Dienstag, 9. Dezember 2025

Putin kommt - ich gehe

Putin besucht Kollegen Modi in Delhi, ich trete meine Heimreise an. 22 Stunden, die es in sich hatten, aber angekommen bin ich letztlich pünktlich, mein Koffer auch. Zwischendurch gab es Panik- und Freudenmomente, 22 Stunden Spannung. Jetzt, aus sicherer Entfernung noch ein paar Nachträge.
Ad Touri-Tour in Delhi: Aus der Rikscha seh ich kaum raus. Der Dachvorsprung ist mein Sichtfeld. Ich muss mich sehr bücken. Dann aber sehe ich einen Wachmann, der am Boden vor dem zu bewachenden Bankomat liegt. Sehe Randsteine-Schwarz-Weiß-Bepinsler, sehe am Straßenrand Pinkler, sehe Tuk-Tuks, E-Bike-Rikschas und all den anderen Verkehr an uns vorbei rauschen. Sehe Modi von Bussen und Wänden auf alles schauend. Und ich spüre, was ein Schlagloch für eine Rikscha bedeutet. Und ich sehe das am meisten missachtete Verkehrszeichen ganz Indiens: "No honking zone".

Unser Driver hört Musik. India-Happy-Music. Die Stimme hochgepitcht, dann wieder ergreifendes Gesumme, helle Trommeln, dumpfe auch, dazu Sithar Gezupfe, ein besänftigender Chor und ein catchy Refrain, fröhliche Flötenintermezzi, Streicher - das volle Programm. Ja, nach dem Chorpart ist alles wieder gut und die indische Harfe hat ihr Solo. Nice.

Ad Long Night of Literatures New Delhi: Die Eröffnung. Große Bühne, große Show. Auftakt mit vorproduzierten Videos aller 14 Poet*innen. Licht aus - los geht’s. Wir sehen den Desktop des Technikers auf der Riesenleinwand. Wir sehen, wie er ein Video-File von einem Datenträger auf den Desktop kopiert. Wir ahnen, was passieren wird. Es beginnt mal alles wie geplant. Dann ist erst der Ton weg, dann die Videos. Es erscheint der Festival-Design-Hintergrund und dann sehen wir wieder die App-Vorlieben des Haustechnikers und wie er verzweifelt versucht, neue Dinge zu kopieren und zu starten. Es wird ihm nicht gelingen. Die im Vorfeld an die Autor*innen gestellten Fragen bleiben unbeantwortet. Was lernen wir daraus? Immer den Desktop gut aufräumen oder eben rechtzeitig Dinge vorbereiten und testen.

Ad Dabolim: Sehr kleinlich sind sie im Hotel Argo by Trance. Es gibt eine Liste, was man alles kaputt machen oder mitgehen lassen kann und was das dann kostet. Vom Seifenhalter über die Obstschale, Badetücher, Handtücher, Fernseher (da war kein Fixbetrag angegeben), Kissenbezug, Matratze, Wasserflasche. Alles nicht sehr teuer außer die Matratze. Aber der Wäscheservice wäre billig gewesen. 70 Rupien pro Shirt. 80 für eine Hose. Für 50 hätte ich auch eine Wasserflasche vom Balkon Richtung Brunnen werfen können.

Überraschung - Weihnachten ist hier big!
Ad Goa: Hier hält man noch nichts von Helmen - anders in den Städten.
Die immer wieder kurzen Stromausfälle in den Strandbars sind vor allem Beim Karaoke lustig. Es sind schöne Momente der blitzartig eintretenden Stille, gefolgt von einer Unruhe, Gemurmel, aktivierten Handytaschenlampen und dann wieder den diversen Hochfahrgeräuschen von allen möglichen elektrischen und elektronischen Geräten.

Generell: Wie hier noch mit Pickel und nicht Schaufel sondern Schaffel, also Schüssel gearbeitet wird, macht mich fertig. So wie wir vor circa 40 Jahren die Verbindung zum Kanal am Ende unseres Grundstückes gegraben haben - nur wir mit Pickel, Gartenhaue und Schaufel. Das war dann das Ende des Surelers, des Bauern, der immer mit seinem Surbansen zu uns kam, um das angesammelte Abwasser und mehr aus der Sickergrube abzusaugen. Ach, es war so schön, die alte Scheiße nochmal zu sehen und ihr dann eine gute Reise zu wünschen. Mit dem Kanal ging alles den Bach runter und blieb nicht mehr in der Grube unter uns.

