Sonntag, 7. Februar 2010

Schere, Stein, Beton


Basel ist eine sehr schöne Stadt.
Offen, international und historisch.
Ich logiere in einem Haus, das das große Erdbeben von 1376 überstanden hat. Es gibt dort eine Fruchtschütte, original mittelalterliches Mauerwerk und sogar keltische Spuren.

Basel kann aber auch anders.
Auf dem Weg zum Schwimmbad habe ich nebenstehenden Ziegelstadel zu passieren, der, so mutmaße ich, von der untenstehenden Stammkundenmaurerei (Wort des Tages) vollbracht wurde.
Die Stammkundenmaurerei ist ja ein etwas in Vergessenheit geratenes Handwerk, das nur den treusten Kunden zuteil wurde. Heutzutage liegt die Betonung bei der Treuebelohnung vielmehr auf Kundenkartenbetonierungsbindung.

Geistiger Umsturz

Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften (Seite 54-79)

Wissenswertes über Walter und Clarisse, der ekelerregende Fall Moosbrugger und ein briefliche Ermahnung des Vaters. Damit endet der erste Teil des ersten Buches.
Walter ist ein Mann mit Eigenschaften. Für Walter ist Ulrich einer vom Menschenschlag, den die Gegenwart hervorgebracht hat und er ist sich sicher, dass Ulrich keinen guten Einfluss auf Clarisse ausübt. „Er verschlimmerte ruchlos in ihr, woran Walter sich nicht zu rühren getraute, die Kaverne des Unheils (...)“ (S. 63)

Was ist nun Ulrich für ein Mensch?

„Könnte man die Sprünge der Aufmerksamkeit messen, die Leistungen der Augenmuskeln, die Pendelbewegungen der Seele und alle die Anstrengungen, die ein Mensch vollbringen muß, um sich im Fluß einer Straße aufrecht zu halten, es käme vermutlich – so hatte er gedacht und spielend das Unmögliche zu berechnen versucht – eine Größe heraus, mit der verglichen die Kraft, die Atlas braucht, um die Welt zu stemmen, gering ist, und man könnte ermessen, welche ungeheure Leistung heute schon ein Mensch vollbringt, der gar nichts tut. Der Mann ohne Eigenschaften war augenblicklich ein solcher Mensch.“ (S. 12)

Ein Möglichkeitsmensch also?

„Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven;“ (S. 16)

„Und da der Besitz von Eigenschaften eine gewisse Freude an ihrer Wirklichkeit voraussetzt, erlaubt das den Ausblick darauf, wie es jemand, der auch sich selbst gegenüber keinen Wirklichkeitssinn aufbringt, unversehens widerfahren kann, daß er sich eines Tages als ein Mann ohne Eigenschaften vorkommt.“ (S. 18)

Über die Dummheit: „Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen.“ (S. 59)

Über Österreich, über K.u.K.: Kakanien: „Und in Kakanien wurde überdies immer nur ein Genie für einen Lümmel gehalten, aber niemals, wie anderswo vorkam, schon der Lümmel für ein Genie. (…) Es war nach seiner Verfassung liberal, aber es wurde klerikal regiert.“ (S. 33)

Über die Geschwindigkeit: „Wenn uns die Sache mit der Geschwindigkeit nicht gefällt, so machen wir doch eine andere! Zum Beispiel eine ganz langsame, mit einem schleierig wallenden, meerschneckenhaft geheimnisvollen Glück und dem tiefen Kuhblick, von dem schon die Griechen geschwärmt haben.“ (S. 32)

Über Gefühle von Frauen: „Ihr Gefühl hat noch nicht gelernt, sich ihres Verstandes zu bedienen, und zwischen diesen beiden liegt ein Unterschied der Entwicklung, der fast so groß ist wie der zwischen Blinddarm und der Großhirnrinde.“ (S. 37)

