Montag, 8. März 2010

Frau Prangl

Gerhard Roth: Das Alphabet der Zeit: Seite 340-408

In der dritten Klasse, tritt Frau Prangl in das Leben des Protagonisten:
„Ich hatte das Glück, durch sie die erste verwirrende Sinnlichkeit kennenzulernen, als sie mir beim Schreiben den Arm auf die Schulter legte und sich über mich beugte. Ich spürte ihre Brüste auf meinem Rücken, und ein wohliger Schauer durchfuhr mich.“ (S. 340)
Da macht sogar die Schule vorübergehend Spaß. Doch der Liebesblinde übertreibt und beschenkt seine Lehrerin mit Schmuck aus dem Familienbestand. Das sorgt für Aufruhr aber wenigstens Großmutter versteht's. Gerhard sammelt Erfahrungen und zieht erste Schlüsse – vor allem nachdem er Pauls Uhr zerlegte, um drauf zu kommen, was dahinter steckt:
„Ich schloss daraus, dass alles Großartige auf Täuschung (und Mechanik) beruhte.“ (S. 387)

Die Erfahrungen sind aber auch anderer Art. So wird der junge Held auch gerne von anderen verklopft, was die Mutter nur darin bestätigt, dass sie weg vom Weidweg zurück in die alte Wohnung in den Geidorfgürtel 16 müssen. Das geht schließlich auch durch, nur für Großmutter ist dort kein Platz. Das Kapitel der Kindheit wird mit dem Umzug abgeschlossen. Purzel, der Hampelmann (Pinocchio, eines seiner Lieblingsbücher und bis dahin auch gelegentlich sein Rufname) und die Hefte mit den Fantasiegeschichten die er mit Großmutter geschrieben hat, bleiben zurück. Die Jugend wird eingeläutet. Bim-Bam-Klingeling.

Traurige Erkenntnis: „Suche ich nach Momenten des Glücks in meiner Kindheit, so sind es die frühen Morgenstunden, wenn ich krank war und zu Hause bleiben durfte und Paul und Helmut in die Schule gingen.“ (S. 378)

Sonntag, 7. März 2010

Großmutter

Gerhard Roth: Das Alphabet der Zeit: Seite 199-339

Die Großmutter aus Siebenbürgen kommt und sollte zur wichtigsten Bezugsperson Gerhards werden, mit der Schwiegertochter freilich gibt’s Schwierigkeiten. Großmutter schrieb Gedichte und sah in Gerhard einen Künstler. „Du darfst nichts tragen! Das ist zu schwer für dich! (…) Du bist ein Künstler“ (S. 218) Großmutter hat Gesichtszuckungen und schnalzt mit den Lippen und um wenigstens einen Teil ihres Vermögens retten zu können, ließ sie sich goldene Zahnkronen anfertigen. Gerhard und die Großmutter erfinden Geschichten, Gerhard entdeckt überdies seine Vorliebe fürs Improvisieren in Fantasiesprachen.

Onkel Fritzl, der Bruder von Omi, der anderen Großmutter, lebte als Insasse der Anstalt für Geisteskranke am Feldhof bei Graz. Fritzl vertrug keinen Alkohol, trank aber viel und dann wurden Späße mit ihm gemacht. Am Feldhof freilich wurde er „ruhiggestellt“. Gerhard beschäftigt der Besuch seines Onkels sehr, er fühlt sich mit ihm verbunden und versteht nicht, wieso er eingeliefert wurde.

Gerhard indes setzt seine Krankenhausaufenthaltsserie fort. Immer wieder scheint er dem Tod nahe, springt ihm dann aber doch noch von der Schaufel.

Großmutter und der Großvater mütterlicherseits waren die beiden Erzähler seiner Kindheit, während der Vater nichts von sich preisgab. Vater wollte nur, dass sein Sohn dereinst einmal Arzt wird, dass er allerdings schon in sehr jungen Jahren das Doktorspielen entdeckt, heißt er weniger gut. Das Vaterverhältnis gestaltet sich ohnehin zunehmend schwieriger:

„Je mehr ich versucht hatte, Vater zu gefallen, desto selbstverständlicher hatte er mich übersehen. Sobald ich hingegen bereit war zu leiden, war er verzweifelt und wehrlos, das hatte ich an seinem Gesicht gesehen.“ (S. 290)

Die Erstkommunion steht an, Gerhard weiß nicht, was er mit diesem Gott anfangen bzw. was das Sünden-Gerede soll:

„Der Zweifel, der langsam zur Gewissheit wurde, dass vielleicht nur ich etwas nicht verstand, was für alle anderen selbstverständlich schien, lähmte mich stärker als jeder andere Umstand. Vielleicht, so quälte ich mich, begriffen alle außer mir den Glauben, und bevor die anderen es bemerkten, war es besser zu schweigen.“ (S. 296f.)

