Sonntag, 9. November 2025

Indienklischeeabbaustelle

Was weiß ich schon von Indien? Nichts. Fast nichts. Nichts als Klischees. Gut, in die Schlagzeilen geriet Indien im Sommer hierzulande durch den Ausspruch Rajiv Bajaj, Chef des KTM-Miteigentümers Bajaj Auto, im indischen Fernsehen. "Die europäische Produktion ist tot", sagte er und sorgte damit natürlich für Beunruhigung. 
KTM hatte bei mir lange einen hohen Stellenwert. Ich spielte gerne Quartett und beim Motorrad-Quartett gab es eine KTM-Moto-Cross, die ziemlich gut war, fast so gut wie Heinz Kinigadner, der war Tiroler und erfolgreicher KTM-Moto-Cross-Fahrer und was wünschte sich mein Kleinkind-Ich: ja, eine Mini-Moto-Cross. Was hatte ich? Ein Vollgummifahrrad mit Stützrädern aber immerhin im Moto-Cross-Style. Den entsprechenden Sound hatte ich selbst zu machen: Mööh, mööh, mööh, mmemmem, möh... Bald schon konnten die Stützräder entfernt werden, ich wurde waghalsiger und der vorläufige Höhepunkt der Waghalsigkeit war, dass ich mich vom großen Bruder mit dem Puch MV50 Moped (und einem daran und an meinem Lenker befestigten Abschleppseil) ziehen ließ, jedoch recht bald die Kontrolle über mein Gefährt verlor, das ich jedoch nicht auslassen wollte und so halt in Western-Manier über den geschotterten Parkplatz gezogen wurde. Immerhin eine bleibende Erfahrung, die schmerzte so wie vermutlich KTM-Arbeiter*innen die Aussage von Bajaj schmerzte. Weil wenn die europäische Produktion tot ist, ist auch Mattighofen tot und so endgültig mehr Museum als Produktionsstätte. 

Das mit dem hohen Stellenwert von KTM hat sich freilich rasch geändert. Der Tiefpunkt war die KTM-Motohall, die als Museum eingestuft und aus dem Kulturbudget finanziert wurde, letztlich aber nichts anderes ist als ein Stefan-Pierer-Mausoleum, halt ein mit öffentlichen Geldern aufgestelltes. Landeshauptmann Thomas Stelzer freilich sah das anders: „Die KTM Motohall zeigt in Oberösterreich ein Projekt von Weltformat. Was KTM hier hinsichtlich Emotionen und Engagement leistet, ist sehr beeindruckend. Zu spüren, wie motivierte Mitarbeiter hier Möglichkeiten wahrnehmen und gemeinsam mit KTM als Leitbetrieb einen Teil der Erfolgsgeschichte des Landes Oberösterreich mitgestalten, ist beeindruckend und motivierend – ich gratuliere KTM zur Umsetzung der KTM Motohall.“

Ich gratuliere dem Herrn Landeshauptmann zu diesem Statement. Was Stelzer zum Ausspruch Bajajs zu sagen hatte? Ich weiß es nicht. Ich weiß so vieles nicht und sehr wenig von Indien, werde aber in fünf Tagen eben dorthin aufbrechen. Damit ich also möglichst offen für die konkreten Indien-Erfahrungen bin, versuche ich hier im Vorfeld abzulegen, was mich an Indien-Klischees und -Bildern vorbelastet. 
Was ich erst durch das Schreiben dieses Beitrags und dem damit verbundenen Rumgoogeln erfahren habe ist, dass Bajajs  Großvater ein Adoptivsohn des indischen Staatsgründers Mahatma Gandhi war, dass er aus altem, indischem Industrieadel stammt und dass die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Pune der Standort der KTM-Fertigung in Indien ist. Ob ich dort vorbei komme? Wir werden sehen. Morgen mehr. 

Dienstag, 4. November 2025

Parkhäuser und Eisdielen in Slamnitz

Chemnitz ist Kulturhauptstadt und Chemnitz war Slamnitz, war eine Woche lang auch die Poetry-Slam-Metropole, denn die deutschsprachige Slam-Szene kürte wieder mal ihre Meisterin. Gratulation Ayşe Irem (damit ist sie erst die dritte Siegerin in der Geschichte der deutschsprachigen Meister*innenschaften). An sich wollte ich ja gar nicht mit dabei sein, aber weil die Krankheitswelle so grassierte und die Plätze für Österreich ja seit Jahren hart umkämpft sind, sprang ich (nicht nur ich auch Mieze Medusa) ein, nahm den Zug und acht Stunden später war ich schon in Chemnitz, wo mir der Wind um die Ohren pfiff (was die umstehenden Windräder rechtfertigt). 

