Sonntag, 10. Juli 2016

Shanghaiverdichtung

Wir passieren eine Apotheke. Nix kann ich lesen aber Viagra. Die Taxifahrer sind geschützt durch Plexiglaskojen. Wir gratulieren mit Urkunden zur lobenden Erwähnung und lernen so Namen kennen: Hu Huihui, You Dong-dong. Elektroroller überraschen uns immer und überall. Ich blicke in den Duschkopf, der Duschstrahl begrüßt mich freundlich, ich lese: Köhler. Köhler macht in Sanitäres. Gegessen wird von 12 bis 14 Uhr. Mit Nähe hat man hier kein Problem. Offiziell wohnen 24 Millionen, inoffiziell aber 30 Millionen Menschen hier. Die Inoffiziellen haben natürlich keinen Zugang zu Bildung und Ausbildung. Und aus dem Ausland kommen nicht die Coolen, sondern die, die Geld machen wollen. Die Uniformierten sind entweder sehr jung (Polizei) oder sehr alt (Wachmänner).
In der Altstadt Teehäuser, Pagoden, Basar und Gärten mit vielen Spielereien. Das Wäscheaufhängesystem ist ausgeklügelt: ausgeworfene Latten, gespannte Drähte und Bambusstangen zum Verschieben. In Tempeln werden Schiffchen in einen Ofen geworfen und verbrannt: der Geisterwelt übergeben. Die Räucherstäbchenpräsenz in Tempeln benebelt meine Sinne. Die Gebetshandlungen machen einen sehr gymnastischen Eindruck. Man ist hier sportlich. Kaum dicke Menschen. Die Alten sind edel ausgemergelt.

Die Smartphoneizierung ist quer durch alle Schichten vollzogen. Es gibt hier sehr viele uns so nicht bekannte Berufe: Ich entsorge altes Speiseöl, ich Pappkartons, ich trage Fische in Kübeln von da nach dort. Das Großstadtfunktionsgefüge ist beeindruckend. Auf den Straßen gilt das Recht des Stärkeren. Fahrräder dürfen keine Lichter haben, weil sie die Autos damit irritieren könnten. Mofamuffe gibt es hier in allen Variationen, auch ganze Mofaschürzen und Mofawetterflecke. Die alten Lastenräder – Chinaklischeebild – gibt es noch immer, sie sind aber getuned mit Elektromotoren.

Die Preisgestaltung ist äußerst gemischt. Gestern um 120 Yuán auf den Jin Mao Tower (340 Meter), davor ein Pot Suppe mit Tortellini um 5,50 und um 20 mit dem Taxi heim. Die Fähre kostet 2, der 24 Stunden Hop-on-off-Touri-Bus – je nach Linie – 30 bis 50. Kaffeemangel herrscht nicht. Außer in den sehr großen Shoppingcentern (von denen es sehr viele gibt). Starbucks hat die Vorherrschaft. Doppelte Espressi für 19, Teigbuns für 2, Frühlingsrollen und anderer Kleinteigkram auch. Hier wird viel in Ei gemacht. Käse geht mir noch nicht, Brot aber schon ab. Bier 10-65. Im Supermarkt, in dem ich von einem Stricher angemacht wurde nur 5,90. Eintritte für Tempel und Museen 5-30. Der Crazy-Sightseeing-Tunnel 50 Yuán.


In den 1990er Jahren wollte die Zentralregierung durch Investitionen in Shanghai Hongkongs Status schwächen. Fünfzig Prozent der Hochhausbaukräne dieser Welt standen in den 90ern in Shanghai. Man hat hier keine Angst vor langfristigen Maßnahmen. Strategische Überlegungen werden mit großem Risikomut durchgezogen. Nicht immer erfolgreich. Die Einkindpolitik wurde wohl zu spät aufgegeben und die Spatzenausrottung hat zum Parasitenbefall, Ernteausfall und so zur großen Hungersnot geführt. Wie gesagt, wenig Dicke, wenn dann Junge und Auslandschinesen. Shanghai allerdings ist dabei zu überaltern. Ach ja, 50 Prozent der Weltweiten Produktionsleistung wird in China geschaffen und Shanghai ist die große Verteilungs-Drehscheibe.

