Dienstag, 2. Februar 2010

Erste Eindrücke in der Fremde


Monatsrückschau

Das Schweizer Bier ist mir zu teuer. Der Schweizer Käse ist ein Segen. Die Schweizer Schokolade ist mir wurscht. Die Schweizer Cervelat ist das Schnitzel des armen Mannes (die Migros-Budget-Produktreihe die Lebensversicherung desselben. Überhaupt die Migros: Aber da am besten einfach Gabriel Vetters Text Migros-Kind anhören. Apropos Vetter)

Die Schweizer Wähen süß/salzig sind eine Wonne. Der Schweizer Kaffee ist besser als deutscher aber schlechter als italienischer. Das Schweizer Brot ist krümelstark und scharfkrustig (ich kaue mir täglich mein Zahnfleisch blutig). Das Schweizer Selbstbewusstsein ist stark. Die Schweizer Schispringer sind schwach (oder sagen wir so, sie sind wenige, sie sind einer, ein A, ein Mann, ein Amann, mehr nicht).

Die Schweizer Schifahrerinnen und Schifahrer kenne ich nicht (außer Peter Müller und Vreni Schneider). Die Schweizer Disziplin beim Längenspulen im Hallenbad macht mir Angst (niemand planscht, spricht, springt, tollt herum oder macht sonst irgend welche Ball- oder Wasserspiele. Alle kraulen, brusten, rücken, delphinen gnadenlos dahin und wer von seiner Linie abweicht, zu oft ausweicht, der hat verloren, der ist zum Slalomschwimmen verdammt und kriegt regelmäßig kräftige Arm- und Fußtempischläge ab. Anfangs hatte ich nach dem Schwimmen mehrere blaue Flecken aber sie werden weniger).

Die Schweizer Fahrradparkgarage in der Basler Bahnhofspassage stimmt mich fröhlich. Die Schweizer Gebotsschilder schüchtern mich ein: Kein Kehricht! (Wenn ich nicht absolut unbeobachtet bin, habe ich nicht den Mut irgend etwas in öffentliche Mülltonnen zu werfen, aus Angst davor, zur Rede gestellt zu werden. War das nicht Kehricht? Rest-, Haus- oder gar Sondermüll? Der Bademeister im Hallenbad ist Schuld an dieser Neurose. Er fragte mich, was denn das da am Boden wäre, ich sah es nicht ohne Brille und musste mich hin knien. Ich wusste es nicht. Er schien mir nicht zu glauben. Er hielt nicht lange hinter dem Berg und fragte schroff, ob ich im Badebereich gegessen hätte. Nein. Warum ich denn dann eine Tasche mit hätte, was denn da drinnen wäre, ob ich wirklich nichts gegessen oder vielleicht gar etwas getrunken hätte. Ich verließ das Hallenbad fluchtartig. Der Bademeister fühlte sich in seinem Verdacht bestätigt.)

Schweizer Bademeister sind mir suspekt und zu mächtig. Ich gehe vorerst nicht mehr schwimmen. Zum Laufen ist es aber noch zu kalt und rutschig. Ich werde also fett und faul. Ich bin traurig, finde aber Trost. Plötzlich ist mir Schweizer Schokolade nämlich doch nicht wurscht, sie schenkt mir vielmehr sonnige Freudengefühle und wohlige Leibesfülle. Ich esse nun täglich Schokolade. Ich verwandle mich, ich nehme Gestalt eines Schoggiwegglis an, ich lasse mich nicht beirren und mache weiter. Mein Selbstbewusstsein steigt, ich fühle mich integriert.

Ich schöpfe neuen Mut und wage mich erneut ins Hallenbad, einfach um zu schauen, was passiert. Der Bademeister sagt. Halt, Stopp, nein, Essen ist aus hygienischen Gründen im Badebereich nicht erlaubt. Ich heiße Markus entgegnete ich ihm forsch, nicht Essen und ob er damit sagen wolle, dass ich ihm stinke. Ich heiße Würstel, sagte der Bademeister mit fiesem Lachen, bin nur ein kleines Rädchen im Systems, führe nur Anweisungen aus und verwehrte mir den Weg.

