Montag, 20. November 2017

Wels dackelt

Der November macht es einem vorübergehenden Teilzeitflaneur ja schwer. Nebel. Niesel. Nass. Dabei bewegte ich mich doch so gerne durch die Gassen und Plätze und schaute der Erbauung von Weihnachtswunderwelten zu. Am Stadtplatz beispielsweise ist grad der größte Dackel Europas aufgestellt worden. Alles scheint im Zeichen des Dackels zu stehen. Selbst in den Auslagen wird gedackelt auf Teufel komm raus. In der Landesregierung wird gedeckelt, in Wels wird gedackelt.
Dass dem Dackel in Wels gehuldigt wird, finde ich sehr löblich. Der Dackel ist ein gemächliches, sehr österreichisches Tier. Dackel gibt's von schwarz über schokoladenbraun, creme, loh, blau bis zu rot. Dackel sind stur, verspielt, hingebungsvoll, tapfer und klug. Dackel sind keine Sauhunde. Dackel sind Dachshunde und beliebte Familienbegleithunde. Dackel haben, wie Lügen, kurze Beine aber große Ohren. Der Dackel ist der Afrikanische Elefant unter den Hunden. Nicht wegen des Rüssels, nicht wegen der Statur, bloß wegen der Ohren.
Des Pudels Kern der Dackelapotheose muss ein politischer sein. Es herrscht Sehnsucht nach einem Heilsbringer. Sein Kommen wird freudig erwartet. Es wird begleitet von Phrasen, die wie Glühweinschwaden das Land überziehen. Allein: er wird Kürzungen bringen und ein böses Erwachen.

Mittwoch, 15. November 2017

Über Kulturarbeit und Firmenpolitik

Dass es in den nächsten zwei Jahren wieder von der Stadt finanzierte StadtschreiberInnen geben werde, ist mir zu Ohren gekommen. Weil man selbst bestimmen wolle, wer über Wels schreibe, lautete der Nachsatz. Das werte ich als Kompliment gleichermaßen wie als Drohung. Einerseits also: Auftrag erfüllt. Andererseits: Was heißt hier selbst bestimmen?
Die Auswahl obliegt hoffentlich einer Jury, die nicht willkürlich von höchster Stelle bestimmt wird, sondern von fachkundigen Menschen aus der Szene. Bisher war es so, dass der oder die StadtschreiberIn des aktuellen Jahres im Folgejahr in der Jury saß. Ich gehe davon aus, dass das auch für den StaTTschreiber gilt und freue mich jetzt schon auf die Tätigkeit.

Ich freue mich ja auf und über so Vieles: auf weitere Kinoabende im MKH und Konzerte im Schl8hof; auf das YOUKI Festival; auf den Weihnachtsmarkt in der Alten Rahmenfabrik; auf heiße Debatten an diversen Theken und heiße Aufgüsse in der Welldorado-Sauna. Ich freue mich über eine extrem rührige Kulturszene mit vielen ehrenamtlich tätigen Menschen, die zum Beispiel zum Gelingen des in seiner Weise einzigartigen Music Unlimited Festivals beitragen, die es herzlich, familiär und nicht rein kommerziell machen (was auch auf das Projekt StaTTschreiberin zutrifft). Ich freue mich auf ein weiteres spannendes und abwechslungsreiches Monat in Wels.

Aber ich ärger mich auch über allerhand. Dass die Stadt wie eine Firma zu führen wäre, ist mir zu Ohren gekommen. Das geht doch so nicht! Eine Stadt ist kein Betrieb. Eine Stadt ist ein vielfältiges soziales Gefüge. In einer Stadt kann es nicht nur um Produktion, Leistung und Profitoptimierung gehen. Der Profit, die Lebensqualität einer Stadt lässt sich nicht in Zahlen messen. Eine Stadt ist reich, wenn sie reich an Vielfalt ist.