In Chemnistz selbst fielen mir - neben den Plattenbauten und der mir ja sympathischen Brutalismus-Architektur - vor allem die Menge an Eissalons und Parkhäusern auf. Parkhäuser kenn ich nur noch aus Kindheitstagen, da wünschte sich mein Kleinkind-Ich ein Parkhaus mit integrierter Tankstelle, um mit den Autos aus und ein zu fahren, zu tanken und sie auch mit dem Aufzug raufzukurbeln. Arg. Wie wir mit dem Autospielen auf eine Autozukunft vorbereitet wurden. 

Bei uns verschwinden Autos in Städten ja zunehmend in Tiefgaragen, in Chemnitz ist noch Platz genug. Da gibt es selbst im Zentrum, in der Altstadt mehrere Parkhäuser. Gehörten alle gesprengt, meine Meinung. Oder zumindest mit Kunst verschönert. Ein bisschen was war ja zu sehen von der Kulturhauptstadt. Vieles aber versteckte sich in Garagen. #3000Garagen - unter diesem Label firmierte das Hauptprojekt im Rahmen der Kulturhauptstadt. Die Garage - da wo sich Auto, Hobby und Menschen trafen und weitgehend unkontrolliert machen konnten, was sonst nicht möglich war in der DDR. 

Zeit für eine Garagentour hatte ich nicht, mich verblüffte die Anzahl der Eissalons, Eisdielen, Eis-Cafés, der Irgendwas-mit-Eis-Spots die auch Eispol heißen konnten, aber wohl Wärme und Wohlsein suggerieren sollten. Diese Eis-Hot-Spots waren auch gut besucht und die Chemnitzer*innen schaufelten ganze Kübel in sich rein. Es muss wohl ein Mittel sein, sich die Stadt schön zu eisessen. 

Die Fabrikshallen von einst sind jetzt alle Ausstellungsräume, Veranstaltungs-Locations oder umgebaute Wohnungen. Das schaut ganz schön toll aus und erinnert auch an die Industrie-Vergangenheit. Chemnitz war das Manchester Sachsens. Wie geht man mit einem derartigen Erbe um? Versucht man das Birmingham Sachsens zu werden? Jaja, Transformationsprozesse machen Menschen und Städte durch, die Sprache sowieso. Ich wollte einen Turnbeutel mit Kulturhauptstadt-Logo kaufen und musste erfahren, dass das eine Gym-Tasche wäre. Nicht das aber der Preise schreckte mich ab. Ich investierte lieber in Kulturbier (aber auch nicht sehr viel). Die Nase rann mehr, als dass ich Bier die Kehle runter rinnen lassen konnte. Eine Erkältung meldete sich an obwohl ich weder den Eispol noch sonst eine Gelateria aufsuchte. 

Der bunte Schlot, der von Weitem zu sehen ist, dürfte wohl zum Markenzeichen der Stadt werden. Wenn er ein Produkt der Kulturhauptstadt ist - gut. Wenn er schon länger steht - umso besser. Der Kurztrip nach Chemitz war eine runde Sache. Dass Lia Hartl - die frische Ö-Slam-Siegerin - auch dritte der deutschsprachigen Poetry Slam Meister*innenschaften wurde, war natürlich der Sahnegupf des Aufenthalts.   

Ein Nachtrag, um zu demonstrieren, was ich von KI halte. Der Prompt "Slam 25 Siegerin" wurde von KI wie folgt beantwortet:  
Die Siegerin des Poetry Slam 25 gibt es nicht mehr, da "Slam 25" wahrscheinlich eine falsche Jahreszahl war . Die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft fand 2025 nicht statt, da sie erst im November 2025 stattfand und Ayşe Irem die Siegerin war, oder der Wettbewerb wurde unter einem anderen Namen ausgetragen.
 
Warum sich auf den Scheiß verlassen?!

