Mittwoch, 19. Oktober 2011

Generation Projektarbeit


Bereits mit ihrem 2007 im Haymon Verlag erschienenen Debüt Taghelle Gegend hat Angelika Reitzer die literarische Landschaft nachhaltig bereichert. Darin leuchtet Reitzer in einer sehr bildreichen Sprache und luziden Detailbeschreibungen das Alltagsleben aus und erstellt somit ein literarisches Zeitbild von bleibendem Wert und bestechender poetischer Kraft. Diverse Stipendien und Preise (u. a. Reinhard Priessnitz Preis 2008, Marianne von Willemer Preis 2009) sowie der Prosaband Frauen in Vasen (Haymon 2008) folgten. 2010 dann der große Wurf.

Arbeitslosigkeit kommt vor dem Fall. Alles steht und fällt mit dem Job. Lebensrhythmus und Lebensqualität werden vom Job vorgegeben. Angelika Reitzer hat darüber einen unter die Haut gehenden Roman mit dem Titel unter uns geschrieben.
Am Anfang steht ein Familienfest. Die Eltern von Clarissa ziehen sich zurück in den emotionalen und beruflichen Ruhestand. Was von der Familie bleibt, sind alte Filme. Clarissa war Assistentin der Geschäftsführung und Loftbewohnerin, nun ist sie arbeitslos und in Untermiete bei Freunden.

Vom Loft über ein WG-Zimmer im Hochparterre in den Keller der heilen Familie von Klara und Tobias. In unter uns macht Reitzer Auflösungstendenzen beruflicher, persönlicher, und partnerschaftlicher Art evident und übt dadurch implizit Gesellschaftskritik. unter uns ist auch ein Roman über die relative Freiheit von Freischaffenden, über das Prekariat, die Generation Projektarbeit und die Job-auf-Zeit-Falle.

So offen wie die Zukunft der Protagonisten ist auch die formale Umsetzung des Textes. Reitzer erzählt nicht linear, sie verwebt verschiedene Ebenen miteinander, wechselt laufend die Perspektive, lässt Episoden ineinander fließen und ist dabei stets unaufgeregt im Ton aber sprachlich äußerst präzise.
Die Lebensentwürfe im weiten Feld der Kreativitätswirtschaft haben eigene Gesetze. Hohes Ansehen aber keine Absicherung. Selbstausbeutung steht auf der Tagesordnung und ist ebenso Voraussetzung wie hundertprozentige Flexibilität. unter uns ist ein sprechender und mehrdeutiger Titel dieses Romans mit der Hauptfigur Clarissa. Clarissa ist unter uns, verschwindet aber mehr und mehr, geht unter.
Es wird einem mehr bekannt vor kommen, als einem lieb ist. Lesen!

Kloschüsselsitzrandreinigung

So wie sich momentan die Brillen von 15-35jährigen in der Kreativ-Branche beständig vergrößern, vergrößern sich momentanauch die Klobrillen in Bahnhofstoiletten. Beide werden auch immer teurer. Also die Brillen einerseits und die Brillen - respektive Toilettenbesitz und -benutzungen andererseits.
Wohingegen sich bei den Nasenbrillen oder den Augen - wie meine Oma immer zu sagen pflegte ("Warte Bub, ich muss nur schnell meine Augen suchen!") - die Gläser vergrößern, verbreitert sich bei den Klobrillen der Rahmen, also die Aufsitzfläche.
Wenn mann ganz genau ist, muss man sagen, dass es gar keine Brillen mehr gibt, sondern nur mehr das Nackte, Kühle zum Draufsitzen und Selbstreinigen. Weil in die 1 € Zelle gehen ja nur die Kacker und die mit ganz, ganz großem (also kleinem) Schwanzproblemkomplex.

