Freitag, 2. Juli 2010

Noch immer Ohr

Überhitzt (Teil 2)

Am Anfang war der Satz: Sie schaute mich mit ganz großen Ohren an!
Das klingt schon eher nach einer spannenden Geschichte. Steigen wir also darauf ein.
Sie schaute mich mit ganz großen Ohren an! Gut, dafür konnte sie nichts. Das macht sie wohl immer so. Das liegt in der Natur der Sache, in der Natur ihrer Ohren. Und ja, was soll ich sagen, mich hatte sie damit quasi im Sack, eingetütet wenn man so will, beziehungsweise, im konkreten Fall wohl das treffendste Bild: mich hatte es über ihre Ohren gehauen.
Lass dich rüsseln tropfes Tier, gurrte ich, gurrte ich in Gedanken.
Sie indes schaute mich noch immer ganz Ohr an.

Hammer, Amboß, Schnecke. Trommel, Trichter, Fell.
Dickes Fell, dünne Haut, armes Ding, dachte ich mir und weiter, ob sie wohl weiß, was schon der große Königsberger sagte, nämlich: „Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen. Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“

Ob sie sich daran hält?, fragte ich mich und was sie wohl von mir hält, wenn ich ihr eröffnete, dass ich hoffte, mich mit ihr heute noch in den Schlaf lachen zu können?
Kommt das an? Kommt das durch? Was kommt dann? Wie weiter?
Hoffen, lachen, schlafen alles gut und recht und billig und besser als verzagen, weinen und schlafwandeln. Aber eben was dann?
(Fortsetzung folgt)


Donnerstag, 1. Juli 2010

Überhitzt


Oder: Ich heiße Sommergeschichte

Am Anfang war das Wort Schneuzschnetzeltüchlein.

Doch so konnte es nicht weiter gehen. Deshalb trat man die Ohren wieder zurück.
Ja, damals trat man die Ohren noch, denn Uhren zum Drehen waren noch nicht geboren. So konnte man erneut auf den Anfang warten.

Diesmal ließ er sich Zeit und war offenbar bemüht, keine Wortwitzschwäche an den Tag zu legen. Er quemte sich nicht nur, der Anfang. Er bequemte sich sogar. Ja, er gemütete sich überdies, gemütlichte sich richtig ein und ließ uns alle warten. (Fortsetzung folgt)

Montag, 28. Juni 2010

Gruppenreisen

Zug mal wieder.
2. Klasse railjet inmitten einer Schweizer Reisegruppe. Staniolpapier raschelt, Jausenboxen schmatzen auf, Käsewinde und Wurstschwaden erobern den Großraumwaggon. Grad gefrühstückt und schon wieder fressen! Und Unterhaltungen über mehrere Sitzreihen hinweg. Salamifettfetzchen schießen durch die Luft und die Reiseleiterin nimmt die Bestellungen fürs Mittagessen auf.
Gruppenreisen: Fressen und scheißen und am Fenster Landschaft vorbei ziehen lassen. „Lauter Knöpfeli am Klo. Alles automatisch und tip-top modern.“
„Faschiert? Was soll denn des sein? Hon i no nie kehrt. Nemmer besser Tügware.“
Aber so ein Faschiertes, bin ich geneigt einzugreifen, so ein Fasciertes schisse sich leichter. Das wurde nämlich durch den Fleischwolf gejagt, klein gemacht und hinterher notdürftig wieder zusammen gepappt und der Kartoffelstampf geht auch runter und raus wie nix. Aber ich bleibe ruhig. Die sind ja nur gut gelaunt, bereits wach und übertrieben fröhlich, weil auf Gruppenreise; und ich halt morgenmuffelig, noch koffeinunterversorgt und angefressen, weil ich bei dem Lärm und Gestank kein Auge mehr zu tun kann und die Ohren, ja, die haben ja bekanntlich keine Lider. Endlich Buchs! Flucht nach vorn (in die 1. Klasse;-)