Ich fühlte mich ausgestoßen, verlassen und einsam. Ich ging zum Basler Bahnhof, der ist nicht weit entfernt vom Hallenbad Rialto und zog mir ein Warteticket, nur um nach circa 9 Minuten Wartezeit, wie mir das rote elektronische Schriftband vorsorglich mitteilte, mit jemanden reden zu können. Ich fragte die Dame am Schalter 9, ob sie gut geschlafen habe?

Ja und Sie?, wollte sie wissen.Geht so, sagte ich. Um halb sechs morgens weckte mich entweder der Druck auf meiner Blase oder der LKW Zustelldienst vor der Tür. Jedenfalls bin ich seither wach. Das ist natürlich fürchterlich, zeigte die Schalterfrau Verständnis für meine missliche Lage. Und sonst so?, wollte sie wissen. Naja, sagte ich, der Bademeister im Rialto scheint etwas gegen mich zu haben. Na da machen sie sich mal keine Sorgen, der ist berüchtigt, versuchte mich die Schalterfrau zu trösten.

Und bei Ihnen fragte ich?, um auch mein Interesse zu bekunden.Ach, wissen Sie, sagte sie, ich klage nicht, ich könnte klagen, aber ich klage nicht, bringt nichts. Ich helfe wo ich kann und das macht mich glücklich. Schön, sagte ich. Ja, sagte sie. Noch was?, fragte sie. Ähm, ...nein, vorerst nicht, sagte ich und da mir nichts anderes einfiel, sind sie morgen auch wieder diese Nummer? Ja, ich bin morgen auch wieder 9 aber ob Sie wieder 572 sind, das ist schwer zu sagen. Probieren Sie es einfach, ermutigte sie mich.Okay, sagte ich, ich werd's probieren. Na dann, danke und bis morgen, sagte ich und schenkte ihr mein bestes Lächeln.Tschüss, sagte sie und winkte. Mein Seelenzustand war wieder rehabilitiert.

Ich rekapitulierte. Schweizer Bademeister sind wie Schweizer Brot: hart, scharf und verleztend. Aber Schweizer Fahrradparkgaragen, Schweizer Käse, Schweizer Wähen, Schweizer Schokolade und vor allem Schweizer Schalterfrauen machen total glücklich.
Merci vülmal.

Montag, 1. Februar 2010

Ohne Ende

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 12 (Seite 967-1034)

Dojno erklärt seinem Fluchtgefährten Tony was Sache ist:

„Meine Stellung zum Tode nehme ich schon seit Jahren nicht mehr ernst. Sie ist launisch, töricht. Alle Aphorismen über das Leben sind mehr oder minder richtig, die über den Tod sind gewöhnlich falsch, von der Stimmung eingegeben, nicht von der Einsicht. Sobald sich die Deutschen zeigen, werde ich das Gift nehmen. Aus Angst vor der Tortur? Wahrscheinlich. In der Gewißheit, daß sich mich jedenfalls umbringen? Entscheidend.“ (S. 969)
Dojno verbringt seine Tage auf Post wartend in Bari. Endlich kommt was aus Palästina, ein Brief von Edi. Wenigstens er haut auch überlebt. Über Rom gelangt Dojno schließlich wieder nach Frankreich und erfährt, dass Lagrange umgebracht wurde: „Die, mit denen er sein wollte, haben ihn umgebracht.“ (S. 1020) Die, die verantwortlich dafür sind tuen die Sache ab mit „es waren wirre Zeiten.“ Dafür hat Dojno kein Verständnis.

Mit seinem alten Kameraden Berthier und dem Doktor Meunier zieht er sich schließlich aufs Land zurück, um wieder einmal von vorne zu beginnen, vielleicht mit seinem Kind. Denn dass er Vater ist, hat er nun endlich aus Briefen von Stetten herausgefunden. „Ja, ich höre zu, mein Alter. Ich habe viel zu lernen.“ (S. 1033)

Ob es Frieden geben wird, ist ihnen nicht klar, wichtig aber ist, dass es keinen Krieg mehr gibt. Und würde Dojno gefragt, was er so gemacht hätte während des Zweiten Weltkriegs? Müsste er sagen, viel herum gereist, gefroren, oft auch gehungert, aber hauptsächlich gefroren.