Das Inventar wird in Summe schlichter und ist auf das Wesentliche reduziert. Ein Thron mit großem Einschissloch und breitem Sitzrahmen. Keine Bürste, keine Dinge zum Mitnehmen oder Zerstören. Solide Kleiderhaken und an der Wand, nebst den metallbehältergeschützten Klopapierrollen ein Reinigungsmittelspender für die persönliche Kloschüsselsitzrandreinigung.
Man sprüht das Zeug also auf geknülltes Klopapier und ist sodann bis über den Ellenbogen eingesaut, ist mit einer Duftnote versehen,die man für den Rest des Tages nicht mehr los wird.
Eau de Toilette HaHa (Hamburg Hauptbahnhof) heißt der neue Renner (ja, ich bin ein Trendsetter), individuell gewürzt mit Selbstverdautem (je nach Küche der Saison), zu haben um schlappe 1 €, hält stundenlang und macht dich unverwechselbar.

Was? Das soll leicht beschissen sein? Vonwegen. Der wahre Beschiss ist der real existierende Parfumwahnsinn. Lieber 80mal sauber und gut abgekackt auf den Bahnhofstoiletten Deutschlands (in Österreich kann man noch für 50 Cent dafür fehlt's aber oft am Duftspender), als so ein Fläschchen Hugo, Escade, Gucci oder sonst was!
Wider den Parfumirsinn!

Ach ja, das Bild ist nicht in Hamburg entstanden. Sondern in...? Wer weiß es? Sachdienliche Hinweise erbeten, Belohnung ausgeschrieben.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Blogstoff


Zwischendurch darf an dieser Stelle ruhig mal aus dem Nähkästchen eines Literaturzeitschriftenredakteurs geplaudert werden.
STOFF - von Mode bis Mafia ist das aktuelle Thema und ich habe sie alle gelesen die Einsendungen und der Oktober, der jetzt auch wirklich einer ist, mit Wind und Brausewetter, war mir behilflich dabei.
Es war wie immer ein Wechselbad, ein Kaltwarm, ein Zappen durch Geschichten, Gedichte, Gedanken. Stoff genug für diesen Blogeintrag.
Der knallrote mobile Fahruntersatz wurde übrigens in Feldkirch gesichtet.

Samstag, 24. September 2011

Der Ottakringer Wortvertreter

Sommer vorbei, Urlaub schon längst.
Roman fertig, ich auch (aber am Erholen). Sommerbräune schleicht sich langsam.
Ein goldener Herbst kann schon auch was.
Schreibpause? Nein.
Der Wortvertreter schreibt weiter, hat aber den Bezirk gewechselt. Neue Homebase: Ottakring.
Yes, ik bin ein Ottakringer

Samstag, 23. Juli 2011

von wegen gedankenblank

Robert Prossers Bücher haben sprechende Titel. Auf „Strom. Ausufernde Prosa“ (mehr braucht an dieser Stelle dazu nicht gesagt werden) folgt „Feuerwerk“. Ein Erinnerungs-Feuerwerk muss man gleich dazu sagen. Ein Feuerwerk hat eine Dramaturgie, versetzt in Staunen und verpufft dann wieder. Ein Feuerwerk wird abgeschossen, ist ein Augenblicksding und bleibt doch in den Köpfen. Ein Feuerwerk muss aber nicht immer aus Knallkörpern bestehen, man kann das Feuerwerk schon auch als Werk eines Autors betrachten, der glüht, brennt, ja um auf den Erstling zurück zu kommen, eines Autors der unter Strom steht und diesen Wechselstrom fließen lassen will. Einem Feuerwerk entsprechend ist das Buch wie ein Countdown aufgebaut, es wird von 10 zurück gezählt – automatisch stellen sich Silvesterszenarien ein und was macht man zu Silvester (außer sich zu betrinken?)? Man lässt das Jahr Revue passieren. Robert Prossers Erinnerungs-Feuerwerk ist über einen größeren Zeitraum gespannt. Da flammen Kindheitserlebnisse ebenso auf, wie Reisebeobachtungen im nahen/fernen Osten und im wilden Süden. „plötzlich wird mir bewusst, dass Reisen vor allem eines bedeutet: Material zu sammeln: wenn möglich Inspiration (...)“ (S. 121)