Eine Firma ist gewinnorientiert. Eine Stadt sollte Gemeinwohlziele haben. Ist Wirtschaftlichkeit das Um und Auf, kommen immer die Minderheiten unter die Räder. Geht es um Kommerzialität, wird Nischenkultur vom Mainstream platt gemacht. Es soll Kultur für alle Welser gemacht werden, ist mir zu Ohren gekommen. Soeben wurde der „Schelmenrat zu Wels“ gegründet. Soll sein. Fasching ist Volkskultur. Fasching ist bunt aber keine Kunst. Kultur und Macht spießen sich. Kultur hat man, Kultur pflegt man, Kultur baut man auf. Wer an Kultur marktwirtschaftliche Maßstäbe anlegt, der ist der Meinung, Kultur lässt sich kaufen. Wer an Kultur marktwirtschaftliche Maßstäbe anlegt, der spricht von Massenkultur, von Kultur in Messehallen. Masse ist immer gefährlich, ich sag nur Massentierhaltung. Im Kleinteiligen gedeiht die Qualität. Die Macht der Masse hat eine eigene, unberechenbare Dynamik.

Weder die Macht der Masse, noch zu viel Macht für einen Einzelnen sind für das Gemeinwohl förderlich. Demokratische Institutionen haben ihren Sinn. Politik ist nicht gleich Wirtschaft. Der Chef einer Firma schaut darauf, dass es seinen MitarbeiterInnen gut geht und wer nicht für ihn arbeitet, der arbeitet gegen ihn und wer gegen ihn arbeitet, wird über kurz oder lang abgebaut. Deshalb darf Firmenpolitik nie Stadtpolitik werden.

Montag, 13. November 2017

Sturmmaskenmodels

Gemeinsam gegen Dämmerungseinbruch, lese ich und denke mir: Schau, da macht wer was gegen die Zeitumstellung. Dann korrigier ich mich, weil da „Dämmerungseinbrüche“ steht und dann erst geht mir das Licht auf.
Hier geht es nicht um das Zwielicht, die Sonnenuntergangs- und Abendanbrechstimmung. Hier geht es um nichts alltäglich Romantisches. Hier geht es um ein strafbares Delikt, nicht um Einbruch der Dämmerung also, sondern um Einbruch bei Dämmerung. Jetzt erst sehe ich das Symbolfoto: Sturmmaske, Türsicherungskette, Brecheisen. Ob es, so wie es Fuß- und Handmodels gibt – auch Sturmmaskenmodels gibt, frage ich mich augenblicklich. Und apropos Augen: Die Sturmmaskenmodels müssen dann wohl besonders böse Augen und bedrohliche Augenbrauen haben. Gibt es sicher: Symbolfotomodels mit entsprechenden körperlichen Besonderheiten.
Für mich ist das ja ein Delikt an der Sprache. Ein unschuldiges, schönes Wort wie Dämmerungseinbruch derartig mit krimineller, negativer Bedeutung aufzuladen. Dem muss entgegengewirkt werden und sei es auch nur dadurch, dass es heute, hier aufgezeigt wird.

Mittwoch, 8. November 2017

WELS - Akrostichon

WELS Akrostichon Teil 2 (Teil 1 nur live zu hören:)

Wieso Eigentlich Lesen Sollen?
Wer erntet Lorbeeren? Sportler!
Warum etwas lernen sollen?
Weil Engel Lesende schützen?
Weil es leidlich sediert?
Wieso etwas lesen sollen?
Weil es lohnt, schlussendlich

Wer ertwas liest, sieht
Wesentliches, entdeckt latent Signifikantes
Wer etwas liest, sinniert
Weitet engstirnige, lahme Sichtweisen
Wer etwas liest, superlativiert
Wuchert euphorisch, liefert Singuläres
Wer etwas liest, sagt:
Wisse: Einfälle lieben Spontaneität
Wisse: Erkenntnisse lösen Sorgen
Wieso etwas lesen sollen?

Weil es Leben/Lieben/Lachen stimuliert

Dienstag, 7. November 2017

Zu Gast bei den angehenden Apotheker*innen

Der StaTTschreiber ist ja immer im Dienst. Gestern war es ein spezieller Dienst. Ich suchte und fand die Berufsschule 3, suchte und fand die Klasse von Frau Christa Weiermair und hatte dann Zeit, mich mit über 20 angehenden Apotheker*innen zu beschäftigen.
Ich lernte neue Wörter, ich konnte hoffentlich vermitteln, was Slam Poetry alles sein kann, ich freute mich und staunte (mit Frau Weiermair) gleichermaßen über die in so kurzer Zeit entstandenen Ergebnisse.
Der Nachmittag an sich war ja verregnet. So war er schön.

