für diesen Hotspot mit 90 Cent auch noch immer super billig. Kaffeeresümee: von 80 bis 1,30 an der Bar - mehr nicht.
Im Sitzen freilich kann man diverse Wunder erleben, aber das war schon immer so und wenn der Kaffeesüchtler weiß, wo er seine Droge einnehmen darf, macht er das und sitzt dann halt irgendwo anders.  
Caffé Perú in der Nähe der Piazza Farnese und Bar San Callisto grad ums Eck vom Trastevere Hauptplatz.
Die Plätze wo man für den Stehpreis auch sitzen darf, gibt es ja auch noch:
Kulinarische Highlights: Trippa romana da Francesco und das 5-Gänge-Menü zum Fixpreis bei der Trattoria Der Pallaro.
Pasta brauch ich jetzt mal eine Zeit lang keine mehr. Ansonsten scheine ich dieses Monat ohne gröbere Schäden überstanden zu haben.

Montag, 14. September 2015

Der Gladiolenflüsterer

Bin in Rom und schreib an einem Roman. Wenn's nicht stimmte, wär's mir zu kalauernd. Aber hinter jedem Kalauer lauert natürlich eine tiefere Wahrheit. Die Wahrheit augenblicklich ist, dass ich zwar in Rom bin und an einem Roman schreiben sollte, mir aber jede Gelegenheit reicht ist, abgelenkt zu werden. Und in Ablenkung ist Rom schon ganz gut. Möchte übrigens in meinem Roman nicht über Rom schreiben. Bin mir auch noch nicht sicher, ob es ein Roman im klassischen Sinn wird. Wobei da die Grenzen ja erfreulicherweise nicht so streng gezogen sind. Kommerziell erfolglose Romane können schon auch genreexperimentierfreudig sein. Und das alles in der Tradition von Arno Schmidt und Frank Schulz nur mit weniger Lesen, dafür mit Bildern. Nette Bilder, weniger Seiten, mehr Pointen. Ein Buchstabengebirge, das nicht bestiegen werden muss. Eines zum Rauffahren mit der geheizten Gondel. Leseabenteuer leicht gemacht und viel dabei gelacht, hätt ich mir gedacht. Und peinlich gereimt ist stets gut gemeint und das eigentlich das Gegenteil von gut, aber egal. Alles mit Garten, Küche und Krimi geht, sagt der Buchmarkt. Okay, ich mach was mit toten Blumen und Essen. Nicht alle Blumen müssen sterben, aber genug. Nicht alles Essen kann man lesen, aber genug. Ja, was ungemein Ungereimtes. Was schwer Verdauliches, trotzdem Blumiges, leidlich Spannendes mit Lokalkolorit und einer Identifikationsfigur. Arbeitstitel: Der Gladiolenflüsterer!

Dienstag, 8. September 2015

Rom rund um die Uhr

Teil 1: Nachtruhe


Um 22 Uhr singen deutsche Burschen „Lebe wohl Ade“. Bier trinken sie ab Mittag. Die Kleinkarierthemdträger der Capitolina zu Rom (CV) sind direkte Nachbarn und haben einen Balkon mit Blick auf die Via Tor Millina.
Gegen 23 Uhr hat man gegessen und kann jetzt endlich gestärkt mehr und lauter reden. Deshalb wird auch die Musik lauter, werden die vier unterschiedlichen Musiken der Lokale in unmittelbarer Umgebung lauter.
Ein vermeintlicher Startenor schmettert Arien. Hunderte Touristenhände spenden Beifall. Ziehorgeltrottel und Geigenärsche spielen in Endlosschleife die immergleichen verstümmelten Melodien von drei bis fünf Ohrwürmern.
Das steigert natürlich den Getränkekonsum. Nun singen auch andere. Die folgenden Stunden sind geprägt von typisch italienischer Innenstadtlebhaftigkeit garniert mit Gegröle aus aller Herren Länder.
Zwischen 0 und 3 Uhr haben leere, klapprige Sackkarren ihren Auftritt. Gegen 3 wird der Glascontainer – den ich am Tag noch nie gesehen habe – geräuscheffektvoll entleert. Zwischen 3 und 4 verschaffen sich Kehrmaschinen Gehör.
Von 4 bis 6 schläft Rom (die Mücken nicht).
Von 6 bis halb 7 stöhnt sich eine Nachbarin im Umkreis von 100 Metern dem Höhepunkt entgegen. Um halb 7 erwachen die Lieferanten-Dreiradtransporter und knattern durch die Gassen. Ab 7 werden Rollläden mit Rumms hochgezogen und rauschen Klospülungen im ganzen Haus. Oh, die Nachbarin stöhnt noch immer (eine andere?).
Gegen 8 werden erste Motorinos gestartet. Einzelne orientierungslose Rollkoffer irren durch die Straßen – willkommene, wandelnde Slalomstangen für die hochtourig fahrenden Mopedler. Und – Ratsch-Rumms – wieder ein Rollladen.
Guten Morgen Bauarbeiter! Was schremmen wir denn heute? Ach, bis 9 bloß mal auf den Gerüststangen rumhämmern? Wer sonst schon wach ist, teilt das auch mit.
Es ist 10: Mein Penis weckt mich auf, er klopft mir auf die Stirn.
Wieder eine römische Nacht überstanden!