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Indien-Resümee mit diversen Fokussen

Nicht ein Hund ist mir blöd, knurrend oder kläffend gekommen. Bin weder in Hunde- noch Kuhscheiße getreten. Die Affenbanden haben mich verschont. Habe nicht eine Kakerlake gesehen, dafür letztlich doch sehr viele Kühe (Sie halten sich nicht an den Linksverkehr!), viele Streifenhörnchen, kaum Katzen, unzählige Muscheln, Krabben in den Größen Supermini (mit Erdlöchern und Mustern im Sand), Mini (mit Kampfeinsatz), Klein und Mittel (im Curry), Vögel auch richtig große, Schmetterlinge auch, keine ernst zu nehmenden Spinnen, Ratten vermutlich schon (in Kolkata) aber auch nicht der Rede wert. 
Hab mir weder Kopf noch zehen blutig gestoßen, keine Blasen eingehandelt und hab auch tadellos alles verdaut. Freilich stand der Hintern gelegentlich in Flamme, auch spuckte ich bisweilen Feuer, aber auch da muss ich sagen, wäre dem nicht so gewesen, es hätte was gefehlt. Die Reiseapotheke bringe ich unangetastet zurück. Nicht mal den Obstler hab ich ausgesoffen.  
 

Die Promenade ist auch Yogalehrpfad
Das Roof-Top-Bar-Konzept in Colva hat mir sehr gefallen. Da habe ich recht viel geschrieben.  Auf die Straße runter schauen, das Geschehen im Blick haben und schreiben. Diese Roof-Top-Bar erinnert an Vietnam-Kriegs-Filme, es ist so ein typischer Kamerablick von diesen Sitzplätzen - mit dem Rücken zur Bar aber dem Geschehen zugewandt. In den Filmen ging es in den Bars dann immer um Glücksspiel, Saufen und Drogen. Hier ist es Saufen und Sportübertragungen. Sie zeigen Premier-League-Spiele. Es schüttet. Alle am Spielfeld tragen Handschuhe und langes Zeug und laufen dem Ball hinterher, damit ihnen warm wird. Die im Publikum und auf der Bank sind in dicke Mäntel mit Kapuze gehüllt und schauen finster auf das Geschehen. Ist das noch ein Spiel oder schon erster Dezember? Wann lassen sich die Fußballer eigentlich all diese Tattoos stechen? Tut das nicht weh, stört das nicht beim Training? Ich verstehe Fußball offenbar nicht. Bleibt nur noch das Trinken über. 
Die Locals sind ULTRAS, trinken Starkbier. Die alten Engländer natürlich Premium. Das ist nicht Light Beer - so ist Bier! So ist mir. 

Glücksspielkreuzritter auf dem Mandovi

Ein starker Rücken kann viel 
Huckepack nehmen
Zum Abschluss nochmal die volle Ladung von allem. Panaji ist das Las Vegas von Goa. Von den 36 Regionen Indiens ist Goa die libaralste. Hier ist Glücksspiel erlaubt. Es wird an den Straßen auch fast ausschließlich dafür geworben. Dazwischen ein paar Einzelunternehmer mit Weisheiten wie: Poor people sav money. Middle class people invest money. Rich people trade money. Was Glücksspiel ist? Investment? Ich glaube nicht. It's just gambling. Aber vielleicht haben Kartenspiele wie Sportwetten da und dort Geschicklichkeits- und nicht Glücksspielstatus - dann schaut die Sache schon wieder ganz anders aus. Über das Glücksspielrecht in Indien mag ich mich nicht weiter informieren, das lässt sich alles googeln. Auffälig hier ist aber, dass die Casions auf geparkten Kreuzfahrtschiffen eingerichtet sind, die in Panaji unweit der großen Schrägseilbrücke (Atal Setu) fix im Mandovi verankert sind und nächtens eine irre Lichtshow abliefern und die Umgebung weitum lichtverstrahlen mit Lasern und allem drum und dran. Ist mir bei der Ankunft in Goa vor circa 10 Tagen schon aufgefallen. Mag ich nicht, brauch ich nicht, pfui.

Es gibt eine lange Promenade vom Stadtzentrum dem Flussauslauf entlang Richtung Meer. Da lässt sich wunderbar flanieren, nur nichts konsumieren: Alkoholverbot! Auch wenn man nur ein Limesoda möchte, muss man ab von der Promenade und sich was suchen. Das ist mir dann doch ein bisschen zu konsumfeindlich. 