Über die Gefühle von Männern: „Denn die zarteren Gefühle der männlichen Hingabe sind ungefähr so wie das Knurren eines Jaguars über einem Stück Fleisch, und eine Störung darin wird sehr übelgenommen.“ (S. 42)

Über Ingenieure: „Warum gefällt es ihnen, Busennadeln mit Hirschzähnen oder kleine Hufeisen in ihre Halsbinden zu stecken?“ (S. 38)

Über den Wandel der Zeit: „Man liegt nicht mehr unter einem Baum und guckt zwischen der großen und der zweiten Zehe hindurch in den Himmel, sondern man schafft;“ (S. 39)


Donnerstag, 4. Februar 2010

DUM-Fahne


Befalggung

Nacht war schon - Nebel nicht.
Dennoch eine Geheimaktion
Am 3/2 um 3Uhr30 habe ich die
Mittlere Brücke beflaggt
Und siehe da, die Basler haben Verständnis
für dies Fahnenhissung und so steht der DUM-Banner auch heute noch im steifen Basler Wind

Mittwoch, 3. Februar 2010

Der Mann ohne Eigenschaften

Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften (Seite 1-54)

Ulrich heißt unser Held, der keiner sein will und auf den ersten 50 Seiten erfahren wir schon allerhand über ihn. Wir wissen wo er wie wohnt, dass er Anfang 30, recht gut in Form ist und sich gerade Urlaub von seinem Leben nimmt. Ulrich wollte schon immer ein bedeutender Mensch werden, sein erster Versuch dies zu erreichen, ließ ihn zum Fähnrich in einem Reiterregiment werden, dann verschrieb er sich der Technik und schließlich der Mathematik. Es wird offenbart, dass sein Vater ein Mann mit Eigenschaften war, über die Mutter wird vorerst noch nichts verraten aber über andere Frauen. Seine Gefährtin und eine Geliebte, sowie eine Freundin und einen Freund dürfen wir schon näher kennen lernen auf diesen ersten Seiten und an Action mangelte es auch nicht. Ein Unfall gleich zum Auftakt und später dann wird Ulrich windelweich geschlagen.

Namen, Zahlen, Zitate? Aber gerne doch. WIEN im Jahre 1913. „Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen.“ (S. 9) Wien, aber das ist an sich nicht wichtig: „Die Überschätzung der Frage, wo man sich befinde, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken mußte.“ (S. 9) Ulrich wohnt in einem „kurzflügeligen Schlößchen, ein Jagd- oder Liebesschlößchen vergangener Zeiten (…) die vornehme Stille der Bücherwände einer Gelehrtenwohnung“ (S. 10) natürlich inklusive. Außerdem kann seine Wohnung mit einem Ankleidezimmer aufwarten. Für die Fitness gibt es einen Boxball.

Sein Vater hielt diese Lebensart für eine „unheilverheißende Anmaßung“. Sein Vater verabscheute die Unüberlegtheit, Ulrich verabscheute gewöhnliche Wohnungen. Und: „Wenn man sein haus bestellt hat, so soll man auch ein Weib freien.“ (S. 21) Leontine ist Sängerin in einem Varieté. Ulrich nannte sie Leona „und ihr Besitz erschien ihm begehrenswert wie der eines vom Kürschner ausgestopften großen Löwenfells.“ (S. 22) ROARRR! Leona zeichnet sich u. a. durch Gefräßigkeit aus und weil das öffentliche Auftreten mit ihr nicht gerade nach seinem Geschmack war, „verlegte er ihre Fütterung gewöhnlich in sein Haus, wo sie den Hirschgeweihen und Stilmöbeln zuspeisen mochte.“ (S. 24) Aber immerhin verachtete ihn Leona ein bisschen.