Samstag, 5. September 2015

Herbstputz?

Beruhigend, dass Algorythmen mich noch nicht ganz durchschauen. Habe soeben einen FENSTERSAUGER angeboten bekommen. Für streifenfreie Fenster. Nicht nur, dass ich Fensterputzen als eine der gefährlichsten Haushaltstätigkeiten einstufe, es ist meine Meinung nach auch eine der sinnlosesten.
Das Nachbarhaus wird seit Monaten umgebaut, im Innenhof Erdgeschoss wird auch grad der Boden raus gerissen. Putzte ich heute die Fenster, es kostete mich nicht nur viel Zeit und Mühe, es ärgerte mich spätestens morgen.
Außerdem ist so ein Schleier auf den Fenstern eine Art natürliche Gardine. Hell genug ist unsere Wohnung, ein Sichtschutz kann also nicht schaden, wenn wir unsere Erwachsenenspiele spielen. Was ja jetzt, da die Temperaturen langsam wieder angenehmer werden, durchaus wieder möglich ist.
Einen Fenstersauger brauche ich also wirklich nicht. Es sei denn, er ließe sich auch für andere Zwecke verwenden. Aber da tut es der normale Staubsauger auch.
Ach ja, im Übrigen bin ich grad gar nicht zu Hause sondern in ROM.

Montag, 22. Dezember 2014

It's a long, long way to Tamsweg

In der Unterführung in Unzmarkt
kommen wohlige Gefühle auf
Hab grad keine Sorgen und nichts zu Klagen.
Hab grad Feiertagsvorfreude und nichts zu tun.
Hab grad Lust auf Nichts-zu-tun und Nichts-versäumt.
Hab grad celsiusgradbedingte Frühlingsgefühle und Wintersehnsucht.
Hab grad keine Wortaufläufe und nichts zu - doch:
alles glühweint, es liederlicht ein Chor und es christbäumt sich nichts auf. Alles verquatscht, verkitscht, verbratäpfelt.
Alles verzuckergusst und verkarpft, verkekst und verzeletet. Alles verweihnachtlicht umnachtet.
Ach, alles halb so schlimm.
Hab grad keine Sorgen und nichts zu sagen, auch trockene Lippen und rote Augen.
Aber rot geht ja immer um diese Zeit.
Zeit aufzuhören.
Ab in den Jahreswechselurlaub.
Juhui!