Big Daddy wirbt mit "Dream Big" und zeigt einen 
Schachbauern, der König werden will
Auch in der Stadt lässt sich kaum ein Platz finden, wo man gemüchtlich das Feierabendbierchen trinken könnte. Alle stehen vor den zahlreichen Schnapsläden rum und lassen sich Hochprozentiges einpacken, das sie dann weiß was ich wo, in Kellern oder Hinterzimmern schlucken. Aber öffentlich schön brav heuchlerisch. Die Laster werden konzentriert auf ausgemusterten Kreuzfahrtschiffen. Mit kleinen Booten werden die Glücksspielkreuzritter hin und her transportiert. Sie ziehen erwartungsvoll los und kommen mit leeren Taschen und voller Hucke wieder zurück.  Ja, wenn dich das Glück verlässt, muss dich der Alkohol Huckepack nehmen.

Fast wie daheim:
Kreuz, Kirche, Mariamuttergottes!
Habe mir endlich Bata-Schuhe gekauft: Sandalen für den nächsten Griechenland-Aufenthalt. Dass Bata und Indien eine besondere Geschichte verbinden muss, ahnte ich, als ich da und dort auf das mir aus Tschechien bekannte Logo stieß. Dass die Inder Bata für indisch halten, ist interessant. Dabei ist Bata so indisch wie KTM. Nur dass Bata halt schon seit 1931 in Indien produziert. Glaube nicht, das Bata sonst noch wo auf der Welt Schuhspuren hinterlassen hat, die so nachhaltig sind wie hier in Indien. Damit wäre gut die Kurve zu KTM gekratzt und ich könnte den Blog hier quasi abbremsen. Es wird aber noch ein Resümee geben müssen. Bin ja viele, viele Stunden unterwegs: Panaji - Mopa Airport, Mopa - Neu Delhi, Neu Delhi - Dubai, Dubai - Wien;

 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Recte Bananis est

Fotokontrastprogramm zur Erzählung
Und dann wird eine Banane zum Problem. Da habe ich wochenlang alle Schwierigkeiten gut umschifft, hab stets geschaut, dass ich Wasservorräte und eine Notfallbanane dabei hab und dann wird die Notfallbanane zum Notfall. Naja, Fällchen, Problemchen halt. Denn die hatte sich so schön eingepasst in die Rucksackaußentasche, dass ich sie nie mehr gesehen, vergessen und eben nie gegessen hab und so hat sich die Banane im Verbund mit diversen Schimmelpilzen und Tierchen ganz gut eingerichtet in meinem Rucksack und wenn ich mich jetzt nicht sechs Nächte am gleichen Ort aufgehalten hätte, wäre mir das ja auch schon viel früher aufgefallen. So aber lag der Rucksack im Kasten und der war zu. Zwar lag lange eine zarte Bananennote in meinem Zimmer, da sie aber zart war, störte sie nicht. Die vielen kleinen Schmeißfliegen hätten mir zu denken geben sollen, aber da ist mein erster Gedanke halt auch nicht Verwesung. 
Ob das jetzt eine Banane aus Kolkata, Delhi oder Dabolim war, lässt sich nicht mehr feststellen. Den Rucksack aber kann ich vergessen. Ich hatte ihn schon fast fertiggepackt, da umschwirrten mich auffallend viele Fliegen und es stach mir dann doch mal ärger in die Nase. Das Übel war schnell gefunden und ich dachte anfangs noch an Schadensbegrenzung und holte das neue Lebewesen - die Schimmelane, den Banschimmel - mit Hilfe von Toilettenpapier aus seinem Habitat und da reckte es mich so richtig. Der Magen pumpte, der Schweiß auf der Stirn war sofort zur Stelle, ich eilte zur Klomuschel und kniete kurz davor. Der Magen kam wieder zur Ruhe, ich nahm wahr, dass ich nun der Klomuschel doch näher war, als man das sonst so - mit dem Kopf - ist und erholte mich langsam wieder. 

Nichts passiert. Der Rucksack aber bleibt hier. Mit Ehrgeiz und Chemie kann man ihn sicher noch retten. Dazu fehlen mir hier die Mittel. Letzter Tag in Colva. Doch noch ein kleines Abenteuer - wieder aus dem Bereich der Natur und ihrerer Vielfalt - erlebt. Weiter geht's.   

Dienstag, 2. Dezember 2025

Strandschauspiele

Bei Sonnenuntergang schau ich den Fischern zu, wie sie die Boote durch den Sand Richtung mehr schieben und wie lange es dauert, bis sich gewassert sind und wie viele es dazu braucht. Am Morgen schau ich den Fischern zu, wie sie Qullen und anderes Zeugs aussortieren, auf einen Haufen schmeißen und wo die Quallen dann austrocknen, von Vögeln geholt werden, vom Meer? Der Strand ist gespickt mit kleinen Muscheln und Schnecken (hier auffallend viele in Füllhornform) in allen Brauntönen, weiß bis lila. Nachmittags wuseln unsichtbare Tierchen über den Sand, zeichnen Muster in diesen und verschwinden, bevor man sie je sehen könnte, in Löcher, die am nächsten Morgen wieder weg, vom Meer zugedeckt sind. Die Gezeiten sind mächtig, was da alles an Naturkraft im Gang ist, lässt mich staunen und schauen, schauen, schauen. 

