Samstag, 17. Mai 2025

100 Jahre Poetry Slam

Don't try this at home, ist man geneigt zu sagen. Versuchen Sie nicht, dieses Projekt nachzuahmen. Zu zahlreich die potenziellen Fehlerquellen. Versuchen Sie nicht, eine Überraschungsparty für zwei demnächst 50 Jahre jungen Menschen zu organisieren, versuchen Sie erst recht nicht, diese Menschen dann auch noch mit einem Buch zu beschenken, das sich nur um diese dreht - 300 Seiten lang. Das kann nur schief gehen. Nie und nimmer lässt sich das über zwei Jahre geheim halten. Irgendwer wird plaudern. Es plaudern doch alle so gern. Sie schweigen und schreiben aber offenbar noch lieber. Denn ja, es ist geglückt. 

Es ist den Herausgeber*innen und Organisator*innen von "100 Jahre Poetry Slam und mehr" Peter Clar, Martin Fritz und Yasmin Hafedh tatsächlich gelungen, 40 Menschen ins Boot zu holen, um Beiträge und Verschwiegenheit zu bitten und es ist ihnen überdies gelungen noch viele weitere Menschen zur Fete am Samstag, den 10. Mai 2025 ins Depot zu locken, um dieses Irrsinns-Buchprojekt zu feiern. Was soll ich sagen: Buch des Jahres und Party des Jahres und bestes Geschenk ever! Ihr seit großartig. Wir fühlen uns sehr geliebt und werden weiterhin zurücklieben!

Donnerstag, 8. Mai 2025

Orangenbäume und Literaturblüten oder Jugend forscht

Nicht nur den weißen Rauch knapp versäumt, sondern auch fast den Zug. Obwohl ich heut im Grunde nichts zu tun hatte, außer um 18:10 Uhr am Bahnhof Tiburtina zu sein.
Aber was soll ich sagen. Ich hab mich eingelebt. Habe leben hier neu gelernt, um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen. Denn das hab ich schon geschafft, ich war heute in der Casa di Goethe in der Via del Corso 16. Da ist nicht nur die Goethe-Dauerausstellung sondern aktuell eben auch die Sonderausstellung: "Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ingeborg Bachmann" Und wenn da jetzt wer denkt: Wer geht schon am Tag 2 der Papstwahl in eine Bachmannausstellung? Dann lasst euch sagen, mehr als man meinen möchte. Vor allem mehr als der Ausstellung gut tun. Gut, sie waren wohl nicht freiwillig dort, die Jugendlichen aus Deutschland, die von der Lehrerin ins Goethe-Haus geschleift wurden und dort dann eine Führung über sich ergehen lassen mussten, was immerhin ein Schüler, am Ende fast mit Applaus bedacht hätte, wenn er etwas Unterstützung seiner Mitschüler*innen gekriegt hätte, hat er aber nicht. 

Die Führerin moderierte ab und sprach: "Und damit möchte ich schließen. Hier findet aktuell auch noch eine Ausstellung einer Österreichischen Autorin statt, die in Rom gelebt hat und leider schon 47jährig tabletten- und alkoholsüchtig in Rom verstorben ist." Ob sie das mit den Tabletten und dem Alkohol sagte, um sie für die Schüler*innen interessant zu machen, ich weiß es nicht. Schöner wäre gewesen: Die sich mit Tabletten und Alkohol verbrannt hat. Das wäre immerhin mehrdeutig gewesen. Ein Satz zur Bedeutung von Bachmann wäre schon auch schön gewesen. Ich weiß, das war jetzt viel gewesen. Aber nach Goethe, was soll man da schon über eine österreichische Autorin des 20. Jahrhunderts sagen? Eben. 

Ich schaute mir also erst mal an, welche Stationen Goethe auf seiner Italienreise machte. Auch Innsbruck ist brav verzeichnete, am Vortag war er da noch im Mittersill. Das Gebiet von Neapel bis zu den Zehen vom Stiefel hat er ausgespart, weil wohl mit dem Schiff nach Sizilien, wo er wiederum ordentlich rum kam. Auch das ikonische Tischbein-Bild in Liegepose schau ich mir genau an (freilich nur die Kopie) und muss feststellen: Proportional haut das überhaupt nicht hin. Da müsste Goethes rechtes Bein schon erheblich kürzer als sein linkes gewesen sein. Merkt man vor allem an all den Nachstellungen, die winkelten alle ein Bein ab. Aber gut, ich will nicht spitzfindig sein. Oh, doch, eigentlich schon. Egal. War ja nicht für Goethe da, so wie die Schüler*innengruppe, wobei die wohl auch nur wegen ihrer Lehrerin dort waren, aber immerhin dann auch noch blieben. Mit mir blieben, um in den Bachmann-Räumen zu verweilen. Ob sie das Goethe-Haus nicht vor Mittag verlassen durften, oder freiwillig hier blieben, wage ich nicht zu mutmaßen. Jedenfalls breiteten sie sich gehörig aus. Vor allem im Filmraum. Da war es schön dunkel und es gab Sitzplätze. Da ließ es sich bestens das Handy auspacken und all die empfohlenen Videos anschauen, die in den vergangenen Minuten während der Goethe-Führung versäumt wurden. 