Montag, 8. Dezember 2014

Über Schneelanzen und Zwickerbussis

Während andere Nüsse knacken, sich von Krampussen verdreschen lassen oder einfach James Bond schauen, fahren wir Zug, um dann Gondel fahren zu können und auf über 1600 Höhenmeter den Vollmond nicht zu sehen aber vor geladenen Gästen in zwei Blöcken Wortlawinen loszutreten. Davor gab es Griesnockerlsuppe und Wildlachs auf Blattspinatbett mit Risottotuchent und Gemüsekissen, danach dann Polsterzipfel odre süßes Mousse und Kuchenkanten aller Art. Wir wissen nun, dass Mexico City höher liegt als die Mutterer Alm, dass der Auerhahn LiftbetreiberInnen schlaflose Nächte bereitet, die Mehlpriemel nicht minder, wir wissen auch, was ein Pistenbock ist und dass dieser eine Rodel-Reveolution darstellt, glauben wir gerne, wie die Aufstieghilfe funktioniert, die Ziesel genannt wird, aber nichts mit dem aufständischen Nagetier zu tun hat, bleibt uns jedoch weiterhin schleierhaft, so schleierhaft, wie das Wetter ist. Dass im Gefecht um die weiße Pracht jetzt aus Lanzen geschossen wird und Kanonen Schnee von gestern sind, haben wir ebenso mit eigenen Augen gesehen wie müde Fliegen und verhaltenoriginelle KellnerInnen. Dass angeschickerte, ältere Damen einen Text mit der Verabreichung eines original Salzburger Zwickerbussis quittieren, ist mir bis dato noch nie untergekommen, war aber verschmerzbar und machte sowohl die Zwickerbussi Verteilerin als auch den gelassenen Empfänger sympathsich. In Summe ein eindrücklicher Abend mit interessanten touristischen Einblicken und einem Zimmer mit Badewannenblick auf Innsbruck im Hotel Seppl.

Freitag, 12. September 2014

Biberfieberkopf im Topf

Nein, auf einen Gedanken kann ich mich nicht konzentrieren, mich durchstromen zig Gedanken auf einmal und auf einmal bin ich schon wieder ganz wo anders. Anders hieß der, Thomas Anders und sein Bruder hieß brother loui, loui, loui – ui, ui, ui: Liedgut ist ein positiver Begriff: Leergut hingegen ist sich uneinig. Was soll gut daran sein, dass die Flasche leer ist. Flasche leer ist längst ein geflügeltes Wort. Wort und Totschlag – Schlag und Sahne – Sahne und Kuchen – Schnaps und Fahne – Fahnen sie fort – Kuchen sie früh! Frühkuchen bringt allen was. Was? Ist nicht die Frage. Die Frage ist immer eine andere. Andere hatten wir schon mal. Nein, anders. Stimmt. Wer bist denn du? Du bist ich. Ich bin du? Du verwirrt? Verwirrt und zugenäht und fix und foxi fertig. Fertigkeiten sind mir lieber. Lieber als? Lieber als Baum bin ich Biber. Lieber als Hals Bin ich Kopf. Lieber als Pest hab ich Fieber. Lieber als Torf bin ich Topf. Das heißt am liebsten wärst du ein Biberfieberkopf im Topf? Das kann man so nicht sagen. Sagen kann man alles. Alles und nichts. Nichts, was noch nicht gesagt worden wäre, wäre wohl keinen Gedanken wert. Nicht? Nein. Wau.

Donnerstag, 11. September 2014

Kein Stimmungsaufheller

Bald ist wieder Wintermantelzeit - Juhui!
Mach doch mal was Negatives.
Mach doch mal in Moll, ist ja schließlich Herbst:
Titel: Trübsal und Salbei.

Mein Dulddocht glimmt
Die Lage stimmt
mich bedenklich
nein, ich bin nicht kleinlich, denk ich
Ich bin wach
Ach, schlief ich doch tief
Ach, rief ich doch die Zweifelgeister nicht andauernd an
Ach, blieb ich doch viel näher noch am Denkvermögen dran
Ach, hätt' ich doch, ach, würd ich doch, ach, machte ich vielleicht
Ach, schrüb ich doch mal einen Text, der tief und nicht so seicht
Ach, schiss ich doch auf Metrum, Rhythmus, Versmaß und Gleichklang
Ach, schrüb ich doch mal keinen Text der fünf Minuten lang
Lang, lang, lang, lang, lang, lang – unverlangt
Ach, hätt' ich doch, ach, würd ich doch, ach, machte ich vielleicht
Ach, hätt' ich, hätt' ich, hätt' ich, hätt' ich, hätt' ich, doch im Bett dich
Im Bett dich mit mir
Wired
Wird schon werden
Wer nicht tot ist, wird sterben

Dienstag, 2. September 2014

Die Invasion der Unterordner – vom Regulativ zum Chaossuperlativ

Als mir neulich mein Bildschirmschoner ein Foto eines mir besonders verhassten Menschen zeigte, beschloss ich, nicht nur meinen Desktop, sondern auch meine Festplatte aufzuräumen.

