Dienstag, 20. April 2010

Klagenreich


Ach ja, in Klagenfurt war ja unlängst auch ein Slam!

Schön war's! Aber seht selbst: http://www.gedankenlos.at/

Klagenfurt ist natürlich auch schön, wie ihr selbst sehen könnt. Schon schön: Ö
Ööööö - schön!

Jetzt könnte man natürlich Musil, Bachmann, Jonke, Winkler, ja, gar Handke zitieren. Aber nein, ich drück euch die Goldenen Zitronen aufs Aug:

"Die Stadt, die die Klage schon im Namen trägt, harrte wie gebannt.",
singen sie in
Des Landeshauptmann's letzter Weg
auf Die Entstehung der Nacht. Und da haben sie wieder einmal mehrfach recht. Denn Klagenfurt schien wirklich nach einem Slam zu lechzen und wie eine Nacht entsteht, bzw. wie man sie zunichte macht, haben wir dann kollektiv demonstriert. Wenn bloß das Bier nicht ausgegangen wäre...

Montag, 19. April 2010

Himmlische Odeure



...sagt sich der Bieler Himmel und gibt sich unaufgeräumt

Allein dem Rumslammer, Bummler und Walserleser kann das alles nichts anhaben:Ohne Abgründe bleibt jeder Künstler nur etwas Halbes, ein geruchloses Treibhausgewächs.“
Abgründe die Menge und Gerüche auch, ja, auch ich mags dreckig und eine mehrtägige Slamtour versaut einen zuverlässig. Slam on!

Sonntag, 18. April 2010

Zeitalphabetabschluss


Gerhard Roth: Das Alphabet der Zeit (ab Seite 756)

Das Kapitel heißt „Tod“. Erstmal (1970) wird aber Erika geehelicht. 2001 soll diese Ehe dann durch seine Schuld in die Brüche gehen. Auch das Verhältnis zu den Eltern leidet:
„Meine Mutter und er misstrauten mir, da ich inzwischen Schriftsteller geworden war und sie befürchteten, eines Tages würde ich alle ihre Geheimnisse preisgeben. Vor allem meine Mutter lebte in der beständigen Furcht, ich könnte mein Wissen über die Familie in einem Buch veröffentlichen.“ (S. 774)
Nun ja, einiges kommt da schon zu Tage. Zum Beispiel weshalb Großvater auswanderte. Im Anhang schließlich wird dem Vater und der Mutter ein eigenes Kapitel gewidmet.
Diese Abschnitte sind genährt von historischen Zahlen, Daten und Fakten sowie einer unsentimentalen, nüchternen Analyse der jeweiligen Verhaltensweisen und münden in das knapp einseitig Kapitel „Liebesgeschichte“.

Da es sich ja um eine klar ausgewiesene biografische Arbeit handelt, ist die „Bilderzählung“ mit Porträts, Familienfotos, Dokumenten und Schnappschüssen aus den diversen Lebensabschnitten eine wirkliche Bereicherung und eine gelungene Abrundung des Buches. Fotoarbeiten von Gerhard Roth kann man aktuell auch im Wien Museum am Karlsplatz sehen. Da läuft grad die Ausstellung: Im unsichtbaren Wien. Fotonotizen von Gerhard Roth.

Samstag, 17. April 2010

Walserpilgerfahrt


Neulich war ich in Biel!

Auch das Nichtstun ist ein Metier, es stellt sehr viele Anforderungen. Nüchterne und fleißige Leute haben davon keine Ahnung.“
Robert Walser

Ich war zum Slammen dort.

Man darf nie Erbarmen voraussetzen, immer aber Sehnsucht nach Unterhaltung.“R. Walser


Freitag, 16. April 2010

Basel-Plakatart


geht es gut
geht es gut
geht es sehr, sehr gut!








MIR sind: Michael Stauffer, Hans Koch und Fabian Kuratli.
Und der wunderbare Verlag - Der gesunde Menschenversand - der jetzt auch sehr, sehr schöne Bücher macht, schreibt über MIR:

Der Dichter Michael Stauffer und die Musiker Hans Koch und Fabian Kuratli legen mit «So viel wie nie» ein Werk voller Magie und schräger Komik vor. Stauffer brabbelt, summt, buchstabiert, schnorrt, singt, erzählt und fantasiert. Er wechselt fliessend zwischen Dialekt, Kauderwelsch, Gesang und Laut-Improvisation. Die Instrumentalisten Koch und Kuratli mischen sich treffsicher ein, zitieren aus dem ganzen Vokabular zeitgenössischer Pop-Avantgarde und verwandeln die
Geschichten zu einem Hörkino, das man nicht mehr verlassen möchte.