Donnerstag, 24. Juni 2010

Sanssouci


Unlängst sind ja Andreas Maiers „Neulich“ Kolumnen erschienen. Sein letzter Roman allerdings ist aus dem Vorjahr und heißt so, wie dieser Park in Potsdam. Sanssouci ist spannend, schlau und ungehörig ironisch. Da bleibt alles unausgesprochen und in der Schwebe. Da darf man sich alles selbst ausmalen. Die Farben werden allerdings bereitgestellt.
Die Erzählperspektive macht's aus. Die ist zwar auktorial aber doch immer einer Figur sehr nahe. Da wird dann sachlich große Jugendnaivität beschrieben oder blumig die Öko-, Vegetarier- und Demo-Szene. Das ist eine geglückte Gratwanderung. Nie verächtlich machend, immer im Dienst der Erzählung aber schon mit Unterton, der kontinuierlich anschwellt. Bis Majas Perspektive auf die Dinge endet. Das Personal geheimnisvoll, seltsam und interessant. Da haben wir also:
Nils: das Genie der Klasse. Faul, subversiv aber aktiv für das Gute
Maja: seine Freundin, die hübsche Kürbisfrau
Heike und Arnold: die zentralen Zwillinge; Geister, Boten, Mysterien
Merle: die Vegetarierin und Domina
Jesus: ihr Sohn
Alexey: der russisch-orthodoxe Mönch mit Detektivfunktion
Grigoris: der wahnsinnige Bulgare mit Hausaltar
Hofmann: Wodkatrinker, Russe, Gärtner, Mitwisser, Vater von
Anastasia: strebsame 2. Generations-Russin, kommt etwas vom Weg ab
Das haben wir da noch den Nachlassverwalter und Kümmerlingtrinker Dr. Mai, einen Punk mit Ziegenmeckerlachen namens Pöhland, den seltsamen Baron und noch ein paar Gestalten.

Und Hornung der Regisseur der Fernsehserie Oststadt kam bei einem Unfall im Park um. Wie? Nicht klar. Ominös. Der Park insgesamt: oben schön, unten rätselhaft und voller geheimer Kammern. Woher haben auch alle das Geld, um so unbeschwert leben zu können. Dass da gewisse Dienste ausgeführt werden, ist anzunehmen. Mitwissende schütteln den Kopf, mehr nicht. Das zwiespältige Verhältnis der Potsdamer zu Oststadt sorgt für zusätzliche Spannung. Der Kleinstadtkosmos überhaupt wird sehr erhellend dargestellt. Vom Buchhändler über den Oberbürgermeister bis zum Aussteiger (der alles weiß).
Und überdies ist dieser Roman formal, obwohl linear dahin erzählt, auch ziemlich eigen. Vor allem, was die Reden betrifft. Es wird viel geredet und das unkonventionell markiert bzw. bunt gemischt. Direkt, indirekt, direkt ausformuliert aber meist bloß Name/Er/Sie Doppelpunkt. Ach ja, jetzt soll wohl ein Resümee folgen, also nochmal Doppelpunkt: In Summe wieder ein toller Maier-Roman. Der Mann kann das.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Aufklärungsarbeit


Zum Wohl! sagen sie hier auch, wenn man einen Kaffee nimmt. Das find ich lustig. Und der Initiator ist hier ein Initiant ohne, dass man dabei schlecht über ihn denkt. Gut gibt’s unterschiedliche Varianten, sagte man hier, denn das dass sparen die Schweizerinnen und Schweizer ein. Will man sich für Freundlichkeit erkenntlich zeigen, indem man Trinkgeld gibt, sagt man übrigens nicht: Passt schon!
Sondern: Isch guat!
Mehr als gut ist das Wort des Tages. In der Zeitung steht: Verfötzelter Boden und gemeint ist schlicht ein entstellter. Schön. Wort des Tages: verfötzelt
Ad Bild: Verfötzelte Bäume?
Apropos Wörter: Vor einiger Zeit fragte ich, ob wer wisse, wie das Fähreding, das ich fotografisch abbildete heiße. Nicht dass ich nicht glaubte, es wisse nicht wer. Es ist mir bloß klar, dass sich niemand gemeldet hat, deshalb lüfte ich das Geheimnis. Es handelte sich um den Schwengel. Also wichtig bei den Basler-Rhein-Fähren ist der Schwengel und das Heckruder (die Fähren selbst sind übrigens vom Bootstyp Weidling)

Und zum Abschluss auch noch ein Zitat des Tages: „Wir brauchen eine neue Sprache, die sich nicht einfach von uns überreden lassen wird.“ (Gert Jonke)


