Mittwoch, 20. September 2017

Über Versprechen und Versagen


Als StaTTschreiber muss ich mein Augenmerk auf Wörter legen und im Idealfall etwas dafür oder dagegen zur Sprache bringen.

Zinsen sind nagende Ratenratten. Ich mag Wortneuschöpfungen wie Ratenratten. Wortgeburten fallen mir leicht. Schlimmer sind die Wortwehen. Das sind Wörter, die mir zuwehen, weil sie grad umgehen. In Vorwahlzeiten gehen viele Wörter und Slogans um. Es geht was um, oft ist es dumm.

Wenn eine Katze verrückt ist, hat sie nicht mehr alle Tatzen im Schrank. Wenn ein Land abrückt, muss es verkatert aufwachen. Österreich ist schon mal arg abgerückt und abgesoffen. Der Schaden war groß, der Lerneffekt klein. Zinsen mögen nagende Ratenratten sein, aber Erbschaftssteuer ist kein Ungeheuer.

Das wahre Ungeheuer sind die Phrasen. Phrasen haben Hochsaison: Holen Sie sich. Es ist Zeit. Das ist unfair. Nichts kommt von ungefähr. Somit wäre das schon mal klar. Das Ungefähre ist also eine Art Schwarzes Loch. Das Ungefähre ist gefährlich, saugt alles auf und nichts bleibt dabei übrig. Halbwissen ist Ungefähres. Halbwissen ist schon als Wort kaputt. Entweder man weiß etwas, oder man weiß es nicht.

Wie heißt du? MarKö.
Was bist du? Statt.
Wie gefällt es dir in Wels so? Su.
Das ist Halbwissen. Das führt nirgends hin. Halbwissen ist Ungefähres und führt ins Nichts. Populismus ist Ungefähres und führt ins Nichts. Populismus fühlt sich nicht der Wahrheit verpflichtet. Populismus will bloß gefallen. Es geht was um, oft ist es dumm.

Es geht nicht um Politik statt Poesie. Es geht nicht um Poesie statt Politik. Es geht beides. Es geht nicht um E statt U. Es geht nicht um U statt E. Es geht beides. Ja, es geht sogar noch mehr. Es geht Ernst, Unterhaltung, EU und Überraschung statt Vorhersehbarkeit.

Als StaTTschreiber muss ich Fragen stellen, statt Antworten parat haben. Für was kämpft man denn eigentlich? Für Freiheit von etwas oder Freiheit für etwas? Für was arbeitet man denn eigentlich? Für familiäre Fürsorge oder finanzielle Vorsorge?
Für wen müht man sich denn eigentlich so ab?
Für ein vielversprechendes Versagen oder ein vielsagendes Versprechen? Reicht Verstand, um in den Vorstand gewählt zu werden, oder ist der Umstand, nicht mit dem Vorstand verwandt zu sein, immer noch vorrangig? Ergo Verstand de facto zweitrangig? Ist ein Naheverhältnis nach wie vor das Um und Auf? Auf was kommt es an? Sind Vorsätze bloß Versatzstücke der persönlichen Grundsätze? Sind Lehrsätze auch bloß aufgemotzte Stehsätze? Sind Satzungen meist auch nur Leerzeilen? Ist das Wesentliche nicht meist zwischen den Zeilen? Oder sind etwa Um- und Absätze die einzig wahren Sätze?

Nochmal: Für was kämpft man denn eigentlich? Für Freiheit von etwas oder Freiheit für etwas? Und: Ob Einsatz nicht genügte?
Ein Satz ist nie genug und besser nachfragen, als nicht fragen. Es geht was um, ich bleib nicht stumm.
Und hören kann man mich demnächst in der Alten Hutfabrik und zwar am Donnerstag, den 28. September 2017 um 20Uhr30 bei der Abend-Bar von Treffpunkt Mensch & Arbeit.