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Slam the Cello

Die letzte Woche hatte ich richtiges Boy-Group-Tour-Feeling. Mit dem Programm "Slam the Cello - Rock the Poetry" war ich mit Cemplified und dem Beatboxer Samuel Plieger unterwegs (mit Zug und Schienenersatzverkehr) und wir spielten zwei speziell an den Nationalfeiertag angepasste Shows im Alten Kino Landeck (dort wurde auch das tolle Foto als Plakatsujet verwendet, vielen Dank!) und im Treibhaus in Innsbruck. 

Cemplified besteht aus den zwei Cellisten Julian Walkner und Peter Pölzer. Sie präsentierten nebenbei ihre neue CD tungsten wound und sie spielen eigene Nummern und interpretieren Hard-Rock-Klassiker und andere Ohrwürmer. Wir machten vier Nummern gemeinsam, sie vier solo, ich vier solo und drei Nummern gingen gemeinsam mit dem Beatbox-Star über die Bühne. Der Treibhaus Turm war voll und wir alle voll und ganz zufrieden. Mögen weitere gemeinsame Auftrittsmomente entstehen!

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Thomas Bernhard heißen meine Brüder

Wer ein richtiger Thomas Bernhard Fan ist, besucht mindestens einmal im Leben Ohlsdorf. Er*Sie rutscht dann auf den Knien um den Hof des Weltliteraten und wettert vor sich hin: "Wien hat mich nicht verdient, Graz ist nichts, Linz ist nichts, rechts von Linz ist nichts, Salzburg ist die Hölle, Ohlsdorf der Vorhof davon...." oder ergötzt sich einfach an den Spuren, die Thomas Bernhard in diesem Ort hinterlassen hat und entdeckt Neues. Ich hatte ja die größte Freude daran, dass direkt bei der NMS-Haltestelle ein Haus mit einmaliger Fassaden- und Zaungestaltung direkt darauf gewartet hat, von mir entdeckt zu werden. 

Als ob es mir zu Fleiß vor die Nase gestellt worden wäre. Ich mit meinem "Land der Zäune" auf Lesereise (am Abend steht die Lesung daraus in der Kurdirektion in Bad Ischl an) und was tut sich da vor meinen vor Erstaunen aufgerissenen Augen auf? Nicht nur die prächtigste Gabbionengrundstücksumrandung, nein, damit nicht genug. Gabbionen wurden auch als Fassadenelemente verwendet! Nicht zu fassen. Aber auf jeden Fall ein Foto wert. Ein Mahnmal der Geschmacklosigkeit und der Zaunmoden gleichermaßen. Ein Sinnbild der Verschlossenheit. 
Ohlsdorf sonst natürlich tiptop. 

Montag, 6. Oktober 2025

Selbst ein Kärntner See ist keine Frittatensuppe

Der jüngste Aufenthalt in Kärnten stand im Zeichen von Familie, Arbeit aber auch Freizeit mit Freund*innen. Wir haben zwei Nächte in Egg am Faaker See bei Familie Clar (Danke Peter!) verbracht und eine lange beziehungsweise kurze Nacht in Klagenfurt im Musilinstitut (Danke Edith!). Die kulinarische Reise reichte vom Weißwurstfrühstück am Sonntag bis zu Arni Furno ke Gigantes (Lammstelze mit Riesenbohnen) beim Griechen in Villach. Dazwischen wurde Wimitzer gereicht. Das war in Summe die perfekte Mischung, hat aber doch dazu geführt, dass wir recht augepowert die Rückreise antraten. Wie gut, dass das Lunchpaket eine ganze Backhendlfarm enthielt. Wir werden Kärnten fleischig herzhaft in Erinnerung behalten. 

Nicht unerwähnt soll freilich auch der Marktbesuch am Samstag Vormittag bleiben. So viel Speck und Würste hab ich lang nich mehr gesehen. Kaufte einen Kärntner-Kasnudel-Vorrat aber schon auch (von Bertl Mütter empfohlenen) Senf, nona Speck und richtete mich - nachdem es am Freitag doch Samstag und 3 Uhr geworden war - mit einer Friattensuppe in der Markthalle wieder auf. Dass ich dort auf die Lesung im Musilinstitut angesprochen und mit Lob überhäuft wurde, war der wärmendste Moment des Aufenthalts. Obwohl an sich eh an zwei Tagen noch ordentlich die Sonne scheinte. Aber gegen Suppe und Lob kommt kalt selbst ein Kärntner See und Spätsommersonne nicht an. 