Da wird über Ferialfabriksarbeit ebenso reflektiert wie über Drogenkonsum mit Gangstern und Huren. Da bekommt die Zeltfesttradition ebenso ihr Fett weg wie der Begräbnis Kult da und dort. Da wird gereist, gesucht und geliebt. „ich suche und picke mir Momente heraus“ (S. 91) Gesucht wird aber auch nach der treffenden Sprache und gereist, um sich ab zu lenken, um die Sehnsucht nach ihr, durch ständiges in Bewegung bleiben, erträglicher zu machen. „Da sich alles vermischt, überlagert, sich zu drehen beginnt bin ich weder Wasser noch Baum, stattdessen gedankenblank den inneren Zuständen ausgeliefert, (…)" (S. 87)

Diese Themenfülle und das leidenschaftliche Feuer dahinter, führt dazu, dass da mächtige Sprachbilder zutage gefördert und in den Äther gejagt werden. Oftmals überzeugende, meist originelle und gelegentlich sympathisch pathetisch überschwurbelte. Da kann/muss man nicht immer dabei bleiben, da darf man gerne auch mal absetzen, aussteigen und wieder runter kommen von diesem Trip, diesem Sprachrausch, der einen sowohl anstecken, als auch zudecken kann. Man könnte Robert Prosser als „Fährtenleser zur Deutung der Illusion“ bezeichnen. Jedenfalls aber packt einen dieses „Feuerwerk“ und zieht einen da oder dort hin, macht also etwas mit einem, bewegt, wirft Fragen auf, beschäftigt. Das ist die Kraft guter Literatur, der Rest ist großteils Geschmack und der relativ.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Erleuchtungsbrille

Dienstag, 12. Juli 2011

Die Sonne knipst mich aus, macht mein Ich weich, macht mich mürbe und würde ich welche haben, also Gedanken, so gingen sie unter im Meer oder versandeten, landeten am Grübelkomposthaufen um dort zu verderben und Humus für spätere, wirkliche Gedanken zu werden.

Montag, 11. Juli 2011

Taras Prochasko gelesen, Thunfischsalat gegessen, am Strand gedöst. Viel mehr war nicht. Finnisage, ja. Auch Bier im Coffehouse, eh genug. Die erste Woche halt und mich ordentlich voll gemacht. Erkenntnis des Tages: Lesen ist eine Art Durchlauferleuchtung.

Solomos


Sonntag, 10. Juli 2011
Ruhe- und Pastatag mit Zikadencrescendo als Hintergrundmusik. Erneute Bestätigung: 3 gut eingeschänkte Ouzo plätten. Vernissage und Nachschlag im Altius. Vier Uhr wird’s so auch bald. Ach ja, der Schutzheilige der Insel ist Dyonisos. Wörter des Tages: Unzuchtspfuhl, Stummduldung und Reizdarm.
Samstag, 9. Juli 2011
Tagesausflug, Inselfahrt, Museumsbesuch. Noch ouzorauschig in den Tag geschlittert und gegen die verdauungsanregende Straßenführung und -präparierung angekämpft. Das Nationaldichter Museum (Solomos und seine 158 Strophen Hymne) gewürdigt, eine Oliveölmühle besichtigt und auf das gestrandete Schmugglerschiff runter geblickt.
Viel von der Insel und diversen Versäumnissen gesehen und am Abend mit Grillfleischplatte dicht gemacht. Auch effizient, bewirkt aber (im direkten Vergleich mit Ouzo) gesprächstechnisch das Gegenteil.

