Ich stelle mir vor, dass der Apfelstrudel einfach noch nicht fertig war, jetzt aber Kaffee und Studel dampfend auf dem Tisch stehen und ich unter Applaus der gesamten Belegschaft empfangen werde. Ich kriege einen Nescafe und kann grad noch verhindern, dass er mit Milch und Zucker daher kommt. Ein Glas Wasser gibt es auch und ein Assistent unterhält sich mit mir. Das Meeting des Direktors dauert noch immer. Mir dauert es nach einer halben Stunde höflicher Konversation dann doch zu lang. Ich signiere ein Buch, hinterlege auch ein "Hagel-DUM" und verabschiede mich mit den besten Wünschen und Grüßen. Na, habe die Ehre!
Dienstag, 25. November 2025
Terminverstrudelung
Nehru, Lenin, Gandhi
Zwei Dinge allerdings gingen sich schon aus vor dem finalen Auftritt. Bin in den Nehru-Park gegangen und war überrascht, was das für eine Insel der Ruhe ist. Hab dort Baum- und Eichhörnchen-Studien betrieben. Bin auch in den Yashwant-Shopping-Complex gegangen und habe dort Vorkehrungen für den Abend getroffen.
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| Mikroständer, Buch, Box und groooße Bühne - Juhui! |
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| Zum Lotus-Tempel später |
Normales Bier ist hier "light beer", normaler Kaffee ist mit Milch. Normal ist hier Auto- und Tuk-Tuk-fahren, zu Fuß gehen nur Touristen wie ich. Dass es einen hauch anrüchig ist, etwas Verbotens hat, Alkohol zu besorgen, ist eigentlich rührend. Circa 30 Millionen Menschen leben hier, ich glaube nicht, dass die nur Teetrinken (mit Milch und Zucker). Beim Essen neulich gab es offiziell kein Bier, aber nachdem ich danach gefragt hatte, zog der Zuständige eines unter dem aufgetürmten Gemüse heraus und kredenzte es mir stolz.
Als sich mein ukrainischer Kollege neulich irgndwo im Zentrum, in einem der Kreise rund um den Connaught Place mit einem alten Mann unterhielt und schlagartig kehrt machte, und sich mit ihm vom Straßenacker machte und weg, nicht mehr sichtbar war, hat mein Horrorgeschichtengenerator natürlich sofort auf Hochtouren gearbeitet. Ich sah meinen ukrainischen Freund schon auf einem Operationstisch liegen, sah, wie seine Bauchdecke mit einer Stichsäge geöffnet und sich an den Innereinen bedient wurde. Die ersten paar Male als er "goods" sagte, verstand ich nämlich immer "guts".
Eigentlich aber wusste ich, dass das Lockmittel, meinen spaßigen Kollegen vom Weg abzubringen, schlicht Bier war: "strong beer" - Druk (wie Druck im Sinne von Buchdruck, er ist auch Verleger und Druck wie Pressure, er hat einen gewissen Drang zu Bier, mehr noch als ich). Die Alkohol-Angabe auf der Dose faszinierte mich: Less than 8 % Alcohol. Das kann auch 0 % sein! War es dann aber nicht. Wir tranken es zum Abschied. Wir haben uns gut verstanden. Wir werden gemeinsam ein Schreibprojekt anleiern. Es wird dabei nicht um Bier gehen, vielleicht aber um Leberkäse, als dessen Freund er sich deklarierte. Wir werden Leberkäse als formale Vorgabe ins Auge fassen und ordentlich Ingridenzien von seiner und meiner Seite reinmischen und das Ganze dann scheibchenweise präsentieren.