Und weil ich nicht nur dozierte, sondern auch selbst mitschrieb, sei hier einfach das hingestellt, was mit dem gemeinsam erstellten Wortpool bei mir rauskam.

Oma, keine Salben- meine Launenauffrischmaschine

Lachen ist kein Hund, sagte meine Oma noch, dann biss sie ins Gras.
Ja, sie biss ins Gras, sie wusste nicht, dass Gras geraucht wird.
Improvisieren, sagte ich und rief: Ziehen, Oma, ziehen.
Das heißt inhalieren, Dummerl, meine Oma nur und fragte dann:
Bua, wo kommt die Kuah her?
Interessant, dachte ich mir. Oma beißt das Gras und spürt es doch.
Da war nämlich keine Kuah nur ich und mein Kater.
Ich sag nur fortgehen mit Thomas Bordy Sangsta am Samstag.
Eistee mit Rum und Penne mit Sedativum frisch aus dem Umquator.
Das haut dich um, das haute mich um und deshalb heute meine Lieblings-Sonntag-Nachmittagsbeschäftigung: Kiffen mit Oma.
Für eine Oma ist meine Oma noch guat woam, will heißen goa ned verkalkt oder sonst irgendwie jenseits. Nein, meine Oma ist radikal guat drauf.
Meine Oma rettet mi, wenn i sauf.
Meine Oma scheißt sich nix.
Meine Oma rockt – Bam, Oida, zefix!
Bua, wo kommt die Kuah her?, fragte Oma erneut, nahm ein Keks aus der Patene, schnüffelte an ihrer Knopflochrose, machte „mmhhAlliterationen.
Visionen, sagte ich, Oma, du hast Visionen.
Ned wirklich, meinte Oma nur, aber die neueste Kreation vom Apotheker-Sohn haut ordentlich rein. Hoitaus! Hoitaus! Boah!
Ach, Oma, Oma ist und bleibt das beste Sonntag-Nachmittags-Programm. Umschalten ist kein Thema und es bleibt zo hoffen, dass sie sich noch lange nicht für immer ausschaltet.

Freilich. Meisterwerke entstehen nicht unter Zeitdruck und in der Gruppe. Aber wir hatten Spaß und Spaß ist ein guter Antrieb für mehr. Ich bin mir sicher, dass demnächst eine oder einer aus der Gruppe beim U20 Poetry Slam im Phoenix Theater in Linz oder beim Poetry Slam im MKH Wels die Bühne entern wird.

Montag, 6. November 2017

Kulturland retten

Im letzten Eintrag hab ich über Kürzungen geschrieben, hier darf natürlich der Hinweis darauf nicht fehlen, dass es Menschen gibt, die versuchen, dem entgegen zu wirken. Das klingt jetzt komplizierter als beabsichtigt. Einfach jedenfalls ist es, sich die Seite kulturlandretten.at anzuschauen und die Petition zu unterschreiben.
Denn an Oberösterreich können wir wohl die Zukunft des ganzen Landes ablesen. Die Kultur ist von Budgetkürzungen existenzbedroht, deine Unterschrift kann das möglicherweise verhindern. https://kulturlandretten.at/

Zum Foto: Das ist kein schwarzer Riss im blauen Himmel über Wels. Das ist die Hebebühne, die den Lederertrum sein Lichterkettenhemd anlegte. Jaja, die Menschen im Korb der Hebebühne taten dies, schon klar.
Jedenfalls blinkt und strahlt der Ledererturm in den nächsten Wochen, heute wurden auch die ersten roten Riesenkugeln montiert. Wels verwandelt sich. Wels wird zum Christkindlmarktplatz Leuchtwunderland. Ich freu mich schon auf viele Punschhüttenkonversationen.


