Wer hätte das gedacht? Die Geburtsstätte der gesunden Watsche liegt in Norwegen. HAUGESUND weiß dies mit Bestimmtheit zu vermarkten. Stavanger hingegen ist die Hauptstadt des Öls und Bergen heißt so, weil sieben Berge die Stadt umgeben. Ja, sieben Berge und auf einen hirschte ich heut rauf. Der Floyen ist immerhin 320 Meter hoch und man kann eine Standseilbahn oder seine Beine in die Hand nehmen, um ihn zu erklimmen. Ich bin Resttiroler, ergo geländegängig und ausgelüftet gehörte ich auch, also machte ich mich auf den Weg und ehe ich oben war, wäre mir fast das reiche Frühstück hoch gekommen. Aber ich hielt tapfer durch und es unten und durfte dann den Überblick vom Oberdeck genießen. Die Sonne ließ sich auch blicken, da wird dann im Nu aus müdem Grau sattes Blau und alles ist gut. Regen mag zwar verbindend sein aber Sonne kann dann doch mehr. Danke Himmel!
Da flutete das gestern zugeführte Hansa-Bier die Poren und verließ mich wieder. Daraufhin besuchte ich die Hansehäuser in der Brygge. Holz, bunt, bekannt. Das sind die, die man von Bildern kennt.
Ich knipste auch. Dann kurz wieder Regen, damit man sich ja nicht zu gut fühlt und dann marschierte ich zum Galgenbakken, nicht jedoch ohne vorher ein Vermögen für Souvenirs und einen Norwegerpulli ausgegeben zu haben. I've got some money to burn and I burn it here! Das ist eine Möglichkeit, um sich hier wohler zu fühlen. Es gibt auch andere. Beispielsweise wollte ich mich gester belustigt über die beim Workshop kredenzten Erdbeeren äußern, da kam mir eine Einheimische zuvor und meinte: Wir müssen uns das Leben hier versüßen. Sei so!
Freitag, 19. April 2013
Donnerstag, 18. April 2013
Stimmungsaufheller am Frühstücksteller
| Zufluchtsraum mit Duschgelegenheit |
Die Vorhänge zuzuziehen, hat sich als
gut erwiesen. Hätte ich das nicht gemacht, ich hätte sofort
gesehen, dass es keinen Grund zum Aufstehen gibt. Regen volle Kanne.
Sicht null. Stimmung schon früh morgens im Keller. Aber, da muss es
einen Stimmungsaufheller geben, denke ich mir und begebe mich
schnurstracks in den Frühstücksraum und siehe da, jetzt ist mir
klar, wie es der Norweger schafft, selbst den verregnetesten Tagen
kühn ins Auge zu blicken. Köstlichkeiten in allen Farben, von Fisch
über Fleisch und Käse und Kuchen über Bohnen und Omeletten und
frischen Säften und Filterkaffee, ja, Filterkaffee. Aber ansonsten
alles paradiesisch.
| Wasser von oben, Wasser am Boden, Container und Kräne dazwischen |
Hätte ich was zu sagen, ich würde
einen Frühstücksbuffetkaffee-Ombudsmann einrichten. 1981 führte Norwegen
einen Ombudsmann für Kinder ein, einen staatlichen
Kinderbeauftragten, der alle vier Jahre vom König ernannt wird und
weitreichende Befugnisse hat, bereits 1978 eine Ombudsfrau für
Gleichstellung der Geschlechter. Da fehlt nur noch der Frühstücksbuffetkaffee-Ombudsmann. Norwegen erhöre mich – ich komme wieder und bin
guter Hoffnung.