Montag, 24. November 2025
Bisi Belle Hulli Anna
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| and 8 hours for books & coffee |
Ein Kaschmirschal für mich, ein Pashminaschal für Doris, zwei Hemden und ein Notizbuch für mich, das ich dann auch gleich eröffnete, weil eins ist schon voll und will demnächst ausgewertet werden. Ob der Pashminaschal wirklich aus Pashmina ist, was weiß denn ich. Will ich der Changthangi-Ziege ans Unterfell - an sich nicht. Es fühlte sich wunderbar fein und leicht an - also was soll's. Vertrauen ist gut, Kontrolle kann ich nicht besser. Der Kaschmirschal hat Kuschlefaktor 5000 und ist voll in meinen Farben, auch da vertrau ich voll, dass das Edelhaar ist. Zwar fiel da und dort das Wort "sheep", aber nach Schafwolle wie ich sie kenne, fühlte es sich nicht an, also was kratzt's mich?
Der Händler nannte einen Preis, ich reagierte empört, er fragte, was ich den bieten wollte, ich sagte die Hälfte, er nahm den Taschenrechner zur Hand und tippte 2500. Ich wog kurz ab und willigte dann ein. Beide happy und dem Verhandlungsritual genüge getan. Natürlich habe ich noch immer viel zu viel bezahlt, wahrscheinlich wäre 1500 auch möglich gewesen. Aber 2500 war mir der Pashminaschal auch wert, ist ja für Doris und wenn sie das jetzt liest, freut sie sich sicher schon.
Der Changthangi-Ziege ist mit dem bezahlten Preis wahrscheinlich nicht mehr geholfen als mit einem höheren oder niedrigeren - aber erneut: das juckt mich grad nicht. Mich juckt's langsam eher in der Nase, in den Augen und in der Gurgl. Weil der Delhi-Smog hat es schon in sich. Ich werde sogar den Ausflug nach Agra zum Taj Mahal streichen, weil der Spanische Kollege, der gestern dort war, berichtete, dass der Tempel kaum zu sehen gewesen wäre und die magere visuelle Ausbeute die insgesamt acht Stunden Fahrt überhaupt nicht gerechtfertigt hätte. No Taj Mahal für mich, hab ja schon andere Mogul-Tempelanlagen gesehen, aber dazu später.
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| Does literature respond to the anthropocentric view and help develop a post-humanist conception that emphasizes the intrinsic value and inter- connectedness of all life forms? |
Mir scheint, dass die Metro hier eher ein Mittelklassefortbewegungsmittel ist. Die Tucktucks sind sicher billiger. Die U-Bahn ist nicht für alle. Die U-Bahn ist ein Vorzeigeprojekt, sie strahlt und prahlt mit Burger King und Barista. Sie spuckte uns schließlich am Connaught Place aus: das Auge des Säulengangsturms in Britischer Architektur der 1930er Jahre.
Die Briten haben die Hauptstadt ja 1911 von Calcutta nach Neu Delhi verlegt, weil sich die Aufstände gegen die Briten in Calcutta mehrten. Drum - zack - Bedeutungsentzug.
In den Säulengängen die sich zwiebelschalenmäßig um den Platz bilden, reiht sich Geschäft an Geschäft, Lokal an Lokal und wir landen schließlich in einem, das mir nicht nur das erste Mango Lassi der Reise bescheren wird, sondern auch ein Gerichte-Gedicht.
Ich las Bisi Belle Hulli Anna und war schon zufrieden. Ich wusste, dass ich dieses Lautgedicht essen musste. Bisi Belle Hulli Anna - was soll ein Spoken-Word-Freund dazu noch sagen außer: Mahlzeit!
Bisi Belle Hulli Anna bestand aus dem Gemüsesüppchen im Schälchen, das als Dip für die Dosas und Reisbällchen oder eben auch einfach als Süppchen vorab dient - ich löffelte. Dann war da noch ein Papadam, das aber Appalam genannt wurde, jedenfalls war es ein frittiertes Fladenbrot aus Bohnenmehl, dazu gab es die üblichen drei Dips mit Chili, Minze und Kokos und dann war da auch noch ein Linseneintöpflein, das es gewüzmäßig in sich hatte. Ich kann Bisi Belle Hulli Anna nur rundum loben. Ein Gerichte-Gedicht der Sonderklasse.