Edi ist kein Gläubeling: „Glaubte ich an Gott, so würde ich ihn bekämpfen, als ob er eine totalitäre, verantwortungsflüchtige Macht wäre.“ (S. 1000)
Traurige Erkenntnis: „Hier wie überall in Europa sprach man während dieser gigantischen Katastrophe am meisten über die mangelnden Nahrungsmittel.“ (S. 1008)


Sonntag, 31. Januar 2010

Ozeanträne

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 12 (Seite 877-964)

Edi ist zu allem entschlossen. Frau und Kind wurden von Frankreich nach Polen deportiert und vergast. „Dem, der er gewesen war, glich er nicht mehr, sein Gewissen war betäubt. Er ging darauf aus, denen zu gleichen die er haßte, im Untergang sich ihrer Welt einzuverleiben.“ (S. 891) Edi sucht die Unterstützung des Rabbis „man nannte ihn gewöhlich Zaddik, den Gerechten, oder auch den Wolynaer“ (S. 884) Der aber sagt:

„Wir sind das einzige Volk der Welt, das nie besiegt worden ist. Und weißt du, warum, Ephraim ben Mosche? Weil wir allein der Versuchung widerstanden haben, zu werden wie der Feind.“ (S. 892)

Edi hat keine Ohren mehr für Argumente, er will kämpfen, auch wenn es aussichtslos, für nichts ist. Und während Roman versucht, heraus zu finden, ob er in Jadwiga verliebt ist – „Vielleicht ist alles nur Einbildung, und ich liebe sie gar nicht – Gott, das wäre schön!“ (S. 934) – kommt es zum Gemetzel der Mannen um Edi und der polnischen Partisanen. Jusek hat dafür eine einfache Erklärung: „Es ist die Schuld der Juden, sie haben provoziert.“ (S. 936) Nur Edi, Bynie und Rojzen haben die Schlacht im Stollen überlebt. Roman ist sich seiner Schuld bewusst und bringt sie in einem Kloster zur Pflege unter. Dort vollbringt Bynie kleine Wunder, bevor er stirbt. Die Wunder bringen ihm und Rojzen etwas Geld ein. Rojzen setzt sich nach Südamerika ab. Bynie zu Edi:

„Versucht einmal, eine Schlacht zu beschreiben, und Ihr werdet merken, daß alle diese Taten zusammen so wenig bedeuten und so gestaltlos sind wie eine Träne im Ozean.“ (S. 947)


Mittwoch, 27. Januar 2010

Tell hell?


Tell hell?

Plörre kommt aus dem regional Norddeutschen.
Tell kommt aus der Schweiz.

Man kann statt Plörre auch Plempe, Seim, Blümchenkaffee oder Lorke sagen,
wenn man eine dünne Brühe oder
ein dünnes Gesöff meint.


Tell Lager Bier hell vom coop
hält sich derweil noch ganz goot.

33 Centiliter und 4,8 % Alkohol für 70 Rappen,
da will der Köhle nicht klappen.


Dienstag, 26. Januar 2010

Die Djura-Brigade

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 11 (Seite 755-873)
Jugoslawien: die prekäre Einheit zerbrochen, die Faschisten in den Sattel gehoben. Es bestehen aber geheime Gruppen (seit 1938):

„Man nannte sie Sljemiten, nach dem Berge, auf dem ihre Gründungskonferenz stattgefunden hatte, oder Aprilisten – in der Nacht vom 17. auf den 18. April 1937 war Vasso Militsch in Moskau umgebracht worden. Sie bekannten sich zu dem Toten und verurteilten im Namen der Revolution seine russischen Mörder und die von diesen eingesetzte Führung der kommunistischen Partei.“ (S. 761)

Mara hat eine kampfbereite Truppe um sich geschart und verteidigt ihre Insel die Grüne Bucht. Ein Großangriff steht bevor. Man ist sich einig. Djura soll flüchten. Der Dichter Djura muss weiter leben. Die Flucht gelingt, Djura landet bei Ljuba (mit dem Tod ihres Mannes Andrej hat alles begonnen), jetzt ist sie die Verbindung von der Insel zum Festland. Mit Ljuba wollte Djura einen Neubeginn versuchen, doch er wird in Zagreb verhaftet und weil er seiner Überzeugung treu bleibt und die Begnadigung via Kurier verspätet eintrifft schließlich gehängt.