Dienstag, 19. September 2017

Noch mehr 90er Jahre

Hab mir im Medienkulturhaus „Die beste aller Welten“ (Regie und Drehbuch Adrian Goiginger) angeschaut. Klar, berührend. Was soll man sonst dazu sagen? Schön? Geht nicht. Den Dämon gut dargestellt? Nein, darum geht’s ja nicht. Die Problematik gut dargestellt? Ja, schon. Die Droge, das Leben damit, die Paranoia, den Dreck, den Sumpf, die Spirale abwärts gut ins Bild gesetzt. Auch gut gezeigt, dass vieles, was die Erwachsenen da machen dem 7jährigen eh wurscht ist und dass das Abenteuerliche an der Süchtler Lebensstyle eh auch was hat für das Kind. Auf lange Sicht freilich kann's nicht gut gehen. Das kam rüber. Das Happy End auch. War das zu happy? Durch den Abspann vielleicht. Aber natürlich ein bewegendes Kinoerlebnis. Kein Feierabendkino. Schau ich zu viel Feierabendfilme? Eh nicht. Kunstfilm war das ja auch keiner. Ein superrealistischer Problemfilm. Werden da die filmischen Möglichkeiten zu wenig ausgenützt? Low Budget halt. Linear erzählt. Der Abenteurer und der Dämon als Motive und einziger filmischer Bruch. Die 18 Schilling Frankfurter Episode und die Festnetztelefonate waren wichtig für die zeitliche Verankerung. Ansonsten ließ sich der Schick der letzten 20 Jahre gut verbergen. Keine Autos, Sozialbauten, Amtsgebäude und zeitlose Schlabberkleidung. Die Musik heimisch, die Schauspieler_innen unbekannt.
Doch ganz schön viel richtig gemacht.
Fazit: Ein guter österreichischer Problemfilm (auch wenn ich das Wort an sich nicht mag, ich werde ein besseres suchen, versprochen!), eine mutige heimische Produktion. Ein Abenteurer-Gesellenstück. Jetzt ist Zeit für neuen Stoff.

Donnerstag, 14. September 2017

1987 1997 2017

Und nichts schöner als in der Vergangenheit versinken. Und nichts schöner als der Gegenwart zu entfliehen. Und nichts schöner als sich das leisten zu können. Gestern noch pflichtbewusster Kinobesuch: „Die Beste aller Welten“. Danach pflichtbewusste Schnapsverkostung. Heute liegt ein Stapel 1980er Jahre SPEX vor mir.


Wie da nicht versinken? Wie da nicht vollkommen euphorisch und weinerlich gleichzeitig werden. Ich zupfe eine 1987er Ausgabe raus. Ein erschreckend junger Michael Stipe am Cover (schaut da so aus, wie ich mir David Foster Wallace immer vorgestellt habe, bis ich den Film „The End of Tour“ sah). Storys über Henry Rollins, die Butthole Surfers, Michael Jackson und ein Text von – oh, ja – Rainald Goetz. „Kadaver“ in der Heftmitte. Ein Ur-Goetz mit „Vernichten Vernichten“ als Zitat vorangestellt. Könnte von Thomas Bernhard sein. Dann hebt er an mit „Plötzlich sah ich alles richtig.“ Oh Himmel. Oh Goetz. Oh Henry Rollins.

In der Liste „Best of nie dagewesen! Hasi!“ in „Peace and Fire. 25 Jahre Alter Schl8hof Wels“ reiht Stefan Haslinger Henry Rollins an vierter Stelle (gleich hinter Nirvana). Ich habe Henry Rollins live erlebt und zwar auf der Bühne im Rattenberger Schlossberg. Ja: Rattenberger Schlossberg! Das war gefühlt 1997. Ich trug dort auf Konzerten und Festivals gerne eine Stoffbadehaube, um meine arschlangen Haare zu bändigen. Die Badehaube des Henry Rollins Konzertes war schwarz mit roten und orangen Längsstreifen. Der Schlossberg bebte. Henry Rollins stampfte seinen „Liar“ fest in die Tiroler Erde. Ich übergab mich nicht. Erinner mich aber an eine Dixi-Klo-Episode, die ich hier nicht unbedingt preisgeben möchte. Interessant, was dann so hängen bleibt.