Mut zur Meinungsäußerung: „Wenn in den Märchen Tiere sprechen, so ist das nur eine Vorwegnahme eines zukünftigen, besseren Verstehens von Tieren. Dass Tiere denken und sich ausdrücken können, sich erinnern und träumen, wenn auch nicht in menschlicher Weise, halte ich für erwiesen.“ (S. 271)
Mir brauch'n 's nix erzähln, i kenn des eh: „Mir war in meinem Leben nur in der Schule langweilig und das beinahe immer. (…) Die Verstellungskunst war die erste und einzige Kunst, die ich in der Schule wirklich gelernt habe.“ (S. 311 und 312)
Wisse: ein Blutzer ist nicht bloß ein Kürbis oder ein Mensch mit mords Schädel, ein Blutzer ist vor allem ei 25-Liter-Gefäß für Most, Wein oder Öl.

Dienstag, 2. März 2010

Die Blumen des Blutes


Christian Futscher, Die Blumen des Blutes (Czernin 2009)

Endlich ein Gedichtband den man guten Gewissens allen Liebenden (und nicht nur diesen) ans Herz legen kann, möchte, sollte. Auf dass diese das neue Futscher Buch kaufen, in ihre Hand- und Umhängetaschen stecken, und ihren jeweiligen LebensabschnittspartnerInnen dann im Park, im Schatten auf dem Bauch liegend, vorlesen (früher Fried, heute Futscher;-).

Freude, Zufriedenheit und Lust wird geerntet werden, gelegentlich auch Entsetzen, Entrüstung und Kopfschütteln. Also Garantie für wohlige, prickelnde und aufwühlende Gefühle. Denn diese Gedichte sind so rot, so schön und so wechselhaft wie die Liebe (wenngleich auch etwas blutiger).
Diese Gedichte sind selbstironisch, witzig und hinterfotzig, sind nicht hermetisch, abgehoben und langweilig, sondern kurz, bündig, abgehackt (und ehrlich bis auf Blut).
Der Gedichtband „Die Blumen des Blutes“ ist ein wohlfeil zusammen gestellter Strauß an herrlichen Stilblüten grotesker Dichtkunst.

Mal bleibt einem das Lachen im Halse stecken, mal schießt das Blut aus vollen Rohren und mal quillt Einsamkeit zwischen den Zeilen hervor. In Summe aber kein herzloser Blutrausch, sondern ein raffiniert inszeniertes Fest des Blutes und der Sinne (es liest sich, hört sich, greift sich gut und duftet süßlich).
Zum immer wieder und laut Lesen. Zum Gernhaben und Weiterempfehlen!

Sonntag, 28. Februar 2010

Das Alphabet der Zeit


Gerhard Roth
wurde 1942 in Graz geboren. Er lebt als freier Schriftsteller in Wien und der Südsteiermark. Jede Menge Veröffentlichungen. Darunter der siebenbändige Zyklus Die Archive des Schweigens und Romane mit einem Kurzwort und dem bestimmten Artikel im Titel: Der See, Der Plan, Der Berg, Der Strom, … zuletzt: Die Stadt (über Wien!)

Das Alphabet der Zeit ist ein dezidiert autobiographisches Werk, die Erinnerung setzt 1945 ein, es gibt eine Grobeinteilung der jeweils recht kurzen Kapitel in: Prolog, Kindheit, Jugend, Tod, Anhang und Bilderzählung; Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich akribisch mit der Kindheit, der Herkunft des Autors.