Einstweilen tröste ich mich mit
Kiwiingwerjuice und groove in den Tag. Ich werde heute sicher noch
schwungvoll tanzen. Mach ich das alleine, dann führe ich den wilden
Einmanntanz „Halling“ auf, tanze ich zu zweit, dann mache ich den
„Springar“, bin ich bzw. sind wir dann müde, dann sollte es noch
für den „Gangar“ reichen. Traditionelle Volkstänze – ja, was
für Touris, ich bin einer.
| Johanneskirche, guter Orientierungspunkt |
Mittwoch, 17. April 2013
Trollland
| 100 NOK = 13 € |
Mit „Hei“ und „Takk“ kommt man
schon recht weit. „Takk for maten“ würd ich gern zu wem sagen,
aber zum Essen werde ich wohl erst morgen eingeladen. Da sag ich dann
„tüssen takk“. Einstweilen übe ich mich darin, nicht
umzurechnen. BERGEN hier regnet es viermal so viel wie in Berlin,
steht im Reiseführer. Weiß nicht, wie nass Berlin ist aber jetzt
grad regnet es in Bergen und es macht auch ordentlich Wind, dafür
ist es noch bis 21 Uhr hell. November und Dezember sind nicht so
gemütlich da, hell wird es da nie und dass es weniger regnen würde
in diesen Trauermonaten, wäre auch gelogen. Ich bin hierher
geflogen. Mit KLM über Amsterdam. Davon hatte ich nicht viel, das
waren zwei Kurzflüge, die einem nur Süßes oder Salziges und einen
Blümchenkaffee einbringen.
Versteifte ich mich also auf die
Reiseführerlektüre und jetzt weiß ich, wie man in Norwegen
Stahlroste nennt, die quer über der Fahrbahn liegen und das freie
Umherwandern von Weidvieh unterbinden sollen, nämlich „Ferist“.
Eine Baustelle hingegen klingt weit poetischer: Vegarbeidsomrade
Ich spreche mehrmals laut „Vegarbeidsomrade“ vor mich hin, die Stewadress lächelt sich zu mir und ist um mein Wohl besorgt, sie versteht mich nicht, sie kommt ja aus Holland und ich will ins Trollland. Dort gibt es nämlich 24 Prozent Mehrwertsteuer, Husfliden-Läden und gute Bezahlung für alle Berufsgruppen.
Ich spreche mehrmals laut „Vegarbeidsomrade“ vor mich hin, die Stewadress lächelt sich zu mir und ist um mein Wohl besorgt, sie versteht mich nicht, sie kommt ja aus Holland und ich will ins Trollland. Dort gibt es nämlich 24 Prozent Mehrwertsteuer, Husfliden-Läden und gute Bezahlung für alle Berufsgruppen.
| Nationaltheater |
BERGEN
ist die zweitgrößte Stadt und reich. Bergen profitiert vom
Ölreichturm des Westlands, Bergen ist eine Bankenstadt, Bergen war
Hansestadt und in Bergen legen natürlich auch jede Menge
Kreuzschiffe an, ab Mai dann. Jetzt ist eher noch Tristesse royale.
Weil Norwegen nach wie vor eine parlamentarische Monarchie und der
Thronfolger anscheinend eh ein klasse Bursch ist. 5 Millionen
Norweger und davon studieren insgesamt circa 150 Deutsch, nicht hier
in Bergen, sondern im ganzen Land. Es gibt an sich keinen Grund für
einen Norweger, Deutsch zu lernen, Norweger brauchen nichts von den
Deutschen. Norwegen hat Landschaft und seit den 1960er Jahren Öl.
Viel Öl. Norwegen ist der weltweit siebtgrößte Förderer und
drittgrößte Exporteur von Erdöl.
| Reiseleiter Norbert und Klippfiske |
„Öl“ heißt auch Bier aber
das nur nebenbei. Jens Stoltenberg heißt der Ministerpräsident seit
2005 aber demnächst sind Wahlen, ob die Ap (Arbeiterpartei) dann
immer noch die Nase vorn haben wird, steht in den Sternen. Manche
haben nämlich die Nase voll von diesem komischen Sozialismus. Das
Geld aus den Öleinnahmen wird für die Zukunft angelegt und die
öffentliche Hand ist knapp bei Kasse. Ich hingegen übe mich im
Nichtumrechnen und frage mich, was wohl ein „Fiskeboller“ ist,
„Hundefotterfisk“ jedenfalls ist teurer. Morgen mehr.
