Dienstag, 26. Januar 2010

Die Djura-Brigade

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 11 (Seite 755-873)
Jugoslawien: die prekäre Einheit zerbrochen, die Faschisten in den Sattel gehoben. Es bestehen aber geheime Gruppen (seit 1938):

„Man nannte sie Sljemiten, nach dem Berge, auf dem ihre Gründungskonferenz stattgefunden hatte, oder Aprilisten – in der Nacht vom 17. auf den 18. April 1937 war Vasso Militsch in Moskau umgebracht worden. Sie bekannten sich zu dem Toten und verurteilten im Namen der Revolution seine russischen Mörder und die von diesen eingesetzte Führung der kommunistischen Partei.“ (S. 761)

Mara hat eine kampfbereite Truppe um sich geschart und verteidigt ihre Insel die Grüne Bucht. Ein Großangriff steht bevor. Man ist sich einig. Djura soll flüchten. Der Dichter Djura muss weiter leben. Die Flucht gelingt, Djura landet bei Ljuba (mit dem Tod ihres Mannes Andrej hat alles begonnen), jetzt ist sie die Verbindung von der Insel zum Festland. Mit Ljuba wollte Djura einen Neubeginn versuchen, doch er wird in Zagreb verhaftet und weil er seiner Überzeugung treu bleibt und die Begnadigung via Kurier verspätet eintrifft schließlich gehängt.

Donjo kommt zu spät auf die Insel. „War's ein Fehler gewesen, aus Frankreich wegzugehen? Gewiß! Ein Fehler mehr.“ (S. 818). Er landet dann auch bei Ljuba, die ihm Djuras Aufzeichnungen gibt. Der Tod Djuras macht Dojno wieder feurig. Er will die Briefe eines Gehenkten heraus geben. „Es muß dem letzten Opportunisten beigebracht werden, daß es gefährlich ist, sich auf die Seite der Mächtigen zu stellen.“ (S. 832) Die Djura-Brigade (so nennen sich die Überlebenden des Insel-Kampfes um die Grüne Bucht) wird immer größer. Man kämpft nicht für die Größe Jugoslawiens auch nicht für den Untergang des deutschen Volkes, sondern für alle, für die Freiheit aller.
Tschetniki, Ustaschi, Djuraten: jeder gegen jeden, man reibt sich gegenseitig auf. Für die Dörfer sind die Partisanenkämpfe ein Unglück, denn die jeweils neuen Besatzer nehmen immer fürchterliche Rache an den Einwohnern. „Seit langem war die Antwort auf die Frage, wie es ginge: 'Teski Zeiti!' - schwere Zeiten. Das zweite Wort hatte man dem Deutschen entlehnt.“ (S. 769)

Mehr und weniger bekannte Weisheiten: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Und was der Reiche zuviel getrunken hat, das erbrechen die Armen.“ (S. 772)
Schönheitsideal?: „Kaligraphische Frauen mit rhetorischen Schenkeln.“ (S. 782)
Vertrautes Übel: „Von allen Dummköpfen waren ihm die gebildeten am unerträglichsten.“ (S. 841)
Und die Apoplexie ist nichts anderes als ein Schlaganfall.

Jeannot unterwegs

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 10 (Seite 649-752)

Dojno schreibt für seine Kameraden Briefe an deren Frauen und Angehörige. Die Truppe ist ein bunter Haufen. Leo, Bernard,
Berthier, Pierrot, Litwak, Faber. „Litwak war der ärmste von ihnen allen. Er war der einzige, der nie Pakete, nie Geld bekam, nur ganz selten einen Brief. Er erwartete keinen. Er erwartete nichts. Er war zu tief gestürzt, tiefer als der Abgrund.“ (S. 656) Litwak, ein Fall für Dojno. Litwak aber hat was gegen Intellektuelle: „Etwas so Blödes wie einen Intellektuellen kann Gott nur in seinem Zorn erschaffen haben“ (S. 659) Außer Berthier fallen alle Kameraden.