Samstag, 22. November 2025
Don't carry a piece of Switzerland in India!
Ich mag Flughäfen nicht. Ja, ich verachte Flughäfen zutiefst. Das Fliegen selbst ist mir egal. Ich mach es, wenn es sein muss. In Flughäfen aber fühl ich mich keine Spur wohl. Der Flug von Kolkata nach Delhi ließ sich nicht vermeiden, der Transfer zum Flughafen war tadellos. Dann aber gab es mir der Flughafen zurück. Er mochte mich auch nicht.
Sie haben mir mein Schweizer-First-Aid-Kit auseinander-, meinen Plastikzahnstocher genommen und das Messerchen, das Scheräle und das Teil, das ich nie zu benennen und verwenden wusste (Metallstift, Ahle?). Außerdem nervten mich Flughafenmücken. Ich wünschte mir den Hotelangestellten herbei, dessen Job es war, mit einem Plastiktennischläger mit Stromschlagknistern Fliegen vom Frühstückbuffet fernzuhalten. Dass der Reisetag zum Vergessen sein würde, damit rechnete ich. Dass ich aber beim Security-Check auf die Seite gewunken und mein Handgepäck auseinandergenommen wurde, war erst mal nichts Besonderes. Es wurde aber dann gleich doch ein wenig ärgerlich, denn "Your Swiss First Aid Kit" von Victorinox (war mal im Goodie Bag bei einem Empfang der Schweizer Botschaft in Wien), das mich schon auf so vielen Reisen begleitet und mit dem ich schon so viele Dinge aufgeschnitten und beschmiert hatte, ist skelettiert worden. Carry a piece of switzerland at all times! Leider nicht mehr. Kurz dachte ich daran, mir ein Trostbier zu genehmigen. Aber für 1500 Rupien, was es am verflixten Flughafen kostete, hätte ich am Tag vorher in der Calcutta-Bar 15 Kingfisher trinken können. Nein, so weit waren wir noch nicht. So viel Trost brauchte ich auch wieder nicht. Dachte ich mir. Doch dann, ich schön brav in der Warteschlange beim Boarding, wurde mein Name ausgerufen. Mein eingecheckter Koffer passte auch nicht. Das Feuerzeug musste raus. Ich unterschrieb einen Wisch und ein Uniformierter schurlte damit von dannen. Er wollte meine Telefonnummer, die wollten sich auch am Nachmittag, beim Bestellen eines Kaffees von mir, sie kriegten sie nicht, dann klickte diejenige, die mir einfach nur einen doppelten Espresso geben sollte, ewig auf ihrer Maus rum und starrte auf einen Bildschirm anstatt an der Espressomaschine zu hantieren. Vermutlich machte sie schon die Buchhaltung und Inventur, aber der Siebträger blieb unberührt. Irgendwann kam der Kaffee dann doch und irgendwann wurde mein Koffer dann doch für fliegertauglich erklärt. Vorher aber hatte ich genug Zeit, mir vorzustellen, wie Securityhände in meinem Koffer wühlten, dies und das verdächtig fanden, am Flachmann schnupperten und den Obstler dann als hochexplosiv einstuften, mich nicht minder, mich also ausrufen, festnehmen und die kommenden Stunden von einem Fachmann foltern ließen. Für was hat man denn Phantasie, wenn nicht für Horrorgeschichten zu jeder Gelegenheit. Aber nur ruhig Blut. Nix passiert. Mein The Gap Feuerzeug ist halt futsch, jetzt muss ich mit der leeren Swiss-First-Aid-Kit-Scheckkarte die Biere öffnen. Wenn es denn demnächst welche zu öffnen geben sollte.