Dienstag, 16. April 2013
Schwere Kost und Leichtsinn
| Ohne Worte. Flughafen Wien. |
Sarajevo betrübt dich. Sarajevo hat diese Kraft, vermutlich noch länger. Du kommst am Flughafen an, bekommst mit, wie zentral dessen Funktion in der Zeit der Belagerung war, wirst in das Zentrum gefahren und sofort wird dir klar, wie spürbar die Folgen des Krieges hier noch sind. Dass Häuserfassaden Einschusslöcher aufweisen, die noch immer nicht geflickt sind, findest du anfangs erstaunlich, mit der Zeit dann immer trauriger. Du wills davon jedenfalls keine Fotos machen. Du versuchst dir in Erinnerung zu rufen, wie das damals war. Du hast gewisse Bilder vor Augen, du hast gewisse Aussagen im Kopf, von einer gewissen Eigenschuld ist da immer die Rede.
| Ja, das Museum ist geschlossen. Nein, fragt nicht warum. |
Deine Verdauung hat es hier auch schwer. Du bestellst Cevapi wie es sich gehört, du langst auch bei den rohen Zwiebeln zu, das solltest du bereuen. Du trinkst besser vorausbeugend mehr
Sarajevsko. Du schläfst dann ja auch besser. Du hast ja auch Zeit dich auszuschlafen. Du schaffst die paar wirklichen Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten ja auch am Nachmittag, du musst feststellen, dass das Wetter in Sarajevo am Vormittag immer besser ist. Du hast an sich ja nichts gegen Regen, du willst aber auch keine nassen Füße haben, du darfst dich ja nicht verkühlen, du musst ja fit sein, für die Workshops und die Moderation. Du schonst dich also. Nein, du isst viel und gut und du trinkst mehr und besser vor allem Espressi zum verlieben. Du könntest dich auch in beinah alle Studierenden verlieben. Du findest nicht nur, dass sie perfektes Deutsch sprechen, du findest sie auch sympathisch. Du magst, dass sie schreiben und vortragen wollen, dass sie etwas zu sagen haben, dass sie die Bühne für sich reklamieren. Das versöhnt dich mit vielem. Du freust dich über deine Reisebegleitung (Doris) und du freust dich über den Organisator der ganzen Sache (Florian). Du bedankst dich an dieser Stelle mit einem großen HVALA. Du schreibst vielleicht später noch was. Du sagst vorerst ZDRAVO und auf Wiedersehen.
| Florian und Doris |
Donnerstag, 4. April 2013
Troppautsch und Hupfingatsch
20 Jahre Österreichbibliothek Opava und ich als Textbeitrag zum Festakt der Verlängerung dieser Kooperation. Schön. DankÖ. Poetry Show in der Uni-Aula. Uni gibt es erst seit 1991 hier, wichtig war die Stadt aber schon immer. Quasi Schlesische Hauptstadt Österreichs. Recht viele Spuren aus dem Zeitalter Maria Theresias und auch die Uni selbst (zwar über die ganze, kleine - 60.000 Einwohner - Stadt versträut) in einem Barock-Palais. Auch schön. Wetter: nicht schön. Aber hier soll nicht darüber lamentiert werden. Ein Foto muss genügen. Am Foto auch ersichtlich, dass es in Opava einige Bausünden der Nachkriegszeit gibt, was damit zu tun hat, dass recht viel Industrie hier angesiedelt ist und war und die beschert der Region nicht grad gute Luft, bzw. bescherte ihr im Krieg viele Angriffe aus der
Luft und außer dem Rathaus (schön) war so ziemlich alles in Schutt und Asche.
Interessant, dass es ein eigenes Tourismusprospekt mit dem Titel "Fortifikation und militärische Denkmäler in Troppauer Region bzw. spielen Sie einen Verteidiger" gibt. Da erfährt man dann so Dinge wie die Schussweite einer Haubitze 38+ (11950 m) und die Kadenz pro Minute. Für mich war Kadenz ja bisher immer noch positiv belegt. Aber die Kadenz 600 einer Maschinenpistole schüchtert schon ein. Nicht schön, nur ganz schön skurril, derartiges Infomaterial. Ach ja, Opava hat eine tolle Entstehunglegende, in der Pfaue die Hauptrolle spielen. Das ist doch mal was!