Mittwoch, 1. November 2017

Über Kürzungen und Überlegungen

Wels macht was mit mir. Wels gibt mir einen Takt vor. Wels hat mich langsam im Griff. Wels wickelt mich um den Finger. Wels verwöhnt mich. Wels klatscht mich voll mit Veranstaltungen. Wels mag ich. Wels mag mich. Wels füllt mich ab. Wels nimmt mich auf. Wels verdaut mich. Wels wird mich im Dezember wieder ausscheiden. Wels hat eine gute Verdauung. Wels hat schon vieles überstanden. Will ich mehr Wels? Will ich mich noch mehr auf Wels einlassen? Will ich mich in Lokalpolitik stürzen und in Bierlokalen auffangen lassen? Will ich Spuren in Wels hinterlassen?

Ja, ich würde gerne im Gefängnis gegenüber vom Schl8hof eine Lesung machen, befürchte aber, dass sich das in der noch verbleibenden Zeit nicht ausgehen wird. Das Gefängnis heißt sicher nicht Gefängnis sondern vermutlich Landestrafvollzugsanstalt oder so ähnlich. Aber ich seh kein Schild mit der entsprechenden Auffschrift, ich seh nur Gitter und deshalb schreib ich Gefängnis. Vermutlich sähe ich ein Schild, bewegte ich mich weg vom Schreibtisch oder googel-viewte ich. Mach ich aber nicht. Ich stell mir lieber vor. Ich denke nach und stell mir vor und stell mich dann, diese Kolumne schreibend, als Nachdenkenden und Vorstellenden vor.

Der Herbst ist ja auch die ideale Nachdenkzeit. Wenn was dabei rauskommt – gut. Wenn nicht, dann ist die Zeitumstellung schuld. Die Zeitumstellung ist als Universalausrede bis Dezember allgemeingültig und anerkannt. Danach tritt der Vorweihnachtsstress an die Stelle der Zeitumstellung. Dem Vorweihnachtsstress möchte ich dieses Jahr entkommen. Ich sorge vor. Ich mach mir Gedanken, mit was ich wen überraschen und beschenken könnte. Das Nachdenken macht mich so also zum Vorausdenkenden und bewahrt mich vor zukünftigem Stress. Eigentlich mehr als bedenklich, dass Stress so ein Modewort geworden ist. Vor allem in der Weichnachtszeit. Die sollte doch eigentlich alles andere als stressig sein. Aber zur Besinnung kommt man inmitten der bald aus dem Boden schießenden Glühwein-, Geschenk- und Punschhütten nur schwer. Da steht dann doch eher Benebelung der Sinne am Programm. Wels benebelt. Wels berauscht mich. Wels überrascht mich aber auch.

Kaum bin ich ein paar Tage weg. Hängen plötzlich Fransen an den Straßenlampen. Die klimpern im Wind und glitzern im Sonnenschein. Die Straßenlaternenbefransung ist vermutlich die Vorhut der Weihnachtsbeleuchtung. Die kommt so sicher wie Schwarz-Blau. Das ist keine Überraschung und Geschenke sind auch keine zu erwarten. Minus zehn Prozent ist wohl nur ein Vorgeschmack. Kürzte ich diese Kolumne um zehn Prozent, müsste ich jetzt dann langsam aufhören. Aber nein, das ist kein guter Vergleich. Denn kürzen tut Texten meist gut. Aber Kürzungen im Förderungsbereich sind schmerzvoller. Die verdichten nicht, die zerstören. Die zerstören Kulturarbeit genauso wie ein Text zerstört wird, nimmt man ihm jedes zehnte Wort. Das hinterlässt Lücken, ergibt keinen Sinn, macht Aufgebautes kaputt. Beispiel gefällig? Voilà:

Wels macht was mit mir. Wels gibt mir einen vor. Wels hat mich langsam im Griff. Wels wickelt um den Finger. Wels verwöhnt mich. Wels klatscht mich mit Veranstaltungen. Wels mag ich. Wels mag mich. Wels mich ab. Wels nimmt mich auf. Wels verdaut mich. wird mich im Dezember wieder ausscheiden. Wels hat eine Verdauung. Wels hat schon vieles überstanden. Will ich mehr? Will ich mich noch mehr auf Wels einlassen? Will mich in Lokalpolitik stürzen und in Bierlokalen auffangen lassen? ich Spuren in Wels hinterlassen?