Ja, irgendwann bin ich dann angekommen in Delhi. Hab mir ein Nicht-Aircondition-Pre-Paid-Taxi genommen (so viel Geben und Nehmen heute:). Der Fahrer konnte die Adresse, die ich ihm zeigte, nicht lesen. Nicht weil er generell nicht lesen konnte, einfach weil er schlecht sah. Aber er fuhr gut und brachte mich sicher zur Tschechischen Botschaft. Dort sollte ich die nächsten Tage verbringen. In einem Brutalismusbau aus den 1950er Jahren, der fast als Bauhausstil durchginge aber eben nur fast. Der Blick vom Balkon aber kann sich sehen lassen, nicht nur wenn gerade Festbeleuchtung ist.
Mittwoch, 19. November 2025
Long Night of Literatures Kolkata 2025
Hab grad mal wagemutig mehrere sehrsehrsehr stark befahrene, mehrspurige Straßen überquert, in der Hoffnung das Gelände vom Fort William betreten zu können, das aber war militärisch abgeriegelt und streng bewacht und die martialischen, Krieg verherrlichenden und dafür werbenden Bilder, doch dem Indischen Staat als Soldat zu dienen, waren ohnehin abschreckend genug. Zu Fuß war da kaum mehr wer unterwegs, da und dort lagen schon noch Menschen und Hunde, aber als dann aus dem halbwegs Grünen plötzlich eine Müllhalde wurde, wo Menschen drinnen saßen und was weiß ich was aussortierten, war mir klar, hier habe ich nichts mehr verloren und machte wieder kehrt.
Mein fünfter Tag in Kolkata, mutig sein ist schon okay, Übermut aber spar ich mir. Der Tag wird noch anstrengend genug. Heute geht es weiter nach Delhi. Gestern war die Lange Nacht der Literatur im Goethe Institut, das hier als Max-Mueller-Bhavan-Institut bekannt ist, was mit dem Sprach- und Religionswissenschaftler Max Mueller zu tun hat, der zwar nie in Indien gewesen ist, aber den Rigveda übersetzt und Biografien von Persönlichkeiten der Bengalischen Renaissance veröffentlicht hat. Jedenfalls wurde das mit der Langen Nacht sehr wörtlich genommen. Es waren 11 zwanzigminütige Lesesessions geplant, dazwischen sollte es zwei längere Pausen und jeweils fünfminütige Pausen zum Wechseln der Räume geben, denn alle Autor*innen haben einen Raum zugeschrieben bekommen und das Publikum war eingeteilt in Gruppen, die mit Farbpunkten von Aqua bis Mastard als Erkennungszeichen ausgestattet wurden und so von Lesestation zu Lesestation wanderten. Klingt nach einen ziemlichen Zumutung, war es auch, zumal nach den jeweiligen 20 Minuten stets eine Schar von Menschen auf einen zu kam und unterschiedlichstes wollte: vom Autogramm angefangen, über Selfies bis zum Abladen von persönlichen Geschichten und Coaching-Tipps fürs eigene Schreiben, war da alles dabei und die nächste Gruppe schwappte da schon immer teilweise in den mir zugeteilten Raum "München". Im Raum "München" hing natürlich ein für die Stadt werbendes Plakat mit vergnügten Menschen, die Bier aus Maßkrügen tranken. Es hing auch eine Deutschlandkarte und ich konnte immerhin zeigen, wo ich geboren wurde, denn Reutte war noch drauf.
Die längeren Pausen waren im Grunde weniger Erholung, denn da drängte sich alles am Buffet, einen Rückzugsort gab es nicht. Dass ich neun Sessions durchstand, ist eigentlich ein Wunder. Bereits nach dem ersten Dreierblock gab es Meutereitendenzen, es wurde zähnerknirschend von der Leitung des Hauses immerhin auf 9 verkürzt. In der neunten Session hab ich mich irgendwann mal in einem Loop aufgehängt, will heißen: Ich war mitten im Text "Du da" und merkte plötzlich, dass ich grad die zweite Strophe anstelle der vierten wiederholte und mir dachte "Hoppala", ich skipte dann, dachte mir "Wiederholung kann nicht schaden", dachte mir "Erholung aber auch nicht", beamte mich ins Plakat der glücklich Biertrinkenden, beendete danach mein Programm und freute mich auf das Feierabendbier.