Dr. Meunier will Donjo zurück nach Paris bringen, Dojno verweigert die Hilfe auch von Karel lässt er sich nicht helfen, das Angebot Heinrich Liebmanns allerdings kommt ihm schließlich gelegen. Seine Frau erinnert ihn an Gaby. „Sie sieht Gaby ähnlich, dachte Dojno, allen Frauen sieht sie ähnlich, derentwegen ein Jüngling feierlich dumm und dann witzig, kühn und dann melancholisch wird.“ (S. 696) Doch selbst bei den Liebmanns findet Dojno keine Ruhe, er will sich in den Tod flüchten: „Es mußte ein Unfall sein, kein Selbstmord.“ (S. 704) Und wer rettet ihn? Jeannot, ein Kind, acht, neun Jahre alt.

Drittes Buch: Die verlorene Bucht; Erster Teil: Unterwegs (Seite 711-752)
Wir schreiben das Jahr 1941 und Dojno hat einen neuen Lebensinhalt: Jeannot. Er lebt in einem kleinen Dorf und mochte seine Wirtin:

„Sie war das Volk – mehr als irgend jemand, dem er bisher begegnet war (…) Sie beklagte jedes Unglück, das irgendwem zustieß, aber ihre Augen wurden wieder jung, sobald sie von kleinen oder großen Unglücksfällen sprechen durfte.“ (S. 714)
Selbst Lagrange gelingt es nicht, Dojnos neue, nein, erstmalige Heimat und Idylle zu zerstören. „Ich lebe jetzt für Jeannot. Das ist eine klare Antwort. Stürbe ich, so wäre es nicht für ihn. Er würde noch einmal verwaisen.“ (S. 724) Lagrange resümiert: „Der ist kein Politiker mehr, kein Genosse. Ein tödlich verwundeter Revolutionär, der bevor er hinüberdämmert, böse Träume hat. Den letzten bösen Traum.“ (S. 726)

Und dann genügt eine Nachricht und alles ist wieder anders. Albert Gräfe (der, dem das symbolträchtige Unrecht widerfahren war) wurde umgebracht und Mara wünschte sich, dass Dojno nach Dalmatien kommen möge, Prevedini will ihn dort hin bringen. Unterwegs also: von Frankreich über Italien nach Dalmatien. Dojnos Hoffnungsfröhlichkeit über das Gelingen dieses Unterfanges spricht für sich, er hat keine Lust auf eine Unterhaltung mit Skarbek und sagt: „Es ist einigermaßen verfehlt, auf dem Totenbett neue Freundschaften zu knüpfen“ (S. 741) Und nochmals Tod: „In knapp zehn Jahren hatten sich die Landkarten Europas für Dojno verändert. Sie zeigten ihm die Topographien des Todes.“ (S. 752)

Weisheit des Tages: Das Gedächtnis ist dem Erinnernden eine Quelle der Qual, den anderen aber unerwünscht (S. 729)
Roman Skarbek warnt: „Auch ich habe Poeten zu ernst genommen, das büßt man bis ans Ende seines Lebens.“ (S. 741)
Verzweifelte Lebenserkenntnis: „Alles begriffen und nichts angewandt!“ (S. 744)

Sonntag, 24. Januar 2010

Roche for Public Eye Award 2010

Der Pharmakonzern Roche ist für die Auszeichnung „übelstes Unternehmen des Jahres“ nominiert. Und da ich schon mal in Roche-Stadt-Basel sitze, interessiert mich das natürlich. Seit 2005 gibt es die Public Eye Awards, die von den Gewinnern höchst selten entgegen genommen werden (vergleich dazu die Big Brother Awards in Ö. http://www.bigbrotherawards.at).

China ist nach den USA der zweitgrößte Markt weltweit für Organtransplantationen. Roche profitiert davon, indem der Konzern das Medikament Cellcept vertreibt, das Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen unterdrücken soll. Cellcept wird mittlerweile sogar in China selbst hergestellt. Ende 2005 eröffnete Roche in Shanghai eine eigene Produktionsstätte mit 1300 Mitarbeitern.