Heute Ostrava. Da war ich letztes Jahr schon mal. In 39 Minuten geht's los. Also nichts wie auf.
| Tina, Rostia und Rathaus |
Interessant, dass es ein eigenes Tourismusprospekt mit dem Titel "Fortifikation und militärische Denkmäler in Troppauer Region bzw. spielen Sie einen Verteidiger" gibt. Da erfährt man dann so Dinge wie die Schussweite einer Haubitze 38+ (11950 m) und die Kadenz pro Minute. Für mich war Kadenz ja bisher immer noch positiv belegt. Aber die Kadenz 600 einer Maschinenpistole schüchtert schon ein. Nicht schön, nur ganz schön skurril, derartiges Infomaterial. Ach ja, Opava hat eine tolle Entstehunglegende, in der Pfaue die Hauptrolle spielen. Das ist doch mal was!
Heute Ostrava. Da war ich letztes Jahr schon mal. In 39 Minuten geht's los. Also nichts wie auf.
Sonntag, 31. März 2013
Schwedenbombenabgesang
| Betretene Häschen stehen Spalier, drei Lämmer fungieren als Engel |
Schwere
Schwedenschwestern
schweben eben dem Berg entgegen
schweben eben dem Berg entgegen
Schwere
Schwedenschwestern
beben Schwellen entgegen
beben Schwellen entgegen
Schwere
Schwedenschwestern
bechern Schweppes
bechern Schweppes
Schwere
Schwedenschwestern
essen besser
Schwere
Schwedenschwestern
lästerten gestern gegen Gesetz
lästerten gestern gegen Gesetz
Bettdecken bedeckten
schwere Schwedenschwestern
schwere Schwedenschwestern
Bettdecken bersteten
Schwere Schwedenschwestern bebten, zerfetzten
Schwere Schwedenschwestern bebten, zerfetzten
Ende
Zusammenfassend kann man sagen: Irgendewer oder -etwas muss sterben zu Ostern - Religiosität hin oder her.
Samstag, 30. März 2013
Dörfler, Schafsköpfe und Mezger
Daniel Mezger ist Schauspieler, Sänger und Autor. Aufgewachsen in den Glarner
Bergen, lebt er heute in Zürich. Er absolvierte eine
Schauspielausbildung an der Berner Hochschule für Musik und Theater, war
mehrere Jahre am Jungen Theater Göttingen engagiert, seit 2004 arbeitet
er als freier Autor, Musiker und Schauspieler in Zürich, 2006 bis 2009
studierte er am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und 2012 erschien
im Salis Verlag sein Romandebüt „Land spielen“.
In „Land spielen“ wird die Geschichte einer Familie erzählt, die von der Stadt aufs Land flüchtet um sich dort neu zu erfinden bzw. wieder zu finden. Der Roman wird in der Wir-Perspektive erzählt. Das ist ungewöhnlich aber ungemein einnehmend. Das erzählerische Wir umarmt einen, schließt einen mit ein in das Erzählte. Mezger zeichnet ein eindringliches, sprachlich überzeugendes Familienporträt, das man so noch selten gesehen bzw. gelesen hat. Von Pausenhofprügeleien und Open-Air-Sex-Einlagen abgesehen, braucht es in diesem akribischen Duktus keine großen Ereignisse, um ein große Geschichte zu erzählen. „Wir sind wir. Wir sind zu fünft.“, heißt es an einer Stelle. Mezger seziert dieses Wir, legt klar, wie der Familienkosmos funktioniert und so wird man als Leser Zeuge, wie das anfangs einträchtige Wir zu bröckeln beginnt.
