Donnerstag, 8. Juli 2010

Sinnlichkeitsaffekt


Überhitzt (Teil 6)

Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt, ist also quasi ein Kantholz“, rekapitulierte sie „und so also auch du“, legte sie nach, „doch es sei mir jetzt grad einerlei“, relativierte sie, denn Der Affekt gehört immer zur Sinnlichkeit, durch was für einen Gegenstand er auch erregt werden möge.“

Ich versuchte zu überhören, dass mich der Kant-Dumbo gerade eben zum unförmigen, ungehobelten Gegenstand machte, sagte mir, gut-gut, sie wird mich dennoch zu gebrauchen wissen. Fasste nach ihrer rechten Hand, die natürlich irgendwo unter ihrem Ohrenauflauf begraben war und fragte schlicht, ob sie leicht mit mir gehen wolle.Yep“, quittierte der Kant-Dumbo positiv.

Dann gingen wir in die Büsche und seither miteinander und ich muss ehrlich sagen, dass ich mir gehen mit Dumbo Kant in meinen kühnsten Träumen nicht so cool vorgestellt hätte. Wir haben uns gefunden, wir haben uns gerne und wir sind erhaben gegenüber Anfeindungen aller Art und „Erhaben nennen wir das, was schlechthin groß ist.“

Das mag nun zwar ein unvermitteltes Ende sein aber einen Text mit: „Sie schaute mich mit ganz großen Ohren an!“ zu beginnen und mit: „was schlechthin groß ist“, zu beenden, muss man erst einmal so hinkriegen.
Apropos hinkriegen: Kants letzte Worte waren: „Es ist gut.“
So kann man natürlich auch enden.

ENDE

Montag, 5. Juli 2010

Mutterrüsselsehnsucht


Überhitzt (Teil 5)

Baby mine“ schmalzte ich nun vor mich hin und dann zack-bum-klar: Dumbo! Ohren, fliegen, großes Kino, schmacht und schmalz und Baby mine! Du musst Dumbo, der fliegende Elefant sein, sagte ich natürlich nicht, dachte ich mir aber, metaphorisch versteht sich (Denken ist ohnehin Reden mit sich selbst). Quasi die Ausgestoßene mit besonderen Fähigkeiten, von der vertrauten Umgebung getrennt, für Anderes bestimmt aber eigentlich doch sehnsüchtig nach dem Mutterrüssel und Streicheleinheiten.

Sie schien das Erkenntnisleuchten in meinen Augen richtig zu deuten und machte etwas erfrischenden Wind mit ihren Ohren. Noch immer aber beschränkte sich unser Flirt lediglich auf Augenkontakt und Spontananalyse, gesagt hatte weder Dumbo, noch ich etwas. Es wurde aber langsam Zeit und weil mir jetzt keine weiteren Weisheiten eingegeben wurden, haute ich alle Anstandsregeln über den Haufen, nahm all meinen Mut, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen zusammen, versuchte es mit der mir ureignen Urwaldmethode und sprach:

Du Dumbo – ich Tarzan, komm, lass uns lianen, lass uns Leine und ausziehen, deine Ohrlawine macht mich ganz mulatschak.“
Ein Anfang, ja. Aber wie weiter?
(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 4. Juli 2010

Das absolute Gehör

Überhitzt (Teil 4)

Da trat erneut der alte Ostpreuße auf den Plan und flüsterte mir Weises: „Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht gut. Die ganze Natur überhaupt ist eigentlich nichts anderes, als ein Zusammenhang von Erscheinungen nach Regeln; und es gibt überall keine Regellosigkeit.“

Ja die Natur, durchzuckte es mich. Hammer, Amboß, Schnecke. Trommel, Trichter, Fell. Die Natur ist schon so ein Hund, der sich nichts scheißt. Undurchschaubar so eine Natur und unergründlich überdies. Und sie ist eben ein Naturwunder. So muss man sich vermutlich das personifizierte absolute Gehör vorstellen, schoss es mir.

Diese Ohromnipräsenz muss das Gegenstück zu Johannes Elias Adler sein, das Schlafes Bruder Gegenstück, das Schlafes Bruder Yang. Und apropos Adler, fliegen, Schwingen und so. Da war doch was mit Ohren und fliegen.... nachdenken, nachdenken, nachdenken.