„Es sei höchst wahrscheinlich, dass in die Roche-Studien auch Patienten einbezogen würden, die Organe hingerichteter Gefangener transplantiert bekommen haben, begründet Public Eye die Nominierung von Roche."
schreibt Martina Keller in der ZEIT (Nr. 4/10) und weiter:
„In keinem Land der Welt werden Verurteilte häufiger hingerichtet als in China. Die Todesstrafe kann für 68 Delikte ausgesprochen werden. Amnesty kommt für das Jahr 2008 auf mindestens 1718 Exekutionen, wobei die Dunkelziffer erheblich höher sein dürfte. Und jedem Toten können mehrere Organe entnommen werden. (…) Der Organbedarf könnte die zahl der Hinrichtungen befördern. (…) Für die chinesischen Kliniken ist das eine gute Möglichkeit, den eigenen Etat aufzubessern.“

Jetzt noch voten. Die Preisverleihung findet am Mittwoch, den 27. Jänner 2010 in Davos statt. http://www.publiceye.ch

Die vergebliche Heimkehr 2

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 9 (Seite 559-645)

Relly thematisiert die Rolle der Frauen. Dojno versucht zu trösten. „Laß, noch einige Trostesworte aus deinem Munde, und ich müßte mich aus dem Fenster stürzen.“ (S. 561) Irgendwie gelingt es Dojno aber doch eine Gaby für sich zu gewinnen. Josmar und Thea haben sich ohnehin endgültig gefunden und Hitler erhebt derweil Anspruch auf das Sudentengebiet. Der Krieg scheint unvermeidlich, Auswandern für Dojno daher unverantwortlich.

Gaby hat es nicht leicht mit Dojno:

„Komisches Wesen, ein Mann! Vor einigen Minuten noch war der Körper einer Frau für ihn alles, er war blind und taub für die Welt – jetzt liest er über die Schuhe im Mittelalter oder die Arbeiterbewegung nach Hitlers Niederlage. Wenn ich jetzt 'Hilfe' schrie, er würde mich erst nach dem fünften Male hören. Komisch, so ein Mann, sehr komisch!“ (S. 592)

Man erfährt von Stalins Gräueltaten, kann aber keinen Zweifrontenkrieg führen. Hitler bleibt der Hauptfeind, ihn gilt es zuerst zu besiegen und da gilt Russland trotz allem als sicherster Verbündeter. Frankreich interniert alle Deutschen und Österreicher, Stetten widersetzt sich: „Er lehnt es ab, Komplize einer Aktion zu werden, die seine Einsicht beleidigt.“ (S. 613) Stetten erleidet einen Herzanfall, versucht aber trotzdem Albert (der wieder mal Verschwörungsopfer ist) zur Flucht über die Grenze zu verhelfen und stirbt dabei selbst.
Dojno zieht frewillig in den Krieg.

Kleine Flucht und großes Vorhaben: „Suchen wir in diesem alten Armagnac Trost für die Dummheit der Zeitgenossen. Im nächsten Leben werden wir uns mehr mit Ästhetik abgeben.“ (S. 573)
Patentes Rezept: „Um glücklich zu sein, genügte ihm, sich an seine unglückliche Kindheit in einem lothringischen Dorf zu erinnern.“ (S. 636)
Aufopferung des Tages: „Nein, dir, Dojno, kann man wirklich nicht nachsagen, du hättest dich geändert. Ich erde vielleicht einmal aufhören, dich zu lieben, aber noch in der Sterbestunde werde ich mich bereithalten, dir mal schnell einen Kaffee zu brühen.“ (S. 561)

Weisheit des Tages: „Wenn man jung ist, kann man sich in Taten ausdrücken. In meinem Alter kommt es nicht mehr auf die Tat an, sondern auf die Haltung.“ (S. 617)
Weisheit 2: „Recht haben ist wichtig, aber nicht alleine sein ist viel wichtiger.“ (s. 641)