Donjo kommt zu spät auf die Insel. „War's ein Fehler gewesen, aus Frankreich wegzugehen? Gewiß! Ein Fehler mehr.“ (S. 818). Er landet dann auch bei Ljuba, die ihm Djuras Aufzeichnungen gibt. Der Tod Djuras macht Dojno wieder feurig. Er will die Briefe eines Gehenkten heraus geben. „Es muß dem letzten Opportunisten beigebracht werden, daß es gefährlich ist, sich auf die Seite der Mächtigen zu stellen.“ (S. 832) Die Djura-Brigade (so nennen sich die Überlebenden des Insel-Kampfes um die Grüne Bucht) wird immer größer. Man kämpft nicht für die Größe Jugoslawiens auch nicht für den Untergang des deutschen Volkes, sondern für alle, für die Freiheit aller.
Tschetniki, Ustaschi, Djuraten: jeder gegen jeden, man reibt sich gegenseitig auf. Für die Dörfer sind die Partisanenkämpfe ein Unglück, denn die jeweils neuen Besatzer nehmen immer fürchterliche Rache an den Einwohnern. „Seit langem war die Antwort auf die Frage, wie es ginge: 'Teski Zeiti!' - schwere Zeiten. Das zweite Wort hatte man dem Deutschen entlehnt.“ (S. 769)

Mehr und weniger bekannte Weisheiten: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Und was der Reiche zuviel getrunken hat, das erbrechen die Armen.“ (S. 772)
Schönheitsideal?: „Kaligraphische Frauen mit rhetorischen Schenkeln.“ (S. 782)
Vertrautes Übel: „Von allen Dummköpfen waren ihm die gebildeten am unerträglichsten.“ (S. 841)
Und die Apoplexie ist nichts anderes als ein Schlaganfall.

Jeannot unterwegs

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 10 (Seite 649-752)

Dojno schreibt für seine Kameraden Briefe an deren Frauen und Angehörige. Die Truppe ist ein bunter Haufen. Leo, Bernard,
Berthier, Pierrot, Litwak, Faber. „Litwak war der ärmste von ihnen allen. Er war der einzige, der nie Pakete, nie Geld bekam, nur ganz selten einen Brief. Er erwartete keinen. Er erwartete nichts. Er war zu tief gestürzt, tiefer als der Abgrund.“ (S. 656) Litwak, ein Fall für Dojno. Litwak aber hat was gegen Intellektuelle: „Etwas so Blödes wie einen Intellektuellen kann Gott nur in seinem Zorn erschaffen haben“ (S. 659) Außer Berthier fallen alle Kameraden.

Dr. Meunier will Donjo zurück nach Paris bringen, Dojno verweigert die Hilfe auch von Karel lässt er sich nicht helfen, das Angebot Heinrich Liebmanns allerdings kommt ihm schließlich gelegen. Seine Frau erinnert ihn an Gaby. „Sie sieht Gaby ähnlich, dachte Dojno, allen Frauen sieht sie ähnlich, derentwegen ein Jüngling feierlich dumm und dann witzig, kühn und dann melancholisch wird.“ (S. 696) Doch selbst bei den Liebmanns findet Dojno keine Ruhe, er will sich in den Tod flüchten: „Es mußte ein Unfall sein, kein Selbstmord.“ (S. 704) Und wer rettet ihn? Jeannot, ein Kind, acht, neun Jahre alt.

Drittes Buch: Die verlorene Bucht; Erster Teil: Unterwegs (Seite 711-752)
Wir schreiben das Jahr 1941 und Dojno hat einen neuen Lebensinhalt: Jeannot. Er lebt in einem kleinen Dorf und mochte seine Wirtin:

„Sie war das Volk – mehr als irgend jemand, dem er bisher begegnet war (…) Sie beklagte jedes Unglück, das irgendwem zustieß, aber ihre Augen wurden wieder jung, sobald sie von kleinen oder großen Unglücksfällen sprechen durfte.“ (S. 714)
Selbst Lagrange gelingt es nicht, Dojnos neue, nein, erstmalige Heimat und Idylle zu zerstören. „Ich lebe jetzt für Jeannot. Das ist eine klare Antwort. Stürbe ich, so wäre es nicht für ihn. Er würde noch einmal verwaisen.“ (S. 724) Lagrange resümiert: „Der ist kein Politiker mehr, kein Genosse. Ein tödlich verwundeter Revolutionär, der bevor er hinüberdämmert, böse Träume hat. Den letzten bösen Traum.“ (S. 726)