Kindheit (Das Alphabet der Zeit bis Seite 199)

Die Erinnerung ist natürlich eine Verfälschungsmaschine, aber der Autor versucht mit äußerster Genauigkeit und unter Zuhilfenahme von Aussagen von Freunden, Familienmitgliedern... seine Geschichte zu rekonstruieren. ZB: „Günter Brus, der als Kind den Vorfall zufällig vom Balkon seines Großvaters aus mit dem Fernglas beobachtet hatte, wird mir die Ereignisse bestätigen, als wir vierzig Jahre später auf der Reise nach Amsterdam den Bahnhof passierten und ich anfing, darüber zu sprechen.“ (S. 11)

Er behauptet, keine Erinnerung an Wörter zu haben nur an Bilder (und die Bilder der frühen Erinnerungen sehe er nur in Schwarz-Weiß). Bilder, Fotos, das Panoptikum und natürlich das Kino spielen eine große Rolle in der Kindheit und Jugend des Autors. Fotos schieben sich an die Stelle von Erinnerungen, beeinträchtigen sie, ändern sie, machen sie zu Geschichte, zur Geschichte des Autors.

Und die Kindheit ist recht turbulent. Mehrmals ist der Erzähler dem Tod nahe. Ein Schlitten kann ebenso gefährlich sein wie eine Fotolinse. Von Gott und der Religion hält er von Kind auf nichts. Sein erster Gott war der Kuckuck in der Kuckucksuhr. Bedeutender sind Bücher. „Der Struwwelpeter“, „Max und Moritz“ und bald der Anatomische Atlas seines Vaters. Der ist Arzt und war im Dienst der Nazis, deshalb hat er in den Nachkriegsjahren keinen leichten Stand und muss aufs Land „Hamstern“ gehen (ohne amtliche Erlaubnis ordinieren und hoffen, dass die Bauern angemessene Lebensmittelbezahlung raus rücken), Gerhard assistiert, hilft schon mal beim Schweineschmalzdiebstahl, lernt so das Medizinerhandwerk kennen und ist selbst oft und gern krank. (Seine Eltern schoben alles auf die nahe „Mülldeponie und die Umstände“.) Der Kranke aber genoss die Aufmerksamkeit, die ihm so zuteil wurde.

Gerhard hat einen älteren Bruder (Paul, den Gerhard aus Neugier und weil er „so fasziniert von seinem Zappeln war“ fast einmal erwürgt hätte) und einen jüngeren (Hermann, der kaum eine Rolle spielt).


Ad Kindheit: „Vielleicht sind wir in unserer Kindheit auf andere Weise intelligent, schöpferisch und klarsichtig als im Erwachsenenalter. Wenn ich über diese Zeit schreibe, tauchen viele Einzelheiten auf, mag sein, dass es falsche Erinnerungen sind, aber selbst dann drücken sie etwas aus, das möglicherweise wichtiger ist als die vorgebliche Wahrheit...“ (S. 29)

Vertraute Situation 1: „Kerzen waren für mich der Inbegriff für eine unangenehme Situation – wenn zum Beispiel der Strom ausgefallen war.“ (S. 69)

Vertraute Situation 2 (über einen Nachbarsjungen): „Er war um fünf oder sechs Jahre älter als wir und hatte den Ruf eines wenig zartfühlenden Kindes.“ (S. 108)
Vertrautes Situation 3: „Noch oft habe ich unter der Eigenschaft gelitten, zu wissen, dass ich mir mit etwas schade, aber nicht anders zu können, als in mein Unglück zu laufen:“ (S. 194f)
Altbekanntes Trauma: „Mehrfach bemerkte meine Mutter, dass ich ohne den Tod Petrs nicht das Licht der Welt erblickt hätte. (Außerdem hatte sie sich, als sie mit mir schwanger war, ein Mädchen gewünscht.) (S. 123)

Samstag, 27. Februar 2010

Fotoessay (St. Gallen)


Wer sich hier nicht verliest, hat das Herz nicht am rechten Platz!

Jetzt ist es auch schon wieder ein paar Wochen her, dass ich nach St. Gallen geladen wurde. Man trifft dort an Häusern viele Erker und auf Häusern viele penthouseartige Hütten. Bären, Kind, Kegel und anderes Getier bummeln in der Fuzo - SlammerInnen steppen in der Grabenhalle!











Trotz des verlockenden Angebots machte ich nicht davon gebrauch. Ich muss immer daran denken, dass eine Augenbrauenzupffachkraft ja auch einfach einmal einen schlechten Tag haben und abrutschen kann. Wie weit sich wohl eine handelsübliche Pinzette in den Augapfel reinbohrte? Nein, ich will's gar nicht wissen.