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Über Kübelübel und Naturtrübes

Man hat mich kurz und blau geschlagen. Mir ist schwarz-türkis vor Augen. Es juckt ein pinker Ausschlag. Die Hoffnung zerfällt mir wie Pilze im Mund. Die Augen reizgerötet, wein ich grüne Tränen. Herbst kann Melancholie. Ob die künftige Koalition regieren kann?
Es erst lernen zu müssen, kann kosten. Aber das leisten wir uns offenbar lieber als Solidarität. Missgunst hat die Wahl entschieden. Anderen nichts, sich selbst alles gönnen. So viel Missgunst #gönndir.
Wählerinnen und Wähler sind volatil, Parteien out. Alles scheint sich zu bewegen, doch ist die Bewegung in Wahrheit bloß ein Mauern. Mit mir sind keine Mauern zu machen. Da halt ich es mit Element of Crime und singe: „Bring den Vorschlaghammer mit, wenn du heute Abend kommst. Dann hauen wir alles kurz und klein. Der ganze alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein. Bis morgen muss der ganze Rotz verschwunden sein.“

Ach, wenn es doch so einfach und vor allem so schnell ginge. Aber fünf Jahre können sehr, sehr lange sein. Mir wird schlecht, mir ist schlecht. Sag nicht Kotzeimer, sag Kübelübel, das klingt lieblicher und macht's erträglicher. Aber harte Fakten müssen ausgesprochen und nicht verniedlicht werden. Sag nicht Actionfilz, wenn du Seilschaften meinst. Sag nicht Seilschaften, wenn du Burschenschaften meinst. Nur 0,4 Promille der österreichischen Bevölkerung sind Mitglied bei einer schlagenden Verbindung, aber in der FPÖ schaut das ganz anders aus. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus sind Mitglieder der Vandalia. Norbert Hofer ist bei der Marko-Germania, Harald Stefan bei der Olympia, Manfred Haimbuchner bei der Alemannia. Schlagende Verbindungen sind elitär, reaktionär und rechtsextrem. Diese Tatsachen entnehme ich dem Buch „Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschaften“ des Historikers und Journalisten Hans-Henning Scharsach.
Die Buchpräsentation im Welser „Freiraum“ war sehr gut besucht, es wurde auch rege diskutiert, nur die Anwesenden waren sich ohnehin einig. Immerhin. Das Welser Wahlergebnis lässt mich rot werden und schmunzeln. Ich bin ein Schmunzellhaufen und verzieh mich in die Nacht und in
Fragwürdiges.

„Ich arbeite in einem Tonstudio“, höre ich und frage mich: Techniker oder Töpfer? Kann man statt: „Nimm Riechspur auf“ auch sagen: Folge deinem Urinstinkt? Ich radle und es rattern die Gedanken. Bunte Blätter tanzen in den Himmel und ich denke mir: Mit Verlaubkescher und Löschblattfeger müsste doch eine Marktlücke gefüllt werden können. Herbstgedanken.
„Die Sprache verkleidet den Gedanken“, sagt Ludwig Wittgenstein. Mir ist so philosophisch zumute. Die Philosophie ist ein Gedankenklärwerk. Die Aufgabe der Philosophie ist es, naturtrübe Gedanken klar zu machen. Ich fühl mich naturtrüb und bin der Meinung, dass es höchste Zeit ist, eine Abkürzung für das Getränk „Naturtrüber Apfelsaft mit Leitungswasser“ zu erfinden. Wie wär's mit „Natrübileitung“?
Mir ist eher nach Schnaps als nach Saft zumute. Aber klar bleiben ist gerade jetzt wichtig. Demzufolge empfiehlt Ihr StaTTschreiber für die kommenden Wochen und vermutlich Jahre: Klare Gedanken statt klare Getränke. Und generell einfach nicht unterkriegen lassen.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Über Rollen und Aufnahme