Diese zärtliche Verfallsstudie ist gut durchkomponiert. Mezger hat definitiv Groove. Das kommt nicht von ungefähr. Daniel Mezger ist seit Jahren Sänger bei „A Bang And A Whimper“. Bekannt ist er derzeit aber vor allem als Dramatiker. Seine Stücke wurden zu diversen Stückemärkten und Festivals eingeladen und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. 2007 erhielt er von „Theater heute“ eine Nominierung zum Nachwuchsdramatiker des Jahres. „Findlinge“ gewann 2010 den Preis für das Schreiben von Theaterstücken der Schweizerischen Autorengesellschaft. Sein neuestes Stück „Balkanmusik“ hatte am Staatstheater Mainz Premiere, wurde zu den Berliner Autorentheatertagen eingeladen und in Bern und Zürich nachgespielt. Mit einem Auszug aus "Land spielen" wurde er 2010 nach Klagenfurt zum Wettlesen um den Ingeborg Bachmann Preis eingeladen, außerdem war „Land spielen“ für den Rauriser Literaturpreis 2013 nominiert. Zu Gast beim 11. Innsbrucker Prosa Festival war er übrigens auch.
In „Land spielen“ wird die Geschichte einer Familie erzählt, die von der Stadt aufs Land flüchtet um sich dort neu zu erfinden bzw. wieder zu finden. Der Roman wird in der Wir-Perspektive erzählt. Das ist ungewöhnlich aber ungemein einnehmend. Das erzählerische Wir umarmt einen, schließt einen mit ein in das Erzählte. Mezger zeichnet ein eindringliches, sprachlich überzeugendes Familienporträt, das man so noch selten gesehen bzw. gelesen hat. Von Pausenhofprügeleien und Open-Air-Sex-Einlagen abgesehen, braucht es in diesem akribischen Duktus keine großen Ereignisse, um ein große Geschichte zu erzählen. „Wir sind wir. Wir sind zu fünft.“, heißt es an einer Stelle. Mezger seziert dieses Wir, legt klar, wie der Familienkosmos funktioniert und so wird man als Leser Zeuge, wie das anfangs einträchtige Wir zu bröckeln beginnt.
Diese zärtliche Verfallsstudie ist gut durchkomponiert. Mezger hat definitiv Groove. Das kommt nicht von ungefähr. Daniel Mezger ist seit Jahren Sänger bei „A Bang And A Whimper“. Bekannt ist er derzeit aber vor allem als Dramatiker. Seine Stücke wurden zu diversen Stückemärkten und Festivals eingeladen und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. 2007 erhielt er von „Theater heute“ eine Nominierung zum Nachwuchsdramatiker des Jahres. „Findlinge“ gewann 2010 den Preis für das Schreiben von Theaterstücken der Schweizerischen Autorengesellschaft. Sein neuestes Stück „Balkanmusik“ hatte am Staatstheater Mainz Premiere, wurde zu den Berliner Autorentheatertagen eingeladen und in Bern und Zürich nachgespielt. Mit einem Auszug aus "Land spielen" wurde er 2010 nach Klagenfurt zum Wettlesen um den Ingeborg Bachmann Preis eingeladen, außerdem war „Land spielen“ für den Rauriser Literaturpreis 2013 nominiert. Zu Gast beim 11. Innsbrucker Prosa Festival war er übrigens auch.
Montag, 11. März 2013
Nord-Ostsee-Rallye
Suppentinten
voll aufgefischt
beim portugiesen
der La Sepia
sich nennt
man den tintenfisch
so
im italienischen
tisch
war keiner frei
fisch
war viel
und gut und nicht
teuer
Im Bild oben zu sehen: Ein Raddampfer in Hamburg und eine "Super Currywurst"-Tafel. Im Gedicht oben zu lesen: Wir fanden ein tolles Fischlokal am Schulterblatt unweit der "Superbude", die wirklich so heißt und eine tolle Hamburg Unterbringung ist.