Menschen machen Massagen mit Bäumen. Sie reiben sich sehr asexuell in Parks an Baumstämmen. Das schaut gesund aus. Es regnet. Wir entschließen, uns eine Massage zu gönnen. An Massagesalons mangelt es hier nicht. Mein größtes Shanghai-Erlebnis, geben wir ihm den Titel Spezialbehandlung, beginnt.

Dienstag, 21. Juni 2016

Lobende Erwähnungen am laufenden Band

Hochhäuser am People's Square mit Panoramalift
Schwül, fast 80 % Luftfeuchtigkeit, Blickweite: mäßig. Den Shanghai-Tower (630 m) sollten wir ur an zwei von acht Tagen zur Gänze sehen. Ich kann nichts lesen, erkenne eine Apotheke, ein Wort in mir entzifferbarer (entbuchstabbarer?) Schrift - VIAGRA. Aha. Sitze im Taxi, vorne. Der Fahrer neben mir ist durch eine Plexiglaskuppel von mir abgetrennt (von mir abgesichert?). Schaut irgendwie lustig aus, wie ein Überrollkäfig in Rallye-Autos. Paperlapapp, was weiß ich denn, wie Überrollkäfige ausschauen. Die sind sicher stabiler. Diese Scheiben schützen vor Übergriffen von Fahrgästen. Ich will nicht übergreifen, ich will nur mehr begreifen, was ich da so seh und nicht lesen kann. Wobei. Straßen sind vorbildlich zweisprachig angeschrieben. Danke dafür. Sonst irrten wir wohl noch immer irgendwo in den Weiten Shanghais umher.

Wir lernen mit knurrendem Magen. Mittags essen gehen macht man zwischen 12 und 2. Es gibt natürlich genügend Möglichkeiten, auf der Straße diverse Köstlichkeiten mit hohem Überraschungsfaktor einzuwerfen, aber essen in einem Restaurant mit Sitzen, Bedienung und so: 12 bis 2. Gut, wir werden uns daran halten.
Auch ganz schön hoch und alt (Old town)
Nicht unser aber ein tolles Hotel mit Brücke
"Wir gratulieren zur lobenden Erwähnung" stand übrigens auf den Urkunden, die beim Lyrik-Wettbewerb an jene verteilt wurden, die zwar nichts gewonnen hatten, aber eben lobend erwähnt wurden. Wir bekamen dadurch Einblick in die chinesische Namenswelt (also die englischen Zweitnamen, die sie sich geben). Zum Beispiel: Hu Huihui oder Dong-Dong. Eines von beiden heißt Winter, wenn ich mich nicht irre. Aber irren kann ich mich hier am besten. Mein Name allerdings dürfte hier nicht ganz unbekannt sein. Denn die erste große Reklametafel die mir begegnet überrascht mich mit "Kohler". Was Kohler kann sollte ich bald erfahren.
In der Hotelempfangshalle ein Klimtgemälde (natürlich der Kuss). Vom Hotel wegführend eine Straße mit unzähligen Klavier-, Geigen- und Blasinstrumentengeschäften. Bösendorfer, Schimmel & Hofpianowerkstatt Schwerin in Shanghai. Man scheint es uns möglichst heimelig machen zu wollen. Oh, alle anderen Instrumente, und viele, die ich nicht zu benennen weiß, gibt es hier auch. Riesenzittern, Gongpauken, Wummstrommeln. Es ist warm, schwül, drückend. Noch immer, die nächsten sechs Tage. Am siebten sollte es Regen geben. Wir schwitzen, sind zum permanenten Augenzukneifen gezwungen. Wir sind geblendet, überwältigt und leicht niedergebügelt.