„Und sowenig wie ein Gartentischgespräch mit Henry Rollins ein Plausch ist, sowenig ist ein Konzert mit ihm eine das Herz-auf-die-Bühne-werfen-Show.“ lese ich im SPEX 10/1987 und bin zwischen 80er und 90er Jahre hin- und hergerissen. Was, wenn man nicht durch die Tiroler Dorfhölle gegangen wäre? Was, wen man damals schon Zugang zu Medien wie SPEX gehabt hätte. Was, wenn der Plattenladen „Bella“ im 12 Kilometer entfernten Imst Platten wie „The Uplift Mofo Party Plan“ oder „Freaks“ gehabt hätte? Immerhin hatte er „Poetic Champions Compose“ vom „scheuen, komplizierten Eigenartling“ Van Morrison. Aber PULP oder Red Hot Chilli Peppers 1987 (!!!) - no way. „Und was für Freunde hä
tte ich, bzw. würde ich einladen, wenn ich Parties gäbe, auf denen die Red Hot Chilli Peppers spielen?“ fragt sich der Rezensent und was wäre aus mir geworden, wenn ich Freunde gehabt hätten, die mir Platten wie diese damals schon in die Hände gespielt hätten, frage ich mich.

Mehr als nur überrascht bin ich, dass PULP 1987 schon ihr zweites Album veröffentlichten, das sie „Freaks“ betitelten und gerne lernte ich den Kritiker Sebastian Zabel kennen, der darüber schrieb: „Verheultes Pathos eben. Pulp, eine dem Fatalismus ergebene Band. Tendenz furchtbar, aber très charmant.“ Oh Himmel. Oh Pulp. Oh Schl8hof.

Damals sang George Michael „I want your Sex“, U2 „With or without you“, Whitney Housten „I wanna dance with somebody“ und Suzanne Vega „My name is Luka“, im Schl8hof gab's einen Vortrag von Johanna Dohnal, Wolf Biermann und viele andere spielten und ich muss gestehen, dass ich im Bella „You win again“ von den Bee Gees kaufte. So that happened.

„Ich fühle mich inzwischen selbstsicher genug, meine Texte klarer zu formulieren. Früher wollte ich sie regelrecht verstecken.“ sagt der REM-Frontman und ich denke mir: Mein Früher muss ich nicht verstecken und nicht vor mir hertragen. Klar, das Früher hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Wer weiß, vielleicht säße ich jetzt nicht hier im Schl8hof am StaTTschreiberschreibtisch, wenn ich 1997 nicht Henry Rollins live erlebt hätte. „So konstruierte ich hier neu, schrieb ich jetzt, den Anfang der Geschichte, jetzt, der Welt.“, schrieb Rainald Goetz, schreibe ich und Punkt.

Montag, 11. September 2017

Alle meine Hosen


Räder hängen. Es hängen Räder in Wels. Es hängen rot-grüne Räder an allen Ecken in Wels. Der Mobilitätstag naht. Das Volksfest naht. Der Tennis-Daviscup naht. Wels sieht rot-grün.
Ich will mehr von Wels sehen und werde mit einem Brillenputztuch belohnt. Das Brillenputzträgermedium – ein Informationsfaltblatt mit eingestanztem W als Brillenputztuchhalter – begrüßt mich mit „Servus in der Rennradregion Wels“.
Ich bin kein Renn- aber Radler. Ich bin Waffenradler. Ginge ich unvorsichtig mit Sprache um, ich sagte: Ich bin Waffenradler und mein Rad ist der Panzer unter den Waffenrädern.
Aber mit Panzern muss man sprachlich und praktisch vorsichtig umgehen.
Ich lese, dass morgen, am 12. September, das Panzerbataillon 14 des österreichischen Bundesheeres am Stadtplatz anlässlich des 100. Jahrestages der Isonzo-Schlacht eine Leistungsschau abhält und kann's nicht glauben.
Ich weiß, Vergleiche hinken immer, aber das wäre doch gleich zynisch, als hielte die Arm- und Beinprotheseninnung eine Verkaufsshow ab. Eine Panzer-Leistungsschau am 100. Jahrestag einer an Grauslichkeiten und Gräueltaten kaum zu überbietenden Schlachtenreihe. Geht's noch? Geht's noch unsensibler?

Aber zurück zu den hängenden Rädern und dem nahenden Mobilitätstag. Mich macht mein Waffenrad mobil. Mein Waffenrad ist eine Leihgabe der Bikerei. Mein Waffenrad flößt den anderen Verkehrsteilnehmerinnen Respekt ein. Mein Waffenrad ist ein Lastenrad mit Aufbewahrungskiste vorne drauf.
Mein Lastenrad ist der Sattelschlepper unter den Waffenrädern. Ich schleppe mich auf den Sattel und trete ordentlich in die Pedale. Mache ich das die nächsten drei Monate, sprengt meine Oberschenkelmuskulatur wohl alle meine Hosen.
Alle meine Hosen ist ein guter Titel. Ziemlich explosiv, dieser Beitrag.
Da braucht's ein paar besänftigende Bilder.
Der StaTTschreiber sieht rot-grün statt rot oder schwarz.