Freitag, 26. Februar 2010

Nicht der Süden


Nicht der Frühling ist das, was der Winter momentan macht. Das spricht an sich eh für ihn, den ollen Winter, nur nervt er halt. Füße kalt, Laune im Keller, Nase voll Rotz.
Wer braucht das? Genau. Niemand.
Was brauchen wir? Richtig. Gute Bücher.
Zum Beispiel: Nicht der Süden von Kirsten Fuchs und Volker Strübing (ja, alte, bekannte Hasen, Ostern on the way;-).

Die Fakten müssen vorausgeschickt werden. Fuchs und Strübing reisten sieben Wochen lang per Schiff und Flugzeug in den hohen Norden, um eine vierteilige TV-Doku-Serie anderer Art für 3Sat zu drehen. Und jetzt also das Buch zur Serie. Ein Buch mit DVD. Auf der DVD: Folge 1 der Serie sowie viele, viele schöne (Neid-will-auch-in-Echt-sehen)Bilder und gekonnt vorgelesene Tagebucheinträge der AutorInnen. Schon die DVD allein ist den Einkaufspreis wert.

Nun aber zum Buch: Kirsten Fuchs wählt ein Zukunftszenario (2063), um ihre Enkelin auf die Reise zu schicken und Volker Strübing interviewt sich selbst. (Noch etwas vorweg: Fuchs und Strübing sollten EhrenbürgerInnen in Island, auf den Faröern und in Spitzbergen werden. Ganz große Pionierarbeit!)

Fuchs Text sprüht vor Phantasie und erfreut mit sprachlichen Erfindungen (in 50 Jahren verändert sich die Sprache und der Bezugsrahmen nun mal). „Palästinapalästina“ ist eine Beruhigungsformel, aus „wie Sand am Meer“ wird „wie Müll am Meer“ und „fäkal“ ist das „geil“ der 2060er Jahre. 98 % der Bevölkerung sind tablettensüchtig, der große „Süsselmann“ hat alles in der Hand im Norden und die Erzählerin ist, gemeinsam mit einer originellen Mannschaft, auf der Suche nach dem letzten Eisbären (um ihn dann zu zeichnen), will aber eigentlich nur ihren Großvater treffen.

Zur Mannschaft: Utz ist der mit Sozialtourette („angeobergrindeter Votzen-Nixer“), Kai das Kamerakind, das zu rauchen aufhören wird, wenn es 8 ist, Floh der Hund der gut leckt, die Zwillinge sind die, die niemand auseinander kennt, Nils ist der, der nichts außer Hunger fühlt, Hartmut der Mann der zerfasterten Rede (quasi Hartmut Fasel), Elian der Assistentassistent und nicht zu vergessen ist auch Range, der Halbelf, der sich in den Kopf der Erzählerin reindenkt. Eine Promenadenmischung, die schon mal Unterhaltung garantiert. Aber auch die Umgebung hat was zu bieten: Rauschfischrauchende Hafenarbeiter mit Knautschgesichtern, Schafattrappen und zweibeinige Infotafeln mit schwer einszwei an/auf der Waffel. Was für ein Setting und was für eine Heldin!
„Ich schlief viel. Die Essenszeiten waren so regelmäßig, dass mein Körper eine Fressuhr wurde.“ (S. 81) Man muss die Doku gar nicht gesehen haben, um an diesem Text Spaß zu haben, erkennt man aber die realen Vorbilder für die Figuren in „Der letzte Eisbär“, dann ist das ein zusätzlicher Vergnügungsfaktor.

Volker Strübing erfindet sich in „Dosenrosenkohl“ eine/n fiktive/n GesprächspartnerIn und erzählt von den Leiden eines Autors mit Hang zur Depression, der plötzlich auch noch Regisseur und Darsteller sein soll, aber eigentlich nur verliebt sein will. Nebenbei werden amüsant und erhellend (auch anschauliche Depressionsbeschreibungen können erhellend sein) Vorfreuden, Stress- und Angstsituationen, generelle Zweifel und Probleme mit InterviewpartnerInnen erörtert. Der Interviewte gibt sich (was die Weltrettung betrifft) zynisch, fatalistisch und gelegentlich selbstmitleidig, zwinkert aber zwischendurch immer wieder gehörig mit beiden Augen. Dieses Interview ist informativ, berührend und unterhaltsam und das ist ziemlich viel.