Dienstag, 15. Juni 2010

NOX


Auch Thomas Hettche hat einen Wenderoman geschrieben. Nox ist 1995 bei Suhrkamp und 2002 in leicht abgeänderter Version bei DuMont erschienen (als Taschenbuch dann 2004 bei List).
Der Held und Ich-Erzähler in Nox ist Schriftsteller und es wird ihm auf der ersten Seite die Kehle durchgeschnitten. Die Frau die das tat, bat ihn am Vorabend des Mauerfalls, nach einer Lesung, ihr weh zu tun. Was er nicht fertig brachte
„Und für einen Moment sah ich sie so, wie niemand sie kannte, ihr geheimes Gesicht und die Lust darin (…) Jetzt erzähl mir, du habest mich so geseheh. Wenn du noch erzählen kannst.“ (S. 20)

Er kann. Er nimmt auch alles andere an diesem Tag und der folgenden Nacht in allen Details wahr. Es geht um einschneidende Erlebnisse und Ereignisse, historisch und persönlich. Schmerz und Lust schaukeln sich gegenseitig hoch. Während Günter Schabowski ausplaudert, dass sämtliche DDR-BRD Grenzübergangsstellen unverzüglich frei seien, verwest das Opfer vor sich hin und die namenlose Mörderin feiert und fickt sich durch Berlin.

Verfolgt wird sie von einem noch vor der Grenzöffnung in den Westen geflüchteten Hund (ja, Hund). Gefickt wird sie unter anderem vom Lustsklaven David und das große Showdown findet dann im Anatomischen Theater im Osten statt. Wer da aller dabei ist und was da ab geht, sei an an dieser Stelle nicht verraten. Im Schlusskapitel jedenfalls relativiert der Hund im Gespräch mit dem Autor die Geschichte. Mir ist der Text motivisch etwas zu überfrachtet aber sprachlich spannend und inhaltlich fesselnd ist Nox schon. Ein anderer Wenderoman ist es auch. Gut anders.

Ach ja: Die Mauer war im Übrigen auch so ein Einschnitt, eine Narbe, die in jener Nacht eben aufbrach. „Nichts heilt, dachte sie. Nicht wirklich. Der Schmerz bleibt, und keine Wunde schließt sich. Und dann?“ (S. 101)

Donnerstag, 27. Mai 2010

Sandhampeleien und Hohlkörper


Meinem Zustand geistiger Ermattung kam es zupass, dass am Barfüsserplatz neulich die große Beachvolleyball-Challenge statt fand. Zwar ging es mir primär darum, die spärlichen Sonnenstrahlen zu erhaschen, dabei unter Menschen zu sitzen und nicht nichts zu tun aber Restfetten und sonnenbedingte Trägheit machten mich widererwarten zum willfährigen Zuschauer und Stimmungsmitmacher, ja diese zur Schau gestellte Teamsportlichkeit hat mich wahrhaft ergriffen. Bei Beachvolleballturnieren gibt es einen eigenen DJ. Der bei jeder Spielunterbrechung eingespielte Sound nervt zwar, doch wäre er nicht, so hörte man die Gespräche der Zuschauerinnen und Zuschauer, was auch nicht erbaulicher ist. Beachvolleyball ist ja Sport und Lifestyle, lernte ich. Knappe Höschen und Muskelmänner könnte man auch sagen. Ich lernte aber nicht nur das Spiel, sondern auch die BANGERS kennen. Zwei Plastikfetzen, die aufgeblasen zwei luftpralle Stäbe ergeben, welche wiederum aneinandergeschlagen (zusammenschlagen lassen sich die Dinger nicht, die stecken jeden Schlag weg) hohle Töne erzeugen. Hohl halte ich in diesem Zusammenhang für wichtig. So steeldrummäßig. Man klatscht nicht in die Hände, man bangt und wirbt, weil so ein Banger natürlich mit einer Werbeaufschrift versehen ist.

In den Pausen wurden Schildkappen im Sand vergraben und die Gofen hatten sie zu suchen, um dann für die Sandwühlschmach einen Ball zu kriegen. War eigentlich der Unterhaltungshöhepunkt der Veranstaltung.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Rauchausweis und Chaostage


Kaum ist man mal ein paar Tage nicht hier, präsentiert sich einem diese Stadt gänzlich verändert.
In der Haupteinkaufsstraße sind gut 80 % der Schaufenster an- bzw. eingeschlagen und mit leuchtrotem Klebestreifen versehen worden. Da ich nicht annehme, dass es sich dabei um eine Kunstaktion handelt, wenn ja, dann Hut ab vor dem Mut der Kuratorinnen und Kuratoren, wenn nein, dann wüsste ich gerne, was da abging dieser Tage. Die Einheimischen die ich kennen, wissen ja leider auch von nichts. Nacht und Nebel Aktion oder große Basler Chaostage? Wer weiß was? Bitte melden. DANKE.