Montag, 4. September 2017

Tierische Parteianalogien

Da hat das gestrige Schimpfen aber geholfen. Heute Sonne. Da schaut doch gleich alles anders aus. Ach, wenn schimpfen doch immer hülfe. Dann hätten die Schimpfenden die Oberhand und das kann niemand wollen. Aber heute scheint alles gut. Wels im besten Licht.
Da wächst die gute Laune des StaTTschreibers schneller als Bambus. Da schlägt der StaTTschreiber Räder wie ein Indischer Pfau. Da verschlägt es den StaTTschreiber in den Tiergarten. Er lässt sich inmitten von Kinderscharen treiben und die Tiere verleiten ihn zum Schreiben. Denn die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen und in einem Tiergarten lassen sich schöne Analogien finden.

Die Spornschildkröte bewegt sich behäbig, sie ist aus der Zeit gefallen, aus einem anderen Jahrtausend. Die Schildkrötenbewegung (ja, bewusst Bewegung!) erinnert an die alte, große Koalition. Im gleichen Gehege befinden sich die Kattas. Sie bilden ein Kuschelknäuel, verschmelzen förmlich und stehen dafür, wie es einmal war. Die Konzepte Schildkröte und Kuschelkurs haben sich überholt.
Der Kranich (Grus grus) tönt wie eine Vuvuzela, das traut man dem grazilen Getier gar nicht zu. Der Kranich könnte für die Grüne Ulrike Lunacek stehen, Ingrid Felipe ist eher ein Säbelschnäbler. Der Zwergseidenaffe ist niedlich anzuschauen, klein, harmlos und erinnert sofort an den Neos Spitzenkandidaten Matthias Strolz.

Der Silberwangenhornvogel ist das Einhorn unter den Vögeln aber halt schwarz und schiach. Er hat blaue Kehllappen und einen aggressiven Habitus. Geierperlhühner hingegen sind zeitlos elegante Dandys und der Goldkopflöwenaffe hat – rein farbenmäßig – etwas von einem Dackel. Zurück zu Politik.
Die SPÖ Wels hat die Patenschaft für den Dunkelroten Ara übernommen. Das ist löblich. Der Schnabel des Ara ist spitz, das Auge wach. Die SPÖ Wels ist nicht Pate der Rotbauchtamarine – die schauen wohl zu traurig. Die FPÖ Wels ist nicht Pate der Blaubauchracke. Die Blaubauchracke lebt im gleichen Käfig wie der Hammerkopf. Der Lisztaffe ist schon vergeben.

Peter Pilz kann man sich gut als Jahrvogel vorstellen. Roland Düringer als exotisch-skurrilen Temmincktragopan. Und Kurz wäre wohl gerne der Purpurglanzstar.
Ein Ausflug in den Tiergarten ist schön. Wels blüht. Wels blaut.
Der StaTTschreiber schaut und schreibt.
Ab Donnerstag auch als Kolumne im Wels-Lokal-Teil der Oberösterreichischen Nachrichten.

Sonntag, 3. September 2017

Sonntagvormittagsblues

Für den Fall, dass man sich einmal zu gut fühlen sollte, ein Spaziergang an einem Sonntagvormittag in einer Kleinstadt nach Wahl schafft Abhilfe. Es gibt Gründe, warum man Sonntagvormittage am besten verschläft. Aber ein StaTTschreiber muss neugierig sein und an Sonntagvormittagen lernt man Städte auf ganz eigene Art und Weise kennen. Es gibt sicher eine Statistik über die Suizidhäufung an Sonntagvormittagen.
Mein dritter Welstag. Mein dritter Regentag. StaTTschreiber ist auch eine Außendiensttätigkeit. Ich beginne langsam zu schimmeln. Aber ich will die Stadt ja kennen lernen und Wels ist eine große Kleinstadt. Also: Regenmarsch. Ja, ein StaTTschreiberposten ist kein Sonntagsspaziergang.