Mittwoch, 14. April 2010

Paradiso


Hab von gestern auf heute (18Uhr30 bis 7Uhr30), ein paar Stunden Schlaf inklusive „Paradiso“ vom aktuellen Rauriss-Preisträger Thomas Klupp weg gelesen.
Ja, gut. Nein, nicht schwierig nur mutig. Faserland, Fänger im Roggen (und auch, ja, Ehre, wem Ehre gebührt, Martin Fritzens Goldhendel-Text) fallen mir dazu ein. Klug gemacht das. Kalkül soll man da nicht gleich unterstellen aber der gute Klupp hat sich schon angeschaut, was in großem Stil funktioniert hat in den letzten Jahrzehnten und dann hat er das souverän und skrupellos, nein, das nicht, nur wissend, umgesetzt.

Die Figur ist nicht von Anfang an unsympathisch aber es spitzt sich zu. Der Held Alex Böhm ist nicht blöd aber dumm genug in manchen belangen und überlegen in anderen. Er hat Geld und sein erstes Mal war natürlich kein Fiasko (mit einer tschechischen Nutte!). Dafür entpuppt sich Kapitel für Kapitel was für eine menschliche Katastrophe der junge Herr und möchtegern Drehbuchschreiber ist.
Erzähltechnisch ist das simpel. Auch die Figuren treten auf und ab. Das Ich ist alles überstrahlend und untergehend auf Raten. Sprachlich windet sich der Erzähler: Vielleicht, ich weiß ja nicht, also... und wer sich entschuldigt, dem wird doch verziehen, nicht?
Ein effektiver Monolog, keine Dialoge, wenn, dann in indirekter Rede. Wichtiger ist aber immer, was er sich dabei oder an was er dabei denkt. Insofern sprachlich super konsequent und stimmig, in einem Guss, in 10 Kapiteln durchgezogen. Jawoll: Toll!

Samstag, 10. April 2010

Beiläufigkeitsbemäntelung

Richard Obermayr: Das Fenster (Part 3: Seite 71-110)

Als wären diese Erinnerungen schon vor ihm da gewesen und hätten auf ihn gewirkt. „... und von diesem Augenblick an wusste ich, dass ich träumte, und tat alles, um mich nicht selbst zu wecken.“ (S. 73) An anderer Stelle heißt es: „Ich sortiere die fertigen Träume.“ (S. 96)
Erinnerungen wollen gehütet werden, sonst schließen sie sich dem Leben eines anderen an. Andeutungen reifen zu Vorwürfen und Klagen: „Alles, was wir nur begonnen haben, geht hier unbeirrt weiter; (S. 83)
Hier, in dieser Geschichte, ja, da ist das so und das ist erfrischend anders. In allen Gesten wird etwas wiederentdeckt oder -erkannt. Er stößt nur noch auf seine Spuren, das Leben selbst ist ihm „entwischt“. Er verschleppt Szenen und Beobachtungen in sein Leben, eignet sich Bilder an und besetzt sie für sich neu. Akrobaten und der Zirkus beschäftigen ihn. Das Foto vom gelb-türkisen Zirkuszelt samt Wohnwagen und ländlichem Drumherum auf Obermayrs spartanischer Homepage unterstreicht diese seine Begründung anschaulich. Nun aber mal höchste Zeit für ein längeres Zitat:

„Etwas hindert sie daran, dieses Leben zu leben, als dürfe sie nicht darauf zurückgreifen, als sei es zu kostbar und müsse für einen besonderen Anlass aufbewahrt werden. Niemals würde sie fertig sein, mit dem Anziehen des Mantels, in den ihr mein Vater hilft, eine Geste, die innen mit Beiläufigkeit gefüttert war, wie um seine Zuneigung zu bemänteln. (…) doch erst da sah ich, was ich alles beim ersten Mal, als ich diesen Weg ging, am Rand liegen lassen musste, um mit der Zeit Schritt zu halten, all die Dinge, die ich damals übersprang.“ (S. 80)
So ein Satz lässt sich problemlos weglesen, er bietet sich aber auch an, zum Hängenbleiben und selbst Sinnieren und das ist doch wunder schön, nicht?