Dienstag, 14. Juni 2016

1. Poetry Slam in Shanghai

Blick aus dem Hotelzimmerfenster im 21. Stock
Blick aus dem Austia Center in der Fudan Uni
Das freilich habe ich mir einfacher vorgestellt. Shanghai ist eine Weltstadt, da gibt's überall WIFI, da bloggst du von vorderster Front und stellst täglich einen Shanghai Text mit entsprechenden Fotos online. Ha! Hast du dich aber gehörig vertan.
Freilich Weltstadt - und wie. Aber China ist halt auch groß genug, um eine eigene Netzwelt zu sein und Blogger, Google, Facebook einfach auszusperren. Da schaute ich dann blöd mit meinem googlebasierenden Smartphone. Freilich hätte es Möglichkeiten gegeben, da hätte mich allerdings vorher vorbereiten müssen. Hatte ich nicht. Aber mein Notizbuch begleitete mich und leistet mir vorzügliche Dienste. Shanghai also.
Offiziell 25 Millionen, inoffiziell ganze 30. Schon mal unvorstellbar. Einen ersten Eindruck kriegt man durch die Fahrt vom Flughafen ins Zentrum.
Ein Hochhausmeer, das sich zunehmend verdichtet. Wir flogen knappe 10 Stunden, 8 Stunden Zeitunterschied packten wir noch drauf und dementsprechend tramhappert erlebten wir diese Fahrt durch Hochhausschluchten umd dann vor einem solchen zu halten.
Diesiger Blick auf die famose Pudong-Skyline
Tunnelblick unter dem Huangpu

Das Hotel New Harbour in der Yongshou Road hatte auch flotte 30 Stockwerke und wir waren im 21. Stock untergebracht. Hui. Was für ein Blick auf die Stadt. Was für eine Lage. In Fußgehdistanz von den attraktiven Vierteln Bund, Old Town und gleich ums Eck vom Peoples Square.
Eine Glückstrefferbuchung aus der Ferne. Schon mal ein guter Start. Um 8 Uhr morgens kamen wir an, um 17 Uhr 30 war die Veranstaltung, die uns nach Shanghai ins Austria Center brachte, angesetzt. Ein Rausch, eine Freude, ein Flow.
Die Fudan Universität ist eine von 2800 Unis in China und zwar laut offiziellem Ranking die drittbeste. Sie liegt etwas außerhalb. Wir präsentieren die SiegerInnen-Texte eines Lyrik-Wettbewerbs, wir präsentieren eigene Texte und wir moderieren den ersten Poetry Slam in Shanghai.
Es gibt Wein aus der Wachau, Bier aus China und Häppchen aus der Plastikfolie. Es kommen ein paar mutige Studierende und nahezu die gesamte deutschsprachige Comunity Shanghais. Es kommen Wein-, Bier- und Lyrikfreundinnen und -freunde.
Es wird ein sehr, sehr schöner, langer Abend im besten Sinne der Dichtung.

Dienstag, 31. Mai 2016

Tschnigala-Tschingala-Bang-your-Head

Crowd-Tag-8 (von Lillehammer nach Oslo)

Unfall und Stau hatten wir noch nicht. Unfall und Stau kommen mit Autobahn. Kaum verlassen wir die engen, kurvigen Straßen und rollen auf Oslo zu, staut es sich auch schon. Wir nehmen's gelassen. Die Strecke ist kurz, das Busende naht. Wir haben uns mittlerweile alle schön eingerichtet in unserer Busheimat. Nirgendwo sonst haben wir so viele Stunden verbracht wie im Bus. Ich habe im Bus "Die Mysthiphikationen der Sophie Silber" von Barbara Frischmuth gelesen. Ein Buch, das nicht nur vom Cover her (Walter Pichler) wunderbar in die norwegische Landschaft passte – es zeigt Berge, Wassser, grün-blau-braun (es passt auch wunderbar zur bevorstehenden Bundespräsidentenwahl).
Auch inhaltlich hätte ich meine Reiselektüre nicht besser wählen können. Die Enterischen (der Alpenkönig, die Narzissenfee etc.) fügen sich einwandfrei in die Kulisse ein. Ich habe also gelesen, aus dem Fenster geschaut, geschlafen, Text gelernt (zwei Drittel der "Berufserschreibung"), gequatscht (gar nicht so viel), gelegentlich geschrieben (Blumenvierzeiler, diverse mögliche Textanfänge). Ich habe mich in Summe also verhalten wie daheim und in Oslo wird die Busheimstatt gegen ein Zimmer eingetauscht werden müssen und die Landschaft gegen Großstadt. Es soll mir recht sein. 