An Sonntagvormittagen bei Regen in Kleinstädten lässt sich eine Zombieapokalypse sehr gut vorstellen. Ich fühle mich wie Cillian Murphy in 28 Days Later, wandle zwar nicht durch London aber durch Wels und bin auf der Suche nach Eindrücken, Einheimischen und einem Frühstück.

Da gibt es zwar ein Frühstücksbuffet aber nur bis 10Uhr30 und um 11 müsste ich gehen, weil Sonntag ist halber Ruhetag. Dort gibt es zwar ein Frühstück aber man müsste die Sonntagsmesse, die aus dem Radio katholt, erdulden. Ich beschließe, gar nicht so hungrig zu sein, kaue Gedanken und imaginiere mir ein fürsorgliches Gegenüber.

Wie fühlst du dich? Grabesgrau.
Wie fühlst du dich? Waschbetoniert.
Wie fühlst du dich? Murmeltierfett.
Wie fühlst du dich? Wie ein StaTTschreiber an einem regnerischen Sonntagvormittag in Wels.

Aber angeblich braucht es ja Leidensdruck, um schreiben zu können.
Diese Grundstimmung wäre geschaffen.
Ich stelle mir also vor, von Welszombies aufgelauert zu werden und begehe Schreibflucht.

Wels schlemmt

Meine Ernährungsgewohnheiten sind falsch oder zumindest nicht ortsüblich. Denn zum Kaffeetrinken geht man nicht auf den Welser Wochenmarkt. Das Kleine Café hat große Preise. Ein kleiner Schwarzer im Stehen 2 Euro 50. Der Most nebenan kostet nur 1,30.
Ob Gamper's Hendl in Bierteigkruste wirklich – "ob im Osten oder im Westen" – die Besten sind überprüfte ich nicht, ich setze mir die „Genuss-Krone“ auf und entscheide mich vorerst bloß für ein Mostweckerl (noch nie gegessen, gerne wieder). Jetzt sind meine Sinne einigermaßen geschärft und mir gehen die Augen über.


Der Welser Wochenmarkt hat einen Eintrag ins Guiness-Buch-der-Rekorde verdient, denn er ist definitiv der Ort auf Erden mit der höchsten Bratlfettdichte. Nähme man die gesamten Bestände aller Anbieter am Welser Wochenmarkt zusammen, es ließe sich locker eines der Schwimmbecken im Poolpark befüllen und ich bin mir sicher, dass viele Menschen sehr viel dafür geben würden, einmal im Leben in Bratlfett schwimmen zu können.

Das wäre mein Vorschlag fürs Welser Volksfest: Bratlfettkraulen. Bratlfettkraulen hat doch auch viel mehr Bezug zur Region und zur Bevölkerung als die angekündigte Attraktion Buspulling. Wobei, nichts gegen Buspulling. Die Siegerinnen und Sieger des Buspullings könnten mit einem Pool voll Bratlfett belohnt werden. Das wär doch was.

Ich mag Bratlfett. Ich mag auch Leberbunkln, Süßlupinienbällchen, Sprossenherzerl, Ochsen-Schlepp-Markknochen, Speckkrusteln. Ich mag die Grillkohle, die „Nero“ heißt. Ich mag das Angebot an sich hier. Abgesehen vom Kaffee alles spitze. „Der Geschmack heißt Mangalitza“. Die Leberkässemmel kostet einfach 2 Euro, da wird nicht herum gewogen. Die „Feuersteiner ist nichts für Würst'ln“, „Hilde's Hundekeksi“ sind nichts für mich.

Aber am Welser Wochenmarkt gibt es für alle was und der Andrang zum Glühbirnen-Restpostenabverkauf und zum Selbstschutz-Stand ist mäßig. Der Selbstschutz-Stand macht mit Pfeffersprays, Alarmsystemen, allerlei Gerät, das ich nicht zu benennen vermag und Sirenendemonstrationen auf sich aufmerksam, doch am Welser Wochenmarkt ist die Devise eindeutig: Selbstversorgung statt Selbstschutz.
Das Schild in der Markthalle bringt das am besten auf den Punkt: „OLLE SAND BRAV“

Samstag, 2. September 2017

Über Dächer und Aussichten

Bin jetzt exakt 24 Stunden in Wels und jetzt kann ich es ja zugeben. Ich habe die Nacht natürlich nicht shoppend verbracht. Support your local dealer, sagte ich mir und begab mich einen Stock tiefer, um zu trinken, statt zu shoppen. Sieben flotte Italiener spielten im Black Horse Inn. Die Band hieß Skassapunka, wie ich vorm Spiegel stehend vom T-Shirt, mit dem ich erwachte, erfahre. Skapunken statt Shoppen! Geschichtsgestaltungsfreiheit statt Realismusdiktat!
Womit auch gleich etwas Poetologisches über meine StaTTschreiberei geäußert wäre. Doch zurück zum Start, zur Frage aller Fragen: Wo kommst du her?