Stetten frevelt: Psychoanalyse ist die Brille der Blinden! (S. 625)
Beziehungstipp: „Man soll eine Frau nicht länger warten lassen, als sie braucht, sich die Hälfte der Vorwürfe auszudenken, die sie dem Geliebten an den Kopf zu werfen hat.“ (S. 574)

Zu klärende Fremdwörter, Floskeln:
Okarina: Blasinstrument, Gefäß-, Schnabelflöte mit 10-12 Löchern
captatio benevolentiae
: Elaborierte Form des Um-Ruhe-Bittens, „erheischen des Wohlwollens“ zB vor einer Rede, Theaterstück, etc.
nihil humani mihi alienum
: Nichts Menschliches ist mir fremd

Dienstag, 19. Januar 2010

Tiefer als der Abgrund

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 8 (Seite 459-558)
Zweites Buch: Tiefer als der Abgrund; Erster Teil: Die vergebliche Heimkehr

Stetten holt Dojno zurück nach Wien. Donjo hat allerdings arge Schwierigkeiten mit dem Neubeginn. Deshalb verheddert er sich erst mal in der Vergangenheit und läuft einer alten Liebe nach. „Ihre komplizierte Frisur ließ das Gesicht frei.“ (S. 469) Er rechtfertigt das natürlich anders: „Um mich zu bestrafen, daß ich Sie vergessen habe, und um Ihnen zu danken – für damals.“ (S. 471)
Dojno muss erst lernen, wie man ist, wenn man unglücklich ist. „Er war voller Furcht vor der Rückkehr ins Leben.“ (S. 480) Stetten wird eingeladen, die Regierung um zu bilden. Seine Forderungen werden natürlich nicht erfüllt. „Man bietet ihnen Macht an, genau in dem Augenblick, da sie Ohnmacht wird.“ (S. 485) Bald darauf ist Österreich nicht mehr und es heißt wieder einmal fliehen.

Marlies holt sich ihre Tochter Agnes zurück. Stetten ist gebrochen, will bleiben, bleibt zu lang und landet in den Händen der Gestapo. Immerhin setzt sich Marlies (Gattin des mächtigen Tann) für die Freilassung ihres Vater ein. Treffpunkt aller: Paris „die Liebe zu dieser Stadt, deren verführerischer Reiz es war, daß sie dem Untergang den Schein des Überganges verlieh. Denn der Untergang hatte begonnen.“ (S. 513)

Edi und Josmar schmieden Pläne. Sie wollen eine Spielzeugfabrik und parallel dazu wieder eine Bewegung aufbauen. Stetten findet Gefallen an Albert Gräf und dessen Geschichte. Mara will Slavko in Paris umbringen und Karel will, dass Donjo die Ermordung des Dichters Ottokar Wolfan vereitle. Beides misslingt. Stetten konstatiert als Hauptmotiv der Epoche: „Mißbrauch der Liebe zum Zweck der niedrigen Vernichtung“ (S. 557)
Und da fragt dann mal wer nach Dojnos Motivation:
„Vielleicht aus Leibe zu der Vorstellung von einer Welt, wie sie sein müßte,
sein könnte.“ und versteht nicht: „das kann schon sein, aber warum das? Warum
nicht Liebe zu Menschen? Zu einer Frau, zu Kindern, zu den Genossen?“ (S.
498f.)

Wahrheit des Tages: „Niemand ist so einsam wie der Mensch, der es ablehnt, zu vergessen.“ (S. 477)
Zu klärende Fremdwörter:
Faszikel: Aktenbündel, ungebundenes Fragment eines Buches
Felonie: Vorsätzlicher Bruch des Treueverhältnisses zwischen Lehnsherr und Lehnsträger