Ehrlicherweise muss man sagen, das Format reihte sich nahtlos ein in das Stadtgeschehen. Es war so irre, wie Kolkata ist und insofern vermutlich das für das Publikum passende. Für die Autor*innen war es natürlich nach der dirtten Session nicht wirklich mehr ein Spaß. Aber ich bin ja nicht nur zum Vergnügen hier (auch wenn der Blick aus dem Hotelzimmerfenster danach ausschaut).
Dienstag, 18. November 2025
DUM goes Sanskrit College
Kolkata liest DUM.
Am Montag, dem 17. November 2025 war der erste offizielle Einsatz auf meiner 
Indien-Lesereise und 13 Autor*innen aus Europa machten sich auf den Weg ins Sanskrit College. Von den 13 sind 12 im Kenilworth Hotel untergebracht und 1 im The Park. Ich bin der Eine und warte also erst mal auf den Bus mit den Kolleg*innen. Es ist Montag-Vormittag-Verkehr - ich warte lange. Das gehört alles dazu zum Gelassenwerden. Ich habe mich entschieden, das Motto: Go with the flow zu befolgen, also alles kein Grund zur Aufregung. Da hat die Schweizerin schon eher Grund, sich zu ärgern. Die hat nämlich kein Visum bekommen. Die Schweiz ist also schon mal nicht dabei. Auch Polen - aus bisher ungeklärten Gründen - nicht. Der Slowene kommt - immerhin aus guten Gründen, er hat sich auf eigene Faust auf den Weg gemacht und verbummelt - am Ende der Veranstaltung dazu, der Ukrainer und der Spanier kommen dann überhaupt erst pünktlich zum Mittagessen. Die Französin macht dann das Nachmittagsprogramm nicht mit, die Dänin nur kurz. Alles halb so schlimm. Wir sind alle erwachsen und dann beim Mittagessen doch kurz davor, zu meutern. Denn diese morgen anstehende lange Nacht der Literatur, soll wirklich lange werden. Es ist von fünfeinhalb Stunden und 11 Lesesessions von je 20 Minuten die Rede. Ich bin ja der Meinung, dass das dann eh alles ganz anders laufen wird, aber bitte. 11 mal hintereinander wäre schon irre.
Hier machten wir dann Teepause. 6 Rupien im Pappbecher, 7 in one-way Tonhäferl. Es fällt einem schwer, die süßen Gefäße wegzuschmeißen, aber die sortiert dann eh wieder wer aus dem Müll und sie werden eingestampft und verwertet und irgendwo ist dann eine ganze Straße in Calcutta, in der nur diese Tonbecher hergestellt werden. Gestern war ich beispielsweise in der Brillenstraße, der Leuchtschriftenstraße, der Bandstraße (Bands für alle Anlässe), der Holzknaufgasse und und und
Wie gesagt: irre.
Sonntag, 16. November 2025
Alles hupt
Der gemeinte Park ist das Maidan Gebiet. Da wuchert es wirklich dschungelmäßig, was aber niemanden davon abhält jegeliche Art von Müll von der Straße ins Grün zu kippen. Es ist ein regelrechter Walk of trash next to the park. Auf der Park-Seite ein Müllboulevard, auf der anderen Straßenseite Streetfoodstände ohne Ende. An den stark frequentierten Kreuzungen Schrankenwärter*innen für Fußgänger*innen. Überall sehr gechillte Hunde, die vorhnehmlich eingerollt in Schlaglöchern oder anderen Kuhlen ruhen. Hab noch kein Bellen gehört. Alles hupt aber nix bellt. Angst muss man weder vor Menschen noch vor Hunden haben. Vorm Verkehr empfiehlt sich Respekt, vor der Stadt auch.