Hamburg war vergangenen Mittwoch freundlich frühlingshaft gestimmt, drei Tage später kämpften wir uns durch 15 Zentimeter neuschnee und schlitterten die Gehsteige entlang. Wir haben es überlebt. Was blieb ist ein Hüsteln. Das Astra ist längst abgebaut aber in guter Erinnerung. Currywürste werden neuerdings in Nobelwurstbuden Wuchtbrummen genannt und Hamburg legt wert auf kräftige Espressi. Das ist beispielsweise auf Sylt anders (siehe Bild). Dort herrscht der böse WMF-Automat und die steife Brise. Dafür gibt's Meer zu sehen und Sand die Menge. Dass das die Nordsee ist, muss man wissen. Vor allem, wenn man am Tag vorher und am Tag nachher an der Ostsee ist (Kiel / Lübeck).
Hamburg war vergangenen Mittwoch freundlich frühlingshaft gestimmt, drei Tage später kämpften wir uns durch 15 Zentimeter neuschnee und schlitterten die Gehsteige entlang. Wir haben es überlebt. Was blieb ist ein Hüsteln. Das Astra ist längst abgebaut aber in guter Erinnerung. Currywürste werden neuerdings in Nobelwurstbuden Wuchtbrummen genannt und Hamburg legt wert auf kräftige Espressi. Das ist beispielsweise auf Sylt anders (siehe Bild). Dort herrscht der böse WMF-Automat und die steife Brise. Dafür gibt's Meer zu sehen und Sand die Menge. Dass das die Nordsee ist, muss man wissen. Vor allem, wenn man am Tag vorher und am Tag nachher an der Ostsee ist (Kiel / Lübeck).
Mittwoch, 27. Februar 2013
Die Magenhyäne und der Koffeinkopfschuss
TAG 6 beginnt
zwei Stunden später als geplant. Wir haben die Rechnung nämlich ohne
den Vodka gemacht. Den Wecker hören wir nicht. Die Panik beim
Erwachen wirkt dann aber eh viel besser als ein Koffeinkopfschuss.
Wir packen im Eilverfahren. Zahlen, taxen zum Flughafen, geben dem
Taxler die letzten 10.000 Sum, checken als letzte Passagiere ein,
lassen uns auch vom Papierkram-Vorweisen (diverse Registrierungen,
ein Zollwisch auf russisch!) nicht mehr nerven und abhalten, den
Flieger doch noch zu erwischen. Von Restalkohol kann noch nicht
gesprochen werden. Die Vodkablume blüht noch in all ihrer Pracht und
macht uns herrlich unbekümmert und zuversichtlich. Dass wir
tatsächlich um 8 Uhr 55 beim Gate B1 stehen (obwohl wir erst um 7
Uhr 45 das Licht dieses Tages erblickten), glauben wir – wären
wir nicht gerade allumfassend glückselig – selbst am
allerwenigsten. Aber der Vodkaboost macht's möglich. Der Taxler
schonte seine Blechdose auch nicht, die Schlange beim Check-in haben
wir uns erspart und zwei Stunden vor Abflug vor Ort zu sein, ist nur
was für Luschen, ist zu gewöhnlich, zu sicher, zu langweilig, ist
schlicht Zeitverschwendung.
Dienstag, 26. Februar 2013
Vodka, Puschkin und Kampfbrüste
Der Bahnhof ist schön aber tot. Im letzten Eck eine Bar. Café möchte ich es nicht nennen. Denn es gibt
keinen Tee – dass uns das in Mittelasien einmal unterkommen würde,
hätten wir nicht gedacht – und den Löslichkaffee veredelt der
Bartender mit massig Zucker. Selten so geekelt. Aber die Sucht
macht's möglich auch diese Plörre zu trinken. Wir verstehen keine
Durchsage, wir können keine Anzeigetafel lesen, wir sind Idioten,
aber wir haben unsere Tickets und Pässe ja schon mehrmals
vorgewiesen und gestempelt gekriegt und ohne uns fährt der Zug
sicher nicht ab (was auch für den Flieger am nächsten Morgen gelten
sollte). Wir fahren 1. Klasse, der normale Zug ist eineinhalb Stunden
länger unterwegs und kostet nicht viel weniger (50.000 hin –
40.000 zurück) als der flotte „Afrosiyob“ (was übrigens einfach
der alte Name für Samarkand ist).