Freitag, 15. Januar 2010

Die Brasel


Tier des Tages

Die Brasel ist eine zahnarme Nagetiergattung aus der Ordnung der Paarhufer. Die Brasel ist sehr scheu und nur in den Wintermonaten, zur Begattungszeit anzutreffen. Sie hält die warmen Monate über Sommerschlaf und ist mit einem dicken, widerstandsfähigen Wuschelfell gesegnet, in das sie sich in den Sommermonaten regelrecht einspinnt und so unter Brücken, Felsvorsprüngen jedenfalls aber in Wassernähe übersommert. Sie frisst, was ihr vor den Rüssel kommt, ist aber friedfertig. Sie erdrückt ihre Beute, liebkost sie zu Tode. Dabei ist auch ihre lange, starke Zunge von Vorteil, die sie einem Fangarm gleich steuern kann. Die Fachsprache der Ringer kennt den Begriff „Braselklemme“.

Mit dem Faultier ist die Brasel nur insofern verwandt, als das Leben des Faultiers überwiegend mit dem Rücken nach unten auf Ästen hängend, jenes der Brasel hingegen vorwiegend mit dem Rücken nach oben auf Brücken statt findet (Foto: Mittlere Brücke). Die Brasel kann zwar auch hängen aber nur an Schwanz und Zunge. Das Hängen am Schwanz macht sie nach der Begattung, auf dass der Same in ihr bleibe. Das Hängen an der Zunge macht sie nach zu üppigen Mahlzeiten, auf dass die Nahrung den Magen erreiche.

Die männliche Brasel heißt Brösel und ist daran zu erkennen, dass sie ein Ohr weniger hat als die Brasel. Gelingt es dem Brösel nicht, sich einmal im Jahr fortzupflanzen, so verliert er eine weitere Extremität. Beinlose Brösel begehen meist aus Schmach Selbstmord (in der Regel durch Ertrinken, bei Autobahnbrücken zunehmend auch durch Überfahren).

Nach dem Sommer wird geworfen. Danach begibt sich die Brasel gemeinsam mit dem Begatter auf Wanderschaft und macht Brücken- und Partnertausch. Sodann beginnt der ganze Kreislauf wieder von vorn. Eine fleißige Brasel kommt mit ihrem jeweiligen Brösel ganz schön rum. Je nach Lebenswandel, Flussverlauf und Verpestungsgrad des Habitats bringt es die Brasel im Durchschnitt auf zwei bis drei Länder (freilich viele Städte) und circa 20 Lebensjahre.

In Basel fühlt sich die Brasel ganz besonders wohl. Die Rheintaxigesellschaft „Wasserfloh“ hat die Brasel jüngst zu ihrem Wappentier gemacht.
Junge Brasel mit Brösel an Bratkartoffeln ist in Untergrund-Feinspitzkreisen eine Spezialität offiziell aber aus Artenschutzgründen nicht erhältlich.

Mittwoch, 13. Januar 2010

... noch die ins Schweigen hinabsteigen

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 7 (Seite 359-453)

Dojno trifft auf Albert Gräfe den „Schwarzen Engel“ auf den er gewartet hatte. Gräfe ist übel mitgespielt worden. „Gegen das Unrecht des Feindes versucht man zu kämpfen, aber am Unrecht, das einem die Eigenen antun, geht man schändlich zugrunde.“ (S. 364) Dojno ist hin und her gerissen und erleidet bei einer Rede mit dem Titel „Das verlorene Nimandsland“ einen Schwächeanfall. Er wusste, dass sich seine Stimme künftig solchem Text verweigern würde. Dojno möchte die Flucht nach vorne ergreifen und sich als „Frontschwein“ nach Spanien abkommandieren lassen.
Karel verhindert das und stellt ihn in Paris zur Rede. Karel klärt auf, wie Sönnecke und Voss zur Strecke gebracht wurden und was von den Verschwörungstheorien von Gräfe zu halten ist.
Von der Heimat in die Emigration getrieben, immer auf der Flucht und dann, im vermeintlich heilen Land erst recht wieder angeklagt und das Ziel ist, dass man geschändet als Konterrevolutionär sterben soll. Ein Jammer und ein Teufelskreis. In damaliger Diktion: Dialektisch. Zu lange zum Zitieren aber traurig treffend: „In unserem Land ganz allein zu sein, das war schon zu Dostojewskis Zeiten sehr gefährlich. Um es kurz zu machen:“ (S. 393) und dann hebt der Verfahrensleiter an und entwickelt einen äußerst dialektischen Wahrheitsbegriff.