Was für ein Fehlentschluss, was für ein Schuss ins Knie, was für ein Kniefall vor dem vergeblichen Versuch, Ordnung ins Leben zu bringen. 

Chaos bedeutet im Altgriechischen nicht zu Unrecht Abgrund. Ich gebe mich geschlagen, gebe auf und kapituliere vor der Invasion der Unterordner. Diese Ordner ordnen nichts mehr. Diese Ordner sind der Chaossuperlativ und dieses Foto ist mir dabei auch untergekommen (gesehen in Braunau). 

Ausgeschlachtete Telefonzellen müssen sich ja wirklich einsam fühlen. Vielleicht ist diese Postkastenschutzhütte eine Lösung.

Samstag, 12. Juli 2014

Wie wir euch sehen

Durfte neulich bei der Ausstellung "Wie wir euch sehen" von Jay Finger, Gerlinde Gröllinger, Margit König, Renee Sillam und Ute Walter einen Wortbeitrag abliefern. Die Ausstellung läuft noch bis 25. Juli in der Quellenstraße 149, im 10. Bezirk. Vorher aber - an einem Freitagmorgen im Jänner - saß ich Modell und wurde porträtiert. Ich kannte niemanden und nützte die Gelegenheit, während ich gemalt wurde, über die Malerinnen zu schreiben. Es entstand folgender Text:

Mahlzeit zum Quadrat

Ute mit Hut trägt eine beängstigende Plastikschürze.
An malen habe ich dabei nicht gedacht – eher an schlachten.
Gerlinde vollführt ein graziles Pinselflorett, die Linke elegant am Rücken.
Margit redet viel und hat mir den Weg gewiesen.
Jay lugt immer wieder hinter der Staffelei hervor und mag meine Socken.
René mag meinen Mund. Mein Mund wird die Schinkenfleckerl mögen.
Vier von fünf tragen Schürzen.
Die Malschürze scheint den Malerinnen das zu sein, was mir der Morgenmantel ist.
Eine Malschürze verrät natürlich viel über einen. Eine Malschürze ist aussagekräftiger als ein gut gewartetes Facebook-Profil. Mit der Malschürze schlüpft man in eine andere Welt.
Mit dem Überstreifen der Malschürze legt man den Alltag ab beziehungsweise deckt ihn zu, um in die eigene Welt einzutauchen.
Mit dem Überziehen des Morgenmantels decke ich die Nacht zu und schlüpfe in den Tag.
Die Malschürze ist ein Ticket in die Innenwelt – losfahren muss man dann aber schon noch.
Um Fahrt aufzunehmen, muss Farbe aufgetragen werden.
Mit dem ersten Stricht beginnt die Reise ins Irgendwo.
Eine Malschürze kann verräterisch und aufschlussreich sein.
Eine Malschürze ist wohl auch so etwas wie eine Kuscheldecke.
Sobald sich die Malschürze an einen schmiegt, schmiert man ab, will heißen driftet man ab und taucht ein in die persönliche Welt, die es dann nur noch um- und aufs Blatt zu setzen gilt.
Mit dem Schreiben ist das ja ähnlich. Gut, ich kann schon auch ohne Morgenmantel – im Sommer. Aber vielleicht sollte ich mir auch eine Schreibschürze zulegen.
Vielleicht lässt sich die Muße mit einer Schreibschürze locken.
Vielleicht schaut sie dann öfter vorbei. Einen Versuch ist es wert.
Ab morgen werde ich mich wortlos in den Schreibschurz stürzen, auf dass der Schreibsteilflug beginnen möge und Schnitt und ab in die Gegenwart:
Aus der Küche die ersten Gerüche
Langsam krieg ich Schinkenfleckerlodeur induzierten Speichelfluss
und Schwierigkeiten beim Stillsitzen macht nur der überschlagene Fuß
Aus dem Gang Türglockenklang
Wer klopfet an?
Die Vicky – na dann – Klappe und Mahlzeit die zweite!