Dass Ulrich eine große Schnauze hat, dürfte schon klar geworden sein, dass er auch auf die Schnauze kriegt, tut gut (wenngleich der Fehler an seiner Verprügelung seiner Meinung nach lediglich auf „sportlichem Gebiet lag“). Dass ihn selbst in dieser Lage ein guter Engel rettet, ist fast schon eine Frechheit. Dass dieser gute Engel ihn anderntags aufsucht und seine Geliebte, ja seine Bonadea wird, kommt aber nur in den besten Romanen vor („Sie hatte nur einen Fehler, den daß sie in einem ganz ungewöhnlichen Maß schon durch den Anblick von Männern erregbar war.“(S. 42)).

Clarisse ist Walters Frau („Sie verhöhnte die wallende Waschküchenwärme, in der er Trost suchte.“ (S. 53)), Walter ein vielseitiger Dilettant und Ulrichs Jugendfreund. „Ulrich wußte, daß sie sich Walter wochenlang verweigerte, wenn er Wagner spielte. Trotzdem spielte er Wagner; mit schlechtem Gewissen; wie ein Knabenlaster.“ (S. 49)
Höchst vergnüglich das alles und an zitierwürdigen Passagen derart reich, dass ich da „allsogleich", nein, morgen einen eigenen Eintrag folgen lasse werde.


Dienstag, 2. Februar 2010

Erste Eindrücke in der Fremde


Monatsrückschau

Das Schweizer Bier ist mir zu teuer. Der Schweizer Käse ist ein Segen. Die Schweizer Schokolade ist mir wurscht. Die Schweizer Cervelat ist das Schnitzel des armen Mannes (die Migros-Budget-Produktreihe die Lebensversicherung desselben. Überhaupt die Migros: Aber da am besten einfach Gabriel Vetters Text Migros-Kind anhören. Apropos Vetter)

Die Schweizer Wähen süß/salzig sind eine Wonne. Der Schweizer Kaffee ist besser als deutscher aber schlechter als italienischer. Das Schweizer Brot ist krümelstark und scharfkrustig (ich kaue mir täglich mein Zahnfleisch blutig). Das Schweizer Selbstbewusstsein ist stark. Die Schweizer Schispringer sind schwach (oder sagen wir so, sie sind wenige, sie sind einer, ein A, ein Mann, ein Amann, mehr nicht).

Die Schweizer Schifahrerinnen und Schifahrer kenne ich nicht (außer Peter Müller und Vreni Schneider). Die Schweizer Disziplin beim Längenspulen im Hallenbad macht mir Angst (niemand planscht, spricht, springt, tollt herum oder macht sonst irgend welche Ball- oder Wasserspiele. Alle kraulen, brusten, rücken, delphinen gnadenlos dahin und wer von seiner Linie abweicht, zu oft ausweicht, der hat verloren, der ist zum Slalomschwimmen verdammt und kriegt regelmäßig kräftige Arm- und Fußtempischläge ab. Anfangs hatte ich nach dem Schwimmen mehrere blaue Flecken aber sie werden weniger).

Die Schweizer Fahrradparkgarage in der Basler Bahnhofspassage stimmt mich fröhlich. Die Schweizer Gebotsschilder schüchtern mich ein: Kein Kehricht! (Wenn ich nicht absolut unbeobachtet bin, habe ich nicht den Mut irgend etwas in öffentliche Mülltonnen zu werfen, aus Angst davor, zur Rede gestellt zu werden. War das nicht Kehricht? Rest-, Haus- oder gar Sondermüll? Der Bademeister im Hallenbad ist Schuld an dieser Neurose. Er fragte mich, was denn das da am Boden wäre, ich sah es nicht ohne Brille und musste mich hin knien. Ich wusste es nicht. Er schien mir nicht zu glauben. Er hielt nicht lange hinter dem Berg und fragte schroff, ob ich im Badebereich gegessen hätte. Nein. Warum ich denn dann eine Tasche mit hätte, was denn da drinnen wäre, ob ich wirklich nichts gegessen oder vielleicht gar etwas getrunken hätte. Ich verließ das Hallenbad fluchtartig. Der Bademeister fühlte sich in seinem Verdacht bestätigt.)