Dieses Suppenküchenlob allerdings war ähnlich überraschend wie die Entdeckungen, die ich im Großraum Faaker See machte. Dort hat doch tatsächlich ein*e Fan/Freund*in/Unbekannte*r "Land der Zäune" Pickerl ziemlich gezielt an gut ausgesuchten Stellen angebracht. Ich nahm die Schnitzeljagd an und hab versucht, zu dokumentieren (was ich halt so fand in einem 2 Stunden Spaziergang). 

Freitag, 12. September 2025

Abenteuerwels

Wandle auf alten Pfaden. Mache einen Wels Abstecher. Kaufe ein "Wös is ka Fisch"-T-Shirt und besuche die aktuelle Stadtschreiberin im Black Horse Inn. 
Es ist kein Geheimnis, dass die aktuelle Welser-Stadtschreiberin Mieze Medusa (also meine Frau) ist. Es ist alles andere als ein Geheimnis, dass wir die Antrittslesung am Dienstag, den 23. September im Hotel Hauser gemeinsam bestreiten werden. 
Deshalb, so hab ich mir gedacht, kann es nicht schaden, wieder mal vorbei zu schauen. Zu schauen, was sich so getan hat in den letzten 8 Jahren. Und es gibt viel zu schauen. Da wird großflächig entsiegelt, dort wird großflächig versiegelt. Vielen Dank für das Renaturierungsgesetz - geschätze Leonore Gewessler!

 


Dienstag, 1. Juli 2025

Schärding ist nicht Schladming - Schärding ist schön

Darmflora

Du bist mein Leberblümchen
Nicht meine zarte Gürtelrose
Bist mein Vergissmeinnicht
Bist Veilchen und auch Herbstzeitlose

Du bist nicht mein Ohrenkaktus
Du bist mein schmatzend Schamlosmoos
Bist Glockenblume, Iris und auch Nektarsoß

Du bist Wurzel, Knospe, Blüte
Ich dir nicht gewachsen
Bist Farbe, Freude, Güte
Ich mach nur Faxen

Du bist der Schön-, Herzlich-, Fröhlichkeiten ein ganzer Strauß
Und dieses Landesgartenschaublumengedichtchen nun aus

Mein erstes Mal in Schärding. Tolle Stadt. Brauerei im Zentrum. Landesgartenschau drumrum. Tadellos. Großer Hauptplatz, Bahnhof etwas außerhalb aber mit Bummelzug verbunden. Bummelzug stinkt zwar etwas, aber wollen wir außnahmsweise drüber hinweg sehen. Ist ja schließlich ein öffentliches Verkehrsmittel. Aber für die Zukunft: E-Bummelzüge müssten schon drinnen sein, gell! Wenn wir schon beim Kritisieren sind, sei auch gleich gesagt, dass es auch schön gewesen wäre, wenn die Gastro und die Toiletten mit etwas Baumschatten versehen worden wären, von der Bühne wollen wir jetzt mal gar nicht reden. So eine Klozelle in der prallen Sonne heizt sich ganz schön auf. Ich fall ja nicht so schnell in Ohnmacht aber das durchschnittliche Landesgartenschaupublikum ist halt doch etwas betagter. Aber wir hatten eine feine Zeit dort und das nächste Mal bleib ich auch länger, denn Schärding ist ja so interessant, wie ich herausfinden durfte. 

Wusstet Ihr, dass das allseits bekannte Sprichwort "Gut Ding braucht lang Weil" ursprünglich "Gut Schärding braucht lang Weil" lautete? Also: Damit es dir in Schärding gut geht, braucht es Langeweile. Das ist ein anachronistischer Aufruf zur Langsamkeit, der uns - die wir von der Hektik des Alltags und der generellen Schnelllebigkeit geprägt und gefordert sind - allen gut tut. Nehmen wir es uns von nun an zu Herzen: Gut Schärding braucht Langeweile!  

Wusstet Ihr überdies: Das Schärding ist ein Ding, das schert. Das Schärding wurde lange zur Schafschur verwendet. Mit der Erfindung der Schafschere allerdings war diese Beziehung beendet. Schärding hat aber nciht den Kopf in den Sand respektive die Wolle gesteckt, Schärding hat sich neu orientiert, umgeschult und neu positioniert als - nein, nicht größter Käse Österreichs - sondern als Blumen-Hot-Spot. Schärindg ist nunmehr ein Blumenmeer. Schärding blüht auf. Schärding ist schön, sehr schön. So schön schön ist nur Schärding. Ich komme wieder. 