Der StaTTschreiber fühlt sich wohl. Er verrichtet seinen Dienst nicht nach Vorschrift. Er denkt nach und verfasst dann eine Nachlese. Ums Denken ging es auch gestern bei „Die Menschen“ im Kornspeicher. Die Menschen gibt es seit 1986, das muss man so erst einmal geschrieben haben. Die Gruppe „Die Menschen“ stellt Texte zu einem Thema zusammen und trägt diese dann vor. Gestern waren die Gedanken frei und wurde der Bogen von Büchner über Orwell bis zu Nestroy und Morgenstern gespannt. Das ist löbliche Denkarbeit zum Wohle des Publikums. Denkarbeit lohnt sich immer. Aber Vordenker möchte momentan wohl wirklich niemand bezeichnet werden. Das Vordenkertum disqualifiziert sich grad via Plakat. Der StaTTschreiber fragt sich ja schon, warum so etwas ankommt, fühlt sich aber selbst angekommen und in die Welser Gemeinschaft aufgenommen.

Der StaTTschreiber wird bestens betreut und in allerlei Abendaktivitäten eingebunden. Er gibt sein bestes. Gerne schlüfe er weniger. Er arbeitet daran. Es ist dies wohl der große Unterschied zu bisherigen, ähnlich gearteten Tätigkeiten des StaTTschreibers. Er war bereits Dorf-, Markt-, Stadt- und Hotelschreiber, fühlte sich aber selten so gewollt wie in Wels. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht im Dienste der Stadt steht, sondern eben von der Menge ermöglicht wurde. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht nur als StaTTschreiber, sondern auch als Individuum wahrgenommen wird und insofern braucht hier gar nicht so unpersönlich geschrieben und kann getrost zum Ich gewechselt werden. Ich also.

Ich, so es stimmt, der erste und letzte StaTTschreiber von Wels, fuhr ein Monat lang ein Bäckerfahrrad aus den 1950er Jahren und fahre jetzt ein Klapprad aus dem 21. Jahrhundert (Danke Bikerei!). Ich zeche im Black Horse Inn und in Sonis Extrazimmer auf Kosten der Crowdfunding-Initiative von pro.viele. Ich habe einen Schreibtisch im Schl8hof mit Zugang zur Kaffee- und Waschmaschine sowie zum hauseigenen Zeitschriftenarchiv und generell zu Informationen aller Art von rundumkundigen Menschen vor Ort. Ich habe nichts gegen Transparenz. Wie man hoffentlich lesen kann, wenn man liest. Ich habe nichts gegen Denken. Wie man hoffentlich lesen kann, wenn man liest. Ich habe nichts gegen Wiederholung. Wie man hoffentlich lesen kann, wenn man liest. Ich habe aber etwas gegen die Vereinnahmung der Sprache.

Der Eine ist kein Vordenker. Der Andere tut nicht, was richtig ist, er macht sich nur wichtig. Der andere Eine lässt sich von den Seinen seine Kernkompetenz verspielen. Und alle anderen spielen grad Nebenrollen, die nicht oscarverdächtig sind. Wobei, der Oscar für die beste weibliche Rolle geht natürlich an Ulrike Lunacek, weil Konkurenz ist schlicht nicht vorhanden. Da möge sich Griss nicht grämen. Sie hatte ja bereits ihren großen Auftritt im Film „Die Bundespräsident_innen“ der dann zur Dramaserie mit Happy End ausartete. Schreibt man „ausarten“, denkt mein Ich gleich an den Fernsehsender Arte und schreibt man „Die Bundespräsident_innen“, denkt mein Ich gleich an „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab. Womit wir wieder beim Denken wären. Denken. Hingehen. Wählen.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Regenzeit ist Zitatzeit (plus ein eingenestroytes Couplet)

