Montag, 4. Januar 2010

Die nutzlose Reise

Manès Sperber: Wien eine Träne im Ozean (WTO) 1 (Seite 5-106)

1. Buch: Der verbrannte Dornbusch
Erster Teil: Die nutzlose Reise

Damit ist die Reise des Schwaben Josmar Goeben nach Wien gemeint. Josmar muss seine Lisbeth („Er hatte Lisbeth, ein proletarisches Mädchen, in der Partei kennengelernt, er liebte sie, sie liebte ihn, sie heirateten.“ S. 27) und Berlin verlassen, um als Kurier zu dienen.
Vorher aber wird er u. a. von Freitag geimpft „Die Gefahr, das ist, was wir selber tun.“ (S. 21) und es wird über die Partei und Mitleid („Wir haben uns verurteilt, keines zu haben, keines zu verlangen.“ S. 24) diskutiert. Josmar hört zu, um weiter zu geben.
Apropos Mitleid: Lisbeth! „Sie braucht viel Mitleid, doch vertrug sie es nicht, es kränkte ihren kranken Stolz.“ (S. 28) Jedoch: „Josmar, gläubig gegenüber der 'Dialektik', die alle Umwege und Fehlschläge seiner Partei erklärte, glaubte in persönlichen Angelegenheiten an einfache Tatsachen.“ (S. 28)
Eine gewisse Relly hat zwar nicht direkt dazu aber allgemein klärend zu sagen: „Was man Treue zur Sache nennt, löscht die Treue zur Person aus, die Freundschaft, die Liebe.“ (S. 34)

Im dritten Kapitel dann lernt Josmar den eigentlichen Helden des Romans kennen: Dojno Faber. Der spricht davon, dass die Gleichgültigkeit allgegenwärtig, dass sie jeder Machtherrschaft stets die sicherste Stütze sei. Ja mehr noch: „Die Gleichgültigkeit ist so furchtbar in ihren Folgen, so mörderisch wie die furchtbarste Gewalt.“ (S. 39) Worauf wissen will: „Du bist wohl ein Österreicher,...“

Im vierten Kapitel ist der Kader Andrej Bocek auf der Flucht und der kroatische Kommissar Slavko auf der Jagd. Slavko ist das personifizierte Böse. „Diesmal bekam er den Wutanfall langsam, in Etappen, er ohrfeigte keinen seiner Untergebenen, er teilte nur Rippenstöße aus.“ (S. 55) Er sauft, mordet und schimpft („Kaltscheißer“). Er ist opportun, hinterhältig und ergo als guter Polizist immer zu gebrauchen. Er selbst über seine Karriere:
„Wenn ich ein geduldiger Mensch wäre, der warten kann, daß sein Weizen blüht, ja, Bruder, wäre ich da ein solches Scheusal geworden, der Schlächter der Serben, der Verräter der Kroaten, der Folterer der Kommunisten und Terroristen?“ (S. 64)
Bocek wird erschossen, der Mord dem Serben Maritsch angehängt, der dann ebenfalls sterben muss. Beim Begräbnis von Bocek kommt es dann zu Ausschreitungen. „Die Bauern setzten Staatsgebäude in Brand, sie jagten die Gendarmen wie die Hasen und töteten die wenigen, deren sie habhaft wurden, wie die Ratten.“ (S. 77) Slavko wurde ab- und wieder eingesetzt und sorgte für Ordnung.

Im sechsten Kapitel lernt Josmar den Dichter Djura kennen, er mag ihn nicht. „Josmar hatte sogar Mühe, ihn zu duzen, wie es unter Kommunisten üblich war.“ (S. 81) Dichter war auch der Vater von Mara. „Sie war in diesem Lande der erste weibliche politische Häftling, an dem die neuen Foltermethoden angewandt wurden.“ (S. 86) Bei Mara, die Betsy genannt wird, lernt Josmar noch eine französisch parlierende Genossin – einen „Koloss in Samt“ - kennen und schon wieder wer (Hrvoje Brankovic) auf der Flucht erschossen.
„Nach Berlin zurückgekehrt, berichtete Josmar sehr ausführlich, was er erlebt hatte. Sönnecke empfahl ihm, bei der Abfassung des schriftlichen Berichtes viel kürzer zu sein, systematischer, der Linie viel mehr Rechnung zu tragen.“ (S. 105)
Nein, kürzer geht nicht. 100 gelesene Seiten noch mehr einzudampfen, ist bei meinem Hang zum Epischen nicht drinnen. Weil aber im Gelesenen noch so viel drinnen steckt, hier eine in diverse Kategorien aufgedröselte Auswahl.

Wahrheit des Tages (bzw. der ersten 100 Seiten): „Aus Mitleid wird man vielleicht ein Sozialdemokrat.“ (S. 23)

Weisheit des Tages: „Und die Klugheit macht einen dumm, wenn man sie als Waffe gegen die Weisheit einsetzt.“ (S. 100)

Phrase des Tages: „Einzelne können die Partei verraten, aber die Partei verrät nicht.“ (S. 65)

Diminutiv des Tages: Zorule „Noch war es der erste Morgendämmer. Die Slawen hatten für ihn einen Diminutiv, sie nannten ihn zärtlich Zorule.“ (S. 26)

Zweifelhafte Tugend: Selektive Treue „Immer wenn die Zeit, doch nicht der Mensch für große Entscheidungen reif ist, kommt dies sonderbare Treue in Kurs.“ (S. 42)

Wortdiskurs: Immer „Immer – das gibt es nicht. Außer für die Gläubigen.“ (S. 44)

Vertraute Situation: „Sie mußte das Gesagte wiederholen, was sie beschämte und trotzig stimmte, und nun sprach sie alles mit unwirscher Deutlichkeit aus.“ (S. 17)

Zu klärende Fremdwörter:
Paladine: Ein Paladin (Plural Paladine, von lat. palatinus) ist ein mit besonderer Würde ausgestatteter Adliger, meist ein Ritter.
Komitadschi: Als Komitadschi oder Komiti werden Mitglieder einer politische Untergrundbewegung oder revolutionären Komitees bezeichnet. Das Wort leitet sich von dem bulgar. Комитет/Komitet oder türk. komita für Komitee ab.

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