„Nicht der Süden“ macht nicht nur Lust auf anderes Fernsehen, sondern auch aufs Lesen und „Nicht der Süden“ macht auch Lust auf den Norden.
In Summe ist „Nicht der Süden“ weit mehr als ein Buch zur Serie, in Summe ist „Nicht der Süden“ nicht zu toppen.
(Kirsten Fuchs & Volker Strübing, Voland & Quist 2009)

Mittwoch, 24. Februar 2010

Schlafbuch

Der Mann ohne Eigenschaften (MoE) entpuppt sich als ein zuverlässiges Schlafmittel.
Das hat eher wenig mit der Qualität des Textes zu tun aber eher mehr mit der Ausstattung des Buches. So dicht bedruckte Seiten lesen sich nicht leicht. Das ist anstrengend für das Auge (ja, auch das andere).
Die Sprache tut freilich das Ihrige dazu und leicht zu halten ist der Ziegel ja auch nicht. Das heißt: in Summe schlummer ich nach 10-20 MoE-Seiten gerne weg (vor allem, wenn ich Neo-Citran-beeinträchtigt bin) und so geht das natürlich nur sehr schleppend voran.

Ich eröffne also – weil bettlägrig aber lesegewillt – eine zweite Lesefront. Parallel zum MoE mach ich mich über das „Alphabet der Zeit“ von Gerhard Roth her (nur circa 900 Seiten und lockerer gesetzt und Gerhard ist nicht Joseph aber immerhin).
Leicht einschlafen hat zwar seine Vorteile und es ist gut zu wissen, wie es sich leicht einschlafen lässt aber immer muss das auch nicht sein.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Fasnacht

Montag 22. (4 Uhr) bis Donnerstag 25. Februar (4 Uhr)

Der Morgenstraich ist der Auftakt zur Basler Fasnacht. Es folgen die drey scheenschte Dääg. Die Fasnachtscliquen stellen Ladärnen auf und die Schnitzelbanggsänger lassen das Jahr sarkastisch Revue passieren. Räppli sind Konfetti, Waggis traditionelle Basler Fasnachts Verkleidungen und die Guggemuusig macht Schränze bis zum Ändstraich.

Das werde ich mir nicht entgehen lassen, einstweilen aber bin ich für ein paar Tage in Wien.

Diotima über Wien: „Es sei eine so heitere Seelenhaftigkeit in dieser Stadt – hatte Dotima erwidert, und sie war es zufrieden.“ (S. 109)


Freitag, 12. Februar 2010

Baselgeschwitter


Kurt Schwitters hat 1935 ein Gedicht über Basel geschrieben. Das darf an dieser Stelle natürlich nicht vorenthalten werden. Es heißt

Basel

Es geht ein bißchen rauf,
Es geht ein bißchen runter,
Dazwischen fließt der Rhein.
Grün soll sein Wasser sein.
Wenns regnet, stürmt und schneit,
Dann ist es braun;
Braun anzuschaun.
Verhältnismäßig drückend föhnt der Föhn,
Es brodelt tief im Grunde;
Darüber eine Stadt,
Die Basels Namen trägt und hat.
Dort lint es Böck;
Dort beint es hol,
Es waldet grün und witzt.
Der Ritter stricht den Wurm
Am Dom.
Die Kirche aus Zement
Ist Mosers hohe Zeit.
Es brennt,
Wenns brennt,
im Kleid.
Der Frauen holder Chor
Lächelt dem Tor.
Mann,
Sie dich vor!!

Donnerstag, 11. Februar 2010

PDUG

Das Prinzip des unzureichenden Grundes
Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften (Seite 103-202)

Diotima große Idee besteht darin, den Universalgelehrten Preußen Arnheim die geistige Leitung der großen vaterländischen Aktion zu überantworten. Sie hatte sich vorgenommen Ulrich für „unreif“ zu erklären und ihn zu „bemitleiden“. Noch ehe jemand weiß, worin die sogenannte Parallelaktion eigentlich bestehen sollte, wird sie von Publizisten schon zum „Österreichischen Jahr“ gemacht. „Das hieß, wir wollen einmal zeigen, was wir eigentlich sein könnten;“ (S. 139)