Das absolute Gehör in Menschengestalt also und zwar in diesem Fall eben mit nach außen gestülpten Qualitäten, quasi die Visualisierung des optimalen Gehörsinns. Ein einzigartig Ohrwunder fürwahr! Schön und gut, doch was nun?
Denkpause. Peinliche Denkpause. Stille. Peinliche Stille.
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, erbarmte sich der naseweise Kalingrader meiner und: Suche nach Erhörung und dem Steigbügel!, gab mir wer ein, vermutlich ein Hormoncocktail.
(Fortsetzung folgt)

Samstag, 3. Juli 2010

Rumbagurke


Überhitzt (Teil 3)

Ja, was dann?
Auch so eine Frage. Eine große, große Frage, die doch auch schon ganz großartig besungen wurde.
Wenn kein Schi mehr wachst, kein Hund mehr platzt: Was dann?
Wenn kein Schwein mehr grippt, kein Schnaps mehr kippt: Was dann?
Wenn keine Kuh mehr kühn, keine Ohren mehr glüh'n: Was dann?
Ja dann ist es zu spät, tadamtam, um nach Hause zu gehen.

Summte-singte-sang ich im Geiste und fragte mich gleichzeitig, von wem verdammt dieser Was dann?-Ohrwurm war. Vermutlich vom alten Bockelmann Udo. Dem Merci-Cherie, fünf Minuten vor Zwölf, Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden und Griechischer Wein Ohrwurm-Udo.
Und schon hatte ich das Pfeifen und die r-r-ritsch-ratschende Rumbagurke von Die Sonne, r-r-r die Sonne und du r-r-r im Kopf und entflammte vollends für das mir gegenüber stehende Ohrwunder, wusste allerdings nach wie von nicht: Was dann?
(Fortsetzung folgt)

Freitag, 2. Juli 2010

Noch immer Ohr

Überhitzt (Teil 2)

Am Anfang war der Satz: Sie schaute mich mit ganz großen Ohren an!
Das klingt schon eher nach einer spannenden Geschichte. Steigen wir also darauf ein.
Sie schaute mich mit ganz großen Ohren an! Gut, dafür konnte sie nichts. Das macht sie wohl immer so. Das liegt in der Natur der Sache, in der Natur ihrer Ohren. Und ja, was soll ich sagen, mich hatte sie damit quasi im Sack, eingetütet wenn man so will, beziehungsweise, im konkreten Fall wohl das treffendste Bild: mich hatte es über ihre Ohren gehauen.
Lass dich rüsseln tropfes Tier, gurrte ich, gurrte ich in Gedanken.
Sie indes schaute mich noch immer ganz Ohr an.

Hammer, Amboß, Schnecke. Trommel, Trichter, Fell.
Dickes Fell, dünne Haut, armes Ding, dachte ich mir und weiter, ob sie wohl weiß, was schon der große Königsberger sagte, nämlich: „Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen. Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“

Ob sie sich daran hält?, fragte ich mich und was sie wohl von mir hält, wenn ich ihr eröffnete, dass ich hoffte, mich mit ihr heute noch in den Schlaf lachen zu können?
Kommt das an? Kommt das durch? Was kommt dann? Wie weiter?
Hoffen, lachen, schlafen alles gut und recht und billig und besser als verzagen, weinen und schlafwandeln. Aber eben was dann?
(Fortsetzung folgt)


Donnerstag, 1. Juli 2010

Überhitzt


Oder: Ich heiße Sommergeschichte

Am Anfang war das Wort Schneuzschnetzeltüchlein.

Doch so konnte es nicht weiter gehen. Deshalb trat man die Ohren wieder zurück.
Ja, damals trat man die Ohren noch, denn Uhren zum Drehen waren noch nicht geboren. So konnte man erneut auf den Anfang warten.