Geburtstagspartyhopping

Eben noch Marmorbüsten, Familienbilder in Öl, Geigengeburtstagsständchen und Sektgeflöte – jetzt Rauchschwaden, Offensivgelalle und Rauschpalaver. Einen größeren Schritt von einer zur anderen Schicht kann man in Innsbruck in kurzer Zeit wohl gar nicht machen. Vom Saggen-Villa-Salon-Fest ins Conte dem Bahnhofsbeislklassiker bei der Raiffeisenpassage und jetzt warten auf den Nachtzug. „As beers go bye“ und den Abend Revue passieren lassen. Das Geburtstagskind läutete ein, der Postbote orgelte im Hintergrund, das Buffet war eröffnet und ich in Bereitschaft. Zeit, das Publikum zu studieren. Mein's war's nicht, soviel war bald klar. Die Jubilarin 70, die Freunde zum Teil älter.
Aber Vorurteile sind dazu da, widerlegt zu werden. Irgendwann hatte ich sie geknackt und die Skepsis in den Gesichtern wich, vereinzelt leuchteten sogar Augen und blinzelten Goldzähne. Die Party-Roben glitzerten, die Perlen waren echt und jeder hatte mehr Rolex am Arm als Promille im Blut. So auch sie, die mich in die Ecke drängte, aufs Sofa nagelte und löcherte. Schulter-, Unterarm-, Handgetätschel, zufälliges Fuß-Bein-Gestreife und beim Reden viel zu nah dran. „Der Ekel“ hätten sie gerade im Literaturzirkel gelesen und Werfel möge sie der Sprache wegen und reden und tatschen und blond und zu dünn und Bling-bling-glitter-flitter-Hose und diamantbesetzte Goldrolex und doppelte Pelenkette und Schuhe im Wert meines Monatseinkommens. Auch ein Geruch schlug durch. Nicht Schweiß – ich schwitzte. Sie roch eher kultiviert abgestanden sektrauschig, übergriffig und gesprächig. Das war der Odem der wohlstandsgesättigten Langweile.
Ich ergriff die Flucht und im Conte hatte auch wer Geburtstag und schmiss eine Lokalrunde Jägermeister. Augenringe wie Dampferschwimmreifen nur in ganz rot und ohne Streifen – 32 Jahre – Respekt! Kein Spott, kein Hohn? Ein bisschen, aber mittlerweile mehr Rausch und insofern nicht mehr heikel. Der Zug konnte kommen und kam auch.