Goethe ist in Oslo in Grönland daheim. Wir wollen ihn nicht warten lassen. Er hat ohnehin schon graue Haare. Wir finden hinterher ein fast schon einschüchternd schönes Lokal. Wir essen, trinken, scherzen – am Nachbartisch wird gar gesungen "Tschingala-Tschingala-Tscha". Weil es danach natürlich noch immer hell ist, zieht es uns in einen Keller, aus dem höllische Klänge kommen. Jawohl, ein Heavy Metal Konzert in Oslo! Männer schütteln ihre Mähnen. Ich schütte Bier in mich. Schluck um Schluck und Song um Song wird wieder eine Art Gleichgewicht hergestellt. Da Goethe und Crow-Poetry – dort Mental Dispair, Wyruz und Harm.
Wenigstens in der Halbliterklasse sind wir hier. Der Eintritt kostet keine zwei Bier und ein vor mir sich Schüttelnder zeigt in den Pausen seinem Kollegen Fotos von seinem neuen Fahrrad-Kinderänhänger. Teuer ist hier ja wirklich vor allem das Trinken und Kaffee scheint nicht als Droge zu gelten. Denn doppelte Espressi kann man sich problemlos für 25 Kronen reinzischen, Bier hingegen erst ab 80. Bäckereien sind eine Oase für relativ billige Ernährung. Inder und Thai-Restaurants bieten auch leistbare Überlebensalternativen und wenn einem gefiele, was die Shops so anbieten, wäre auch das nicht ganz unleistbar.

Grönland in Oslo in Abendstimmung
Oslo jedenfalls ist überschaubar und weil das große Feiertagswochenende (Pfingsten mit anschließendem Nationalfeiertag) ansteht, bleibt eh nur ein potenzieller Shoppingtag. If you want to go shopping tomorrow – you cant't. Everything is closed.
Oslo ist also zu, wir arbeiten noch daran.

Der Himmel wird's schon richten

Crowd-Tag-7 (von Oppdal nach Lillehammer oder von Wolken, Käsehobeln und Schisprungschanzen)

In Lillehammer wird auch gestreikt, aber der Streik beschränkt sich auf die Frühstücksbuffetzeiten. Da steht man doch gern früh auf, um dann was von dem netten Städtchen zu sehen.
Denn Lillehammer ist mehr als Käsehobel und Winterspiele. Es gibt zwar kein Käsehobel-Denkmal, ich habe aber gelesen, dass hier dieses Luxus-Käse-Utensiel erfunden worden sein soll. Vielleicht ist der Käsehobel im Stadtwappen abgebildet. Ich werde das noch in Erfahrung bringen. Dieses Städtchen mutet sehr vertraut an.
Das hat auch mit der Schisprungschanze, der olympischen Feuertasse dort und dem Olympischen Dorf zu tun. An Wasser und Landschaft fehlt's natürlich auch nicht und irgendwie erinnert mich das alles an Innsbruck. 1994 fanden hier die olympischen Witerspiele statt. Da hatte ich grad anderes im Sinn, vorwiegend Unsinn, weil Studienbeginn und das erste Semester ging für Lokal- und Bierstudien voll und ganz drauf. Vermutlich lief im Hintergrund auch mal ein Rodelrennen oder einer dieser norwegischen Langlaufhelden, aber an diverse Sieger kann ich mich, ohne zu googeln, nicht erinnern. Aber wir haben endlich Zeit in Lillehammer. Es rentiert sich, den Rucksack auszupacken.
Wir kommen am Nachmittag an, haben bis zum Abend Freizeit und werden auch am nächsten Tag erst gegen Mittag aufbrechen müssen. Wir müssen uns fast ein wenig um- beziehungsweise neu einstellen: von Hektik auf Gemütlichkeit. Sehr gut. Gemütlichkeit kann ich.
Die Bibliothek Lillehammer ist keine 200 Meter vom Hotel entfernt, sie ist beeindruckend
und ein würdiger Rahmen. Die Schisprungschanze ist für einen geländegängigen Tiroler auch mühelos erreichbar und bietet natürlich einen unübertrefflichen Überblick. Ich betrete das Stadion, es werden Bauarbeiten vorgenommen, über die Stadionlautsprecher wird Radio gespielt.
Bruce Springsten
singt für mich "down to the river" und ich gehe up zur Feuertasse, knipse, schaue und staune. Ich bin sehr zufrieden. Der Himmel, die Wolkenformationen, die Mehrschichtigkeit derselben machen mich staunen. Ich bin bewegt, versöhnt, glücklich.

Verzweiflung schweißt zusammen

Crowd-Tag-6 (von Mo i Rana nach Trondheim und weiter nach Oppdal).