Und dann genügt eine Nachricht und alles ist wieder anders. Albert Gräfe (der, dem das symbolträchtige Unrecht widerfahren war) wurde umgebracht und Mara wünschte sich, dass Dojno nach Dalmatien kommen möge, Prevedini will ihn dort hin bringen. Unterwegs also: von Frankreich über Italien nach Dalmatien. Dojnos Hoffnungsfröhlichkeit über das Gelingen dieses Unterfanges spricht für sich, er hat keine Lust auf eine Unterhaltung mit Skarbek und sagt: „Es ist einigermaßen verfehlt, auf dem Totenbett neue Freundschaften zu knüpfen“ (S. 741) Und nochmals Tod: „In knapp zehn Jahren hatten sich die Landkarten Europas für Dojno verändert. Sie zeigten ihm die Topographien des Todes.“ (S. 752)

Weisheit des Tages: Das Gedächtnis ist dem Erinnernden eine Quelle der Qual, den anderen aber unerwünscht (S. 729)
Roman Skarbek warnt: „Auch ich habe Poeten zu ernst genommen, das büßt man bis ans Ende seines Lebens.“ (S. 741)
Verzweifelte Lebenserkenntnis: „Alles begriffen und nichts angewandt!“ (S. 744)

Sonntag, 24. Januar 2010

Roche for Public Eye Award 2010

Der Pharmakonzern Roche ist für die Auszeichnung „übelstes Unternehmen des Jahres“ nominiert. Und da ich schon mal in Roche-Stadt-Basel sitze, interessiert mich das natürlich. Seit 2005 gibt es die Public Eye Awards, die von den Gewinnern höchst selten entgegen genommen werden (vergleich dazu die Big Brother Awards in Ö. http://www.bigbrotherawards.at).

China ist nach den USA der zweitgrößte Markt weltweit für Organtransplantationen. Roche profitiert davon, indem der Konzern das Medikament Cellcept vertreibt, das Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen unterdrücken soll. Cellcept wird mittlerweile sogar in China selbst hergestellt. Ende 2005 eröffnete Roche in Shanghai eine eigene Produktionsstätte mit 1300 Mitarbeitern.

„Es sei höchst wahrscheinlich, dass in die Roche-Studien auch Patienten einbezogen würden, die Organe hingerichteter Gefangener transplantiert bekommen haben, begründet Public Eye die Nominierung von Roche."
schreibt Martina Keller in der ZEIT (Nr. 4/10) und weiter:
„In keinem Land der Welt werden Verurteilte häufiger hingerichtet als in China. Die Todesstrafe kann für 68 Delikte ausgesprochen werden. Amnesty kommt für das Jahr 2008 auf mindestens 1718 Exekutionen, wobei die Dunkelziffer erheblich höher sein dürfte. Und jedem Toten können mehrere Organe entnommen werden. (…) Der Organbedarf könnte die zahl der Hinrichtungen befördern. (…) Für die chinesischen Kliniken ist das eine gute Möglichkeit, den eigenen Etat aufzubessern.“

Jetzt noch voten. Die Preisverleihung findet am Mittwoch, den 27. Jänner 2010 in Davos statt. http://www.publiceye.ch

Die vergebliche Heimkehr 2

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 9 (Seite 559-645)

Relly thematisiert die Rolle der Frauen. Dojno versucht zu trösten. „Laß, noch einige Trostesworte aus deinem Munde, und ich müßte mich aus dem Fenster stürzen.“ (S. 561) Irgendwie gelingt es Dojno aber doch eine Gaby für sich zu gewinnen. Josmar und Thea haben sich ohnehin endgültig gefunden und Hitler erhebt derweil Anspruch auf das Sudentengebiet. Der Krieg scheint unvermeidlich, Auswandern für Dojno daher unverantwortlich.

