Montag, 6. Dezember 2010

Bischofsviolettes

Peter Esterhazy wurde 1950 in Budapest geboren. Wer mehr über seinen Geburtstag wissen möchte, der möge den Text "A hard day's night" in "Thomas Mann mampft Kebab am Fuße des Holstentors" lesen. Wer mehr über seine Familie und die Geschichte Ungarns wissen möchte, dem sei Esterhazys Opus magnum "Harmonia Caelestis" (2001) ans Herz gelegt. Dafür erhielt er u. a. den Ungarischen Buchpreis und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Der Stiftungsrat würdigte Peter Esterhazys "Mut zum offenen Bekenntnis und zur poetisch-heiteren Beschreibung" und bezeichnete ihn als "Joyceianer".
Esterhazy studierte Mathematik und arbeitete in den 1970er Jahren als Datenverarbeitungsspezialist. Seit 1978 ist er als Freier Autor tätig und schaffte mit seinem Debüt "Termelesi regeny" 1979 den Durchbruch.
31 Jahre später ist dieses Buch nun auch auf Deutsch erschienen (übersetzt von Terezia Mora). Das durchaus als üppig zu bezeichnende Werk heißt auf deutsch: "Ein Produktionsroman (zwei Produktionsromane)" und wurde seinerzeit von der oppositionellen Kritik gefeiert.
Peter Esterhazy brachte in den 1970er Jahren gegen die offizielle Ideologie eine neue Literatur in Stellung. Er hat die Lieblingsgattung des sozialistischen Realismus parodiert und ins Groteske gesteigert. Im idealtypischen Produktionsroman sollte es um die optimistische Darstellung der heroischen Welt der Arbeiterklasse gehen. In Peter Esterhazys Produktionsroman geht ein Datenverarbeiter in einem Rechenzentrum schließlich in einem Papierberg unter.
Der erste Teil ist der eigentliche Produktionsroman, er sprüht vor Sprachwitz und verblüfft mit ständigem Ton- und Stilwechsel. Der zweite Teil ist ein Anmerkungsapparat bestehend aus 68 Fußnoten. Hier wird ein bunter Themenstrauß serviert: Familie, Literatur, Fußball, Schreibprozess - alles Themen die in Esterhazys späteren Werken auch im Mittelpunkt stehen sollten. Auch dieser Teil ist ein munterer Parcour an Sprach- und Stilebenen in dem man sich festlesen kann.
Das Buch lädt ein zum Kreuz- und Querlesen, ist mit zwei Lesebändchen ausgestattet und ideal um ein paar verschneite Winterabende daheim im Lesesessel zu verbringen. Wenn man dann mehr will, kein Problem. Esterhazy hat fleißig publiziert in den vergangenen drei Jahrzenten (z. B. früher bei Residenz). Ein spannender, überraschend witziger und mit vielen Wassern gewaschener Autor. Eine Entdeckung.

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