Diesmal ließ er sich Zeit und war offenbar bemüht, keine Wortwitzschwäche an den Tag zu legen. Er quemte sich nicht nur, der Anfang. Er bequemte sich sogar. Ja, er gemütete sich überdies, gemütlichte sich richtig ein und ließ uns alle warten. (Fortsetzung folgt)

Montag, 28. Juni 2010

Gruppenreisen

Zug mal wieder.
2. Klasse railjet inmitten einer Schweizer Reisegruppe. Staniolpapier raschelt, Jausenboxen schmatzen auf, Käsewinde und Wurstschwaden erobern den Großraumwaggon. Grad gefrühstückt und schon wieder fressen! Und Unterhaltungen über mehrere Sitzreihen hinweg. Salamifettfetzchen schießen durch die Luft und die Reiseleiterin nimmt die Bestellungen fürs Mittagessen auf.
Gruppenreisen: Fressen und scheißen und am Fenster Landschaft vorbei ziehen lassen. „Lauter Knöpfeli am Klo. Alles automatisch und tip-top modern.“
„Faschiert? Was soll denn des sein? Hon i no nie kehrt. Nemmer besser Tügware.“
Aber so ein Faschiertes, bin ich geneigt einzugreifen, so ein Fasciertes schisse sich leichter. Das wurde nämlich durch den Fleischwolf gejagt, klein gemacht und hinterher notdürftig wieder zusammen gepappt und der Kartoffelstampf geht auch runter und raus wie nix. Aber ich bleibe ruhig. Die sind ja nur gut gelaunt, bereits wach und übertrieben fröhlich, weil auf Gruppenreise; und ich halt morgenmuffelig, noch koffeinunterversorgt und angefressen, weil ich bei dem Lärm und Gestank kein Auge mehr zu tun kann und die Ohren, ja, die haben ja bekanntlich keine Lider. Endlich Buchs! Flucht nach vorn (in die 1. Klasse;-)

Donnerstag, 24. Juni 2010

Sanssouci


Unlängst sind ja Andreas Maiers „Neulich“ Kolumnen erschienen. Sein letzter Roman allerdings ist aus dem Vorjahr und heißt so, wie dieser Park in Potsdam. Sanssouci ist spannend, schlau und ungehörig ironisch. Da bleibt alles unausgesprochen und in der Schwebe. Da darf man sich alles selbst ausmalen. Die Farben werden allerdings bereitgestellt.
Die Erzählperspektive macht's aus. Die ist zwar auktorial aber doch immer einer Figur sehr nahe. Da wird dann sachlich große Jugendnaivität beschrieben oder blumig die Öko-, Vegetarier- und Demo-Szene. Das ist eine geglückte Gratwanderung. Nie verächtlich machend, immer im Dienst der Erzählung aber schon mit Unterton, der kontinuierlich anschwellt. Bis Majas Perspektive auf die Dinge endet. Das Personal geheimnisvoll, seltsam und interessant. Da haben wir also:
Nils: das Genie der Klasse. Faul, subversiv aber aktiv für das Gute
Maja: seine Freundin, die hübsche Kürbisfrau
Heike und Arnold: die zentralen Zwillinge; Geister, Boten, Mysterien
Merle: die Vegetarierin und Domina
Jesus: ihr Sohn
Alexey: der russisch-orthodoxe Mönch mit Detektivfunktion
Grigoris: der wahnsinnige Bulgare mit Hausaltar
Hofmann: Wodkatrinker, Russe, Gärtner, Mitwisser, Vater von
Anastasia: strebsame 2. Generations-Russin, kommt etwas vom Weg ab
Das haben wir da noch den Nachlassverwalter und Kümmerlingtrinker Dr. Mai, einen Punk mit Ziegenmeckerlachen namens Pöhland, den seltsamen Baron und noch ein paar Gestalten.

Und Hornung der Regisseur der Fernsehserie Oststadt kam bei einem Unfall im Park um. Wie? Nicht klar. Ominös. Der Park insgesamt: oben schön, unten rätselhaft und voller geheimer Kammern. Woher haben auch alle das Geld, um so unbeschwert leben zu können. Dass da gewisse Dienste ausgeführt werden, ist anzunehmen. Mitwissende schütteln den Kopf, mehr nicht. Das zwiespältige Verhältnis der Potsdamer zu Oststadt sorgt für zusätzliche Spannung. Der Kleinstadtkosmos überhaupt wird sehr erhellend dargestellt. Vom Buchhändler über den Oberbürgermeister bis zum Aussteiger (der alles weiß).
Und überdies ist dieser Roman formal, obwohl linear dahin erzählt, auch ziemlich eigen. Vor allem, was die Reden betrifft. Es wird viel geredet und das unkonventionell markiert bzw. bunt gemischt. Direkt, indirekt, direkt ausformuliert aber meist bloß Name/Er/Sie Doppelpunkt. Ach ja, jetzt soll wohl ein Resümee folgen, also nochmal Doppelpunkt: In Summe wieder ein toller Maier-Roman. Der Mann kann das.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Aufklärungsarbeit