Mittwoch, 31. März 2010

Fährefahren ist schön

Im Frühling Fährefahren, im Sommer dann Rheinschwimmen.
Ich freu mich.

Ja, das funktioniert rein mit der Strömungskraft, da wird nur dieses Eisenteil (wie das wohl richtig heißt? Wer's weiß, wird belohnt) umgelegt und schon geht's ab. Kostet übrigens nur 1,60. Also für die ganze Familie und auch für Ö-Touris leistbar;-)

Dienstag, 30. März 2010

Leipziger Blütenlese


Thor Kunkel: Schaumschwester (Matthes & Seitz 2010)

An zwei Tagen weggelesen. Schon Fasziniert. Sprachlich auch angesprochen, sonst les ich so was ja gar nicht. Ein ziemlicher James-Bond-Plot: Agenten-Auftrag-weibliche Gehilfin-Welt retten. Aber das Böse ist interessant und setzt sich schließlich durch. Der Held sympathisch umperfekt, die Gehilfin super smart und das Böse: Sexbots, Fickpuppen, Schaumschwestern.

Der Kryptologe Robert Kolther soll das Notebook des Firmengründers hacken, um an die Kundendaten ran zu kommen, damit man die Puppen aus den Verkehr ziehen kann. Denn – so die offizielle Argumentation – die Geburtenzahl wäre rückläufig, niemand mehr hierzulande an Fortpflanzung interessiert. Gehilfin Lora hat das psychologische Gespür, um das Passwort zu knacken und sie liefert auch das theoretische Fundament, den Unterbau, der demonstriert, wieso die Puppen gesellschaftlich so ankommen.

Diese Beschreibungen sind es auch, die mir besonders gefallen. Die Actionelemente sind eh auch okay, in Summe passt das Ergebnis aber nicht ganz. Sprachlich hab ich das Schwarzlicht-Terrarium stärker in Erinnerung. Aber gelesen hab ich dieses schlichte, schmale, schwarz-weiße Büchlein schon gerne und die Grundidee find ich gut. Groß weiter empfehlen werde ich das Ding nicht, ein großer Wurf ist es ja auch nicht, für die letzten zwei Tage (das war nach Leipzig) aber hat es mir ganz gut reingepasst.

Bin gespannt auf Kuhls Kosmos. Der Sapperlothky wird es mir schon besorgen.

Freitag, 26. März 2010

Vergangenheitsverrollungen

Richard Obermayr: Das Fenster (Part 2: Seite 41-70)

„Ich wollte hinein und dazu gehören.“ (S. 41) Aber die Geschichte wirft den Helden raus aus seiner Vergangenheit. Aus seiner Vergangenheit verstoßen, das stelle man sich mal vor! Das ist ein Sachverhalt, der nach einer ungewöhnlichen sprachlichen Umsetzung schreit, verlangt. Das ist ein Sachverhalt, der sich nur mit einer zu findenden Sprache ausdrücken lässt. Als ob, als würde, als stünde... Ständig müssen Vergleiche herangezogen werden, um das so nicht Bekannte darzustellen:
„Immer noch wirkte diese Welt auf mich, als warte sie nur darauf, dass jemand die richtige Frage stellt und alle hier ruhenden Antworten zum Leben erweckt.“ (S. 44)

Große Fragen: Wohin verschwindet eine Rolle, nachdem sie der Schauspieler abgelegt hat? Wird die Zeit nur durch den Wunsch, sie in Bewegung zu sehen, in Gang gehalten?
Große Vorwürfe: Das Haus, ihr Haus, angefüllt mit verfehltem Leben.
Große Befürchtungen: Das Neue wird weniger, die Wiederholung dominanter und alles was man versäumt hat, wird einem irgendwann abgehen. „Ich fürchte, dass am Ende ich alleine zuständig bin für den Reichtum und die Vielfalt dieser Welt.“ (S. 70) Das ist natürlich eine ungeheure Last. Das Ich hat den falschen Weg eingeschlagen und ist jetzt gänzlich neben der Spur, erlebt immer wieder diesen einen Tag, so lange, bis er gelingt. Doch die Wirkung des Schusses verzögert sich „die Kugel traf in Raten“ (S. 55). Der Held führt sein Leben weiter „im Vertrauen auf das Verhängnis“ (S. 56), bis wieder ein Tag überläuft.