Samstag, 5. April 2014

Schokomasse und Bergmassive - oder die Kunst der Verführung bei Bergers zu Lofer

Temperierrohr oder der Schokoquell
Wir fahren von Salzburg Richtung Lofer. Machen eine Ehrenrunde im Walser Kreisverkehr. Da steht nämlich ein Walser Birnbaum in einer Art Calimero-Schale. Wir fahren vorbei an vielen Betrieben, an Zäunen hängen Werbebanner mit Anzugmännern die Festnetz-Tastentelefonhörer ans Ohr halten und sich als diverse Versicherungsmakler präsentieren. Wir passieren einen Trödelverkauf, eine Forellenräucherei, ein Landratsamt, ein Bergwachtsheim. Tiere, die wir nicht kennen, weiden im Grün. Wir überqueren dauernd Gewässer, die Unkenbach, Saalach und Schwarzbach heißen. Wir kurven uns voran. Schilder amüsieren uns. Es geht nach Schneuzelreuth, zum Kniefpass, zum Röhrenwirt. Hangsicherungsgitter bewahren uns vor Steinschlag, nicht aber vor Steinmauern.
Mieze beim Hasenguss
Die hat man gern hier. Fensterumrandungen sind hier offenbar auch ein Muss. Es gibt aber auch nackte, neue Häuser. Die sind dann schnittig modern in Reihe mit Tiefgarage und Grasbalkondeko oder sonst irgendwie trendig kunst-am-bauig. Es reichenhallt. Da ein Waffeneck, dort das Café Bobo's, Deppenapostrophen dort und da, Schiständer auch. Die Fleischhauerei heißt Rass und der Familientagespass kostet 82 Euro. Rundherum – klar – Berge: die Reither und die Lofer Steinberge mit dem Reifhorn (2504 m) in der Mitte. Das gibt sich matterhornig, schneebedeckt und exponiert. Der Ort hat noch Läden keine klassischen Vorstadt Fressnapf-Drive-in-Baumax-Gebäudekomplexe. Unser Ziel ist die Firma Berger (feinste Confiserie). Unser Vorhaben ist eine Fotostrecke. Unsere Aufgabe Osterhasen herzustellen.
Wir (dem mit dem Doppelkinn, die mit dem Doppelsinn) produzieren Schokoladenhüter -
 Wir machen das in schokobraunen Mänteln und in weitgehender
Lachende Hasen und lauernde Formen
Unkenntnis des Prozesses. Wir lernen aber schnell. Schokolade fließt und härtet schnell. Wir arbeiten langsam. Wir sind keine Schminkroboter. Wir pinseln händisch mit weiß, braun, grün, oranger Qualitätsschokolade. Die Formen sind negativ und spiegelverkehrt zusammenzuklappen. Das erfordert schon Umdenken genug. Wir tupfen, verstreichen und streifen Hasen, wir malen uns fette Blumen aus und verleihen Schlappen Ohren Pfiff. Wir verlieben uns in das Temperierrohr (das ist eine nie versiegende Schokoladenquelle, ein Schokobrunnen im Loop). Wir verlieben uns generell in Wörter: Schokoladenfladen, Knuspernougatmänner, Knallbrausenhase. Wir füllen die Formen großzügig. Wir sind nicht die Gramm-, wir sind die Kilo-Klasse. Wir haben ein Faible für die Rüttelplatte, die die Hasen hoppeln und die Form auskleiden lässt, die Schokoschleuder erinnert uns an Prater-Attraktionen - „Jetzt geht’s up and down und hoch und her und rauf und runter und munter weiter bis zum Magen Bruch!“ - nur beschert die Schokoschleuder den Hasen ihre generelle Hohlheit, wohingegen
Mieze malt
Prater-Attraktionen maximal für Magenfreiheit sorgen. Wir geben den Hasen Zeit, zum hart werden und verbeißen uns einstweilen in Konfekt und alkoholische Eier. Wir schauen angehenden Pralinenmeisterinnen beim Mandelsplitterstreuen und Verpackerinnen beim Zellophaneinschlagen zu. Wir dringen in den Bürotrakt ein, Anschauungsobjekte unter Glasstürzen, Bürokräfte vor Bildschirmen, im Eck das Besprechungszimmer mit rundem Tisch und freier Sicht auf die Bergmassive. Wir sind überwältigt, obersgetrüffelt und voll edel satt. Couchierte man uns jetzt, wir wären feinste Masse, Walzengut bester Qualität. Wir werden informiert, beschenkt und betütet. Wir schütteln Chefitäten-Hände wie vorher Hasenformen. Wir fühlen uns bestens behandelt und lassen uns im Verkaufsraum verführen. Wir kaufen Geschenke für mehr Freunde als wir haben, aber wir haben Freude und noch was vor.
Der bekennende Grobmotoriker schaut zu und ist um Schadensbegrenzung bemüht
 In Wals wartet die Ostereierbemalerin, in Salzburg der Wetterhahnherstellmann. Hase – Eier – Hahn – Firma – Frau – Mann.
Eine runde Sache, ein bunter Ostertrip, eine Fotostrecke mit Mieze Medusa und Markus Köhle am nächsten Donnerstag im Magazin ihres Grauens: NEWS