Ja und noch was. Will ich ins Schiefe Eck auf ein Bier, muss ich mir erst einen Raucher-Ausweis besorgen, der kostet mich 10 Franken und ich bestätige damit offiziell, dass ich bewusst aktiv passivrauche und damit voll und ganz zufrieden bin. Das Signal-F tragen bereits viele Kneipentüren und so überlege ich als Raucher ernstlich, mir diesen Ausweis zuzulegen. Ja, aus Solidaritätsgründen, einfach weil ich mich gerne in Schall und Rauch aufhalte. So ist das.
Fotos werden nachgeliefert. An dieser Stelle eine einladende Werbetafel gesehen in Zug am See.

Dienstag, 18. Mai 2010

Warteck meets Paprikapringles


Ja, klar hab ich's mitgekriegt. Der FCB ist Meister. Find sie eh schön die Vereinsfarben: Blau-rot. So wie die Warteck-Bierdosen. Dennoch trinken die FCB-Fans lieber Feldschlösschen und zwar so lieber, dass sie die letzten kühlen Warteck Dosen ignorieren und prunzwarmes Feldschlösschen bevorzugen.
Entweder das ist reine Gewohnheit, oder es steckt doch mehr dahinter. Zum Beispiel dass Warteck der Hauptsponsor des Hate-Clubs von FCB ist. Was aber irgendwie auch nicht sein kann, weil die alte Warteck-Brauerei steht ja hier in Basel und ist mittlerweile ein Kulturzentrum und im fabelhaften Turm gibt es montags Mittagstisch mit Baselblick: TOLL! Warteck ich steh zu dir! (Auch der Slogan vermag dichterisch zu überzeugen: Tradition aus der Region)
Außerdem habe ich in den letzten Monaten hier kennengelernt:
Quöllfrisch, Schützengarten, Galopper, Eichhof, Cardinal, Tell, Ueli, Ziegelhof, Unser Bier, Baarer Bier, Caldana, Sonnenbräu (Slogan: Bier braucht Heimat) und dieses Appenzeller Bier, das das lieblichste Etikett hat.

Ach ja, noch was: Feldschlösschen und seine Partnerclubs unterstützen das Fairplay auf und neben dem Eis: Geniesst das Spiel, trinkt mit Verstand. Steht auf Feldschlösschen Bierdosen. Tztztz, diese Schweizer... immer einen flotten Spruch...
(Diesen Eintrag schrieb ich, während ein Liter Warteck und circa 50 von 90 Paprikapringles in mir verschwanden. Wieviel Brennwert das Zeug hat, weiß ich nicht, aber es macht mich jetzt schon furzen.)

Montag, 17. Mai 2010

Auf Hebels Spuren


Am Wochenende war ich in Slam-Behufen in Lörrach. Das wäre weiter nicht erwähnenswert, hätte Hebel, der vor 250 Jahren in Basel als Sohn eines Leinewebers geboren worden, nicht just dort eine Hilfspredigerstelle inne gehabt.

Ich slammte also im alten Burghof, der ganz und gar nicht alt und ganz und gar weder Burg, noch Hof ist und Johann Peter Hebel predigte zu Lörrach, bevor er Diakon, Direktor, Professor und schließlich Prälat der Evangelischen Landeskirche wird.

Hebel der Erfinder des „Kannitverstan“, berühmt für seine lakonischen Kalendergeschichten, die im Rheinländischen Hausfreund erschienen (in einer Auflage von über 40.000 Stück!).

Hebels Hoffnung lautete: Durch den Irrtum zur Wahrheit.
Hebels Angebetete hieß: Gustave Fecht.
Ein Hoch für den Vornamen Gustave!

Das Foto freilich stellt das Rathaus in Basel dar, welches sich mittlerweile gut eingehüllt und geschützt vor Touriblicken präsentiert, außerdem wird daran herum gewerkelt. Staub, Lärm, Pfui!