Vom „Happy Hair“. Also vom Haus daneben, dem Haus mit dem Horse. Ich hause im Horse Inn und erblicke erwachend einen mächtigen Kastanienbaum und der Pfeil an der Fassade dahinter weist mir den Weg. Es geht aufwärts. Wels weist Weg.

Ich nehme diesen Wink hin und an und setze die Umgebungserkundung fort. Es folgt das AMS, mit dieser Serviceeinrichtung möchte ich nie zu tun haben müssen. Interessanter mutet der Dienstleister gegenüber an. Ein Schild fragt mich: „Schlafprobleme?“ Ich kann noch nicht antworten, weil ich noch keinen Kaffee intus habe, lese aber gerne weiter: „Erdstrahlen und Elektrosmog Beratung / Ausmuten von Wohn- und Schlafplätzen und Baugründen“ Gut, dass ich keine Bau- und Schlafproblemgründe habe, denke ich mir, bleibe kurz am „Bargeld Sofort / Auto-Pfandhaus“ hängen, um dann völlig verblüfft im Poolpark anzukommen.

Noch nie wurde mir der Sinn von Schwimmbeckenabdeckungen plausibler vor Augen geführt als hier, in der Ecke Salzburger- und Dr. Koss-Straße. Der Verkehr rauscht, der Regen tröpfelt – äußere Einflüsse en masse. Klar, da will der Pool schön zugedeckt werden. Mein Mund steht offen, mein inneres Bambi verdreht die Augen, ich verharre, vergesse meine Umwelt und gehe vollkommen im Kosmos der Schwimmbecken- und Whirlpool-Schiebeüberdachung auf.

Huch, ich habe zu lange gestarrt. Jetzt kommt der Poolabdecker (ein alles andere als toter Beruf) auf mich zu, betrachtet mich als potenziellen Kunden (meine Tarnung scheint also zu funktionieren), spricht mich ungemein freundlich und einnehmend an, versorgt mich mit der Hochglanz-Fach-Dach-Broschüre und nur kurz bevor ich den Kaufvertrag für die mittelhohe Variante „Universe“ – die von Produktingenieuren so konzipiert wurde, dass sie das Beste von den niedrigen und den hohen Überdachungen in einer Ausführung zusammenbringt – unterschreibe, erwache ich, realisiere, dass ich StaTT- nicht Unterschreiber, Schwimmer, nicht Poolbesitzer und immer noch unzurechnungsfähig, weil kaffeelos bin. Meine Nase führt mich folglich zum „Welser Wochenmarkt“, der ein Kapitel für sich sein soll.

Freitag, 1. September 2017

Die Vermessung der Stadt Wels

Ich komme in Wels an und der Sommer ist vorbei.
Ich weiß, dafür kann weder Wels noch ich was, ich weiß auch, dass man Wetter nicht persönlich nehmen soll, dennoch: Wels herbstet.

Aber der Herbst hat ja auch seine guten Seiten. Zum Beispiel "Lange Nächte". Es gibt mittlerweile mindestens so viele Lange Nächte wie Welttage für irgendwas (morgen ist übrigens Internationaler Tag des Bartes und in Wien Lange Nacht des Kabaretts - ob da ein Zusammenhang besteht?) und diverse lange Einkaufsnächte sind natürlich immer ein Renner.
Ich komme also in Wels an und Wels begrüßt mit mich einer Shoppingnacht.
Zwar mit keiner langen Shoppingnacht aber immerhin mit einer kurzen Langen Nacht. Wels kürzt.