Bitte lass uns nicht über Trondheim reden.
Wir lesen im Coffee Annan. Witziger wird's nicht mehr. Wir kommen nach acht Stunden Fahrt eine Stunde zu spät an. Das Coffee Anan hat bereits geschlossen. Wir raus aus dem Bus und rauf auf die Bühne. Schöne Bühne, schön wäre auch die Stadt, wir sollten sie nicht sehen. Es streiken nämlich die Hotels in Trondheim (eigentlich in ganz Norwegen, aber in Trondheim erwischt es uns hart, wir müssen nach dem Auftritt knapp drei weitere Stunden in den Busknast, um in einem Wintersportressort namens Oppdal Unterkunft zu finden).
Das Coffee Anan schenkt leider keinen Alkohol aus. Die Lesungen? Schön, spröde, öde. Nein, das war ein Ö-Schmäh. 
Die serbische Österreicherin beginnt und macht aus ihrem Unwillen keinen Hehl. Ich scheiß mich nichts und akronyme chinesisch. Schweden lässt sich nichts anmerken. Belgien macht französisches Pathos mulitmedial und -lingual – das dauert natürlich. 
Im Kulturhaus Oppdal haben wir nicht gelesen, aber im nahegelegenen Hotel geschlafen
Unser Zypriot liest auf griechisch, es werden schwedische Übersetzungen gezeigt, wir sind in Norwegen, ein Viertel des Publikums muss aufs Klo. Danach emigriere ich geistig und wünschte, ich hätte den Alko-Laden-Einkaufstipp beherzigt. Ein Frydenlund hülfe auch. Aber nein. Unser tschechischer Schlussmann schenkt uns doppelt so viel Poesie wie vorgesehen ein. Danach findet er ein kaputtes Fahrrad und verstaut es glücklich im Bus. Wir steuern eine Tankstelle an und verbringen dort 45 Minuten – immerhin mit Blick auf Trondheim. Und als wir Tronheim endlich Richtung Oppdal verlassen, wird gemeinsam im Bus alles getrunken, was mehr als 40 Prozent Alkohol hat. Danke finnische Schwester und tschechischer Bruder.

Freitag, 27. Mai 2016

Eh schön, aber

Crowd-Tag-5 (von Tromsø nach Mo i Rana).

Man könnte zu den Lofoten abbiegen. Man kann Fagernes, Ramfjord, Laksvatn, Nordkjosbotn, Heia, Setermoen, Bjerkvik, Narvik, Ballangen, Skatberget sowie jede Menge Brücken, Berge, Meer sehen und dann erst einmal anstehen und auf die Fähre nach Bognes warten.
Die Überfahrt ist eine willkommene Abwechslung und bläst einen ordentlich durch. Man wird registrieren, dass man grad im Knut-Hamsun-Gebiet ist, man kann sich gegenseitig darüber in Kenntnis setzen, dass einem die Bedeutung von Hamsun klar ist, dass man aber nicht einmal "Hunger" gelesen hat. Man hat freilich Hunger, weil man ja seit Stunden im Bus sitzt und noch immer finnische Brötchen und Bananen ist, die zwar nach wie vor für tadellose Dichtung sorgen, aber schon längst mehr als auf die Nerven gehen. Man hat aber vorerst nicht Zeit, einen längeren Stopp einzulegen, da die Strecke gnadenlos lang und kurvenreich ist. Sie ist freilich auch unvergleichlich schön – zwei Stunden lang.
Üppig bewachsene Dächer, Berge spiegelnde Seen, Wasserfälle und Zeltlagerplatzromantik. Die Umgebung lässt mich viel an meine Kindheit und Ausflüge denken. Im glasklaren, eiskalten Bachwasser stehen und Dämme bauen. Steine suchen, die zum Pfitschen geeignet sind. Erdäpfel in Staniolpapier wickeln und ins Lagerfeuer legen, geplatze Frankfurterwürstel und Singlerafting mit dem Lkw-Schlauch vom Onkel Walter. Helgeland präsentiert sich als unendlicher Romantik-Camping-Platz. Wir können leider nur zum Pinkeln stehen bleiben. Die schönsten Plätze sehen wir so nicht. Aber wir haben ja Vorstellungskraft und Sitzfleisch.