Wenn's regnet bei den Kattas. Wenn's regnet, was es nun mal momentan ganz gerne tut, dann treffen wir uns im Tiergarten bei den Kattas, denn denen kann man wettergeschützt beim Kuscheln zuschauen und das wärmt. Walter Benjamin schreibt in „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ im Abschnitt Tiergarten: „Sich in einer Stadt zurechfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung.“ Mein Wald ist Wels. Meine Schulung mein StaTTschreiber-Aufenthalt. Mein Tiergarten der Welser Tiergarten. In einer halben Stunde beim indischen Pfau, sagte ich zum Deutschlandfunk Reporter, er lachte, verstand und war pünktlich. „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ heißt ein Buch von William S. Burroughs und Jack Kerouac. „Die primitive Kunst der Zunge. Warum Laurie Anderson William S. Burroughs und Computer liebt“ heißt der Artikel, der gerade vor mir liegt. Ja, es regnet. Nein, keine Lust, auf Kattas. Besser im Schl8hof „Konkret“ aus dem Jahre 1987 lesen. „Der Grundlohn für Frauen betrug im Jahr 1939 nur 63 Cent gegenüber jedem Dollar, den ein Arbeiter verdiente. 1986 verdienen die Frauen 64 Cent gegenüber jedem Dollar eines Mannes. Das macht einen ganzen Penny in 40 Jahren. Ich habe ausgerechnet, daß wir im Jahr 3624 Parität erreichen wereden.“ Laurie Anderson äußerst sich aber auch darüber, dass sie die Schnelligkeit der Computer und einprägsame Stimmen liebt. Ein Plädoyer für die Oralität, für mündliche Literatur. Das kommt mir sehr entgegen, zumal ich seit 17 Jahren für mehr Oralität in der Literatur kämpfe.

Am Wochenende war ich übrigens auf einem Barbara-Frischmuth-Symposion im Kunsthaus Muerz in Mürzzuschlag und es traf sich, dass gleichzeitig die Steirischer-Herbst-Produktion „Die Kinder der Toten. Der große Dreh“ in Neuberg an der Mürz ihren Auftakt erlebte und da war ich untergebracht und was schreibt eine Gabriele Riedle 1987 im Konkret im Artikel „They call her Elfie“? „Elfriede Jelineks Texte sind feministisch, aber nicht so gemeint. Sie stylt nicht nur sich, sondern auch ihre Texte. Sie ist obszön, weil sie immer recht hat. (…) Die Aura der Künstlerin im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Das Intrview verspricht so die medientechnische Bannung des fernen und lederbemiederten Literaturstars mit dem Appeal der Madonna made in Hollywood ins heimatlich vertraute Votivbild einer blattgold-geschminkten Hausheiligen, geboren und in Gnade gefallen zu Mürzzuschlag/Steiermark anno 1946.“ 1987 – das war nach „Burgtheater“ und vor „Lust“. Das war im Jahr, in dem sie auch die Neubearbeitung „Präsident Abendwind“ des Nestroy Stückes „Häuptling Abendwind“ zur Aufführung brachte. Ich verbeuge mich vor Jelinek und Nestroy und bearbeite meinerseits neu.

HÄUPTLING ABENDWIND (ein Systemerhalter guter, alter, österreichischer Schule; ein sprachlicher Kompromissverschnitt aus Pröll & Häupl, Charme und Bauchstich; singt in Nestroy Couplet-Manier):

Mei Insel is ganz guat versteckt / Die liegt linksrechts von Lampedusa / Die hot vor über 100 Joahr der Franz Ferdinand entdeckt / Die ist seither a Abstellplotz für Loser
Mei Insel is mei home, my castle und mei Reich / I scheiß mi nix, i tua, i moch, i sauf wo immer i grod will / Und is aner von de Loser goar zu bleich / Donn friss i'ihn ratzteputz – ka Deal
Mei Insel is in letzter Zeit nur leider etwas oarm dran / Es gabert Trottel eh zwoar grod die Menge / Nur schickt uns Österreich weder Frau noch Mann / Die sog'n die Hypo-Pleite treibt sie in die Enge / I sog nur her mit oi de Wiarschtln / Mei Mog'n is no recht im Schuss / So long's an Spritzwein gibt zum Biarschtln / Beiß i in jeden Hypo-Wiarschtl-Fuß
So long's an Spritzwein gibt zum Biarschtln (in Udo-Jürgens-Mit-66-Jahren-Melodie) Is no long, long nit Schluss / (in Die-Welt-steht-auf-kan-Foll-mehr-long-Melodie) Long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long nicht Schluss