Donnerstag, 13. November 2025
Indienklischeeabbaustelle Fortsetzung
Wikipedia weiß: Neeraj Chopra (Hindi नीरज चोपड़ा Nīraj Copṛā [niːrəʤ ˈtʃoːpɽaː]; * 24. Dezember 1997 in Khandra, Haryana) ist ein indischer Leichtathlet, der sich auf den Speerwurf spezialisiert hat. Bei den Olympischen Spielen 2020 gewann er die Goldmedaille in dieser Disziplin mit einer Distanz von 87,58 m und 2023 wurde er Weltmeister.
Und ich wusste immerhin, dass ich unter Indien, Speerwurf, Olympia nachschauen musste. Weil da was im Hinterkopf hängen geblieben ist. 2024 war es dann die Silberne und dann gab es noch ein paar Brozene für die gesamte Nation. Aber das nächste Mal ist das Cricket olympisch und da ist natürlich mit Indien zu rechnen.
Natürlich kenne ich Salman Rushdie. Den haben wir auf unserer Hochzeitsreise in New York (das war noch vor dem Messerangriff auf ihn), in der größten Buchhandlung der Stadt am Union Square live gesehen und das gleich am ersten Tag. Mit riesigem Polizeiaufgebot und einem souveränen Rushdie. Dass er - als er mit der Fatwa belegt wurde - eine Zeit lang von Rudolf Scholten im Waldviertel versteckt wurde, habe ich irgendwann mal mitgekriegt. Dass dort jetzt das Literaturfestival Heidenreichstein stattfindet, ist eine schöne Geschichte. Eine traurige Geschichte ist, dass ich mir als junger Student in den 1990er Jahren "Des Mauren letzter Seufzer" gekauft habe und daran gescheitert bin. Ich wollte etwas vom großen Salman Rushdie lesen und war zu klein dafür.
Auf die Reise nehme ich aber nicht Rushdie sondern "Der Gott der kleinen Dinge" von Arundhati Roy mit. Morgen mehr.
Montag, 10. November 2025
Reisevorbereitungen
Den Geist muss man natürlich auch auf diese Reise vorbereiten. Es fragen einen ja nicht wenige, ob man Erleuchtung sucht. Such ich nicht. Der Geist lässt sich lesend, Filme schauend und bei der Indischen Botschaft auf die Ausstellung eines Visums wartend vorbereiten. Im Grunde geht es mehr um Gelassenheit. Mit Gelassenheit lässt sich vermutlich auch Durchfall besser vertragen. Gelassenheit jedenfalls übt man ab besten in der Indischen Botschaft in Wien, Opernring. Nein, online lässt sich da nichts machen. Es ist zwar viel online zu machen, dann auszudrucken und mitzubringen, aber ein Online-Visum, nein, nein, nein. Das mit der Digital-Nation mag auf eine Region irgendwo in Indien (wo ist das Silicon-Valley Indiens?) zutreffen. Hier wird noch mit Papier gearbeitet und erstmal an der Ausfüllmaske auf der Homepage verzweifeln, denn die stürzt gerne ab, während man noch überlegt, wo die eigene Mutter geboren wurde. Ja, es wird allerhand abgefragt. Das geht schon ganz schön in die Tiefe. Ab dem zweiten Mal kennt man Leute, die demnächst auch nach Indien wollen. Manche haben es schon ziemlich eilig, die Beamten nicht. Man kommt ins Gespräch, tauscht sich aus, was beim jeweiligen Antrag fehlte. Sehr sympathisch eigentlich, müsste man nicht ein drittes Mal Antanzen, bis dann alles passt. Aber Indien braucht, wie die Eintrittskarte für das Land, Geduld.