Samstag, 17. Mai 2025

100 Jahre Poetry Slam

Don't try this at home, ist man geneigt zu sagen. Versuchen Sie nicht, dieses Projekt nachzuahmen. Zu zahlreich die potenziellen Fehlerquellen. Versuchen Sie nicht, eine Überraschungsparty für zwei demnächst 50 Jahre jungen Menschen zu organisieren, versuchen Sie erst recht nicht, diese Menschen dann auch noch mit einem Buch zu beschenken, das sich nur um diese dreht - 300 Seiten lang. Das kann nur schief gehen. Nie und nimmer lässt sich das über zwei Jahre geheim halten. Irgendwer wird plaudern. Es plaudern doch alle so gern. Sie schweigen und schreiben aber offenbar noch lieber. Denn ja, es ist geglückt. 

Es ist den Herausgeber*innen und Organisator*innen von "100 Jahre Poetry Slam und mehr" Peter Clar, Martin Fritz und Yasmin Hafedh tatsächlich gelungen, 40 Menschen ins Boot zu holen, um Beiträge und Verschwiegenheit zu bitten und es ist ihnen überdies gelungen noch viele weitere Menschen zur Fete am Samstag, den 10. Mai 2025 ins Depot zu locken, um dieses Irrsinns-Buchprojekt zu feiern. Was soll ich sagen: Buch des Jahres und Party des Jahres und bestes Geschenk ever! Ihr seit großartig. Wir fühlen uns sehr geliebt und werden weiterhin zurücklieben! Das Buch ist im Sonderzahl Verlag erschienen und hier erhältlich.

Donnerstag, 8. Mai 2025

Orangenbäume und Literaturblüten oder Jugend forscht

Nicht nur den weißen Rauch knapp versäumt, sondern auch fast den Zug. Obwohl ich heut im Grunde nichts zu tun hatte, außer um 18:10 Uhr am Bahnhof Tiburtina zu sein.
Aber was soll ich sagen. Ich hab mich eingelebt. Habe leben hier neu gelernt, um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen. Denn das hab ich schon geschafft, ich war heute in der Casa di Goethe in der Via del Corso 16. Da ist nicht nur die Goethe-Dauerausstellung sondern aktuell eben auch die Sonderausstellung: "Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ingeborg Bachmann" Und wenn da jetzt wer denkt: Wer geht schon am Tag 2 der Papstwahl in eine Bachmannausstellung? Dann lasst euch sagen, mehr als man meinen möchte. Vor allem mehr als der Ausstellung gut tun. Gut, sie waren wohl nicht freiwillig dort, die Jugendlichen aus Deutschland, die von der Lehrerin ins Goethe-Haus geschleift wurden und dort dann eine Führung über sich ergehen lassen mussten, was immerhin ein Schüler, am Ende fast mit Applaus bedacht hätte, wenn er etwas Unterstützung seiner Mitschüler*innen gekriegt hätte, hat er aber nicht. 

Die Führerin moderierte ab und sprach: "Und damit möchte ich schließen. Hier findet aktuell auch noch eine Ausstellung einer Österreichischen Autorin statt, die in Rom gelebt hat und leider schon 47jährig tabletten- und alkoholsüchtig in Rom verstorben ist." Ob sie das mit den Tabletten und dem Alkohol sagte, um sie für die Schüler*innen interessant zu machen, ich weiß es nicht. Schöner wäre gewesen: Die sich mit Tabletten und Alkohol verbrannt hat. Das wäre immerhin mehrdeutig gewesen. Ein Satz zur Bedeutung von Bachmann wäre schon auch schön gewesen. Ich weiß, das war jetzt viel gewesen. Aber nach Goethe, was soll man da schon über eine österreichische Autorin des 20. Jahrhunderts sagen? Eben. 