Schweizer Bademeister sind mir suspekt und zu mächtig. Ich gehe vorerst nicht mehr schwimmen. Zum Laufen ist es aber noch zu kalt und rutschig. Ich werde also fett und faul. Ich bin traurig, finde aber Trost. Plötzlich ist mir Schweizer Schokolade nämlich doch nicht wurscht, sie schenkt mir vielmehr sonnige Freudengefühle und wohlige Leibesfülle. Ich esse nun täglich Schokolade. Ich verwandle mich, ich nehme Gestalt eines Schoggiwegglis an, ich lasse mich nicht beirren und mache weiter. Mein Selbstbewusstsein steigt, ich fühle mich integriert.

Ich schöpfe neuen Mut und wage mich erneut ins Hallenbad, einfach um zu schauen, was passiert. Der Bademeister sagt. Halt, Stopp, nein, Essen ist aus hygienischen Gründen im Badebereich nicht erlaubt. Ich heiße Markus entgegnete ich ihm forsch, nicht Essen und ob er damit sagen wolle, dass ich ihm stinke. Ich heiße Würstel, sagte der Bademeister mit fiesem Lachen, bin nur ein kleines Rädchen im Systems, führe nur Anweisungen aus und verwehrte mir den Weg.

Ich fühlte mich ausgestoßen, verlassen und einsam. Ich ging zum Basler Bahnhof, der ist nicht weit entfernt vom Hallenbad Rialto und zog mir ein Warteticket, nur um nach circa 9 Minuten Wartezeit, wie mir das rote elektronische Schriftband vorsorglich mitteilte, mit jemanden reden zu können. Ich fragte die Dame am Schalter 9, ob sie gut geschlafen habe?

Ja und Sie?, wollte sie wissen.Geht so, sagte ich. Um halb sechs morgens weckte mich entweder der Druck auf meiner Blase oder der LKW Zustelldienst vor der Tür. Jedenfalls bin ich seither wach. Das ist natürlich fürchterlich, zeigte die Schalterfrau Verständnis für meine missliche Lage. Und sonst so?, wollte sie wissen. Naja, sagte ich, der Bademeister im Rialto scheint etwas gegen mich zu haben. Na da machen sie sich mal keine Sorgen, der ist berüchtigt, versuchte mich die Schalterfrau zu trösten.

Und bei Ihnen fragte ich?, um auch mein Interesse zu bekunden.Ach, wissen Sie, sagte sie, ich klage nicht, ich könnte klagen, aber ich klage nicht, bringt nichts. Ich helfe wo ich kann und das macht mich glücklich. Schön, sagte ich. Ja, sagte sie. Noch was?, fragte sie. Ähm, ...nein, vorerst nicht, sagte ich und da mir nichts anderes einfiel, sind sie morgen auch wieder diese Nummer? Ja, ich bin morgen auch wieder 9 aber ob Sie wieder 572 sind, das ist schwer zu sagen. Probieren Sie es einfach, ermutigte sie mich.Okay, sagte ich, ich werd's probieren. Na dann, danke und bis morgen, sagte ich und schenkte ihr mein bestes Lächeln.Tschüss, sagte sie und winkte. Mein Seelenzustand war wieder rehabilitiert.

Ich rekapitulierte. Schweizer Bademeister sind wie Schweizer Brot: hart, scharf und verleztend. Aber Schweizer Fahrradparkgaragen, Schweizer Käse, Schweizer Wähen, Schweizer Schokolade und vor allem Schweizer Schalterfrauen machen total glücklich.
Merci vülmal.