Sönnecke aber bleibt standhaft, will beim Prozess keine im zugeteilte Rolle spielen, sondern sagen, was er zu sagen hat. Er wird schließlich schon vor dem Prozess hinterrücks erschossen.

Auch Vosso lässt sich nicht einkaufen von der Macht, lässt alles über sich ergehen und schließt in Frieden ab mit seinem Leben. „Sie haben recht, ich verzweifle nicht, weil ich nicht hoffe.“ (S. 427)

Karel erwartet sich von Dojno: „du mußt Gefrierfleisch werden. Eiskasten oder Selbstmord, das ist die Alternative.“ (S. 429) Wünscht aber, dass sein Handeln verstanden wird, er hatte es ja auch nicht leicht mit seinem angesägten Knie und seiner Frau, die zur Geliebten seines Peinigers Slavko wurde und sich schließlich ertränkte. „Du hast begriffen, es gibt unter uns, den Toten und den Überlebenden, keine Unschuldigen.“ (S. 435)

Dojno wird das alles zu viel. Er verfällt in Schweigen. Erst Stetten kann ihn wiederbeleben und nimmt ihn mit nach Wien. „Der gute Faber wußte soviel über die Welt, aber er ahnte nicht einmal, daß er einen Sohn hatte.“ (S. 442) Von Hanusia, die aber lebt jetzt in Canada. Und Josmar lebt noch immer. Auch er hat es schwer verwundet nach Paris geschafft und wird schon wieder kritisiert. Worauf Relly der Kragen platzt: „Gesegnet seien die Männer, die vom Wetter sprechen oder von ihren Geschäften oder von Weibern oder vom Kartenspiel.“ (S. 448)

Redestrategie des Tages: „Er improvisierte wie immer, dachte laut im Gespräch mit einem Gegner, dem er soviel Intelligenz zubilligte, wie er selber hatte.“ (S. 374)

Wahrheit über die Dummheit und die Vergangenheit: „Es ist die spezifische Dummheit der Mächtigen, daß sie glauben, sie könnten die Vergangenheit beliebig ändern.“ (S. 423)

Über Banken, Kärnten u.a.: „Der Betrug hat aufgehört, nur ein Mittel zu sein, er ist zur Einrichtung geworden, der Mißbrauch der Macht hat aufgehört, ein Umweg zu sein, denn die Macht ist einigen wenigen zum ausschließlichen Ziel geworden.“ (S. 444)

Vertrautes Gefühl: „Die Geduld ist dahin, sobald man dessen bewußt wird, daß man sie übt.“ (S. 446)

Vertrautes Gefühl 2: „Nur die vergessen wollen, suchen den Trost.“ (S. 451)

Zu klärende Fremdwörter:
Vaudevilles: U.a. Genre des US-amerikanischen Unterhaltungstheaters
(und immer wieder) Schibboleth: (ohne die ganze Geschichte dazu) eine sprachliche Besonderheit, durch die sich ein Sprecher einer sozialen Gruppe oder Region zuordnen lässt. Noch was: Dschugaschwili war im Übrigen Stalins Geburtsname


Dienstag, 12. Januar 2010

Verschriftstellert

Ja, Kollege Schmidt hat mich auf die Idee gebracht, diesen Basel-bzw.-Dicke-Bücher-Blog zu machen.
Schmidt hat täglich 20 Seiten Proust gelesen und darüber dann ausführlich berichtet.
Ich nehme mir monatlich eine Schwarte vor (im Jänner eben Manès Sperber) und lese täglich was geht.
Apropos Proust:


Verschriftstellert

Ich prouste, du jonkst mir entgegen.
Ich habe keine Joyce, ich grasse dir eines vor den Lenz, dass du nur so köhlmeierst und deinerseits deinen Menasse scharf raimundest und mir zweigst, wo der Hackl hängt.
Das schillert, schindelt und schuht an meinem Nestroy aber ein Schwitters fritzt mir dabei nicht aus meinem Einbaum.
Das musilt dich, du wondratschekst, dass es andere Kofler braucht, um dich zu verkrausen.
Mit einem bisschen Streruwitzen kann man mich nicht jelineken.
Und wer bloß mitterert, der jandelt meist Schrott.
Ich rühm mir ja frischmuthiges Zenkern.
In diesem Simmel: Artmann


Montag, 11. Januar 2010

NdT4

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 6 (Seite 308-356)

Störte und seine Wundertaten. Die Gestapo schleuste Leute in Kommunistische Gruppen ein oder schnappte sich Kommunisten, folterte sie so lange, bis zum Kollaborieren bereit waren und wartete, auf den geeigneten Zeitpunkt, um alle hoch gehen zu lassen. Störtes Aktionen sind erfolgreich, Sönneck ahnt warum und lässt den Undercovermann auffliegen. Da steht schon die Gestapo vor der Tür und alle müssen flüchten. Josmar findet Zuflucht bei seiner Ex-Nachbarin Thea. Deren Ex-Gatte („Ich scheiß auf die Politik, bin aber ein braver Nazi.“) ihm dann trotz allem die Kugel aus der Schulter holt.
Es entspinnt sich eine eigenartige Beziehung. Allein liebesfähig ist Josmar längst nicht mehr.

„Also schloß Josmar, war diese Thea in ihn gerade verliebt. Er sollte nicht weggehen, ehe sie seinen Skalp hatte. Gut, das konnte sie haben. Diesen Abend wollte er noch Musik machen, doch morgen würde er sich in einen Liebhaber verwandeln und zwei Tage später weggehen.“ (s. 341)

Traurige Erkenntnis: „Nur keine großen Gefühle, nur nicht leiden, darauf kam es an.“ (S. 344)
Traurige Erkenntnis 2: „Hinter jedem einzelnen, der sich opfert, stehen andere, die opfert er mit – ohne sie zu fragen, ob sie es wollen.“ (S. 349)
Allgemein anwendbare Formel
(z. B. auf Linz09): „Wen das Wunder einen Abend lang sättigt, der muß drei Tage hungern nachher.“ (S. 310)
Nicht mehr gebräuchliche Wendung
: Expropriation der Expropriateure
Zu klärendes Fremdwort:
Megäre
: Böse, wütende Frau, Furie (Rachegöttin)

Sonntag, 10. Januar 2010

Tabs&Tees&Ticks

Ein großer Teetrinker bin ich fürwahr nicht
Doch deucht mich schon, das war mal anders
Ich spreche von den Teebeutelaufhängevorrichtungen
Sind die normal nicht schlichter?
Wenn nein, seit wann nicht mehr?

Ich geb es offen zu, ich hab beide nicht erstanden
Die lagen offen in der Küchenlade
Auf dass sie aufgespürt und aufgebrüht
Ich bracht's nicht übers Herz
Schwein gehabt ihr Beutel!

Seid ihr das überhaupt noch?
Kann ein Tetraeder je ein Beutel sein?
Und überhaupt: was ist das zweite Gebilde, ein Tab?
Der Fragen viele, hier, der Schneeflocken auch, draußen

Ich will mich überwinden
Flott, flott der Kessel möge pfeifen
Die Tassen hurtig raus geräumt
Ich senk das Tab und zieh am Label
Die Spannung steigt, ich piss mich an

Mit Majestät und Symentrie entspinnt sich edel doppelzüg'ge Eleganz
Ich bin entzückt, noch immer feucht und widme mich dem Tetraeder
Chaotisch lustig purzelt dieser in die leere Tasse
Er landet selbstbewusst und harrt des heißen Schüttguts das ihn treffen mag

Er ist bereit, ich bin es auch, genug gewartet, Tee getrunken
(Gaumen verbrannt)