Gestern hatte ich eine Art Trickfilm-Erlebnis am Strand. Da, wo das Wasser gerade noch hinreichte, beobachtete ich einen Zentimeter große Krabben beim Balgen, wie ich zuerst meinte. Bis eine der anderen einen ihrer Scherenarme abzwickte und die Verstümmelte dann eilig das Weite suchte. Es gab auch Zuschauerinnen - also ging es sicher um Rang- und Fortpflanzungsordnung. Aber es sah so süß aus, so im Trickfilm-Fast-Forward-Modus. Dann spülte das Meer mir zig Seesterne vor die Füße und ich traute mich sogar, einen aussichtslos gestrandeten ins Meer zurückzuwerfen. Die Unterseite war spürbar eine Art Muskel, der noch intakt war, kurz war ich besorgt, ob Seesterne vielleicht Superkräfte haben, die sie gegen mich verwenden könnten, mir ist aber nichts geschehen und der Seestern dürfte es auch überlebt haben. Ach, was sich da alles tut zwischen Ebbe und Flut. Wie flink sich die Krabben in den Sand eingraben, sie twerken sich da gewissermaßen Hintern voran rein und weg sind sie. Gezwickt, sanft, haben mich auch ein paar. Dann hat ein vorbeifliegender Raubvogel seine Beute verloren und ganz irritiert dem Abgefallenen nachgeschaut. Bin unkonzentriert heute, wird er sich gedacht haben. Muss aufpassen, Fehler kann ich mir nicht leisten. Eine Schlange, die lange und dich genug gewesen wäre, ovr ihr Angst zu haben, schön gemustert war sie aber auch, lag am Strand und ich hätte es nicht gewagt, ihr näher zu treten, hätte ihr nicht sichtlich ein Fressfeind den Kopf abgerissen. 
Ja, viel Überlebenskampf hier am Strand. Fühlte mich wie in eine Universum-Folge "Strandleben am Indischen Ozean" hineinversetzt. Mehr davon bitte! Ebbe und Flut verschieben sich übrigens täglich bis zu mehreren Stunden. Heute war zum Beispiel um 7 Maximalstand und wird der Strand gegen

14 Uhr am weitesten sein. 

Mit nicht weniger Erstaunen schaue ich zum Beispiel aber auch auf den Bus, der im Rückfenster in der Mitte ein Neonröhren-Kreuz mit Dornenkronenhaupt dahinter und links und rechts Neonröhren-Kerzen hat, alles natürlich festlich beleuchtet. Fühlt man sich in diesem Bus wohl? An dein Seitenfenster auch noch ein paar Kreuze und anderes Katholenzeugs. Nein, das ist kein Leichenwagen sondern ein Linienbus in Goa. Eh sind die Busse lebensgefährlich unterwegs, aber die farbenfrohen Hindu-Busse in Kolkata waren mir lieber als die Katholen-Busse in Goa. Auch sind gelb-orange Blumenketten schmucker als Rosenkränze, die die Rosen ja nur im Namen haben, aber aus schnöden Holzperlen bestehen.

Superminikrabbenmuster mit Fahrradspur
Das Skylark hat neue, indische Gäste bekommen. Links und rechts von mir. Sie sitzen im Kleidung am Pool, gehen nicht rein, haben dafür aber Laptopkonferenzen. Die Inder und Inderinnen am Meer gehen auch eher mit Kleidern ins Wasser. Trocknet eh schnell, klar. Auch die Kuhscheiße trocknet quasi im Handumdrehen und ist dann leicht einzusammeln - was definitiv wer macht. Denn gesehen hab ich noch kaum welche. Es riecht je nach Tageszeit entweder verbrannt, nach Fisch oder eben nach nichts Besonderem. Die Stechmücken sind es offenbar nicht gewöhnt, gejagt und erschlagen zu werden. Nachdem ich jetzt ein paar Nächte ihr Opfer war, hab ich heute mal das Handtuch geschwungen, da haben sie blöd geschaut, bevor sie auf der Wand klebten.  

Dass ich alles immer "plain" will, irritiert. Zucker zieh ich mir aus Bier, kann ich schlecht antworten. Hab ich jetzt aber - wo das Angebot da wäre - auch nicht wirklich gemacht. Ein Natur-, Wellness-, Kulinarik- und Schreibaufenthalt also.