Auf der Leinwand lief Bachmann in den 1960er Jahren durch Rom, in den Reihen dröhnten aus mehreren Handys gleichzeitig Musik-, Gebets- und was-weiß-ich-für-Anleitungsvideos. Ich freu mich für die Jugendlichen, dass sie eine gute Zeit in der Ausstellung haben. "Die Jugendjahre sind, ohne dass ein Schriftsteller es anfangs weiß, sein wirkliches Kapital.", sagte die Bachmann in einem Interview 1971. Aber nicht nur der Filmraum zieht die Jugendlichen an, auch neben den Schaukästen der Kindheitsfotos breiten sie sich am Boden aus: sitzen, liegen neben und aufeinander. "Weißt du eigentlich noch, dass wir doch, trotz allem, sehr glücklich waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsere schlimmsten Feinde waren?", schrieb die Bachmann am 27. Juni 1951 in einem Brief an Paul Celan. "Ich hau dir in die Fresse", sagt eine sehr schwarz gekleidete Jugendliche zu ihrer Freundin, die das wahrlich treffen würde, denn da ist viel Metall in ihrem Gesicht. "Halt's Maul!", entgegnet die Bedrohte und das scheint angemessen, denn dann liegen sie sich schon wieder in den Armen. "Wenn die Sprache eines Schriftstellers nicht standhält, hält auch, was er sagt, nicht stand.", sagte Ingeborg Bachmann in einem Interview 1955. 

Ich bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob es sich bei den die Räume belagernden Jugendlichen um eine zwangsverpflichtete Schüler*innengruppe handelt oder ob es vielleicht doch eine Exkursion angehender Schriftsteller*innen aus Hildesheim oder Leipzig ist. Sagte nicht grad die, die sich unter einen Schaukasten mit Manusktipt-Seiten von Bachmanns berühmter Dankesrede anlässlich des Hörspielpreises der Kriegsblinden wälzte: "Mir tut der ganze Körper weh, so arg ist mir's, nicht in Deutschland zu sein." Oder hab ich mich verhört, was leicht sein kann, denn die Handyvideos sind ganz schön laut. 

Jetzt wälzt sie sich wieder in den Raum und ruft: "Ich bin niemands Frau. Ich bin noch nicht einmal. Ich will bestimmen, wer ich bin." "Halt's Maul!", quittiert eine Freundin und ich bin entzückt. Vielleicht ist es auch eine Theater-, oder Schauspielgruppe, die sich hier ausbreitet. Vielleicht bin es auch einfach ich, der sich die Situation hier schönredet. Vielleicht hat Ingeborg Bachmann einen rettenden Rat, da schneidet sich auch schon ein Satz durch die vorherrschende Geräuschkulisse: "Wo nichts mehr zu verbessern, nichts mehr neu zu sehen, zu denken, nichts mehr zu korrigieren ist, nichts mehr zu erfinden und zu entwerfen, ist die Welt tot." 

Ich beginne augenblicklich zu applaudieren. Der, der vorher schon applaudieren wollte, klatscht mit. Die die vorher schon "Halt's Maul!" sagte, sagt "Halt's Maul!", von irgendwo her schallt mir "krass kranker Scheiß" entgegen. "Ich brech dein Gesicht" wird wohl in ein Gesicht gesagt und im Raum schwebt auch ein "Nein, Alter, ich schwör. Tischbein, Alter, nicht Hohlbein. Ich schwör um dein Leben." Es wird sich also über das Gesehene unterhalten und es geht auch ganz schön existenziell zu: "Wenn ich nicht bald Pizza und Cola dann sterb ich auf der Stelle, kein Scheiß." Mir wird warm ums Herz. Ich verlasse mit einem Katalog unter dem Arm die Austellung, die Jugend bleibt noch und ich kann es nur mit Bachmann sagen: "Im Grunde ist jeder allein mit seinen unübersetzbaren Gedanken und Gefühlen."

Ein Hoch dem Heiligen der Friedhofsarbeiter*innen

Gehe ich durch Rom. Wandle ich immer auch auf alten Pfaden. Gehe ich durch Rom, bin ich immer auch mein altes Ich. Das, das 1997/98 hier ein rauschendes Erasmus-Jahr verbracht hat. Ich steuere automatisch die damals billigste Bar in Trastevere an und staune, dass es sie noch immer gibt. Grad um die Ecke vom Hauptplatz, rundum zig überteuerte Lokale aller Art, wo der Sprizz im Literpreis angegeben wird (1 Liter 20 Euro, 2 Liter 30 Euro) und die Bar San Calisto ist immer noch die Insel der Seligen und jetzt eben der Biertrinker*innen aller Länder. Aber eben nicht nur. Es ist auch ein beliebtes Lokal der Anrainer und das Konzept Einheimische mit Touristen zusammen zu bringen funktioniert hier - über billige Preise - ganz vorbildlich. Der alte Chef sitzt noch immer an der Kassa und ist freundlich. 2,80 € für das 0,66 Peroni - das ist ein Preis, den selbst die Minimarkets nicht bieten. In dieser Bar hab ich 1997 mein damals tausendstes Bier des Jahres getrunken irgendwann im Oktober oder November. Ja, ich führte darüber Buch - Bierbuch. Ja, ich trank viel, war aber auch 28 Jahre jünger. San Calisto ist also ein Heiliger, der mir wirklich heilig ist. Was er für ein Martyrium hatte, werde ich recherchieren. 