Wir erreichen das Hotel mit Blick auf eine Baustelle nach 15 Stunden Fahrt gegen Mitternacht. Busfahrer Matti stehen nun gesetzlich mindestens 12 Stunden Pause zu. Für Mo i Rana hätten weniger gereicht, nicht so für Trondheim.

Selbst wenn da nichts mehr ist, ist da noch immer Landschaft


Saana macht ganz schön was her
Das ist schon Norwegen
Crowd-Tag-4 (von Enontekiö nach Tromsø)

In Enontekiö könnten wir das Nordlicht sehen. Wir könnten Naturabenteuer eingehen und die klarste Luft Europas einatmen. In Enontekiö können wir nach Schweden und Norwegen sehen, aber immer noch in Finnland sein. Wir könnten Eis- und Fliegenfischen, Schneeschuhwandern und Schneescootertouren, wir könnten in den Flüssen raften und in den Fjorden lieben (also theoretisch), wir könnten aber auch eine Schule besuchen und dort am Europatag 17jährigen einen 75minütigen Vortrag über Europäische Literatur halten. Das machen wir. Acht PoetInnen könnten die Einstellung der SchülerInnen Literatur gegenüber für ihr ganzes Leben prägen. Das versuchen wir gut zu machen. Die SchülerInnen kommen hier aus einem 60 Kilometer Einzugsgebiet. Es wird auf Suomi und Finnisch unterrichtet. Wir sprechen Englisch. Wir stellten uns also vor. Wir sprechen über Idole. Wir nehmen uns ernst (nicht alle, aber manche sich sehr). Danach bekommen wir ein Essen in der Kantine (gesund und warm – kein Burger! Fisch und Gemüse). Autogramme müssen wir nicht geben.

Erster Auftritt erledigt, erster Grenzübertritt steht bevor. Die letzte Gelegenheit billigen Alkohol zu erstehen. Es wird uns sehr geraten, den Alko-Laden aufzusuchen sowie sich mit Lebensmitteln einzudecken. Ich konzentriere mich auf dunkle, grobe finnische Brötchen und stopfende Bananen. Mein Darm hält dicht, die Blase auch. Ich sollte in der gesamten Reise nie um Notdurftpause bitten müssen. Danke Verdauung (du bist mein bester Freund). 

Tromsø war toll – Løgn! Das Versversprechen leicht gebrochen. Leicht ist die abgespeckte Variante von vielleicht, das lässt sich leicht sagen. In Tromsø könnten wir mit den Hurtigruten Richtung Skjervøy weiter in See stechen. Ich kann um 17 Uhr Derrick im Fernsehen sehen (im Original und aus den 1980er Jahren) und mache das auch – ein Flashback-Vergnügen. Man kann sich aber auch in einer ehemaligen Metzgerei einfinden, um dort Gedichte zwar nicht auf Fleischerhaken gehängt, aber ins Galgenmikro gehaucht, zu lauschen. Für harte Knochen gibt's Handouts mit norwegischer Übersetzung.
Danach könnten wir uns im Science Centre oder in der Bibliothek verlustieren oder aber einfach in ein Irish-Pub mit 20 Bieren und 40 Monitoren, auf denen Eishockey übertragen wird, verlieren. Wir könnten uns ob des Preises (99 Kronen, das sind mehr als 10 Euro) empören. Wir, also ich, ich kann aber einfach mit einem Finnischen Kollegen ein Bier nach dem anderen wegsaufen und eine Freude daran haben, dass ich noch nie um so viel Euro an einem Abend Bier getrunken habe. Dass es am Ende nicht einmal dunkel, ich selbst aber durchaus zufriedenstellend betrunken war, freut und ist zumindest zum Teil einzigartig. Wir könnten lamentieren, dass uns die fehlende Dunkelheit nicht einschlafen lässt, wir können aber auch einfach noch ein Bier nachgießen und dann glücklich besoffen ins Smart-Hotel-Bett sinken. Was wir taten? Ihr dürft raten.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Sauna mit Matti dem Ex-Trucky

Mit dem Busfahrer spricht nur das Navi. Er antwortet ihm nicht immer. Er fragte mich, ob ich Sauna mag. In der Sauna. Also nachdem wir schweigend in der Sauna saßen und dann draußen ausdampften. Ich antwortete. Das war's vorerst. Matti war bis vor kurzem Lkw-Fahrer, hat aber auf Busfahrer umgesattelt, weil er Gesellschaft suchte. Die Crowd-Leute sind seine ersten Fuhren. Matti sollte sich im Laufe der Woche immer mehr öffnen. Bier, Whiskey und Zigaretten sollten die Schlüssel dafür sein. Apropos Schlösser. Die schließen hier eher in die andere Richtung. Saana (1029 m) ist übrigens einer der höchsten Berge Finnlands.