Gaby hat es nicht leicht mit Dojno:

„Komisches Wesen, ein Mann! Vor einigen Minuten noch war der Körper einer Frau für ihn alles, er war blind und taub für die Welt – jetzt liest er über die Schuhe im Mittelalter oder die Arbeiterbewegung nach Hitlers Niederlage. Wenn ich jetzt 'Hilfe' schrie, er würde mich erst nach dem fünften Male hören. Komisch, so ein Mann, sehr komisch!“ (S. 592)

Man erfährt von Stalins Gräueltaten, kann aber keinen Zweifrontenkrieg führen. Hitler bleibt der Hauptfeind, ihn gilt es zuerst zu besiegen und da gilt Russland trotz allem als sicherster Verbündeter. Frankreich interniert alle Deutschen und Österreicher, Stetten widersetzt sich: „Er lehnt es ab, Komplize einer Aktion zu werden, die seine Einsicht beleidigt.“ (S. 613) Stetten erleidet einen Herzanfall, versucht aber trotzdem Albert (der wieder mal Verschwörungsopfer ist) zur Flucht über die Grenze zu verhelfen und stirbt dabei selbst.
Dojno zieht frewillig in den Krieg.

Kleine Flucht und großes Vorhaben: „Suchen wir in diesem alten Armagnac Trost für die Dummheit der Zeitgenossen. Im nächsten Leben werden wir uns mehr mit Ästhetik abgeben.“ (S. 573)
Patentes Rezept: „Um glücklich zu sein, genügte ihm, sich an seine unglückliche Kindheit in einem lothringischen Dorf zu erinnern.“ (S. 636)
Aufopferung des Tages: „Nein, dir, Dojno, kann man wirklich nicht nachsagen, du hättest dich geändert. Ich erde vielleicht einmal aufhören, dich zu lieben, aber noch in der Sterbestunde werde ich mich bereithalten, dir mal schnell einen Kaffee zu brühen.“ (S. 561)

Weisheit des Tages: „Wenn man jung ist, kann man sich in Taten ausdrücken. In meinem Alter kommt es nicht mehr auf die Tat an, sondern auf die Haltung.“ (S. 617)
Weisheit 2: „Recht haben ist wichtig, aber nicht alleine sein ist viel wichtiger.“ (s. 641)

Stetten frevelt: Psychoanalyse ist die Brille der Blinden! (S. 625)
Beziehungstipp: „Man soll eine Frau nicht länger warten lassen, als sie braucht, sich die Hälfte der Vorwürfe auszudenken, die sie dem Geliebten an den Kopf zu werfen hat.“ (S. 574)

Zu klärende Fremdwörter, Floskeln:
Okarina: Blasinstrument, Gefäß-, Schnabelflöte mit 10-12 Löchern
captatio benevolentiae
: Elaborierte Form des Um-Ruhe-Bittens, „erheischen des Wohlwollens“ zB vor einer Rede, Theaterstück, etc.
nihil humani mihi alienum
: Nichts Menschliches ist mir fremd

Dienstag, 19. Januar 2010

Tiefer als der Abgrund

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 8 (Seite 459-558)
Zweites Buch: Tiefer als der Abgrund; Erster Teil: Die vergebliche Heimkehr

Stetten holt Dojno zurück nach Wien. Donjo hat allerdings arge Schwierigkeiten mit dem Neubeginn. Deshalb verheddert er sich erst mal in der Vergangenheit und läuft einer alten Liebe nach. „Ihre komplizierte Frisur ließ das Gesicht frei.“ (S. 469) Er rechtfertigt das natürlich anders: „Um mich zu bestrafen, daß ich Sie vergessen habe, und um Ihnen zu danken – für damals.“ (S. 471)
Dojno muss erst lernen, wie man ist, wenn man unglücklich ist. „Er war voller Furcht vor der Rückkehr ins Leben.“ (S. 480) Stetten wird eingeladen, die Regierung um zu bilden. Seine Forderungen werden natürlich nicht erfüllt. „Man bietet ihnen Macht an, genau in dem Augenblick, da sie Ohnmacht wird.“ (S. 485) Bald darauf ist Österreich nicht mehr und es heißt wieder einmal fliehen.