Zurück in Tashkent
geben wir uns abgebrüht, begegnen der Taxifahrermeute abgeklärt und
verhandeln erfolgreich. 5000 statt gewünschte 5 Dollar. Im Hotel
wissen sie diesmal zwar von uns, kopieren aber wieder fleißig und
umständlich unsere Pässe und der Anruf, der dann kommt, hat hohen
Unterhaltungswert.
Ich: „In this
house.“
Weibliche
Telefonstimme: „Where is this?“
Ich: „?!? - in
this hose?! Hotel Shodlik Palace!“
(…)
Aber hier leben –
nein, danke!, singen Tocotronic und sie haben damit sicher nicht
Tashkent gemeint, aber kommen mir wohl deshalb in den Sinn, weil
„Kapitulation“ im Goethe Institut zum Ausleihen aufliegt. Wir
marschieren pünktlich um zehn Minuten vor Lesungsbeginn ins GI ein.
Die Gastgeberinnen warten bereits seit einer Stunde mit Kaffee und
Keksen, über die wir uns dann auch gleich hermachen (also die Kekse
und den Kaffee, nicht die Gastgeberinnen). Gerne hätten uns die
Gastgeberinnen zum Essen geladen, aber danach mussten sie zu ihren
Kindern, davor waren wir noch nicht und am Tag drauf sind wir nicht
mehr da. Gehen wir halt selbst essen, zum Araber. Sehr okayer
Vorspeisenverzehr. Unterlage für ein Vodkagelage ist das natürlich
keine. Doch Vodka will sein! Viel! Viel und mehr. Auweia!
Im Green House,
unweit vom Georgier, sind wir zwar die einzigen Gäste, aber das
stört uns nur wenige Vodka lang. Es wird hitzig debattiert, von der
Hausmatrone Puschkin rezitiert und russisch karaokt, dass die
Schwarte kracht.
Ad Hausmatrone: Lederstiefel bis zum Knie, schwarz
Leggin, schwarzes Oberteil und drüber ein weißes, grobmaschiges
Häkelkleid. 60 Jahre, Kampfbrüste, durchaus etwas Transiges,
Verruchtheit zum Quadrat, ein kehliges „Icchliebe dicch“, stets
parat, routinierte Moves, die die Textzeilen unterstreichen, die
Brüste beben und die Zuschauenden erschauern lassen. Ein lasziv
roter, zum Lippenstift passender Funkmikroploppschutz, gewolltes
Übersteuern, verstörende Tanzeinlagen, trashig, peinlich,
unglaublich. Nüchtern nicht denkbar – betrunken das i-Tüpfelchen
von kultig.
Dass die dralle Lolkalheroine während ihrer Performance
mit ihrer Linken zärtlich ihre Lesebrille umschließt, die sie sich
nach ihrem Auftritt wieder inst Gesicht hängt, um nicht auf den
Türstock zu donnern, hat etwas das Gesamtbild für immer einzigartig
Abrundendes und lässt mich ergriffen glucksen.
Um unser Wohlbefinden
sind insgesamt drei Damen bemüht. Die blonde Koreanerin, die am Ende
des Abends geheiratet werden wollte, schenkt Vodka ein. Die junge
Usbekin bringt Bier und frische Aschenbecher und die alte Chefin ist
schlicht eine Nummer für sich. Ein Mann kommt erst ins Spiel, als es
ums Zahlen (und Heiraten der Vodkakoreanerin) geht, was wir nicht
ganz können (beides). Gut, dass man den Vortrinker und DAD-Lektor
Matthias bereits kennt, so bleiben uns blutige Nasen und trockene
Kehlen trotz leerer Taschen erspart. Denn der Mann ist zwar klein und
spärlich beflaumt aber ein Messer kann er sicher halten, lenken und
versenken. Man kennt das ja aus Filmen, die nicht immer schlecht sein
müssen. Danach Bewusstlosigkeit bis 7 Uhr 45.
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