Montag, 1. Februar 2010

Ohne Ende

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 12 (Seite 967-1034)

Dojno erklärt seinem Fluchtgefährten Tony was Sache ist:

„Meine Stellung zum Tode nehme ich schon seit Jahren nicht mehr ernst. Sie ist launisch, töricht. Alle Aphorismen über das Leben sind mehr oder minder richtig, die über den Tod sind gewöhnlich falsch, von der Stimmung eingegeben, nicht von der Einsicht. Sobald sich die Deutschen zeigen, werde ich das Gift nehmen. Aus Angst vor der Tortur? Wahrscheinlich. In der Gewißheit, daß sich mich jedenfalls umbringen? Entscheidend.“ (S. 969)
Dojno verbringt seine Tage auf Post wartend in Bari. Endlich kommt was aus Palästina, ein Brief von Edi. Wenigstens er haut auch überlebt. Über Rom gelangt Dojno schließlich wieder nach Frankreich und erfährt, dass Lagrange umgebracht wurde: „Die, mit denen er sein wollte, haben ihn umgebracht.“ (S. 1020) Die, die verantwortlich dafür sind tuen die Sache ab mit „es waren wirre Zeiten.“ Dafür hat Dojno kein Verständnis.

Mit seinem alten Kameraden Berthier und dem Doktor Meunier zieht er sich schließlich aufs Land zurück, um wieder einmal von vorne zu beginnen, vielleicht mit seinem Kind. Denn dass er Vater ist, hat er nun endlich aus Briefen von Stetten herausgefunden. „Ja, ich höre zu, mein Alter. Ich habe viel zu lernen.“ (S. 1033)

Ob es Frieden geben wird, ist ihnen nicht klar, wichtig aber ist, dass es keinen Krieg mehr gibt. Und würde Dojno gefragt, was er so gemacht hätte während des Zweiten Weltkriegs? Müsste er sagen, viel herum gereist, gefroren, oft auch gehungert, aber hauptsächlich gefroren.

Edi ist kein Gläubeling: „Glaubte ich an Gott, so würde ich ihn bekämpfen, als ob er eine totalitäre, verantwortungsflüchtige Macht wäre.“ (S. 1000)
Traurige Erkenntnis: „Hier wie überall in Europa sprach man während dieser gigantischen Katastrophe am meisten über die mangelnden Nahrungsmittel.“ (S. 1008)


Sonntag, 31. Januar 2010

Ozeanträne

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 12 (Seite 877-964)

Edi ist zu allem entschlossen. Frau und Kind wurden von Frankreich nach Polen deportiert und vergast. „Dem, der er gewesen war, glich er nicht mehr, sein Gewissen war betäubt. Er ging darauf aus, denen zu gleichen die er haßte, im Untergang sich ihrer Welt einzuverleiben.“ (S. 891) Edi sucht die Unterstützung des Rabbis „man nannte ihn gewöhlich Zaddik, den Gerechten, oder auch den Wolynaer“ (S. 884) Der aber sagt:

„Wir sind das einzige Volk der Welt, das nie besiegt worden ist. Und weißt du, warum, Ephraim ben Mosche? Weil wir allein der Versuchung widerstanden haben, zu werden wie der Feind.“ (S. 892)

Edi hat keine Ohren mehr für Argumente, er will kämpfen, auch wenn es aussichtslos, für nichts ist. Und während Roman versucht, heraus zu finden, ob er in Jadwiga verliebt ist – „Vielleicht ist alles nur Einbildung, und ich liebe sie gar nicht – Gott, das wäre schön!“ (S. 934) – kommt es zum Gemetzel der Mannen um Edi und der polnischen Partisanen. Jusek hat dafür eine einfache Erklärung: „Es ist die Schuld der Juden, sie haben provoziert.“ (S. 936) Nur Edi, Bynie und Rojzen haben die Schlacht im Stollen überlebt. Roman ist sich seiner Schuld bewusst und bringt sie in einem Kloster zur Pflege unter. Dort vollbringt Bynie kleine Wunder, bevor er stirbt. Die Wunder bringen ihm und Rojzen etwas Geld ein. Rojzen setzt sich nach Südamerika ab. Bynie zu Edi:

„Versucht einmal, eine Schlacht zu beschreiben, und Ihr werdet merken, daß alle diese Taten zusammen so wenig bedeuten und so gestaltlos sind wie eine Träne im Ozean.“ (S. 947)


Mittwoch, 27. Januar 2010

Tell hell?