Marlies holt sich ihre Tochter Agnes zurück. Stetten ist gebrochen, will bleiben, bleibt zu lang und landet in den Händen der Gestapo. Immerhin setzt sich Marlies (Gattin des mächtigen Tann) für die Freilassung ihres Vater ein. Treffpunkt aller: Paris „die Liebe zu dieser Stadt, deren verführerischer Reiz es war, daß sie dem Untergang den Schein des Überganges verlieh. Denn der Untergang hatte begonnen.“ (S. 513)

Edi und Josmar schmieden Pläne. Sie wollen eine Spielzeugfabrik und parallel dazu wieder eine Bewegung aufbauen. Stetten findet Gefallen an Albert Gräf und dessen Geschichte. Mara will Slavko in Paris umbringen und Karel will, dass Donjo die Ermordung des Dichters Ottokar Wolfan vereitle. Beides misslingt. Stetten konstatiert als Hauptmotiv der Epoche: „Mißbrauch der Liebe zum Zweck der niedrigen Vernichtung“ (S. 557)
Und da fragt dann mal wer nach Dojnos Motivation:
„Vielleicht aus Leibe zu der Vorstellung von einer Welt, wie sie sein müßte,
sein könnte.“ und versteht nicht: „das kann schon sein, aber warum das? Warum
nicht Liebe zu Menschen? Zu einer Frau, zu Kindern, zu den Genossen?“ (S.
498f.)

Wahrheit des Tages: „Niemand ist so einsam wie der Mensch, der es ablehnt, zu vergessen.“ (S. 477)
Zu klärende Fremdwörter:
Faszikel: Aktenbündel, ungebundenes Fragment eines Buches
Felonie: Vorsätzlicher Bruch des Treueverhältnisses zwischen Lehnsherr und Lehnsträger

Freitag, 15. Januar 2010

Die Brasel


Tier des Tages

Die Brasel ist eine zahnarme Nagetiergattung aus der Ordnung der Paarhufer. Die Brasel ist sehr scheu und nur in den Wintermonaten, zur Begattungszeit anzutreffen. Sie hält die warmen Monate über Sommerschlaf und ist mit einem dicken, widerstandsfähigen Wuschelfell gesegnet, in das sie sich in den Sommermonaten regelrecht einspinnt und so unter Brücken, Felsvorsprüngen jedenfalls aber in Wassernähe übersommert. Sie frisst, was ihr vor den Rüssel kommt, ist aber friedfertig. Sie erdrückt ihre Beute, liebkost sie zu Tode. Dabei ist auch ihre lange, starke Zunge von Vorteil, die sie einem Fangarm gleich steuern kann. Die Fachsprache der Ringer kennt den Begriff „Braselklemme“.

Mit dem Faultier ist die Brasel nur insofern verwandt, als das Leben des Faultiers überwiegend mit dem Rücken nach unten auf Ästen hängend, jenes der Brasel hingegen vorwiegend mit dem Rücken nach oben auf Brücken statt findet (Foto: Mittlere Brücke). Die Brasel kann zwar auch hängen aber nur an Schwanz und Zunge. Das Hängen am Schwanz macht sie nach der Begattung, auf dass der Same in ihr bleibe. Das Hängen an der Zunge macht sie nach zu üppigen Mahlzeiten, auf dass die Nahrung den Magen erreiche.

Die männliche Brasel heißt Brösel und ist daran zu erkennen, dass sie ein Ohr weniger hat als die Brasel. Gelingt es dem Brösel nicht, sich einmal im Jahr fortzupflanzen, so verliert er eine weitere Extremität. Beinlose Brösel begehen meist aus Schmach Selbstmord (in der Regel durch Ertrinken, bei Autobahnbrücken zunehmend auch durch Überfahren).

Nach dem Sommer wird geworfen. Danach begibt sich die Brasel gemeinsam mit dem Begatter auf Wanderschaft und macht Brücken- und Partnertausch. Sodann beginnt der ganze Kreislauf wieder von vorn. Eine fleißige Brasel kommt mit ihrem jeweiligen Brösel ganz schön rum. Je nach Lebenswandel, Flussverlauf und Verpestungsgrad des Habitats bringt es die Brasel im Durchschnitt auf zwei bis drei Länder (freilich viele Städte) und circa 20 Lebensjahre.

In Basel fühlt sich die Brasel ganz besonders wohl. Die Rheintaxigesellschaft „Wasserfloh“ hat die Brasel jüngst zu ihrem Wappentier gemacht.
Junge Brasel mit Brösel an Bratkartoffeln ist in Untergrund-Feinspitzkreisen eine Spezialität offiziell aber aus Artenschutzgründen nicht erhältlich.