Diotimas Gatte, der Sektionschef Tuzzi, hatte zu ihrem Salon stets ein zwiespältiges Verhältnis: „(...) denn wenn Kultur auch sozusagen das Salz in der Speise des Lebens sei, so liebe feine Gesellschaft doch nicht eine allzu gesalzene Küche;“ (S. 106)
Er war, von der Zeit der „Bräutigamszärtlichkeiten“ abgesehen, immer ein „Nützlichkeits- und Verstandesmensch“, in seiner Junggesellenzeit ein „ruhiger Bodellbesucher“ gewesen und er ist nicht blind, er erkennt, dass Diotima nicht bloß einen großen Geist für die große Sache einsetzen, sondern dass sie Arnheim vor allem bei sich, für sich haben möchte. Tuzzi fühlt Unbehagen und sich herausgefordert.

Ulrichs Verhältnis zu Arnheim: „In Ulrich erwachte eine Gassenjungenlust, mit Steinen oder Straßendreck nach diesem in Vollkommenheit und Reichtum aufgewachsenen Menschen zu werfen, während er zusah, mit welcher Aufmerksamkeit der sich anstellte, um den albernen Vorgängen zu folgen, denen sie beiwohnen mußten;“ (S. 178f)

Dazwischen natürlich jede Menge Gedankengänge in allerlei Richtungen:

„Es ist leider in der schönen Literatur nichts so schwer wiederzugeben wie ein denkender Mensch. (…) Der Mann ohne Eigenschaften dachte aber nun einmal nach. (…) Man muß also sagen, daß ein Mensch, wenn er nur ein bißchen nachdenkt, gewissermaßen in recht unordentliche Gesellschaft gerät!“ (S. 111ff)
Ulrich hört auch Stimmen und kann mitunter ein ziemliches Ekelpaket sein. Zum Beispiel wenn er gerade keine Lust hat die Lust Bonadeas zu erwidern. Nur gut zu wissen, dass auch er zuweilen von Liebeskrankheit geplagt wurde. Außerdem begeht schon auch Ulrich mitunter Unvorsichtigkeiten, denn seine große Klappe ist ja unbestritten und schnell ist der Grat des Zulässigen überschritten:
„Nun war es dieser aber ungewohnt, den Staat anders zu betrachten als ein hotel, in dem man Anspruch auf höfliche Bedienung hat, und verbat sich den Ton, in dem man zu ihm sprach, was unerwarteterweise die Schutzmannschaft zu der Einsicht brachte, daß ein Betrunkener für die Anwesenheit von drei Schutzleuten nicht genüge, so daß sie Ulrich gleich auch mitnahmen.“ (S. 158f)
Mit relativer Glimpflichkeit endete sein Leichtsinn, Ulrich wird zum ehrenamtlichen Sekretär der großen patriotischen Aktion und der Vorfall ist vergessen.

Vergessene Gefühlsregungen: „...und als sie sich vom Tisch aufrichtete, hatte ihr Herz geklopft, wie wenn in einem Mörser Zucker zerstoßen wird.“ (S. 181)
Vertrauter Sachverhalt: „Denn dauernd vermögen bloß Narren, Geistesgestörte und Menschen mit fixen Ideen, im Feuer der Beseeltheit auszuharren;“ (S. 186)

Jugend im Wandel: „Unsere Jugend hat ja ganz recht, wenn sie Fasane und Säue schießt, reitet und sich hübsche Frauenzimmer aussucht, - dagegen ist wenig zu sagen, wenn man jung ist; aber früher haben eben die Hauslehrer einen Teil dieser Jugendkraft darauf gelenkt, daß man den Geist und die Kunst ebenso heben muß wie die Fasanen, und das fehlt heute.“ (S. 189)

Wiederbelebenswerte Art: „Sektionschef Tuzzi hatte die Augen zu einem Stäubchen auf seiner Hose niedergeschlagen, so daß man sein Lächeln als Zustimmung deuten konnte.“ (S. 197)

Lebensweisheit des Tages: „Ruhig zu schlafen, gehörte nach seiner Ansicht zu den Haupttugenden eines Diplomaten, denn es war eine Bedingung jedes Erfolgs.“ (S. 202)

Zu klärendes Wort: Ewesprache
Ah ja, eine Kwa-Sprache und von Menschen im Süden Ghanas gesprochen. Da schau her.