Tell hell?

Plörre kommt aus dem regional Norddeutschen.
Tell kommt aus der Schweiz.

Man kann statt Plörre auch Plempe, Seim, Blümchenkaffee oder Lorke sagen,
wenn man eine dünne Brühe oder
ein dünnes Gesöff meint.


Tell Lager Bier hell vom coop
hält sich derweil noch ganz goot.

33 Centiliter und 4,8 % Alkohol für 70 Rappen,
da will der Köhle nicht klappen.


Dienstag, 26. Januar 2010

Die Djura-Brigade

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 11 (Seite 755-873)
Jugoslawien: die prekäre Einheit zerbrochen, die Faschisten in den Sattel gehoben. Es bestehen aber geheime Gruppen (seit 1938):

„Man nannte sie Sljemiten, nach dem Berge, auf dem ihre Gründungskonferenz stattgefunden hatte, oder Aprilisten – in der Nacht vom 17. auf den 18. April 1937 war Vasso Militsch in Moskau umgebracht worden. Sie bekannten sich zu dem Toten und verurteilten im Namen der Revolution seine russischen Mörder und die von diesen eingesetzte Führung der kommunistischen Partei.“ (S. 761)

Mara hat eine kampfbereite Truppe um sich geschart und verteidigt ihre Insel die Grüne Bucht. Ein Großangriff steht bevor. Man ist sich einig. Djura soll flüchten. Der Dichter Djura muss weiter leben. Die Flucht gelingt, Djura landet bei Ljuba (mit dem Tod ihres Mannes Andrej hat alles begonnen), jetzt ist sie die Verbindung von der Insel zum Festland. Mit Ljuba wollte Djura einen Neubeginn versuchen, doch er wird in Zagreb verhaftet und weil er seiner Überzeugung treu bleibt und die Begnadigung via Kurier verspätet eintrifft schließlich gehängt.

Donjo kommt zu spät auf die Insel. „War's ein Fehler gewesen, aus Frankreich wegzugehen? Gewiß! Ein Fehler mehr.“ (S. 818). Er landet dann auch bei Ljuba, die ihm Djuras Aufzeichnungen gibt. Der Tod Djuras macht Dojno wieder feurig. Er will die Briefe eines Gehenkten heraus geben. „Es muß dem letzten Opportunisten beigebracht werden, daß es gefährlich ist, sich auf die Seite der Mächtigen zu stellen.“ (S. 832) Die Djura-Brigade (so nennen sich die Überlebenden des Insel-Kampfes um die Grüne Bucht) wird immer größer. Man kämpft nicht für die Größe Jugoslawiens auch nicht für den Untergang des deutschen Volkes, sondern für alle, für die Freiheit aller.
Tschetniki, Ustaschi, Djuraten: jeder gegen jeden, man reibt sich gegenseitig auf. Für die Dörfer sind die Partisanenkämpfe ein Unglück, denn die jeweils neuen Besatzer nehmen immer fürchterliche Rache an den Einwohnern. „Seit langem war die Antwort auf die Frage, wie es ginge: 'Teski Zeiti!' - schwere Zeiten. Das zweite Wort hatte man dem Deutschen entlehnt.“ (S. 769)

Mehr und weniger bekannte Weisheiten: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Und was der Reiche zuviel getrunken hat, das erbrechen die Armen.“ (S. 772)
Schönheitsideal?: „Kaligraphische Frauen mit rhetorischen Schenkeln.“ (S. 782)
Vertrautes Übel: „Von allen Dummköpfen waren ihm die gebildeten am unerträglichsten.“ (S. 841)
Und die Apoplexie ist nichts anderes als ein Schlaganfall.