Santa Claus und Rentierauflauf


Crowd-Tag-3 (von Rovaniemi nach Enontekiö)

Man könnte sich darüber wundern, dass mexikanische Restaurants hier so verbreitet sind, Espressobars hingegen nicht. Man könnte staunend zur Kenntnis nehmen, dass kaum ein Haus hier älter als 80-90 Jahre ist, eines davon aber das Korundi-Museum zeitgenössischer Kunst mit phantastischem Konzertsaal beherbergt. Man kann sich durch Rezitieren eines Gedichts immerhin einen Korundi-Kugelschreiber verdienen. Man kann nachfragen und sich an die Politik der verbrannten Erde erinnern. Ja, die Nazis haben Rovaniemi komplett abgefackelt.
Pappmasche heißt flaxpaperpulp heißt Pellavakuitupaperimassa. Die Keramiknippesparade und die psychodelische Begockelung im Frisörsalon Hahnenkamm gefällt. Angenehm wenig Plumpblödeleien und auf der Lapplandpizza sind Ananas. Meine heißt Dillinger und hat mehrere Fleischauflagen: von Bolognesesoße über Salami bis Rentierschnitzelchen. Im Hintergrund laufen Saxophonversionen von 80er Pophits mit Schnulzenfokus.
Die Dröhnung sorgt nach wie vor für angenehmes Gedämpft- aber Aufnahmefreudigsein. Nach dem Museum geh ich essen. Noch sind beide Gruppen zusammen, bald wird der Bus von Team 2 übernommen. Jetzt gilt es Busproviant zu besorgen. Aufgrund der jeweiligen Verhaltensweisen lässt sich schon sehr viel über Crowd-Team-2 mutmaßen.
Mutmaßen macht Spaß, bestätigt werden auch und widerlegen lass ich mich jederzeit gern. Widersagst du dem Vorschnellen Urteil? Ich widersage vorerst nicht. Widersagst du dem Nachmittagsbier? Ich widersage definitiv nicht. Widersagst du der Wiederholung. Ich widersage wiederholt nicht. Ich beziehe einen Sitzplatz in der Busmitte gegenüber von Schweden. Tschechien macht sich in der letzten Reihe breit. Dann Serbien/Österreich und Belgien und vor Schweden und Österreich, Frankreich/Deutschland, Zypern und der finnische Block (2 Führerinnen, 1 Poet, 1 Busfahrer). Keine Sorge, Namen werden folgen. Es folgt vorerst: Das Betreten des Polarkreises.

Ein aus dem Boden gestampftes Touristenressort: Santa Claus Postamt, Rentiertitsch, putzige Holzhütten und diverse Bodenmarkierungen. Da wurde nichts ausgelassen. Aber hei, ich will das jetzt gar nicht zu kritisch beäugen. Die Sonne scheint. Ich am Polarkreis. Santa Claus auch da. Die Vorabendimprägnierung hält noch an. Da kann man schon auch mal einfach unreflektiert glücklich sein. Jetzt ist es aber Zeit, Kilometer zu machen. Rein in den Bus und Landschaftsfilm ab.

Ich sitze im Crowd-Bus und lasse finnische Landschaft an mir vorüberziehen. Ich sehe: Bäume, Himmel, Wasser. Bäume im Wasser, Rentiere, rostbraune und senfgelbe Hütten. Bäume. Birken, Tannen, Fichten. Birken im Wasser, Tannen im Wasser, Holz vor den Hütten. Schneereste, Schmelzwasser, Flaggen im Wind. Weiß-blaue Flaggen. Flaggen ohne Bäume. Immerhin.

Fünf Stunden Fahrt zeigen Birkung. Doch dann – Zivilisation: eine Hütte, mehrere Hütten, eine Kirche, zwei Burger-Buden und unser Hotel in Enontekiö.