Montag, 17. März 2014

Verkiesung

Wenn man aufwacht mit dem Bild eines „schwarz gesandeten Teerpappdaches“ dann weiß man, dass man von einer Welt geträumt hat, in der man sich schon lange nicht mehr bewegt aber die man kürzlich – familienbesuchsbedingt – aufgesucht hat. Teerpappnägel fallen einem dann auch gleich ein und die Gummiteller die diese von normalen 100er Nägeln unterscheiden. Seltsame Welt der Träume.
Was da hervorgekehrt wird. Ja, ich habe vor geschätzten 30 Jahren dabei geholfen, das Dach des Holzschuppens mit Teerpappe zu decken. Und ja, den einen oder anderen Nagel habe ich irgendwie (also schon mit einem Hammer) durch die Pappe ins Holz drunter gejagt, wohl mehr schief als recht grad. Und nochmals ja, das Dach gibt es in dieser Form längst nicht mehr, den Schuppen schon (Schuppen sind hartnäckig). Das Dach ist jetzt kiesgeschottert. Was so als Wort betrachtet ja auch was kann.

Freitag, 14. März 2014

Schadnager Preisschlager Kwizda ist da!

Zu meiner Zeit lockte man Kinder mit Raider.
Raider oder Mars war die Frage.
Hauptsache irgendwas zäh-pickig-süßes mit Karamell.
Jetzt also Schadnager. Soll sein.
Ist auch ein schönes Wort: Schadnager.
Und auch eine gute Werbung.
Allein diese Farbgebung.
Und dann die Wortwahle: Rattenscharf!

Gesehen bei mir ums Eck in der Haberlgasse.
Ratten nehmt euch in Acht.
Raider geht um, da hilft twix.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Jogginghosensäcke am Welttag der Samen

Keine Joho - eine Pyho!
Heute ist der Tag der Samen. Es gibt einen Weltfriedens und einen Weltkrebstag, es gibt den Murmeltiertag und den Weltnierentag, den Pi-Tag und den Tag des Deutschen Bieres, den Weltschildkröten- und den Weltzugvögeltag, den Mutter- und den Milchtag, den Barnabas- und den Bloomsday, natürlich den Tag des Handtuchs, den Weltdufttag und den Tag gegen den Lärm, den Tag der Freude und der Fische, den Lungen- und Kopfschmerztag, den Tag der Sauna und den Tag der Tollwut, es gibt einen Vorlese- aber keinen Zuhörtag, es gibt den Tag des Eies und den Weltnudeltag und tatsächlich auch einen Tag der Feuchtgebiete und der 21. Jänner ist der Welttag der Jogginghose und nicht nur das; es ist auch der international hug day und das trifft sich gut, denn wer eine Jogginghose hat, wird Tag für Tag gehugt.
Denn die Jogginghose (Joho) ist weit mehr als ein Stück Wohlfühlstoff. Die Joho ist Stoff für ganze Dramen und ohne Joho keine Kultur, also keine Freizeit- und Fernsehkultur. Ohne Joho auch keine Daniel T. Spira Alltagsgeschichten und generell keine Sozialpornos. Ja, vermutlich nicht mal Exhibitionisten ohne Joho, also schon ohne, aber vorher hatten sie meist eine an. Ohne Joho würden wir immer noch im Pyjama die Zigaretten, Post und Bier holen. Ohne Joho wäre Mel C Sporty Spice noch Vorstadtfrisörin. Ohne Joho steckte der Hip-Hop noch in den Kinderschuhen und ohne Joho hätten es viele Poetry Slammer nie auf die Bühne geschafft. Ja, eine Joho enthält vermutlich mehr Genmaterial als eine Samenspende und heute - 6. Februar - ist der Tag der Samen. Amen.

Dienstag, 14. Januar 2014

Vogelorigami

Ich bin ein Sprecht! Das lautstark zu beteuern, komme ich oft nicht umhin, zumal der Sprecht! ein Vogel ist, der mir sehr entspricht. Einerseits der Imperativ von "sprechen" - andererseits dies beharrlich klopfende Wesen. Ein "Sprecht!" halt. Sonja hat mich erhört und in Papier gebannt.
Vielen Dank dafür!

I



Ach ja: Sprecht! ist zu finden (lesen und hören) in "Ping-Pong-Poetry" von Mieze Medusa und Markus Köhle, erschienen im Milena Verlag 2013.