Jeannot unterwegs

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean 10 (Seite 649-752)

Dojno schreibt für seine Kameraden Briefe an deren Frauen und Angehörige. Die Truppe ist ein bunter Haufen. Leo, Bernard,
Berthier, Pierrot, Litwak, Faber. „Litwak war der ärmste von ihnen allen. Er war der einzige, der nie Pakete, nie Geld bekam, nur ganz selten einen Brief. Er erwartete keinen. Er erwartete nichts. Er war zu tief gestürzt, tiefer als der Abgrund.“ (S. 656) Litwak, ein Fall für Dojno. Litwak aber hat was gegen Intellektuelle: „Etwas so Blödes wie einen Intellektuellen kann Gott nur in seinem Zorn erschaffen haben“ (S. 659) Außer Berthier fallen alle Kameraden.

Dr. Meunier will Donjo zurück nach Paris bringen, Dojno verweigert die Hilfe auch von Karel lässt er sich nicht helfen, das Angebot Heinrich Liebmanns allerdings kommt ihm schließlich gelegen. Seine Frau erinnert ihn an Gaby. „Sie sieht Gaby ähnlich, dachte Dojno, allen Frauen sieht sie ähnlich, derentwegen ein Jüngling feierlich dumm und dann witzig, kühn und dann melancholisch wird.“ (S. 696) Doch selbst bei den Liebmanns findet Dojno keine Ruhe, er will sich in den Tod flüchten: „Es mußte ein Unfall sein, kein Selbstmord.“ (S. 704) Und wer rettet ihn? Jeannot, ein Kind, acht, neun Jahre alt.

Drittes Buch: Die verlorene Bucht; Erster Teil: Unterwegs (Seite 711-752)
Wir schreiben das Jahr 1941 und Dojno hat einen neuen Lebensinhalt: Jeannot. Er lebt in einem kleinen Dorf und mochte seine Wirtin:

„Sie war das Volk – mehr als irgend jemand, dem er bisher begegnet war (…) Sie beklagte jedes Unglück, das irgendwem zustieß, aber ihre Augen wurden wieder jung, sobald sie von kleinen oder großen Unglücksfällen sprechen durfte.“ (S. 714)
Selbst Lagrange gelingt es nicht, Dojnos neue, nein, erstmalige Heimat und Idylle zu zerstören. „Ich lebe jetzt für Jeannot. Das ist eine klare Antwort. Stürbe ich, so wäre es nicht für ihn. Er würde noch einmal verwaisen.“ (S. 724) Lagrange resümiert: „Der ist kein Politiker mehr, kein Genosse. Ein tödlich verwundeter Revolutionär, der bevor er hinüberdämmert, böse Träume hat. Den letzten bösen Traum.“ (S. 726)

Und dann genügt eine Nachricht und alles ist wieder anders. Albert Gräfe (der, dem das symbolträchtige Unrecht widerfahren war) wurde umgebracht und Mara wünschte sich, dass Dojno nach Dalmatien kommen möge, Prevedini will ihn dort hin bringen. Unterwegs also: von Frankreich über Italien nach Dalmatien. Dojnos Hoffnungsfröhlichkeit über das Gelingen dieses Unterfanges spricht für sich, er hat keine Lust auf eine Unterhaltung mit Skarbek und sagt: „Es ist einigermaßen verfehlt, auf dem Totenbett neue Freundschaften zu knüpfen“ (S. 741) Und nochmals Tod: „In knapp zehn Jahren hatten sich die Landkarten Europas für Dojno verändert. Sie zeigten ihm die Topographien des Todes.“ (S. 752)

Weisheit des Tages: Das Gedächtnis ist dem Erinnernden eine Quelle der Qual, den anderen aber unerwünscht (S. 729)
Roman Skarbek warnt: „Auch ich habe Poeten zu ernst genommen, das büßt man bis ans Ende seines Lebens.“ (S. 741)
Verzweifelte Lebenserkenntnis: „Alles begriffen und nichts angewandt!“ (S. 744)