Zum Wohl! sagen sie hier auch, wenn man einen Kaffee nimmt. Das find ich lustig. Und der Initiator ist hier ein Initiant ohne, dass man dabei schlecht über ihn denkt. Gut gibt’s unterschiedliche Varianten, sagte man hier, denn das dass sparen die Schweizerinnen und Schweizer ein. Will man sich für Freundlichkeit erkenntlich zeigen, indem man Trinkgeld gibt, sagt man übrigens nicht: Passt schon!
Sondern: Isch guat!
Mehr als gut ist das Wort des Tages. In der Zeitung steht: Verfötzelter Boden und gemeint ist schlicht ein entstellter. Schön. Wort des Tages: verfötzelt
Ad Bild: Verfötzelte Bäume?
Apropos Wörter: Vor einiger Zeit fragte ich, ob wer wisse, wie das Fähreding, das ich fotografisch abbildete heiße. Nicht dass ich nicht glaubte, es wisse nicht wer. Es ist mir bloß klar, dass sich niemand gemeldet hat, deshalb lüfte ich das Geheimnis. Es handelte sich um den Schwengel. Also wichtig bei den Basler-Rhein-Fähren ist der Schwengel und das Heckruder (die Fähren selbst sind übrigens vom Bootstyp Weidling)

Und zum Abschluss auch noch ein Zitat des Tages: „Wir brauchen eine neue Sprache, die sich nicht einfach von uns überreden lassen wird.“ (Gert Jonke)


Dienstag, 15. Juni 2010

NOX


Auch Thomas Hettche hat einen Wenderoman geschrieben. Nox ist 1995 bei Suhrkamp und 2002 in leicht abgeänderter Version bei DuMont erschienen (als Taschenbuch dann 2004 bei List).
Der Held und Ich-Erzähler in Nox ist Schriftsteller und es wird ihm auf der ersten Seite die Kehle durchgeschnitten. Die Frau die das tat, bat ihn am Vorabend des Mauerfalls, nach einer Lesung, ihr weh zu tun. Was er nicht fertig brachte
„Und für einen Moment sah ich sie so, wie niemand sie kannte, ihr geheimes Gesicht und die Lust darin (…) Jetzt erzähl mir, du habest mich so geseheh. Wenn du noch erzählen kannst.“ (S. 20)

Er kann. Er nimmt auch alles andere an diesem Tag und der folgenden Nacht in allen Details wahr. Es geht um einschneidende Erlebnisse und Ereignisse, historisch und persönlich. Schmerz und Lust schaukeln sich gegenseitig hoch. Während Günter Schabowski ausplaudert, dass sämtliche DDR-BRD Grenzübergangsstellen unverzüglich frei seien, verwest das Opfer vor sich hin und die namenlose Mörderin feiert und fickt sich durch Berlin.

Verfolgt wird sie von einem noch vor der Grenzöffnung in den Westen geflüchteten Hund (ja, Hund). Gefickt wird sie unter anderem vom Lustsklaven David und das große Showdown findet dann im Anatomischen Theater im Osten statt. Wer da aller dabei ist und was da ab geht, sei an an dieser Stelle nicht verraten. Im Schlusskapitel jedenfalls relativiert der Hund im Gespräch mit dem Autor die Geschichte. Mir ist der Text motivisch etwas zu überfrachtet aber sprachlich spannend und inhaltlich fesselnd ist Nox schon. Ein anderer Wenderoman ist es auch. Gut anders.

Ach ja: Die Mauer war im Übrigen auch so ein Einschnitt, eine Narbe, die in jener Nacht eben aufbrach. „Nichts heilt, dachte sie. Nicht wirklich. Der Schmerz bleibt, und keine Wunde schließt sich. Und dann?“ (S. 101)