Wenn jemand mit dem Pass und einem auf das richtige Datum ausgestellten Visum den Büroraum verlässt applaudieren die anderen Leidgeplagten. So schnell entsteht eine Schicksalsgemeinschaft. Davon liest man in den "Gebrauchsanweisungen für Indien" nichts, das erzählt einem auch kein Mensch, der schon in Indien war, da sind dann doch andere Dinge eindrücklicher und wichtiger - das ist nur zu verständlich und ich freu mich auch schon drauf. Um meine drei Wochen dort dann bestens auskosten zu können, mache ich diese Vorarbeit hier. Die Vorbereitungen festhalten, die Reiseeindrücke dann auch. Es soll ein Davor, ein Danach und das Dazwischenhauptbild entstehen. Ich bin bereit. Morgen mehr.
Sonntag, 9. November 2025
Indienklischeeabbaustelle
KTM hatte bei mir lange einen hohen Stellenwert. Ich spielte gerne Quartett und beim Motorrad-Quartett gab es eine KTM-Moto-Cross, die ziemlich gut war, fast so gut wie Heinz Kinigadner, der war Tiroler und erfolgreicher KTM-Moto-Cross-Fahrer und was wünschte sich mein Kleinkind-Ich: ja, eine Mini-Moto-Cross. Was hatte ich? Ein Vollgummifahrrad mit Stützrädern aber immerhin im Moto-Cross-Style. Den entsprechenden Sound hatte ich selbst zu machen: Mööh, mööh, mööh, mmemmem, möh... Bald schon konnten die Stützräder entfernt werden, ich wurde waghalsiger und der vorläufige Höhepunkt der Waghalsigkeit war, dass ich mich vom großen Bruder mit dem Puch MV50 Moped (und einem daran und an meinem Lenker befestigten Abschleppseil) ziehen ließ, jedoch recht bald die Kontrolle über mein Gefährt verlor, das ich jedoch nicht auslassen wollte und so halt in Western-Manier über den geschotterten Parkplatz gezogen wurde. Immerhin eine bleibende Erfahrung, die schmerzte so wie vermutlich KTM-Arbeiter*innen die Aussage von Bajaj schmerzte. Weil wenn die europäische Produktion tot ist, ist auch Mattighofen tot und so endgültig mehr Museum als Produktionsstätte.
Das mit dem hohen Stellenwert von KTM hat sich freilich rasch geändert. Der Tiefpunkt war die KTM-Motohall, die als Museum eingestuft und aus dem Kulturbudget finanziert wurde, letztlich aber nichts anderes ist als ein Stefan-Pierer-Mausoleum, halt ein mit öffentlichen Geldern aufgestelltes. Landeshauptmann Thomas Stelzer freilich sah das anders: „Die KTM Motohall zeigt in Oberösterreich ein Projekt von Weltformat. Was KTM hier hinsichtlich Emotionen und Engagement leistet, ist sehr beeindruckend. Zu spüren, wie motivierte Mitarbeiter hier Möglichkeiten wahrnehmen und gemeinsam mit KTM als Leitbetrieb einen Teil der Erfolgsgeschichte des Landes Oberösterreich mitgestalten, ist beeindruckend und motivierend – ich gratuliere KTM zur Umsetzung der KTM Motohall.“
Ich gratuliere dem Herrn Landeshauptmann zu diesem Statement. Was Stelzer zum Ausspruch Bajajs zu sagen hatte? Ich weiß es nicht. Ich weiß so vieles nicht und sehr wenig von Indien, werde aber in fünf Tagen eben dorthin aufbrechen. Damit ich also möglichst offen für die konkreten Indien-Erfahrungen bin, versuche ich hier im Vorfeld abzulegen, was mich an Indien-Klischees und -Bildern vorbelastet.
Was ich erst durch das Schreiben dieses Beitrags und dem damit verbundenen Rumgoogeln erfahren habe ist, dass Bajajs Großvater ein Adoptivsohn des indischen
Staatsgründers Mahatma Gandhi war, dass er aus altem, indischem Industrieadel stammt und dass die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Pune der Standort der KTM-Fertigung in Indien ist. Ob ich dort vorbei komme? Wir werden sehen. Morgen mehr.
