Ich schaute mir also erst mal an, welche Stationen Goethe auf seiner Italienreise machte. Auch Innsbruck ist brav verzeichnete, am Vortag war er da noch im Mittersill. Das Gebiet von Neapel bis zu den Zehen vom Stiefel hat er ausgespart, weil wohl mit dem Schiff nach Sizilien, wo er wiederum ordentlich rum kam. Auch das ikonische Tischbein-Bild in Liegepose schau ich mir genau an (freilich nur die Kopie) und muss feststellen: Proportional haut das überhaupt nicht hin. Da müsste Goethes rechtes Bein schon erheblich kürzer als sein linkes gewesen sein. Merkt man vor allem an all den Nachstellungen, die winkelten alle ein Bein ab. Aber gut, ich will nicht spitzfindig sein. Oh, doch, eigentlich schon. Egal. War ja nicht für Goethe da, so wie die Schüler*innengruppe, wobei die wohl auch nur wegen ihrer Lehrerin dort waren, aber immerhin dann auch noch blieben. Mit mir blieben, um in den Bachmann-Räumen zu verweilen. Ob sie das Goethe-Haus nicht vor Mittag verlassen durften, oder freiwillig hier blieben, wage ich nicht zu mutmaßen. Jedenfalls breiteten sie sich gehörig aus. Vor allem im Filmraum. Da war es schön dunkel und es gab Sitzplätze. Da ließ es sich bestens das Handy auspacken und all die empfohlenen Videos anschauen, die in den vergangenen Minuten während der Goethe-Führung versäumt wurden. 

Auf der Leinwand lief Bachmann in den 1960er Jahren durch Rom, in den Reihen dröhnten aus mehreren Handys gleichzeitig Musik-, Gebets- und was-weiß-ich-für-Anleitungsvideos. Ich freu mich für die Jugendlichen, dass sie eine gute Zeit in der Ausstellung haben. "Die Jugendjahre sind, ohne dass ein Schriftsteller es anfangs weiß, sein wirkliches Kapital.", sagte die Bachmann in einem Interview 1971. Aber nicht nur der Filmraum zieht die Jugendlichen an, auch neben den Schaukästen der Kindheitsfotos breiten sie sich am Boden aus: sitzen, liegen neben und aufeinander. "Weißt du eigentlich noch, dass wir doch, trotz allem, sehr glücklich waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsere schlimmsten Feinde waren?", schrieb die Bachmann am 27. Juni 1951 in einem Brief an Paul Celan. "Ich hau dir in die Fresse", sagt eine sehr schwarz gekleidete Jugendliche zu ihrer Freundin, die das wahrlich treffen würde, denn da ist viel Metall in ihrem Gesicht. "Halt's Maul!", entgegnet die Bedrohte und das scheint angemessen, denn dann liegen sie sich schon wieder in den Armen. "Wenn die Sprache eines Schriftstellers nicht standhält, hält auch, was er sagt, nicht stand.", sagte Ingeborg Bachmann in einem Interview 1955. 

Ich bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob es sich bei den die Räume belagernden Jugendlichen um eine zwangsverpflichtete Schüler*innengruppe handelt oder ob es vielleicht doch eine Exkursion angehender Schriftsteller*innen aus Hildesheim oder Leipzig ist. Sagte nicht grad die, die sich unter einen Schaukasten mit Manusktipt-Seiten von Bachmanns berühmter Dankesrede anlässlich des Hörspielpreises der Kriegsblinden wälzte: "Mir tut der ganze Körper weh, so arg ist mir's, nicht in Deutschland zu sein." Oder hab ich mich verhört, was leicht sein kann, denn die Handyvideos sind ganz schön laut. 

Jetzt wälzt sie sich wieder in den Raum und ruft: "Ich bin niemands Frau. Ich bin noch nicht einmal. Ich will bestimmen, wer ich bin." "Halt's Maul!", quittiert eine Freundin und ich bin entzückt. Vielleicht ist es auch eine Theater-, oder Schauspielgruppe, die sich hier ausbreitet. Vielleicht bin es auch einfach ich, der sich die Situation hier schönredet. Vielleicht hat Ingeborg Bachmann einen rettenden Rat, da schneidet sich auch schon ein Satz durch die vorherrschende Geräuschkulisse: "Wo nichts mehr zu verbessern, nichts mehr neu zu sehen, zu denken, nichts mehr zu korrigieren ist, nichts mehr zu erfinden und zu entwerfen, ist die Welt tot." 