Skopos

Freitag, 8. Juli 2011

Den Hausberg (Skopos) erklommen und dem Sonnenaufgang beigewohnt. Dafür um 4 aufgestanden und von 9 bis 12 gepennt. Einem geschwätzigen Sportfreak und Hausmeister mehr Ohr geliehen, als er verdiente und die Idealzeit für Sex in griechischer Hitze entdeckt. Noch immer einen verspannten aber wenigstens nicht verbrannten Rücken. Die Augen aber rinnen sonnen-, salz- und sandbedingt.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Laufen am morgen am Strand. Wasser schwappt in die Schuhe, schnappt nach dir. Sand baut nicht auf dich, sondern lässt dich einsinken. Sonne lässt sich sowieso nicht von ihrem Tun abhalten. Schwere Beine, Schweiß in Flüssen aber hinterher Belohnung, Abkühlung, Versöhnung. Auf die Siesta verzichten hat bloß zur Folge, dass man das Beachvolleyballen verschläft, dann zu früh isst und müd ist.

Zakynthos 2011

Dienstag, 5. Juli 2011

Schaltergepolter im Fluc-Slam-Rausch. Ticket- aber nicht wortlos. Im Sprint in den Flieger und in voller Rauschblüte im Bus nach Vassilikos den Kater dann am Strand kuriert und mit Ouzo, Musaka und Yazzi-Entspannungswürfeln ab unters Mosquitonetz. Anstandsloses Urlaubseinstandsfeeling. Die Restfetten half!

Mittwoch, 6. Juli 2011

Einen Heckenklescher und den würzig äzenden Hausschnaps aber großartige Schwertfischsouvlaki. Tränende Augen, offene Schienbeine und Knie aber große Beachvolleyballmomente. Gegen eine gediegene Siesta gibt es wirklich gar nichts einzuwenden und Lamminnereien sind vor allem als Wort schön.

Montag, 13. Juni 2011

Lektürekernsätze


Die Dichter, hieß es bei Horaz, wollen zugleich Erfreuliches und Nützliches über das Leben sagen, schreibt Franz Schuh, lese ich. „Die Grundeigenschaft der Niedertracht nimmt zu“, sagt der ORF Programmdirektor Wolfgang Lorenz im Interview und zwei Seiten weiter wird über originelle, organisierte Kriminalität berichtet: Banden saugen mit leistungsfähigen Staubsaugern Hartgeld aus Münzfernsprechern in ganz Europa. Harte Arbeit für echtes, hartes Geld. Das Wörgler Schwundgeld aus dem Jahre 1932 von Michael Unterguggenberger wiederum ist Österreichs berühmteste Zweitwährung. Heute gibt es an regionalen Währungssystemen den Waldviertler, den Styrrion, den Walgauer, den Klostertaler und den Leiblachtaler. Heute gibt es das Internet, früher gab es Versandhauskataloge, sage ich. So viele bunte Bilder, so viele Produktbeschreibungen. Apropos Beschreibungen: Wein ist das, was man trinkt, wenn das Bier alle ist, erklärt Max Goldt und 64 % aller Paare schauen sich beim Sex nicht in die Augen, steht zu lesen in „Intimität und Verlangen. Sexuelle Leidenschaften wieder entdecken“, geschrieben von einem Pionier der Sexualtherapie mit dem sprechenden Namen David Schnarch.

Weniger gemütlich als ein Bett ist eine Abferkelbucht, die ist gängig in der Schweinezucht. Eine Abferkelbucht ist ein Zwinger für die Muttersau, in dem sie sich kaum bewegen, nur die Zitzen bereit stellen (und somit praktischerweise die Ferkel nicht erdrücken) kann. 70 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen im Jemen kauen täglich Kat-Blätter. Danach haben alle geschwollene Backen, Kat macht euphorisch und gesellig, eine dicke Backe stört da kaum. Aber Kat braucht sehr viel Wasser und das ist – wie Freiheit – knapp im Jemen. Im Übrigen haben die Leute dort ohnehin gerade andere Probleme.