Ich nehme diese Begrüßung persönlich und ernst und erkläre mich solidarisch, denn ich muss mich einrichten. Wels shoppt.
Der StaTTschreiber shoppt und schreibt drüber. Das nenn ich Effizienz. Der StaTTschreiber effizienzt. Aber er packte mangelhaft.
Ich komme in Wels an und stehe im Regen.
Ich werde zwar abgeholt und gleich gut versorgt (Forellenstrudel - Wels strudelt.), dennoch:
Wels regnet.

Und wer macht den Regen? Richtig, der Regent. Und wer regiert Wels? Richtig, die Messe. Nein, nicht die katholische Messe, die kommerzielle Messe - die Herbstmesse. Womit wir wieder beim Herbst angelangt wären. Wels herbstmesst.
Und ich übe mich im vermessen der Stadt Wels, statt mich vermessen zu verhalten. Alles zu seiner Zeit. Meine Zeit sind die nächsten drei Monate und mein großer Tag der Antrittslesung ist Sonntag, der 10. September 2017. Da gibt es Suppe vom Hotel Hauser, Sekt von der Kulturinitiative pro.viele und gepfefferte Sätze vom StaTTschreiber (Suppe, Sekt & Sätze statt Priester, Predigt, Pallawatsch zu schreiben, das beispielsweise wäre eindeutig vermessen, wenngleich doch verlockend und knackig). Aber zurück zum ersten Tag, zur Shoppingnight und meinem mangelhaften Packen.

Ich komme in Wels an und sehne mich nach Gummistiefeln.
Es werden dann aber doch Birkenstock-Patschen (Modell "Papillio), um mich in meiner Unterkunft - die sich überhalb des Pubs "The Black Horse Inn" befindet - freier respektive Schuh- und Socken-los bewegen zu können. Wels ermöglicht. Der StaTTschreiber schlapft und ist fürs erste angekommen.

Mittwoch, 10. Mai 2017

Will slam for Apfelkuchen


Die Direktorin der Österreich Bibliothek ist nervös. Das Wetter beunruhigt sie. Es hat geregnet, da könnten die Studierenden zuhause bleiben. Es ist kurz vor offiziellem Beginn. Noch wäre es eher kein Publikum. Aber: Die von mir vorgestern als Instituts-Vorständin vermutete hat wieder Apfelkuchen gebacken. Heute wird sie mir zwei Stücke reservieren. Na wenn das keine Vorschusslorbeeren sind.
Auch der Lehrende mit der tiefen Stimme und dem stets passenden Zitat ist bereits da und wünscht mir viel Glück und Erfolg und verwickelt mich in ein Gespräch über Schoko Schachner, Bruno Pezzey, Hans Krankl und Herbert Prohaska. Ja, da kann ich tatsächlich noch mitreden.
Der Aufzug pingt und bringt uns den Botschafter in Begleitung seiner Assistentin. Ich schüttle Hände und Antworten aus den Ärmeln. Ich sage: MC. Der Botschafter sagt: Musikkasette. Ich sage: Papa Slam. Der Botschafter sagt: Das erinnert mich an die Barbapapas. Ich sage: Schlümpfe! Papa Schlumpf. Der Botschafter fragt: Was machen Sie da eigentlich? Ich sag: Das werden Sie bald erleben. Der Botschafter sagt: Nein, ich warte nur, bis sie beginnen, dann mach ich ein Foto und bin weg. Ich sag: Na dann schönen Abend noch.
Inzwischen ist die Hälfte der Gruppe aus Jerewan eingetroffen. Jerewan-Lektor Moritz übernimmt die Smalltalk-Front. Ich bin durch. Der Aufzug pingt jetzt immer öfter. Der Raum füllt sich gut, das fühlt sich immer besser an, wir fangen bald an. Die Direktorin begrüßt und dankt allen, dem Wetter nicht. Ich übernehme und los geht’s.
Der Nestor der Georgischen Germanistik kommt natürlich erst, wenn alle da sind und hat seinen Auftritt. Er könnte 100 sein. Er ist greisengestaucht, altherrenelegant gekleidet, trägt Stock und hat einen Freund im Schlepptau. Der emeritierte Professor nimmt natürlich in der ersten Reihe Platz. Er lässt sich nicht davon stören, dass ich schon begonnen habe, er begrüßt, wird begrüßt. Ich lass mich auch nicht davon stören, begrüße ihn ebenfalls. Neustart (Fortsetzung folgt).