Ich beginne augenblicklich zu applaudieren. Der, der vorher schon applaudieren wollte, klatscht mit. Die die vorher schon "Halt's Maul!" sagte, sagt "Halt's Maul!", von irgendwo her schallt mir "krass kranker Scheiß" entgegen. "Ich brech dein Gesicht" wird wohl in ein Gesicht gesagt und im Raum schwebt auch ein "Nein, Alter, ich schwör. Tischbein, Alter, nicht Hohlbein. Ich schwör um dein Leben." Es wird sich also über das Gesehene unterhalten und es geht auch ganz schön existenziell zu: "Wenn ich nicht bald Pizza und Cola dann sterb ich auf der Stelle, kein Scheiß." Mir wird warm ums Herz. Ich verlasse mit einem Katalog unter dem Arm die Austellung, die Jugend bleibt noch und ich kann es nur mit Bachmann sagen: "Im Grunde ist jeder allein mit seinen unübersetzbaren Gedanken und Gefühlen."

Ein Hoch dem Heiligen der Friedhofsarbeiter*innen

Gehe ich durch Rom. Wandle ich immer auch auf alten Pfaden. Gehe ich durch Rom, bin ich immer auch mein altes Ich. Das, das 1997/98 hier ein rauschendes Erasmus-Jahr verbracht hat. Ich steuere automatisch die damals billigste Bar in Trastevere an und staune, dass es sie noch immer gibt. Grad um die Ecke vom Hauptplatz, rundum zig überteuerte Lokale aller Art, wo der Sprizz im Literpreis angegeben wird (1 Liter 20 Euro, 2 Liter 30 Euro) und die Bar San Calisto ist immer noch die Insel der Seligen und jetzt eben der Biertrinker*innen aller Länder. Aber eben nicht nur. Es ist auch ein beliebtes Lokal der Anrainer und das Konzept Einheimische mit Touristen zusammen zu bringen funktioniert hier - über billige Preise - ganz vorbildlich. Der alte Chef sitzt noch immer an der Kassa und ist freundlich. 2,80 € für das 0,66 Peroni - das ist ein Preis, den selbst die Minimarkets nicht bieten. In dieser Bar hab ich 1997 mein damals tausendstes Bier des Jahres getrunken irgendwann im Oktober oder November. Ja, ich führte darüber Buch - Bierbuch. Ja, ich trank viel, war aber auch 28 Jahre jünger. San Calisto ist also ein Heiliger, der mir wirklich heilig ist. Was er für ein Martyrium hatte, werde ich recherchieren. 

Mit der Heiligenlitanei wurde ich nämlich gestern konfrontiert, als ich mich in die Nähe des Petersplatzes wagte, also in die Via della Conciliazione. Da stehen mittlerweile riesige Leinwände und Soundsysteme und die Heiligen-Litanei, die mit "Ora pro nobis" zu beantworten ist, wurde von den Kardinälen angestimmt, während sie in die wohl weltweit schönste Wahlzelle - die Sixtinische Kapelle - einzogen. Das schaute ich mir eine Zeit lang an, alles schön bunt und dann noch die Schweizer Garde dazu, viele schöne, bunte Stoffe, etwas Glitzer fehlt und individueller Style auch, aber ich versteh schon, alle gleich, alle Kardinäle. Aber so ein bisschen Tüll da, Leder dort und vielleicht auch etwas Strass, das hätte schon was. Vielleicht geht da ja was unter dem neuen Papa. Jedenfalls kam der Heilige Calisto nicht vor, deshalb ging ich wieder. Was sich im Nachhinein als sehr richtig erwies. Denn das für 19 Uhr angekündigte Ergebnis verschob sich auf 21 Uhr (Schwarzer Rauch). Die betende, singende, knieende und reihenweise kollabierende Schar Glaubender hat den Erste Hilfe Einsatzkräften sicher einiges zu tun gegeben. Ja, es ist alles ein Geben und Nehmen. Ich nahm mir noch ein Bier (diesmal ein Moretti) für die Ponte Sisto, lauschte der dort spielenden Band, beobachtete die vorbei flanierenden Menschen, schaute in die Sonne, auf den Tiber, in den Himmel und hatte es fein.

Der Heilige Calisto (Kallistus) ist der Schutzpatron der Friedhofsarbeiter*innen. Das gefällt mir! Papst Zephyrinus vertraute ihm die Grabkammern entlang der Via Appia an, in denen neun Bischöfe Roms begraben und später entdeckt wurden. Die Katakomben des Heiligen Kallistus waren der erste offizielle Hauptfriedhof der christlichen römischen Gemeinde im dritten Jahrhundert. Die Katakomben könnte man besuchen. Mach ich aber wohl nicht. Die Bar San Calisto ist dann doch gemütlicher.