Mit der Heiligenlitanei wurde ich nämlich gestern konfrontiert, als ich mich in die Nähe des Petersplatzes wagte, also in die Via della Conciliazione. Da stehen mittlerweile riesige Leinwände und Soundsysteme und die Heiligen-Litanei, die mit "Ora pro nobis" zu beantworten ist, wurde von den Kardinälen angestimmt, während sie in die wohl weltweit schönste Wahlzelle - die Sixtinische Kapelle - einzogen. Das schaute ich mir eine Zeit lang an, alles schön bunt und dann noch die Schweizer Garde dazu, viele schöne, bunte Stoffe, etwas Glitzer fehlt und individueller Style auch, aber ich versteh schon, alle gleich, alle Kardinäle. Aber so ein bisschen Tüll da, Leder dort und vielleicht auch etwas Strass, das hätte schon was. Vielleicht geht da ja was unter dem neuen Papa. Jedenfalls kam der Heilige Calisto nicht vor, deshalb ging ich wieder. Was sich im Nachhinein als sehr richtig erwies. Denn das für 19 Uhr angekündigte Ergebnis verschob sich auf 21 Uhr (Schwarzer Rauch). Die betende, singende, knieende und reihenweise kollabierende Schar Glaubender hat den Erste Hilfe Einsatzkräften sicher einiges zu tun gegeben. Ja, es ist alles ein Geben und Nehmen. Ich nahm mir noch ein Bier (diesmal ein Moretti) für die Ponte Sisto, lauschte der dort spielenden Band, beobachtete die vorbei flanierenden Menschen, schaute in die Sonne, auf den Tiber, in den Himmel und hatte es fein.

Der Heilige Calisto (Kallistus) ist der Schutzpatron der Friedhofsarbeiter*innen. Das gefällt mir! Papst Zephyrinus vertraute ihm die Grabkammern entlang der Via Appia an, in denen neun Bischöfe Roms begraben und später entdeckt wurden. Die Katakomben des Heiligen Kallistus waren der erste offizielle Hauptfriedhof der christlichen römischen Gemeinde im dritten Jahrhundert. Die Katakomben könnte man besuchen. Mach ich aber wohl nicht. Die Bar San Calisto ist dann doch gemütlicher.

Mittwoch, 7. Mai 2025

Extra Omnes

Nicht mit mir. Kommt mir nicht mit „alle hinaus“, wenn ich schon mal da bin. Das Giubileo 2025 hätte mir schon gereicht, dass es auch noch ein Konklave geben muss, während ich in Rom weile, wäre nicht notwendig gewesen.

Aber gut, ich nehme mit, was geht. Wenn ich schon nicht in die Sixtinische Kapelle darf, weil sie dort grad Öfen installiert haben, um die Stimmzettel zu verbrennen, dann schau ich mir halt den Trubel an. Habe schon mehr Fernseh-Teams aus Ländern, die ich nicht mal zu benennen weiß, gesehen als bisher in meinem Leben. Niemand hat mehr große Kameratrümmer auf den Schultern, das sind jetzt eher Selfiestangen beziehungsweise Kameras, wie sie auch fottoaffine Touristen verwenden und dann halt so exoskelettmäßige Tragegerüste. Es wuselt auf der Via della Conciliazione. Bei meinem ersten Rom-Besuch 1990 nahm ich noch ein Fußbad im Brunnen am Petersplatz. 1998 bin ich mal aus dem Petersdom rausgeschmissen worden, weil wir es so lustig fanden, wie da Marmorfüße geküsst und Bazillen international verbreitet wurden. Gestern stellte ich mich brav an in der  Vatikan-Post-Schlange, um meinen gottlosen Freund*innen zu verkünden, wo ich gerade weile.

Dass diese Konklave die größte der Geschichte wird, ist schon beeindruckend.  Von den 252 Kardinälen der Weltkirche sind die 135, die unter 80 Jahre alt sind, stimmberechtigt. Ich zitiere aus dem offiziellen Wahlvorgangs-Procedere: „Bleibt ein Wahlgang erfolglos, schließt sich sofort der zweite an; erst danach werden die Stimmzettel – zusammen mit einer dunklen Rauchkartusche – verbrannt. Zur Wahl benötigt der neue Papst eine Zweidrittelmehrheit. Ist nach dem 33. Wahlgang noch keine Entscheidung gefallen, muss es so viele Stichwahlen zwischen den beiden stärksten Kandidaten geben, bis mit der Zweidrittelmehrheit ein neuer Papst gefunden ist.

Ob ich das heute schon erleben darf? Vermutlich nicht. Morgen bin ich aber auch noch da. Morgen also mehr.